Das DFB Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden hinterlässt ein paar zwiespältige Eindrücke. Einerseits konnte man eine Stimmung erleben, die es so intensiv in einer zweiten Runde des DFB-Pokals wohl noch nie gegeben hat. Andererseits gaben sich Teile des Dresdener Anhangs alle Mühe, jedes Klischee über Fußballfans aus dem Osten zu bestätigen und hinterließen ein Schlachtfeld im Gästebereich des Westfalenstadions. Ich war als Berichterstatter für das größte BVB Fanzine schwatzgelb.de vor Ort.
Nachdem Dynamo viele Jahre in der Versenkung verschwunden war, gelang ihnen vor dieser Saison in der Relegation gegen Offenbach der Aufstieg in die zweite Bundesliga. In der ersten Runde des DFB Pokals warf man völlig überraschend den Vizemeister aus Leverkusen aus dem Wettbewerb. Für die zweite Runde wurde ihnen dann der deutsche Meister Borussia Dortmund zugelost. Dieses Auswärtsspiel in Deutschlands größtem Stadion stellte für Dresden das größte Fußballfest seit Ewigkeiten dar und zudem wurde den Fans auch noch die Bühne einer TV-Liveübertragung geboten. Diese Hintergründe muss man im Kopf haben, wenn man sich die Vorkommnisse an diesem Abend einigermaßen erklären möchte.
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In Dresden startete ein Ansturm auf die Karten, so dass schließlich etwa 12.000 Fans des SG Dynamo die Reise in die Westfalenmetropole antraten. Die Fanszene dort fühlte sich dadurch natürlich auch herausgefordert, ihren zweifelhaften Ruf zu bestätigen und startete einen martialischen Aufruf zu einem Fanmarsch, in dem die „dynamischen Krieger“ ankündigten „die Stadt zu erobern“. Das konnte die Dortmunder Fanszene natürlich nicht auf sich sitzen lassen und rief ihrerseits zu einem Marsch auf, doch die Polizei verbot dies schließlich.
Dennoch konnte man im Vorfeld des Spiels einige Gruppen von beiden Seiten dabei beobachten, wie sie auf Beutezug gingen, um gegnerische Fanutensilien zu rauben und anschließend im Stadion zu präsentieren. Diese Spielchen sind gerade unter Ultras sehr beliebt und wenn sie rein szeneintern ausgetragen würden, hätte wohl auch kaum jemand ein größeres Problem damit. Stattdessen hatten aber zumeist völlig unbeteiligte Fans darunter zu leiden. Denn es ist natürlich einfacher, Wehrlose abzuziehen, als die Klamotten von Leuten zu erobern, die in der Lage sind, darauf aufzupassen und sich gegebenenfalls auch verteidigen können. Spätestens mit dem Anmarsch der Dresdener von ihrem Sammelplatz zum Stadion war dann der relativ friedliche Eindruck vorbei, obwohl die Polizei mit einem massiven Aufgebot inklusive Wasserwerfer vor Ort war. Auf der kurzen Strecke wurden bereits Polizisten attackiert und, am Stadion angekommen, versucht man die Einlasskontrollen zu überrennen.
Im Stadion konnten die Dresdener Fans dann zunächst in positiver Hinsicht Eindruck machen. Der gesamte Gästesektor war in die Mottoshirts der Ultras Dresden gekleidet, auf denen „Europa wir kommen!“ verkündet wurde. So wurde bereits vor Anpfiff die Mannschaft geschlossen nach vorne gebrüllt. Die größte Stehplatztribüne Europas fühlte sich dadurch natürlich herausgefordert und so war auch die Anfeuerung auf Dortmunder Seite außergewöhnlich laut. Wenn man sich das traurige Bild, was die Retortenklubs aus Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen und auch andere Bundesligisten im Westfalenstadion abgeben, zum Vergleich vor Augen führt, wird noch deutlicher, dass die Dresdener auch in dieser Hinsicht einen außergewöhnlichen Anhang haben.
Zum Einlauf der Mannschaften entfachten die Dresdener dann ihr Inferno, wie man es heutzutage eigentlich nur noch in südlichen Gefilden in Fußballstadien findet. Der gesamte Gästesektor wurde von Bengalos rot erleuchtet, untermalt von zahlreichen Rauchbomben. Trotz der Gefährlichkeit von Pyrotechnik in vollen Stehplatzblöcken sind das einfach Bilder, die viele Fußballfans begeistern.
Zugleich wurde mit einem Transparent auf die Faninitiative zur Legalisierung der Pyrotechnik in Fußballstadien verwiesen. Den Zielen dieser Initiative erwiesen die SGD Fans durch ihr Verhalten aber einen Bärendienst. Zum einen wurden ständig Böller gezündet und auch geworfen, die nun wirklich nichts zu einer guten Stimmung beitragen und andererseits wurden auch Bengalos auf das Spielfeld geworfen. So demonstriert man eben nicht, wie man verantwortungsvoll mit pyrotechnischem Material umgeht.
Die Geschichte des Spiels ist dann eigentlich schnell erzählt. Der Außenseiter aus Dresden versuchte nur die erste Viertelstunde mitzuspielen und igelte sich danach in der eigenen Hälfte ein. Borussia tat sich zunächst schwer damit, Chancen herauszuspielen und so musste schließlich eine Standardsituation die Führung bringen. Zunächst sorgten aber die Dresdener für die erste Spielunterbrechung, indem sie Götze bei Ausführung eines Eckballs mit allerlei Zeug bewarfen und zudem noch mit Laserpointern blendeten. Noch so eine Unsitte des modernen Fußballs. Insgesamt wurde das Spiel dreimal wegen Vorkommnissen im Gästeblock unterbrochen. Ein weiterer Götze-Eckball landete dann aber auf dem Kopf von Lewandowski und der konnte unbehelligt einköpfen, weil Hesl auf der Linie klebte. In der zweiten Halbzeit sorgte dann der wieder einmal überragende Götze nach schönem Pass von Bender selbst für die Entscheidung. So weit, so normal.
Weniger normal war, was sich nun auf den Rängen abspielte. Die Dortmunder Fanszene präsentierte eine kleine Choreographie, die auf die Dresdener Europapokalpläne anspielte und in der Ansage „Ausreiseantrag abgelehnt“ gipfelte.
Die Dresdener wiederum versuchten nun in angrenzende Blöcke zu stürmen und lieferten sich zahlreiche Scharmützel mit Ordnern und Polizei. Das Spiel stand nun kurz vor dem Abbruch. Währendessen zerstörten die Randalierer alles was nicht niet- und nagelfest und in ihrer Reichweite war. Der BVB bezifferte den im Stadion angerichteten Schaden auf circa 150.000 Euro und kündigte bereits an, die Verursacher in Regress zu nehmen. 17 Verletzte und 15 Festnahmen runden die letztlich traurige Bilanz dieses Pokalabends ab, der eigentlich so stimmungsvoll begonnen hatte.
Fotos: Bielefeld
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