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Collage: VICE || Grill: pxhere | CC0; Bier: Tookapic | Pexels | CC0 ; Brüste: Pixabay | PexelsCC0; Daumen: Pixabay | Pexels | CC0

Bier, Titten, Clickbait: Mann.TV zeigt, wie traurig es sein muss, einen Penis zu haben

Lisa Ludwig

Lisa Ludwig

In der Welt des Online-Magazins sind Männer notgeile Alkoholiker und Frauen hysterische Zicken, die nicht einparken können. Und Hunderttausende lieben es.

Collage: VICE || Grill: pxhere | CC0; Bier: Tookapic | Pexels | CC0 ; Brüste: Pixabay | PexelsCC0; Daumen: Pixabay | Pexels | CC0

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich als einer begreift, könnte man meinen. Egal, ob er sich mit seinen Karohemd-tragenden Kumpels zum Fußballgucken trifft, oder zu seinem Vollbart Make-up trägt. (Wobei das eine das andere nicht ausschließen muss.) Das ist keine einfache Antwort, auf die Frage, was Männlichkeit sein kann, aber eine realistische. Schließlich entscheidet das Geschlecht nicht darüber, was einen Menschen als Person ausmacht und wofür er sich interessiert.

Die Redaktion des Online-Magazins Mann.TV hat da allerdings eine andere Auffassung. Mann ist, wer auf Brüste steht, Bier trinkt und beim Grillen eine lustige Blowjob-Schürze aus dem firmeneigenen Online-Shop trägt. Dazu passt auch der Slogan der Seite, die laut Impressum wahlweise in Wuppertal oder im schweizerischen Thierachern sitzt: "Wir wollen alle nur das Eine!" Das einzige weibliche Mitglied des siebenköpfigen Redaktionsteams, die freie Sexkolumnistin "Nora K.", scheint so stolz auf ihr Mitwirken an dieser Plattform zu sein, dass sie ihren vollen Namen lieber nicht preisgibt.


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Seit 2013 veröffentlicht Mann.TV News, sexy Fotostrecken, Reviews und kurze Beschreibungstexte zu viralen Videos für die "beste Zielgruppe von allen" (Männer zwischen 16 und 50 Jahren). Und es funktioniert: Die Mann.TV-Facebookseite zählt über 700.000 Fans, die Entertainment-Unterseite rund 230.000, für das Thema Lifestyle können sich immerhin 100.000 Leute begeistern.

Dass viele Deutsche stumpfe "Männer sind so, Frauen so, lol!"-Inhalte lieben, zeigt der Erfolg von Mario Barth. Tatsächlich reicht das fragwürdige Geschlechterbild von Mann.TV aber deutlich tiefer als ein paar dumme Witze – und hat stellenweise frappierende Ähnlichkeit zur Rhetorik rechter Internettrolle.

Frauen dienen vor allem als Wichsvorlage

Auf den ersten Blick sieht die Seite vor allem wie eine komprimierte Version von dem aus, was einem ungewollt durch den Onkel aus Grevenbroich oder den früheren Klassenkamerad, der schon damals weird war, in den Facebook-Feed gespült wird – nur ohne die offensichtlich rassistischen Kommentare. Die Inhalte der Seite gliedern sich in verschiedene "Ressorts": Entertainment (Videospiele, Trailer, sexy Frauen), Lifestyle (Autos, lustige Videos, sexy Frauen), Sport (Sport, beeindruckende Videos, sexy Frauen), Technik (Social Media, Technik-Videos, Pornos) und Fun (lustige Videos, sexy Frauen). Zusätzlich gibt es noch die Kategorie "Mini-Games", bei der die Nutzer Sudoku spielen oder auf Seifenblasen schießen können.

Das alles mag – oberflächlich betrachtet – die tatsächlichen Interessen des deutschen Durchschnittsmannes abbilden und hat selbstverständlich seine Berechtigung. Sicherlich kann man sich die Frage stellen, warum Frauen durchweg wahlweise absurd übersexualisiert werden (so werden beispielsweise die "attraktivsten Soldatinnen" gerankt und das YouTube-Video einer Musikerin geteilt, weil sie große Brüste hat) oder alternativ dann stattfinden, wenn sie sexistische Klischees bestätigen.

Bei Mann.TV wird weibliche Intelligenz in Anführungszeichen geschrieben – nicht nur, wenn es um GTA geht | Screenshot: Mann.TV

Mann.TV suggeriert in seinen Beiträgen, dass die Welt, in der wir leben, ziemlich einfach ist. Da gibt es auf der einen Seite die ehrlichen Männer, die hart arbeiten und sportliche Höchstleistungen vollbringen, im Privaten aber relativ einfach zufriedenzustellen sind: mit Bier und Brüsten. Und auf der anderen Seite stehen die überemotionalen Frauen, die immer nur rumzicken, Partner nach ihrem Gehalt auswählen und ganz generell nichts können, außer als Wichsvorlage für Mann.TV-Leser herzuhalten.

Dass man sich damit im Jahr 2018 nicht als intellektueller Vorreiter präsentiert, wissen die Redakteure. Und kokettieren damit. "Entgegen landläufiger Meinung ist es kein Einstellungskriterium für Mann.TV-Autoren, den ganzen Tag sexistischen Mist abzusondern, sämtliche Frauen für herzlose, geldgeile Golddigger-Miststücke zu halten oder am laufenden Band Twerking- oder Poledance-Videos zu suchen wie ein Spätpubertierender", schreibt Autor Bernhard Trecksel etwas zusammenhanglos zu einem Video, in dem ein Mann mit einer riesigen Penis-Attrappe in der Hose U-Bahn fährt. Wie genau er das Selbstverständnis von sich und seinen Kollegen stattdessen beschreiben würde, verrät er allerdings nicht.

Selbst wenn vordergründig mal so getan wird, als hätte man Probleme mit der Herabwürdigung von Frauen ("Macho-Millionär stapelt Frauen wie Geld!"), entpuppt sich das Ganze nur als Vorwand, um die dazugehören Instagram-Posts in eine Klickstrecke zu verwandeln. Schließlich sind die Frauen ja auch selbst schuld, die da mitmachen. Oder, um es mit den Worten des Autors Calixto Pape zu sagen: "Darf man hier eigentlich Nutten sagen, Chef?"

Mann.TV kämpft gegen Feminismus und "Political Correctness"

Diese Rollenaufteilung passiert nicht zufällig, sie ist das Prinzip, auf dem die komplette Seite fußt, und wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass sie auf Facebook so viele Fans hat. Hier sind die Dinge noch in Ordnung. Hier ist ein sexistischer Spruch noch ein Kompliment und keine Belästigung, hier gibt es noch "echte Kerle" und keine verweichlichten Social Justice Warriors. In der echten Welt mögen Autos, Sport und Videospiele keine rein männlich besetzten Themen mehr sein, aber auf Mann.TV ist man noch unter sich. Und darf sich ganz offen darüber freuen.

Da werden die Ergebnisse einer Sex-Studie damit bejubelt, dass sie nicht so eindeutig ausgefallen wären, "wie sich viele Feministinnen wohl zur Bestätigung ihrer männerfeindlichen Thesen wünschen würden". Sexismusdebatten werden "krankhafte Züge" attestiert, ein Autor sieht sein Weltbild von weiblichen Ghostbusters erschüttert ("Horror"), und Frauenexperte Calixto Pape darf (natürlich gar nicht ernst gemeint, zwinker, zwinker) die These aufstellen, dass nur hässliche Frauen etwas gegen Sexismus haben. Sein Kollege Bernhard Trecksel weiß hingegen: "Gerade in Zeiten des aggressiven sogenannten Dritte-Welle-Feminismus ist es eine gefährliche Gratwanderung für einen Mann, einer Frau ein Kompliment zu machen."

Immer wieder stellt man sich bei Mann.TV die Frage: Kann das noch ernst gemeint sein? | Screenshot: Mann.TV

All das wird in eine Kumpelhaftigkeit verpackt, die schon fast an Nötigung grenzt. Ständig ist von "wir" und "uns" die Rede. Die Seitenhiebe in Richtung Feminismus, Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung sind hier nicht Partikularmeinung einer Gruppe, sondern definieren alle Männer. So wie Pegida-Mitläufer "Wir sind das Volk" brüllen, damit aber vor allem sich selbst meinen.

Wer sich fragt, ob hier nur Feministinnen ihr Fett wegkriegen – natürlich nicht. Schließlich stehen sie nur für ein viel größeres Problem. "Wir leben im Zeitalter der Political Correctness. Kaum ein Spruch, Witz oder Kommentar, der einem nicht direkt Ärger mit moralinsauren Sittenwächtern, militanten Missionaren oder Gender-Tribunalen einbringt", heißt es in einem Text zu einem alten Harald-Schmidt-Video. Die Leidtragenden dieser Entwicklung? Klar, Männer. Weiße Männer. Chefredakteur David Kloß beklagt, dass man nicht mehr offen stolz auf sein Land sein könne ("armes Deutschland!"). Einer seiner Kollegen beschwert sich derweil darüber, dass das Superhelden-Genre in den letzten Jahren deutlich diverser geworden und aus der "ehemals blonden Ms. Marvel ein muslimisches Mädchen" geworden ist.

Umso absurder, dass Mann.TV vor ein paar Jahren eine "Satire"-Kolumne unterhielt, in der sich der fiktive Wutbürger "Manni" mal so richtig über "Politische Korrektheit" und Emanzipation auskotzen durfte. "Ich habe jedenfalls echt die Schnauze voll davon, dass jede Randgruppe tun und sagen darf, was sie will, der durchschnittliche Mann allerdings die Fresse zu halten hat", heißt es in dem Artikel "Ich scheiß auf politische Korrektheit!". Warum genau das an dieser Stelle humoristisch zu verstehen sein soll, während ähnliche Aussagen auf dem Rest der Seite durchaus ernst gemeint sind, bleibt unklar.

Männer wollen nicht nur "das Eine"

Immerhin: Auch wenn Mann.TV so tut, als würden sie für alle Männer sprechen – sie tun es nicht. "Alle News gab es vor Tagen schon irgendwo anders und alles andere spricht mich nicht an", sagt ein Kollege, nachdem er sich durch ein paar Artikel geklickt hat. Ein anderer glaubt zwar schon, dass die Themen den Interessen des deutschen Durchschnittsmannes entsprechen, stößt sich aber an der "furchtbaren Bildsprache" und der "klischeehaften" Aufbereitung. Gegen Brüste haben sie nichts, dem Instagram-Account von Mann.TV, einer Mischung aus sexy Fotos und Mario-Barth-Witzen, würden sie trotzdem nicht folgen.

"Es ist ein bisschen schwer, sich als Mann über irgendwelche Pauschal-Aussagen über Männer zu ärgern, weil man die Leute, die sie machen, erstens nicht ernst nehmen kann und zweitens nicht muss", sagt ein Kollege schließlich. Klischees tun Männern nicht so weh, Bierliebe und Fußballbegeisterung führen nicht dazu, dass man beruflich oder privat weniger ernst genommen wird. Bei Klischees über Frauen oder Minderheiten sei das anders.

"Außerdem ist dieser Slogan offensichtlich dumm", sagt er abschließend. "Ich will nicht nur das Eine. Ich will meistens acht Dinge gleichzeitig, und nur fünf davon haben mit Sex zu tun."

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