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TikTok: Wir haben Videos von Polizeigewalt hochgeladen, dann wurden sie gelöscht

Polizeigewalt sichtbar machen, das ist eine wichtige Aufgabe von Aktivistinnen und Journalisten. Unser Test zeigt: Auf TikTok ist das offenbar nicht erwünscht.

von Sebastian Meineck
18 Dezember 2019, 4:30am

Bild: imago images / UPI Photo | Bearbeitung: VICE

Gibt es Zensur auf TikTok, oder gibt es keine? Der Social-Media-Konzern aus China verneint das beharrlich, seit netzpolitik.org über interne Dokumente berichtet hat. Der Vorwurf damals: TikTok entferne unliebsame Beiträge oder drossle sie in der Reichweite, etwa wenn sie Proteste in Hongkong zeigen.

Zumindest hat TikTok mittlerweile zugegeben, "in der Vergangenheit Fehler" gemacht zu haben. Für die Gegenwart gelte aber: "Wir entfernen oder stufen keine Videos von Hongkonger Protesten herab."

Wir haben das Gegenteil beobachtet.

Für unseren Test haben wir mit zwei neu angelegten TikTok-Accounts fünf verschiedene Videos hochgeladen, die Gewalt zwischen Polizei und Zivilistinnen dokumentieren. Jedes der fünf Videos zeigt Aufnahmen aus einem anderen Land: Demokratie-Proteste in Hongkong, Gelbwesten-Proteste in Frankreich, G20-Proteste in Hamburg, Proteste zur Unabhängigkeit Kataloniens in Spanien. In den Videos wird gedrängelt und geschubst, es kommen Schlagstöcke, Pfefferspray oder Wasserwerfer zum Einsatz. Typische Bilder aus den Nachrichten. Das fünfte Testvideo zeigt Gewalt von Polizisten gegenüber Schwarzen Personen in den USA. Alle Videos waren mit dem Schriftzug "police brutality", Polizeigewalt, versehen.

Die Reaktion von TikTok ist eindeutig. Offenbar ist keines der Videos auf der Plattform erwünscht. Die Aufnahmen aus den USA, Spanien, Frankreich und Hongkong wurden Minuten nach dem Upload gelöscht. Auf den Video-Kacheln in unserem Profil stand dann: "Verstoß gegen die Community-Richtlinien", die Videos ließen sich nicht mehr abspielen. Im Posteingang unserer App erschien eine Systembenachrichtigung: Wir sollten uns an die Richtlinien halten, damit die TikTok-Community ein "sicherer Ort" sei.

Das Video aus Deutschland fiel bei unserem Test zunächst aus der Reihe: Bei unserem ersten Upload hatte es 6.000 Views gesammelt, das ist ziemlich viel für einen neu angelegten Account. Also haben wir es mit unserem zweiten Test-Account erneut hochgeladen. Dieses Mal wurde es offensichtlich in der Reichweite gedrosselt: Es hat in zwei Tagen keinen einzigen View gesammelt. Auch das Frankreich-Video wurde bei unserem ersten Upload nicht gesperrt, wohl aber beim zweiten.

Diese Gründe nennt TikTok zum Löschen von Videos

Screenshot aus TikTok
Verstoß, Verstoß, null Views: Mit diesen Videos wird man auf TikTok schon mal nicht berühmt | Screenshot: TikTok

Offenbar löscht TikTok die Videos nicht automatisch, sondern lässt Menschen darüber entscheiden – Menschen, die bei ein und demselben Upload zu verschiedenen Schlüssen kommen. So jedenfalls ließen sich die Unterschiede erklären. TikTok hat jüngst bestätigt, dass Videos von Menschen überprüft werden. Uploads aus Deutschland landen laut Netzpolitik.org-Berichten bei Mitarbeitern in Barcelona, Berlin und Peking.

Was genau hat TikTok aber gegen unsere Videos einzuwenden? Alle gezeigten Proteste haben Nachrichtenwert, die Aufnahmen stammen sogar aus den Nachrichten. Es gibt dafür ein besonderes öffentliches Interesse. War die Gewalt der Polizei gerechtfertigt? Waren die Protestierenden friedlich? Solche wichtigen Fragen lassen sich nur dann öffentlich debattieren, wenn entsprechendes Videomaterial zugänglich ist.

In TikToks Community-Richtlinien steht eine plausible Erklärung für die Löschungen: "Veröffentlichen, teilen oder senden Sie KEINE gewalttätigen oder grafischen Inhalte." Das passt auch zu einem Statement, das TikTok auf dem eigenen Blog veröffentlicht hat: "Ein Video wird beispielsweise nur entfernt, wenn eine Person eine andere verletzt (...), unabhängig vom Kontext."

Bedeutet das, auf TikTok ist physische Gewalt zwischen Menschen generell verboten? Ein derart strenges Gewaltverbot gäbe es auf anderen Plattformen nicht. Es hätte weitreichende Folgen für die Presse- und Meinungsfreiheit. Auf YouTube zum Beispiel sind alle Szenen aus unseren Testvideos zugänglich.

Besonders pikant: Die Passage zum Gewaltverbot steht nur sechs Zeilen unter TikToks Versprechen, keine Videos von den Protesten in Hongkong zu entfernen. Blöd nur, dass es bei den Protesten in Hongkong zu Gewalt kommt. Ein klarer Widerspruch.

Wir fragen die Pressestelle von TikTok per E-Mail: Gibt es ein grundlegendes Verbot für die Darstellung physischer Gewalt auf TikTok? Haben Aufnahmen von Protesten keinen Platz auf TikTok, sobald es zu Gewalt kommt? Wie soll auf TikTok journalistische Berichterstattung über demokratisch legitimierte Proteste und über Polizeigewalt funktionieren, wenn es nicht erlaubt ist, diese Aufnahmen zu zeigen?

Alles nur zur unserer "Sicherheit"

TikTok geht nicht direkt auf unsere Fragen ein. Stattdessen erhalten wir per E-Mail ein allgemein gehaltenes Statement: "TikTok ist eine Plattform für Unterhaltung und kreativen Austausch." Gemäß der Richtlinien sei "das Veröffentlichen, Teilen oder anderweitiges Verbreiten von Inhalten, die physische Gewalt zeigen (...) auf TikTok bedingt erlaubt." Die Richtlinien sollten die "Sicherheit und das Wohlbefinden" der Nutzer gewährleisten.

Wenn TikTok nun Videos löscht, die Polizeigewalt dokumentieren – heißt das, der Konzern glaubt, dass diese Videos unserem "Wohlbefinden" schaden? Endet die Meinungs- und Pressefreiheit da, wo unser mutmaßliches "Wohlbefinden" aufhört? Wessen "Sicherheit" ist gefährdet, wenn sich Menschen auf TikTok über gewaltsame Ausschreitungen informieren können?


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Natürlich hat eine Plattform zu einem gewissen Grad Hausrecht und kann ein Wörtchen mitreden, welche Inhalte Nutzerinnen und Nutzer hochladen dürfen. Problematisch wird es aber, wenn der Eindruck entsteht, eine Plattform verfolge im Hintergrund andere Ziele, als sie nach außen kommuniziert.

Hast auch du ungewöhnliche Erfahrungen auf TikTok gemacht? Wir werden weiter über das Thema berichten und freuen uns, von dir zu hören. Du erreichst Sebastian per E-Mail oder verschlüsselt via Signal: +49 152 1012 4551.

In diesem Zusammenhang haben wir uns gefragt, ob wir TikTok von Anfang an falsch eingeordnet haben: Will TikTok lieber eine reine Spaß-Plattform sein, die ausschließlich familienfreundlichen Content präsentiert? In diesem Fall müssten wir TikTok eher mit dem kuratierten Kinderprogramm auf "YouTube Kids" vergleichen – wo es natürlich keine Videos mit Polizeigewalt geben soll.

In diesem Fall müsste sich TikTok mit seinen inzwischen 800 Millionen Nutzerinnen und Nutzern weltweit aber radikal anders aufstellen: Publisher wie die Washington Post, NBC News oder die Tagesschau wären auf einer reinen Kinder-App eher deplatziert. Leider ist der Konzern auf diese Frage nicht eingegangen.

Wie wir TikToks Löschregeln doch noch umschifft haben

In seiner E-Mail hat sich TikTok aber eine Hintertür offen gelassen. Demnach ist physische Gewalt zumindest "bedingt" erlaubt. Eine Einschränkung, die im Blogeintrag in dieser Form nicht vorgenommen wird. Welche Ausnahmen gibt es also? Wir haben es ausprobiert und ein Video mit Polizeigewalt so lange verändert, bis TikTok es nicht mehr gelöscht hat.

Zunächst haben wir ein Video hochgeladen, dass nur friedliche marschierende Demonstranten in Hongkong zeigt: rund 200 Views. Das ist also OK.

Dann haben wir noch mal das gelöschte Hongkong-Video hervorgeholt, aber dieses Mal nur eine Reihe von Screenshots daraus hochgeladen. Die Polizeigewalt war weiterhin sichtbar, aber nicht mehr als Bewegtbild. Doch auch dieser Upload war wohl nicht gut genug fürs "Wohlbefinden": Er hat in zwei Tagen nur 50 Views gesammelt. Offenbar wurde er in der Reichweite gedrosselt.

Unser letzter Versuch: Wir haben die Screenshots aus dem Hongkong-Video mit einem Kunstfilter verfremdet, sodass sie wie Bleistiftskizzen aussehen. Für diesen Upload gab es immerhin rund 420 Views.

Screenshot aus TikTok
Schwer zu erkennen, aber das Bild zeigt Polizisten mit Schlagstöcken über einem Demonstranten, der am Boden liegt | Screenshot: TikTok

Müssen Aktivistinnen und Journalisten also künftig verfremdende Filter benutzen, wenn sie auf TikTok ohne Zensur über Gewalt berichten wollen?

Die prominenteste deutsche Redaktion auf der Plattform ist derzeit die Tagesschau der ARD. Auch die Tagesschau hat sich in ihrem neuesten TikTok-Video über Zensurvorwürfe geäußert. Chefredakteur Marcus Bornheim sagt: "Wenn wir da nicht mehr frei und unabhängig berichten können, dann machen wir sofort den Kanal zu."

Immerhin, TikTok betont in seinem Statement: "Wir nehmen unsere Verantwortung in diesem Zusammenhang sehr ernst." Man arbeite intensiv an der Verbesserung der Richtlinien und werde Fragen "auf transparente und konstruktive Weise adressieren". Noch ist von dieser Transparenz wenig zu spüren.

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