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So fühlt es sich an, mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu daten

Für die Menschen, die an BPS leiden, können das für eine Beziehung nötige Vertrauen und die Geduld zu einem komplizierten Problem werden.

von Sophie Saint Thomas
08 September 2015, 4:00am

Ausschnitt aus dem Film „Silver Linings"

Die meisten Menschen kommen durch Hollywood zum ersten Mal mit dem Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) in Berührung: Glenn Close wird diese Diagnose in Eine verhängnisvolle Affäre gestellt, Winona Ryder leidet in Durchgeknallt daran und Jennifer Lawrence könnte möglicherweise in Silver Linings davon betroffen sein (die genaue Krankheit ihrer Figur wird nicht genannt). Das größtenteils nicht zutreffende BPS-Klischee, das auch durch die filmische Darstellung der Krankheit entstanden ist, zeigt so eine verrückte, manische und unbändige Frau.

Um mehr über BPS zu erfahren, habe ich mich mit drei Menschen unterhalten, die sich mit der Krankheit auskennen: Dr. Barbara Greenberg, die Menschen mit BPS behandelt, der 32 Jahre alte Thomas*, der mit einer an BPS leidenden Frau zusammen ist, und die 29-jährige Karla*, der vor Kurzem BPS diagnostiziert wurde.

VICE: Was genau ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?
Dr. Barbara Greenberg: Dabei handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die sich vor allem in extrem intensiven Stimmungen, Instabilität bei zwischenmenschlichen Beziehungen und einem Schwarz-Weiß-Bild der Welt manifestiert. Die Dinge sind entweder alle richtig gut oder alle richtig schlecht. An BPS leidende Menschen fühlen sich leer und versuchen ständig, gegen das anzukämpfen, was sie als Ablehnung und Verlassen empfinden. Deswegen bilden sie sich diese beiden Dinge oftmals auch nur ein. Sie haben eine solche Angst davor, alleine zu sein oder verlassen zu werden, dass sie auch dort Probleme wittern, wo eigentlich gar keine sind. So brauchen sie auch ständig Sicherheit. Meiner Meinung nach ist das eine der schlimmsten Persönlichkeitsstörungen, die man haben kann. Außerdem leiden auch viele Männer an BPS—trotzdem wird mehr Frauen dieser Stempel aufgedrückt. Das ist mir schon immer sauer aufgestoßen.

Ist es denn wirklich so, dass mehr Frauen an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden? Oder ist das nur ein Stereotyp, das dazu führt, dass mehr Frauen aufgrund ihrer emotionalen Verhaltensweisen als krank angesehen werden?
Sowohl als auch. Ich glaube schon, dass vermehrt Frauen diese Diagnose gestellt bekommen, weil sie traurig, depressiv und besorgt werden, wenn sie wütend sind. Wenn Männer intensive Gefühle haben, dann lassen sie das Ganze raus—sie schreien, schlagen gegen eine Wand, trinken oder rauchen. Frauen sind viel besser darin, sich selbst zu „foltern".

Wie wirkt sich die Angst vorm Verlassenwerden dann auf die Liebesbeziehungen aus?
Wenn diese Menschen eine Beziehung eingehen, dann stürzen sie sich da viel zu schnell Hals über Kopf hinein. Männer und Frauen—und dabei spielt die sexuelle Ausrichtung keine Rolle—neigen dazu, Menschen mit BPS am Anfang noch richtig gut zu finden, denn die sind ja sehr bemüht und leidenschaftlich. Alles, was sie machen, ist komplett auf den Partner ausgerichtet—und wem gefällt so etwas in einer Beziehung denn nicht? Ein paar Wochen später kommen dann aber Sachen wie Nachrichten nach dem Motto „Warum hast du mich nicht sofort zurückgerufen? Bist du mit einer Anderen unterwegs?". Leute mit BPS werden sehr schnell anhänglich und stecken ihre ganze Energie in die Beziehung—so werden sie aber auch schnell enttäuscht. Sie entwicklen starke Gefühle für ihren Partner und sind dann richtig verletzt, wenn der auch nur die kleinste Sache macht, von der sie enttäuscht sind. Alles ist total leidenschaftlich. Das bedeutet aber auch, dass es von total glücklich ganz schnell zu total enttäuscht und wütend gehen kann.

Und wie sind Menschen ohne BPS von diesem Verhalten betroffen?
Die kommen damit gar nicht klar, weil sie ja meistens nicht darauf eingestellt sind. Wahrscheinlich wissen sie nicht mal, dass es so etwas überhaupt gibt. Letztendlich werden an BPS leidende Personen von ihren Partnern verlassen, weil sie einfach zu extreme Gefühle und Stimmungen an den Tag legen. Für die besagten Partner ist es zudem nicht leicht, sich noch auf andere Dinge zu konzentrieren, wenn ihnen die Beziehung so viel abverlangt.

„Alles ist total leidenschaftlich. Das bedeutet aber auch, dass es von total glücklich ganz schnell zu total enttäuscht und wütend gehen kann." – Dr. Barbara Greenberg

Kann man BPD behandeln?
Absolut. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten und normalerweise sind es Frauen, die sich in Therapie begeben, weil ihre Beziehungsprobleme zu Depressionen oder vielleicht sogar zu selbstverletzendem Verhalten führen. Die dialektisch-behaviorale Therapie hat bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen eine vielversprechende Erfolgsrate, denn dabei werden den Patienten Fähigkeiten antrainiert, dank derer sie ihre Emotionen in den Griff bekommen. Menschen mit BPS haben irgendwie den Drang, jedes Gefühl durch eine passende Handlung auszudrücken. Wenn Menschen ohne BPS zum Beispiel wütend sind, dann zeigen sie das vielleicht nicht nach außen. Wir schlucken das Ganze quasi runter. Mit BPS ist es anfangs jedoch nicht möglich, unbehagliche Gefühle zu verbergen. Da muss gehandelt werden. Diesen Drang lernt man während der Therapie zu unterdrücken. Den Patienten wird beigebracht, mit einer solchen Situation umzugehen und negative Emotionen nicht immer direkt zum Ausdruck zu bringen. Das Ganze hat etwas von einer buddhistischen, Zen-artigen Behandlung. Außerdem wird ihnen gezeigt, wie man den „Mittelweg" beschreitet—also eine Person nicht nur als gut oder nur als schlecht ansieht. Jeder Mensch hat viele Eigenschaften—sowohl positive als auch negative.

Welche Ratschläge würdest du jemandem geben, der mit einer an BPS leidenden Person zusammen ist und das Ganze nicht eskalieren lassen will?
Wenn die Beziehung funktionieren soll, dann muss man wissen, worauf man sich einlässt, und seinem Gegenüber Sicherheit geben: „Ich verlasse dich nicht, bei mir kannst du dich sicher fühlen." Alternativ kann man auch eine Therapie vorschlagen, bevor man eine Beziehung eingeht. Falls es einem dann aber doch zu viel wird, sollte man das Ganze lieber heute als morgen beenden.

Also gibt es deiner Meinung nach Hoffnung für BPS-Erkrankte, nach einer Therapie eine erfolgreiche Beziehung zu führen?
Auf jeden Fall, davon gehe ich ganz fest aus. Ich habe schon so viele Patienten gehabt, denen es danach viel besser ging. Ich mag es, mit diesen Leuten zu arbeiten. Ihre Emotionen sind nicht unterdrückt und sie kennen es gar nicht anders, sich auch dementsprechend zu verhalten. Wenn man ihnen dann einen einfacheren Weg des Seins und Handelns aufzeigt, dann erkennen sie, wie viel einfacher ihr Leben sein kann. Es gibt definitiv Hoffnung.

VICE: Wann hat dir deine Freundin von ihrer BPS-Diagnose erzählt?
Thomas: Meine Freundin hat die offizielle medizinische BPS-Diagnose erst erhalten, als wir schon ein paar Monate zusammen waren. Die Umstände dieser Diagnose waren wirklich unschön—genauso wie einige Zwischenfälle in den Monaten davor. Diese Zwischenfälle haben rückblickend aber erst zu der Diagnose geführt.

Gab es vor der Diagnose irgendwelche Verhaltensmuster, die bei dir Fragen aufkommen ließen?
Vor der BPS-Diagnose wusste ich schon, dass meine Freundin an einer Art Depression in Verbindung mit einer Sozialphobie leidet. Meiner Meinung nach ist davon auch heute noch etwas zu merken. Sie ist in einem unbeständigen, negativen Familienumfeld aufgewachsen, in dem sie auch sehr schlecht behandelt wurde. Ich habe das Ganze selbst noch kurz miterlebt und ganz ehrlich: Wenn meine Freundin da ohne irgendeinen psychischen Schaden herausgekommen wäre, dann hätte das schon an ein Wunder gegrenzt. Vor ihrer Diagnose habe ich viele ihrer Stimmungsschwankungen nur schwer deuten können—heute weiß ich, dass das ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung zuzuschreiben ist. Ich dachte immer, dass das irgendwie an mir liegen würde, dass sie sich in meiner Nähe unwohl fühlt. Vor meiner Freundin hatte ich keine Ahnung, dass es so etwas wie BPS überhaupt gibt.

„Für mich geht es bei dieser Krankheit vor allem um Schmerz und Angst sowie den Kampf mit diesen beiden Dingen." – Thomas

Wie hast du dich dann zum Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung informiert?
Seitdem es bei meiner Freundin diagnostiziert wurde, habe ich viel Recherche betrieben—hauptsächlich mit dem Ziel, sie besser verstehen und schützen zu können. Geholfen haben mir dabei das Internet sowie verschiedene Artikel.

Was sind die größten Irrglauben im Bezug auf BPS?
Meiner Meinung nach wird BPS komplett missverstanden (falls die Leute überhaupt schon mal davon gehört haben). Die daran erkrankten Menschen werden vor allem als „verrückt" angesehen. Auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen wird es wohl mit Dingen wie einer antisozialen Persönlichkeitsstörung oder sogar Soziopathie verglichen, obwohl man das eigentlich gar nicht wirklich nebeneinander stellen kann. Bei BPS gibt es zwar viele Nuancen, Komplexitäten und Zeichen, die man erkennen muss, aber für mich geht es bei dieser Krankheit vor allem um Schmerz und Angst sowie den Kampf mit diesen beiden Dingen. Ich sehe das Ganze fast als eine Art verwundetes Tier an. Im Allgemeinen denkt man aber immer, dass diese Leute verrückt sind—und dieser Irrglaube ist doch sehr verletzend. Sie sind nicht verrückt, sie leiden.

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VICE: Wie reagieren deine Beziehungspartner, wenn du ihnen von deiner Borderline-Persönlichkeitsstörung erzählst?
Karla: Wenn es um Liebesbeziehungen geht, dann bin ich extrem wählerisch. Normalerweise habe ich nur hier und da mal eine Affäre und da sehe ich es nicht als nötig an, über meinen mentalen Zustand zu reden. Mit einem Typen hat sich jedoch mal etwas Ernsteres entwickelt. Während dieser Jahre litt ich zuerst unwissentlich und dann wissentlich an BPS. Wir führten gut vier Jahre lang eine lockere Beziehung. Er wusste von meinen Angstzuständen und Depressionen, die 2013 und 2014 diagnostiziert wurden. Als ich meinem Ex-Freund dann von der Borderline-Persönlichkeitsstörung erzählte, hatte er keine Ahnung, was das bedeutet, wie es sich anfühlt oder wie man mit jemandem zusammenlebt, der daran leidet. Er hat sich dann stundenlang über Borderline informiert. Aber schon ein oder zwei Jahre zuvor hatte er Nachforschungen zum Thema Angststörung angestellt, um das Ganze besser verstehen zu können. Es hat mich richtig beeindruckt, dass er nicht vor Furcht davongelaufen ist. Stattdessen hat das Ganze die nicht so schönen Aspekte unserer Beziehung in ein ganz neues Licht gerückt. Er verstand, wie schwer das alles sein muss, und versicherte mir mehrfach, dass er mich in jeder erdenklichen Art und Weise unterstützen würde—so lange ich selbst offen und ehrlich bin. Und das war ich auch immer, vielleicht sogar ein bisschen zu viel.

Wie wirken sich die Symptome deiner Erkrankung auf deine zwischenmenschlichen Beziehungen aus?
Meine BPS-Symptome haben quasi ständig einen Einfluss auf meine Beziehungen zu meiner Familie, meinen Freunden und meinen Liebhabern. Dabei ist es unmöglich, alle verschiedenen Auswirkungen zu erklären. Deswegen gebe ich dir jetzt einfach mal ein Beispiel: Wir haben uns bei meiner Freundin getroffen, bevor es in unsere Lieblingskneipe ging. Bei diesem Vorglühen waren wir vielleicht vier Mädels und sechs Jungs. Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand heimlich fertigmachen will, dann werde ich total defensiv, übermäßig emotional, launenhaft und dramatisch. Vielleicht konfrontiere ich denjenigen oder diejenige dann auch direkt. In Wirklichkeit ist dieser Person aber gar nicht bewusst, was sie da gesagt hat. In diesem Fall habe ich entsprechend meiner Symptome agiert. Letztendlich war mir die ganze Sache dann doch eher peinlich. Ich bezweifle, dass meine Freundin wusste, was da überhaupt vor sich ging. Wenn irgendeine kleine Sache passiert, dann ordnen einige Menschen mit BPS ihr Umfeld gleich in die Kategorien „gute" und „schlechte Freunde" ein—Stichwort Schwarz-Weiß-Denken. Das habe ich in der Vergangenheit leider auch öfters getan.

Bist du gerade in Behandlung? Hilft dir das bei deinen Beziehungen?
Ja, ich befinde mich derzeit in dialektisch-behavioraler Therapie. Was meine Beziehungen angeht: Da habe ich auf jeden Fall schon Fortschritte gemacht, aber ich kann es auch kaum erwarten, noch mehr neue Dinge zu sehen und zu fühlen.

Falls du die Vermutung hast, dass du oder eine dir nahestehende Person an BPS leidet, dann kannst du dich hier ausführlich über die Krankheit sowie die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten informieren.

*Namen wurden geändert