Wie ein nazi-affiner Drogenboss den Kokainschmuggel revolutioniert hat

Carlos „Crazy Charlie" Lehder war jahrelang eine der schillerndsten Figuren in den Reihen des berüchtigten Medellín-Kartells. Seine Transportmethode war revolutionär, seine Persönlichkeit hingegen verheerend.

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Jan. 13 2016, 11:33am

Bild: bereitgestellt von Ron Chepesiuk

Carlos Lehders Beteiligung am Medellín-Kartell begann Mitte der 1970er, als die von Pablo Escobar angeführte Verbrechensorganisation noch in der Steinzeit des Drogenschmuggels steckte. Das berüchtigte kolumbianische Syndikat hatte diverse riskante Methoden zum Transport seiner Schmuggelware eingesetzt, die jeweils nur geringe Erträge brachten—zum Beispiel Drogenkuriere auf kommerziellen Flügen. Lehder revolutionierte die Vorgehensweise des Kartells, indem er kleine Flugzeuge einführte, die in niedrigen Flughöhen unentdeckt bleiben konnten, was für das Escobar-Imperium bedeutete, dass es eine unwahrscheinlich viel größere Menge Kokain über Grenzen transportieren konnte. Als der US-Staatsanwalt Robert Merkle Lehder schließlich 1988 den Prozess machte, verglich er das Schmuggelsystem des Drogenbosses mit Henry Fords mechanisierter Automobilfertigung.

In weniger als zehn Jahren hatte sich Lehder von einem kleinen Marihuana-Dealer zu einer Kokain-Koryphäe gemausert, wobei er mutmaßlich ein milliardenschweres Vermögen anhäufte. Als sich sein Reichtum und sein Ansehen vervielfachten, erzählte man sich plötzlich Geschichten über das seltsame Verhalten des Kolumbianers sowie über seinen ungebändigten Hedonismus und seine lautstarke Unterstützung für sowohl Hitler als auch John Lennon. Lehder hasste auch die USA und soll den Kokainhandel als eine Methode gesehen haben, um in den Staaten Chaos zu verbreiten. Der Drogenboss kaufte sich irgendwann eine Bahamas-Insel namens Norman's Cay und nutzte sie als Zwischenlager für ganze Flugzeugladungen an Kokain, das für Florida bestimmt war. Außerdem frönte er dort auch Drogen und wilden Partys.

Schließlich führte seine widersprüchliche Persönlichkeit zu Spannungen zwischen ihm und seinen Kokainkollegen und im Jahr 1987 wurde Lehder letztendlich geschnappt und an die USA ausgeliefert. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Pablo Escobar persönlich Lehders Aufenthaltsort an die Polizei weitergab, da der Kartellboss befürchtete, sein ehemaliges Logistik-Gehirn könnte die gesamte Operation gefährden.

Lehder befindet sich seit 1988 hinter Gittern und ist wohl Teil des US Marshals Service Witness Security Programs—dieses Privileg wurde ihm gewährt, als er sich dazu bereiterklärte, im Prozess gegen den panamaischen General und Kokainboss Manuel Noriega auszusagen. Im neuen Buch des True-Crime-Autoren Ron Chepesiuk, das den Titel Crazy Charlie: Revolutionary or Neo-Nazi trägt, werden das Leben und das Schaffen des nazi-affinen Kokainschmugglers ausführlich beleuchtet. Chepesiuk hat Jahre damit verbracht, sich mit der Staatsanwaltschaft, mit Anwälten, Polizeibeamten sowie inhaftierten Verbrechern zu unterhalten, um genügend Informationen für die erste Biografie Lehders zusammenzutragen. Wir haben uns wiederum mit Chepesiuk unterhalten, um mehr über Crazy Charlie und das Kokainkartell herauszufinden.

VICE: Warum hast du dem Buch den Titel Crazy Charlie gegeben?
Ron Chepesiuk: Dabei handelt es sich um den Spitznamen, der Lehder während dessen Verbrecherkarriere verpasst wurde. Die eigentliche Herkunft des Namens habe ich leider nie herausfinden können, aber im Anbetracht von Lehders exzentrischem Verhalten passt er wie die Faust aufs Auge. Er war damals impulsiv sowie unberechenbar und die öffentliche Meinung interessierte ihn kein Stück. Die Tatsache, dass es sich bei Lehder um einen richtigen Freigeist handelt, war auch einer der Faktoren, die mich zum Schreiben dieses Buchs bewegt haben.

Was hat Lehder gemacht, bevor er in das Drogengeschäft eingestiegen ist?
Im Grunde war Lehder vorher ein ziemlicher Versager. Er ist in der kolumbianischen Großstadt Armenia aufgewachsen, ging in den 60er Jahren in die USA und beging dort einige Bagatelldelikte wie etwa Marihuana-Verkauf oder Autodiebstahl. Dabei wurde er allerdings erwischt und so schließlich wieder ausgewiesen. Sein Leben verlief einfach total planlos. Dann lernte er jedoch George „El Americano" Jung kennen, einen Kokainschmuggler und gleichzeitig auch eine Schlüsselfigur im Medellín-Kartell.

Lehder wird ja auch im Film Blow dargestellt, der sich um Jung dreht. Wie würdest du die Beziehung zwischen den beiden beschreiben?
Am Anfang war die Beziehung noch ziemlich harmonisch—vor allem im Bezug auf das Geschäft. Jung konnte Lehder das bieten, was der in Bezug auf die USA brauchte, und Lehder konnte Jung dafür im Gegenzug das bieten, was der wiederum in Bezug auf Kolumbien brauchte. So machten sie zusammen eine Menge Geld. Letztendlich ging ihre Beziehung dann jedoch den Bach runter. Lehder legte ein rücksichtsloses Verhalten an den Tag und brachte Jung schließlich auch dazu, seine Drogenverbindung zu offenbaren. Kaum hatte Lehder die Informationen zu dieser Verbindung in der Tasche, ließ er Jung links liegen, zog sein eigenes Ding durch und wurde zu einer großen Nummer im Medellín-Kartell. Jung war deswegen natürlich richtig sauer und dachte sogar darüber nach, Lehder zu töten.

Welche Rolle hat Carlos Lehder innerhalb des Medellín-Kartells gespielt?
Am Anfang spielte er noch eine sehr wichtige Rolle. Er entwickelte ja schließlich das Transportsystem, mit dem riesige Mengen Kokain in die USA gebracht wurden, wo sich der größte Drogenmarkt der Welt befindet. Das hat dann wiederum zu einer Rauschmittel-Epidemie geführt, die die USA in den späten 70er und 80er Jahren fest im Griff hatte. Vor Lehder haben das Medellín-Kartell und andere kolumbianische Kokainschmuggler noch auf Drogenkuriere gesetzt—also Menschen, die die Drogen an oder in ihrem Körper transportierten. Das ist jedoch eine nicht wirklich effiziente Schmuggelmethode, weil man damit keine großen Mengen bewegen kann.

Lehder kaufte eine Bahamas-Insel namens Norman's Cay, die dann als Übergangspunkt genutzt wurde. Man flog das Kokain auf die Insel und von dort aus setzte man kleine Flugzeuge ein, um den Stoff dann weiter in die USA zu transportieren. Der Direktflug von Kolumbien in die USA dauerte einfach viel zu lange, aber nun war es dem Kartell möglich, riesige Mengen Drogen in einem Rutsch zu schmuggeln. Im Grunde war die Norman's-Cay-Route von 1978 bis 1982 oder 1983 in Betrieb. Dann setzte die US-Regierung dem Ganzen ein Ende und die Drogenbosse mussten neue Wege finden, ihre Ware in die USA zu bringen. So kam es auch, dass Lehder für das Kartell immer unwichtiger wurde.

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Kannst du uns ein bisschen mehr über die Insel erzählen? Was genau ging dort ab?
Die Insel befindet sich knapp 340 Kilometer vor der Küste Floridas und stellt somit den idealen Standort zum Drogenschmuggel dar. Es heißt immer, dass Lehder Norman's Cay zwischen 1978 und 1982 für kriminelle Zwecke nutzte, aber ich glaube, dass das Ganze noch bis Mitte der 80er Jahre andauerte. Da er die richtigen bahamaischen Behörden schmierte, konnte Lehder auf der Insel quasi machen, was er wollte. Er schaffte viele Frauen ran und unter seinem Kommando wurde der Ort schnell für Sexpartys und Drogenkonsum berühmt-berüchtigt.

Was für ein Mensch ist Carlos Lehder?
Ein interessanter und komplizierter Mensch. Sowohl die guten als auch die ehemals bösen Jungs schreiben ihm viel Charisma zu. Er wurde damals sowohl von den Frauen als auch von den Männern als sehr attraktiv empfunden. Es gibt auch Geschichten, in denen Lehder als bisexuell dargestellt wird. Er ist ein Hedonist und ich glaube, dass er sich nur schwer unter Kontrolle hatte. Wenn das jedoch der Fall war—was mit der Zeit immer seltener vorkam—, dann konnte man ihn ruhigen Gewissens als fähigen oder sogar brillanten Menschen bezeichnen. Entgegen der allgemeinen Meinung neigt Lehder nicht zur Gewalt. Als ich mein Buch fertigstellte, fragte ich mich wirklich, ob er überhaupt mal jemanden umgebracht hatte.

Man sagt, dass Lehder Nazi-Sympathien hegt. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Aussage?
Lehders Vater Wilhelm war ein Nazi-Sympathisant und bewunderte Hitler. Vor dem Zweiten Weltkrieg zog Wilhelm von Deutschland nach Kolumbien und arbeitete dort dann als Ingenieur. Er spielte bei der Modernisierung des Transportsystems in den ländlichen Gegenden des Landes tatsächlich eine große Rolle. Während des Zweiten Weltkriegs hatte die US-Botschaft in Kolumbien dann immer ein Auge auf Wilhelm. Grund dafür waren eben dessen Nazi-Sympathien. Ich glaube, dass Carlos die Ansichten und den Antisemitismus seines Vater dann einfach übernommen hat. Er leugnet zum Beispiel auch den Holocaust. Es gibt viele Anzeichen dafür, die Lehder wirklich als Neonazi dastehen lassen. Er hatte damals auf jeden Fall keine Probleme damit, seine Ansichten und Überzeugungen kundzutun, und lobte des Öfteren Hitler bzw. wetterte gegen die Juden.

Wie stand Lehder mit dem allmächtigen Pablo Escobar im Verhältnis?
Die Beziehung zwischen den beiden war ständig von Spannungen geprägt, da Lehder eine solch unvorhersehbare und hedonistische Persönlichkeit besitzt. Escobar hielt sich hingegen lieber bedeckt. Eigentlich kann man hier schon von einem Persönlichkeits-Konflikt sprechen. Als Lehder jedoch die Norman's-Cay-Route aufbaute, sah Escobar ihn als extrem nützlich an und tolerierte ihn deswegen auch.

Wie bereits gesagt, nahm Lehders Wert mit der Zeit jedoch immer mehr ab und er wurde zu einer Figur, die das Medellín-Kartell als peinlich bzw. sogar als Risiko ansah. Auch Escobar hatte keinen Respekt mehr für Lehder übrig. Mich verwundert es ehrlich gesagt, dass Lehder zu dieser Zeit nicht umgebracht wurde. Es besteht jedoch der Verdacht, dass es Escobar war, der Lehders Aufenthaltsort an die Behörden weitergegeben hat, die ihn dann hochnehmen und an die USA ausliefern konnten. Escobar bestritt diesen Vorwurf allerdings in einem öffentlichen Brief.

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Lehder war eine der ersten Kartell-Schlüsselfiguren, die festgenommen und ausgeliefert wurden, richtig?
Vor Lehders Festnahme und Auslieferung hat Kolumbien keine Drogenschmuggler für die USA freigegeben—selbst wenn Uncle Sam das verlangte. Nach Lehder folgten jedoch Hunderte Auslieferungen. Das Ganze wurde so geläufig, dass die US-Medien gar nicht mehr darüber berichteten. Zum damaligen Zeitpunkt war Lehders Gerichtsverhandlung der größte Prozess, der einem ausländischen Drogenschmuggler in der Geschichte der USA jemals gemacht wurde.

Hat er bei seinem Prozess gegen irgendjemanden ausgesagt?
Zwar haben viele seiner ehemaligen Kameraden bei der Gerichtsverhandlung gegen ihn ausgesagt, aber Lehder selbst verriet nicht wirklich viel und wurde schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Bewährung plus weitere 135 Jahre verurteilt. Er war dann allerdings einer der Hauptzeugen beim Prozess gegen den panamaischen Diktator Manuel Noriega. Lehder hoffte, so irgendwie eine Verkürzung seiner eigenen Haftstrafe erreichen zu können. Man sagt, dass er entweder in Kolumbien oder in Deutschland ins Gefängnis wollte. Berichten zufolge wurde seine Strafe 1992 tatsächlich auf 55 Jahre reduziert—eben weil er sich dazu bereit erklärt hatte, gegen Noriega auszusagen.

Stimmt es, dass Lehder einem Zeugenschutzprogramm unterliegt, obwohl er im Gefängnis sitzt? Das ist doch ziemlich ungewöhnlich.
Er ist Teil von WITSEC, einem staatlichen Zeugenschutzprogramm, das vom US-Justizministerium verwaltet und vom United States Marshals Service durchgeführt wird. Das Ganze ist dazu da, um bedrohte Zeugen vor, während und nach der Gerichtsverhandlung zu schützen. Drei Jahre nach Noriegas Verurteilung schrieb Lehder einen Brief an den Amtsrichter von Jacksonville, in dem er sich darüber beschwerte, dass sein Gesuch nach einer Verlegung in ein deutsches Gefängnis abgelehnt wurde. Dieser Brief wurde als Drohung gegen den Richter ausgelegt. Kurz nach diesem Zwischenfall wurde Lehder laut mehrerer Zeugenaussagen mitten in der Nacht plötzlich aus dem Gefängnis entfernt, in dem er saß. Lehder hat sich zwar mehrere Male vor Gericht gegen die Behandlung durch die US-Behörden beschwert, aber ich gehe davon aus, dass er sich immer noch im Zeugenschutzprogramm befindet.

Wo glaubst du, befindet sich Lehder derzeit?
In Bezug auf Lehders Aufenthaltsort gibt es viele Verschwörungstheorien. Einige davon sind allerdings so richtig abstrus—zum Beispiel soll er nicht mehr im Gefängnis sitzen, sondern jetzt für die CIA arbeiten. Diese Theorie wurde jedoch vor ein paar Jahren entkräftet, als Lehders Anwalt bei einem US-Gericht auftauchte, um die US-Regierung in Lehders Namen zu verklagen. Ich bin mir sicher, dass sich Lehder immer noch hinter Gittern befindet. Und daran wird sich bis zu seinem Lebensende auch nichts ändern.

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