Der Kleinstadtjunge, der zum internationalen Koks-Kingpin wurde

Pieter "Posh Pete" Tritton verdiente in seinen 20ern jeden Monat rund 33.000 Euro. Dann kam Interpol und die Knast-Hölle in Ecuador.

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09 August 2017, 4:17am

Links: Pieter Tritton heute, mit 41; Rechts: ein Brocken Kokain, mit dem Pieter nichts zu tun hat

Vergangenes Jahr kam Pieter Tritton nach 12 Jahren aus dem Gefängnis frei. Er war der Drahtzieher einer Schmuggeloperation, die Kokain aus Südamerika nach Großbritannien brachte. In der Unterwelt nannten sie ihn "Posh Pete", den vornehmen Pete, denn er stammt aus der Mittelschicht des Orts Stroud in der malerischen südenglischen Grafschaft Gloucestershire und studierte in Cardiff Archäologie. 2005 verhafteten ihn Interpol-Beamte in einem Hotelzimmer in Quito, Ecuador. Er hatte ein Zelt bei sich, das mit 7,8 Kilogramm Kokain imprägniert war.

Pieter hat vor Kurzem ein Buch veröffentlicht, in dem er erzählt, wie er ein Jahrzehnt Gefängnis in Ecuador überlebt hat: El Infierno – "Die Hölle". Ich bin Pieter schon ein paarmal begegnet, und er ist ein höflicher und ruhiger Mann. Um herauszufinden, wie er überhaupt zum Schmuggelbaron wurde, habe ich mich mit ihm zusammengesetzt.


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VICE: Hi Pieter. Fangen wir vorn an: Ging das mit den Drogen bei dir schon früh los?
Pieter Tritton: Ich hatte schon früh mit Drogen zu tun, weil es draußen auf dem Land in Gloucestershire in den 1990ern so viele kostenlose Raves gab. Mit 14 experimentierte ich ein bisschen mit Gras und Amphetaminen, und mit 15 nahm ich dann Ecstasy. Es nahmen so viele Leute Drogen, dass es mir normal vorkam. Und weil ich auch sah, wie offen die Drogen verkauft wurden, fing ich dann selbst mit dem Verkaufen an, um meine Feierkosten zu decken.

Womit hast du als erstes gehandelt?
Mit 30 Gramm der Grassorte "Durban Poison", als ich 14 war. Ecstasy-Pillen habe ich dann auch bald verkauft.

Hattest du keine Angst, erwischt zu werden?
Ich wurde auch erwischt. Als ich in der Oberstufe LSD verkauft habe. Meine Eltern machten sich große Sorgen und fanden das mit dem Dealen sehr schlimm, also habe ich aufgehört. Das hielt aber nicht lange an, denn an der Uni in Cardiff wusste niemand, wie man an Drogen rankommt. Cardiff liegt nur einen Katzensprung von Stroud entfernt, also fuhr ich mal eben heim, machte ein paar Anrufe und fing an, meinen mickrigen Studienkredit mit dem Verkauf von Kokain, Gras und Ecstasy aufzubessern. Ich verkaufte ungefähr ein Kilo Koks pro Woche. Ich brach mein Studium ab und beschloss, mein Geschäft zu vergrößern. Also verkaufte ich in der Party-Szene und an Studenten. Ich brauchte das Geld.

Wie wurde das dann zu einer großen internationalen Operation?
Ich zog nach Bristol und verkaufte dort Koks, Pillen und Gras. Irgendwie hatte ich schon immer ein Talent dafür, die höhergestellten Leute kennenzulernen, keine Ahnung warum. Jemand von meinen Kunden stellte mich ein paar richtig großen Fischen aus Südwales vor. Ich habe das so ein bisschen umgekehrt angestellt. Ich sagte zu den Kunden: "Ich kann euch mehr davon besorgen, zu einem besseren Preis. Wieso sprechen wir nicht mit den Leuten, von denen ihr kauft, und schauen, ob wir stattdessen ihnen was verkaufen können?" Also stellten sie mir ihre Dealer vor, und die stellten sich als harte Kerle aus den südwalisischen Valleys heraus, Türsteher für die Nachtclubs dort und so weiter. Ich hatte mich in ein riesiges Versorgungsnetzwerk eingeklinkt.

Und wie groß warst du zu dem Zeitpunkt?
Ich arbeitete allein. Ich hatte meine Verkaufsstellen, wenn man so will, also zuverlässige Vertreiber in Cardiff, Gloucestershire, in den Valleys und in Bristol. Ich wollte aber mehr, also setzte ich mich hin und schaute mir eine Karte an. Schottland schien mir ein sehr gutes Expansionsziel. Die Preise waren dort unfassbar hoch, also fragte ich ein paar alte Freunde, ob sie dort oben jemanden kennen, der hochwertige Drogen verkaufen will. Dann habe ich Drogen nach Dumfries, Galloway und Edinburgh gebracht. Damals bewegte ich ungefähr 500 bis 1.000 Kilo Hasch, 30.000 Ecstasy-Pillen und fünf Kilo Koks im Monat. Es war ziemlich lukrativ.

Aber zu dem Zeitpunkt wurde es bereits nervenaufreibend. Ich wusste, dass mir eine ordentliche Haftstrafe drohte, wenn sie mich erwischen sollten. Wenn man sich auf diesem Niveau bewegt, hat man mit den großen Gangstern in London und Bristol zu tun. Leute, die früher bewaffnete Raubüberfälle gemacht haben. Irgendwann liegen bei Treffen Pistolen auf dem Tisch.

Haben dich Leute verarscht, weil du ein Kind der Mittelschicht bist? Wie hast du dich in dieser Welt bewegt, ohne mit anderen aneinanderzugeraten?
Ich hatte ja einen Spitznamen: Posh Pete. Ich konnte mich schon immer in jeder erdenklichen Welt bewegen. Ich kann mit Aristokraten und Multimillionären in Villen abhängen, aber auch mit den Leuten aus der kriminellen Unterwelt, aus den No-Go-Zonen in Cardiff und Bristol. Ich kam aus jeder Situation unbeschadet heraus. Ich sehe alle, egal wer oder was sie sind, als ebenbürtige Menschen an.

Hat auch mal jemand versucht, dich umzubringen?
Ja. Ich fing etwas mit einem Mädel in Bristol an, dessen Exfreund ein Yardie war, also ein jamaikanischer Gangster. Er organisierte, dass man mir zwei Kilo Koks raubte, und ging dann feiern. Ich fand schnell raus, wo er war, und vereinbarte mit ihm ein Treffen vor einem Restaurant. Ich hatte keine Schlägertypen als Verstärkung; nicht so richtig. Stattdessen hatte ich zwei Kerle, die psychotisch und sehr gefährlich waren. Wir parkten auf der anderen Straßenseite und sahen, wie die Yardies im Auto um das Restaurant kreisten. Hinten saß einer mit einer Pistole, das Fenster war offen. Offensichtlich hatten sie vor, mich auf den Stufen vor dem Restaurant zu erschießen. Ich ging stattdessen ins Restaurant, das komplett voll war. Er kam rein, markierte den Macker und drohte, mich umzubringen, mit der Neun-Millimeter im Hosenbund. Ich stand auf – im Restaurant herrschte inzwischen Totenstille – und sagte: "Was willst du machen, mich vor den ganzen Leuten hier erschießen? Bist du echt dermaßen bescheuert?" Er ging wieder raus, und am Ende bekam ich den Großteil meines Gelds zurück.

Wussten deine Familie und deine Freunde, was bei dir los ist?
Zu dem Zeitpunkt war ich schon bei zehn Kilo Koks pro Woche und verdiente ungefähr 30.000 Pfund (circa 33.000 Euro) im Monat. Ich lebte auf großem Fuß, mietete mir eine Villa im Slad Valley, wo Laurie Lee damals Cider mit Rosie schrieb. Ich fuhr einen Mercedes Compressor, einen Saab und einen Volvo. Man stellte mir Fragen wie: "Womit verdienst du dein Geld?" und "Was zur Hölle ist bei dir los?" Ich gab mich als Antiquitätenhändler aus, immerhin machte ich das ja auch ein bisschen.

Wie wurdest du letztendlich zum internationalen Schmuggler?
Ich hatte eigentlich schon während meines Studiums an der Cardiff University Drogen nach Großbritannien gebracht. Ein älterer Student hatte Kontakte in Amsterdam, die Pillen herstellten, also machten wir zusammen ein Importgeschäft. Ich glaube, es waren am Ende 2.000 Ecstasy-Pillen. Ich mietete ein Auto und fuhr in die Niederlande. Die Zulieferer waren komische Vögel, ein bisschen wie eine Scientology-Sekte. Sie hatten vakuumversiegelte Pillen im Futter einer Bomberjacke versprochen, aber die Pillen waren einfach lose drin. Als ich in Calais auf die Fähre nach England wollte, schlug ein Hund auf mein Auto an, weil die Jacke darin lag. Sie nahmen mich beiseite, also zog ich die Jacke an. Mich suchten sie mit dem Hund gar nicht ab, also kam ich damit davon.

Ich denke, die Probleme mit den Drogen lassen sich nur lösen, wenn wir sie legalisieren, als normale Nutzpflanzen anbauen, und sie dann kontrollieren und besteuern wie Alkohol und Tabak. Damit bleiben die Kriminellen außen vor.

Warum hast du dich dann entschieden, dein Geschäft auf Südamerika auszuweiten?
2002 bekam ich fünf Jahre Haft, weil die Polizei 5.000 Pillen und eine Ladung Cannabis, Kokain, Amphetamine und Heroin in meinem Lagerraum in Gloucestershire gefunden hatte. Am Anfang meiner Haft dachte ich: "Wenn ich damit weitermachen will, wenn ich wieder draußen bin, muss ich umdenken. In Großbritannien bin ich jetzt bekannt, also schmuggle ich nur noch kleinere Mengen hochwertiges Kokain." Doch nach den 9/11-Anschlägen wurden die Sicherheitsbedingungen verschärft. Ich wusste, dass es hart werden würde. Eines Tages las ich in der Sunday Times, dass ein Typ Plastikgartenmöbel mit Koks imprägniert hatte. Ich dachte sofort: "Das ist der richtige Weg für die Zukunft. Einfach genial."

Wie hast du deine Pläne dann umgesetzt?
Als ich nach zweieinhalb Jahren freikam, ging ich nach London, um mich einem Kolumbianer und einem Chilenen vorstellen zu lassen. Sie brachten mit Koks imprägnierten Gummi nach Großbritannien, in Zeltbodenplanen. Der Kolumbianer hatte einen Kontakt in Cali, einen Ex-Soldaten, der das Koks besorgte und den Gummi damit imprägnierte. Daraufhin brachte er das Ganze verpackt nach Ecuador, von wo es zu uns kam. Er war Fitnesstrainer, sehr ruhig und freundlich. Aber ich wusste auch, dass er nicht zögern würde, mich umzubringen. Wenn ihm auch nur ein kleiner Zweifel gekommen wäre, oder es ein Problem gegeben hätte, dann wäre ich jetzt tot.

Die erste Reise wollte ich selbst machen. Ich wollte niemanden losschicken, um etwas zu tun, das ich nicht selbst schon gemacht hatte. Ich wollte wissen, wovon ich da rede. Also flog ich nach Ecuador, traf mich mit dem Typen aus Cali, und der gab mir das Zelt mit drei bis fünf Kilo Koks in der Unterlegplane. Ich kaufte am Flughafen einen Haufen Geschenke, um unauffällig zu wirken. Nach einem kleinen Zoll-Schock in den Niederlanden schaffte ich es mit dem Zelt nach Hause. Die Südamerikaner hatten mir beigebracht, wie man das Koks aus dem Zelt extrahiert. Wir pressten es neu, streckten es und verdienten ungefähr 100.000 Pfund (ca. 110.000 Euro) mit dem Weiterverkauf.

Was hat dich daran gereizt?
Das Seltsame war, dass mich das Geld eigentlich kaum interessierte, sobald wir mit dem Job fertig waren. Ich bin ein kleiner Adrenalin-Junkie. Die Herausforderung hat mich gereizt. Ich steckte das Geld einfach in den Schrank und dachte: "Wie sieht das nächste Abenteuer aus?" Weil es gut geklappt hatte, verkaufte ich weiterhin die Kokain-Zelte, aber setzte dann immer "saubere" Passagiere ohne Vorstrafen ein. Wir hatten etwa acht Reisen, bevor die Polizei uns das Handwerk legte.

Wann wurde dir klar, dass es aus ist?
Wir wurden zwei Jahre lang überwacht, wie ich später herausfand. Relativ am Anfang hatte die Polizei in einem meiner Labors eine Razzia gemacht, während ich in Cali war. Sie hatten meinen kolumbianischen Kontaktmann verhaftet und zum Informanten gemacht. Ab da war es nur noch eine Sackgasse. Ich wusste, dass sie mich beobachteten. Wir hatten in London eine Person geschmiert, die uns Polizeiinformationen zukommen ließ. Der Typ ließ eine Suche laufen und sagte mir, ich sei das Ziel einer riesigen Polizeioperation. Ein paar Türken schmuggelten mich aus Großbritannien raus und ich zog mich in ein Haus in Frankreich zurück. Dummerweise machte ich eine letzte Reise nach Ecuador, und da wurde ich dann im Hotelzimmer mit dem ganzen Koks verhaftet.

Pieter 2002, am Tag seiner Gerichtsverhandlung für den Besitz von 5.000 Ecstasy-Pillen und anderer Drogen

Wie hast du das Gefängnis dort drüben überstanden?
Nur mithilfe meiner Kontakte in Europa. Ich konnte als Vertriebsstelle für das Produkt dienen, das die Gefängnisgangs in Ecuador verkaufen: Kokain. Ich zeigte mich als potentieller Zwischenhändler, und dafür wurde ich in Ruhe gelassen und beschützt, galt als einer von ihnen. Am Ende habe ich für zwei verschiedene Trakte Kokain verkauft.

Welche Eigenschaften haben dich vom Studenten aus der englischen Kleinstadtidylle zum Kokshändler für ecuadorianische Gefängnisgangs gemacht?
Ich war sehr scharf darauf, viel Geld zu verdienen und meine Familie abzusichern. Das war die treibende Kraft. Am Ende wollte meine Mum aber keine Hilfe. Sie starb, während ich in Ecuador war.

Hast du Schuldgefühle, weil du dich an einem derart unethischen Geschäft beteiligt hast?
Ja, mit meinem Gewissen hatte ich schon zu kämpfen. Ich hatte auch mehrere Freunde, die an Überdosen gestorben sind. Das hatte nicht direkt mit mir zu tun, die meisten waren Heroinüberdosen. Ich habe mich schon schlecht gefühlt, wenn ich gesehen habe, dass es Leuten nicht mehr gut geht. Ab dem Zeitpunkt habe ich mich fast immer geweigert, ihnen was zu verkaufen, oder versucht, ihnen zu helfen. Ich sehe es nicht gern, wenn Menschen süchtig werden. Meine Mutter war Alkoholikerin, und ich weiß, wie schwierig das für die Mitmenschen ist.

Bist du für die Legalisierung von Drogen?
Wenn man sich den Anfang des Coca-Handels ansieht, dann sind das im Grunde Leute im Dschungel, die diese Pflanze anbauen, weil sich sonst kaum etwas anderes rentiert. Erst wenn man ein paar Schritte weiter hochgeht, kommt man zu den Kartellen, und da fängt die ganze Kriminalität an. Es muss einen anderen Weg geben als diesen scheinheiligen Krieg gegen Drogen. Damit verdienen viele Leute einen Haufen Geld, wie zum Beispiel die Waffenindustrie. Ich denke, die Probleme mit den Drogen lassen sich nur lösen, wenn wir sie legalisieren, als normale Nutzpflanzen anbauen, und sie dann kontrollieren und besteuern wie Alkohol und Tabak. Damit bleiben die Kriminellen außen vor.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Ich versuche ein Import-Export-Geschäft aus Südamerika aufzubauen.

Äh ... ?
Nein, nicht das. Zeug wie Bananen und Ananas. Ich wäre ja schön blöd, das nicht zu machen, bei den ganzen Kontakten, die ich dort habe. Legale Produkte sind der richtige Weg für die Zukunft.

Danke, Pieter.

El Infierno von Pieter Tritton ist jetzt auf Englisch im Handel erhältlich.

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