FYI.

This story is over 5 years old.

Features

Rewatch: MTV Masters über HipHop Deutschland 05/06

Damals war deutschsprachiger HipHop erfolgreich wie nie zuvor. Es kam der tiefe Fall, bis eine neue Generation nie erreichte Höhen erklomm. Doch was ist aus den alten Helden geworden?
8.9.14

Foto: Screenshot „Was jetzt los“

Als pubertierender Jugendlicher waren die MTV Masters das verdreckte Fenster zum Backstage dieser faszinierend bescheuerten Musikwelt. Damals hast du jede Information gierig aufgesogen, warst fasziniert von den schillernden Gestalten und hast dafür sogar geduldig die Werbeblöcke voller Jamba-Klingeltöne, todsicher funktionierender Nacktscanner und hunderprozentig zutreffender Liebesorakel überstanden. Dabei waren die Masters kaum mehr als hektische Zusammenschnitte wahlloser Interview-Statements und Musikvideoclips. In Zeiten, in denen du den ganzen Tag mit Interviews und Videos auf YouTube verschwenden kannst, dienen die alten Folgen jedoch der wohlig-warmen, nostalgischen Versumpfung. Umso schöner, dass im Juli das Masters über deutschen HipHop von 2005/2006 auf YouTube kurzzeitig verfügbar war. Schließlich stand Deutschrap damals am Zenit. Jeder noch so alberne Fake-Gangsta wurde gesignt, um ein Happen vom üppigen Rap-Buffet abzugreifen, das die Berliner Szene nach dem Ende des Wortspiel-HipHops aus Hamburg und Stuttgart aufgebaut hatte.

Anzeige

Für MTV wird HipHop 2006 vor allem von prolligen Gangsta-Rappern bestimmt, die sich beefen. Der funkige Spaßrap Marke Fanta Vier oder Fettes Brot wurde Anfang der Nullerjahre von den G’s in XXXL-Jacken von den Straßen vertrieben. Jetzt prügelt Azad auf Sido ein, Eko wird von Kool Savas begraben, Fler und Bushido kabbeln sich. Aus Freunden wurden Feinde und wir machten uns das Popcorn in der Mikrowelle warm. Ja, wir wurden schon damals sehr gut von der Gossip-Seite des Rap unterhalten. Es wurde bis zur Absurdität rumgedisst und erreichte seinen Höhepunkt in Form von Shok Muzik. Kannst du dich noch an das Label aus Berlin-Wedding erinnern, dass den Aggro-Jungs medienwirksam den Krieg erklärte, weil diese nicht Straße genug waren?

Vielleicht hattest du es längst verdrängt, aber mit dem Video zur Single „Was jetzt los?“ (vertrieben und promotet vom realen Straßenlabel Warner Music) wollte D-Irie aka Irie-D Sido und Co. fertigmachen. Hat bekanntlich nicht ganz so gut geklappt. Bis 2008 disste D-Irie-D so ziemlich jeden Rapper, bis er es wohl selbst nicht mehr hören konnte, er aufhörte, den Pop-Schutz seines Mikros zu bespucken und im gierigen Sumpf der Beudeutungslosigkeit versank. Aggro ist als Label inzwischen tatsächlich Geschichte, der YouTube-Channel Aggro.TV freut sich hingegen über eine Million Abonnenten. Sido geht es blendend, Fler veröffentlicht unbeeindruckt unbeeindruckende Alben und Bass Sultan Hengzt feierte dieses Jahr sein recht gelungenes Comeback.

Um den damaligen Stand und die jüngsten Entwicklungen des deutschen HipHops nachzuvollziehen, werden natürlich Musiker wie Jan Delay, Kool Savas, Sido und Bushido befragt. Also Leute, die sogar acht Jahre später noch das ein oder andere Wörtchen im deutschsprachigen Musikbusiness mitzureden haben. Obwohl sich Bushido heute wohl kaum noch als harmlosen Teeniestar sehen wollen würde, den er mal so stolz verkörperte und Jan Delay sich glücklicherweise komplett vom HipHop entfernt hat. Doch auch Samy Deluxe, Azad, Fler, D-Flame, Moses Pelham, Dendemann und Massive Töne melden sich zu Wort. Ob sie das bei einer 2014er Version auch dürften? Samy Deluxe und Azad sind heutzutage zwar nicht aus deiner Deutschrap-Bibliothek wegzudenken, doch haben ihre Stimmen mit den Jahren bedeutend an Schwere verloren. Fler war damals noch festes Mitglied der Aggro-Familie und stilisierte sich erfolgreich als Fahnenträger der Neuen Deutschen Welle, steht heute aber ziemlich alleine da und macht mehr von Beefs, als von relevanten Releases von sich reden. D-Flame kämpft lieber für die Legalisierung von Cannabis, Moses P. macht Musik für wen-auch-immer, Dendemann spielt noch immer Songs von 2010 und Schowi von Massive Töne legt als DJ auf, während sein ehemaliger Mitstreiter Mister Santos für Mercedes Benz einen grausamen WM-Song schreibt.

In der Rückbetrachtung sind die getätigten Aussagen teilweise fast so ironisch amüsant wie der Interview-Clip mit Bushido und Fler, in welchen Bushido Kay One als den besten deutschen Rapper bezeichnet. Denn Komödie ist ja bekanntlich Tragödie plus Zeit, was Samy Deluxe gekonnt unterstreicht: „Jetzt sind alle Türen eigentlich eingetreten. Ich wüsste nicht, was jetzt noch kommen könnte.“ Wer kann es ihm schon verübeln, schließlich galten damals Jan Delays souliger Ansatz und Remmidemmi-Deichkind als neue Impulsgeber. Keiner konnte mit Marteria, Casper, Cro, Haftbefehl oder Kollegah rechnen, die immer weitere Türen zum beherzten Eintreten fanden und die Szene für weitere Musikstile öffneten, neue Elemente hinzufügten und letzendlich den Hype, den Rap heute unbestreitbar hat, begründeten: „XOXO hat euch Wichsern allen den Arsch gerettet“ (Kollegah feat. Casper - „Karate“).

Am Ende wird noch schnell das Thema der Frauen im Rap angeschnitten. Traurige Bilanz: Es gibt sie fast nicht. Einzige Ausnahme ist die zu dieser Zeit sehr erfolgreiche Producerin Melbeatz, die „Queen of Beats“. Sie produzierte fließig Tracks für ihren damaligen Lebensgefährten, natürlich keinen Geringeren als den „King of Rap“ Kool Savas. Die Vorstellung, wie heute so ein royales Traumpaar auf den Klatschseiten vergewaltigt werden würde, lässt es jeder Boulevard-Redakteurin warm am Bein runterlaufen. Inzwischen ist es auch um Melbeatz sehr ruhig geworden (mal abgesehen von der ganzen Backpfeifen-Geschichte, die aus musikalischer Sicht aber wohl kaum relevant ist). Für Gender-Spezialisten Samy Deluxe machte dieses Frauen-Ding ja eh gar keinen Sinn. Wenn eine Rapperin auf harten Mann macht, ist das albern. Soll sie es doch lieber wie 50 Cent machen und nackte Haut zeigen. Sofern sie denn die genetischen Veranlagungen mitbringt und gut aussieht. Die heutige Raplandschaft ist da sicherlich wesentlich aufgeklärter, offener und experimentierfreudiger, doch wird sie immer noch vornehmlich von Männern bevölkert. Vielleicht könnte der Erfolg von Schwester Ewa einen neuen Trend lostreten und für eine ausgeglichenere Quote sorgen. Wird aber eh nicht passieren. Vielleicht sieht es ja in acht Jahren anders aus.

In einer Sache sind sich im Jahre 2005 alle einig: Der einflussreichste Rapper Deutschlands ist Kool Savas. Wäre interessant zu sehen, ob das Rap-Deutschland 2014 auch so sehen würden.

Anzeige

**

Folgt Noisey bei Twitter und Facebook.


MEHR VON NOISEY

Kool Savas ist zurück!

Und wir meinen Back in the Game! Mit Facebook, Twitter, Instagram und einem neuen Video!

Der unaufhaltsame Aufstieg des Karate Andi

Andi hat diese Woche erst das Splash zerstört und dann bei Selfmade unterschrieben. Zwei von einer Menge Gründen, warum er der neue Shit sein wird.

„Keiner von denen hat die Eier, uns Props zu geben“—Kollegah im Interview

Vom Verticker gefälschter Luis-Vuitton-Taschen bis zum vielleicht größten Rapstar des Internets. Kollegah ist an Deutschraps Spitze angekommen. Das muss geklärt werden.