Popkultur

Freddie Mercurys persönlicher Assistent über ihre turbulente Zeit

"Die Polizei wusste, dass Freddie Kokain nahm, und hatte damit kein Problem."
4.2.20
Freddie Mercury von Queen macht einen Kussmund
Freddy Mercury | Foto: Peter Röshler © Mercury Songs Ltd

Queen-Frontmann Freddie Mercury und sein persönlicher Assistent Peter Freestone befanden sich gerade in einem der vielen Schlafzimmer auf Michael Jacksons Neverland Ranch. Das Terrarium der Boa constrictor wurde nur von zwei Holzlatten mit ein paar Steinen oben drauf dicht gehalten. Die riesige Schlange starrte die beiden Männer mit ihren hypnotisierenden Augen an.

Der Nachmittag war aber auch ohne die Schlange sehr aufregend gewesen. Jackson hatte seine Gäste über das Neverland-Gelände geführt und ihnen seine Enten, Gänse, Schafe und Lamas vorgestellt. "Kurz darauf gingen wir in das Schlafzimmer mit der Schlange. Michael erzählte uns, wie gern er auf dem Boden schliefe, weil er sich so nah an der Erde wohler fühle", erinnert sich Freestone heute. "Freddie konnte sich nicht zurückhalten und wies Michael darauf hin, dass die Schlafzimmer dann im Erdgeschoss doch besser aufgehoben seien."


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Seit diesem Tag sind 36 Jahre vergangen, aber Freestone kann sich noch gut daran erinnern – genauso gut wie an den Moment, in dem er Freddie Mercury zum ersten Mal sah. Da trank Freestone gerade einen Tee im Rainbow Room Restaurant vom Biba, einem berühmten Londoner Modegeschäft der 60er Jahre. "Aus irgendeinem Grund drehte sich plötzlich jeder um", erzählt er. "Ich schaut auf und erblickte Freddie: langes Haar, eine Jacke aus Fuchsfell und schwarz lackierte Fingernägel. Man konnte gar nicht anders, als ihn anzustarren."

Diese kurze Begegnung beeindruckte Freestone nicht wirklich, denn durch seine Anstellung am Royal Opera House war er es gewöhnt, auf große Stars zu treffen. Zudem stand er eher auf klassische Musik als auf den Rock'n'Roll, den Queen spielte.

Sechs Jahre später kreuzten sich die Wege der beiden Männer erneut. Mercury war gerade mit dem Royal Ballet aufgetreten, als ihm Freestone bei der After-Show-Party vorgestellt wurde. Die beiden kamen ins Gespräch und Mercury wollte wissen, mit was genau Freestone sein Geld verdient. "Ich erklärte ihm, dass ich mich um Kostüme und Outfits kümmere", sagt Freestone. Eine Woche später bekam er dann wie aus dem Nichts einen Anruf von Mercurys Team. "Sie fragten, ob ich für eine sechswöchige Tour verfügbar sei. Ich sollte mich um die Bühnenoutfits der Band kümmern."

Vom Outfit-Ausstatter zum persönlichen Assistenten von Freddie Mercury

Nach dieser Tour war Freestone nicht mehr für die Outfits verantwortlich, sondern wurde zum persönlichen Assistenten von Freddie Mercury befördert. Schnell wurden die beiden Männer zu engen Freunden, Freestone wich Mercury von da an zwölf Jahre lang nicht von der Seite.

Freddie Mercurys ehemaliger persönlicher Assistent Peter Freestone

Peter Freestone im Jahr 2016 | Foto: CTK / Alamy Stock Photo

"Wir verstanden uns, ohne das anfangs überhaupt zu merken", sagt Freestone. "Wir sind ähnlich aufgewachsen, wir wurden beide im jungen Alter auf Internate in Indien geschickt." Die zwei Männer waren bald so sehr auf einer Wellenlänge, dass Mercury gar nichts mehr sagen musste, wenn er etwas wollte. Alles lief intuitiv ab. Egal ob es ein Glas Wasser, eine Zigarette oder ein offenes Ohr für den Frust nach eine Pressekonferenz mit nervigen Journalisten war, Freestone wusste immer direkt, was fehlte.

Freddie Mercurys Kokainkonsum

Mercury war bekannt für seinen Hang zum Hedonismus. Also lag es an Freestone, dass die nötigen Partyzutaten immer vorhanden waren – egal, wo auf der Welt die Band auch gerade tourte. "Ich muss die Rock'n'Roll-Legende leider entkräften: Es hat nie kleinwüchsige Menschen gegeben, die auf Partys mit Schüsseln voller Kokain auf dem Kopf herumliefen", sagt Freestone lachend. Trotzdem war es kein Geheimnis, wie sehr sein Chef auf die Droge stand. "Die Polizei von Kensington [der Londoner Stadtteil, in dem Mercury wohnte; Anm. d. Red.] wusste, dass Freddie Kokain nahm. Die Beamten hatten damit kein Problem. Er hat ja auch kein großes Ding daraus gemacht und immer nur im privaten Kreis konsumiert."

Da die Beziehung zwischen ihm und seinem Chef so persönlich war, lernte Freestone auch die verletzliche und unsichere Seite von Freddie Mercury kennen.

In London Kokain zu besorgen, war keine große Herausforderung. Auf Tour konnte das schon interessanter werden: "In New York bildete sich vor einer Tür eine Schlange. Man stellte sich mit an. Wenn man dann dran war, ging man rein und stand vor einem Tisch mit Werkzeugkisten. Jede war voll mit Drogen. Ich holte, was Freddie wollte, und zahlte beim Rausgehen."

Freestone sagt, dass er Mercurys Drogenkonsum nicht als Sucht einschätze. Der Sänger habe immer alles unter Kontrolle gehabt. "Er konsumierte nicht täglich, sondern nur um die viermal pro Woche", sagt er. "Außerdem hatte Freddie immer etwas für den nächsten Tag übrig. Er nahm nie alles auf einmal." Eine Einschätzung, die man auch anders sehen kann.

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Da die Beziehung zwischen ihm und seinem Chef so persönlich war, lernte Freestone auch die verletzliche und unsichere Seite von Freddie Mercury kennen. Er erzählt von zwei Versionen des Sängers: die eine Version, die wir alle kennen und die beim Live-Aid-Auftritt die Welt fest im Griff hatte, und die Version, die es aufgrund von fehlendem Selbstvertrauen nicht schaffte, einen Raum voller fremder Menschen zu betreten und sich vorzustellen.

Verschiedene Fotos von Freddie Mercury

Foto: Mercury Songs Ltd

Mercurys Aidsdiagnose

An einem ruhigen Maimorgen im Jahr 1987 konfrontierte Mercury Freestone in seinem Anwesen in Kensington mit einer Hiobsbotschaft. Freestone war gerade in der Küche, als der damals 40-jährige Sänger ihm erzählte, dass man bei ihm Aids diagnostiziert hatte. "Mir rutschte das Herz in die Hose", sagt Freestone. "Wir wussten beide, dass das Freddies Todesurteil war. Und ich wusste, dass ich absolut nichts dagegen tun konnte. Er sagte, dass wir nicht mehr darüber reden würden. So wie er es sah, hatte er noch den Rest seines Lebens zu leben."

Letztendlich entschied Mercury selbst, wann seine Zeit gekommen war. Am 10. November 1991 hörte er auf, die Medikamente zu nehmen, die ihn am Leben hielten. Wie bei vielen Männern, die auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie mit anderen Männern schliefen, hatte Aids dem Sänger jegliche Kontrolle entzogen. Indem er seine Pillen nicht mehr schluckte, holte er sich diese Kontrolle zurück. In den letzten Wochen seines Lebens war immer jemand an seinem Krankenbett. Drei Freunde wechselten sich in Zwölf-Stunden-Schichten ab und stellten so sicher, dass Mercury zu keinem Zeitpunkt alleine war.

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"Anfang der Woche war er noch extrem angespannt", erinnert sich Freestone zurück. Das änderte sich, als Mercury am Abend des 22. November 1991 seine Aids-Erkrankung in einer Pressemitteilung öffentlich machte.

"Das war das letzte Mal, dass wir miteinander sprachen."

"Genau da begann meine Zwölf-Stunden-Schicht mit ihm", sagt Freestone. "Ich hatte Freddie seit Jahren nicht mehr so entspannt erlebt. Es gab keine Geheimnisse mehr, er versteckte sich nicht mehr länger. Er wusste, dass das Statement nötig war. Sonst hätte es so gewirkt, als sei Aids etwas Schmutziges, das man besser unter den Teppich kehrt."

Wenn die beiden Männer in dieser Nacht nicht zusammen lachten und sich an ihre gemeinsame Zeit zurückerinnerten, saß Freestone ruhig am Bett und hielt die Hand seines Freundes.

"Dann war es acht Uhr morgens", sagt Freestone mit leicht zitternder Stimme. "Ich war kurz davor zu gehen. Da nahm Freddie meine Hand und wir schauten uns an. Er sagte: 'Danke.' Ich weiß nicht, ob er wusste, dass sein Ende nahte, und er sich für die zwölf gemeinsamen Jahre bedanken wollte oder nur für die vergangenen zwölf Stunden. Ich werde es auch nie erfahren, denn das war das letzte Mal, dass wir miteinander sprachen."

Nach über einer Stunde Gespräch bleibt noch Zeit für eine finale Frage an Freestone: Ist es schwer zu akzeptieren, dass das gesamte eigene Leben vor allem von der Beziehung zu einem anderen Menschen definiert wird?

"Es dauerte lange, bis ich das akzeptieren konnte", antwortet er. "Ich habe zwölf Jahre für Freddie gearbeitet. Danach hat er mich aber noch 28 weitere Jahre begleitet." Anfangs verstand Freestone nicht, warum die Leute seine Hand schütteln oder Fotos mit ihm machen wollten. Als er sich mit der Zeit aber daran gewöhnte, verstand er, was die Fans von ihm wollten. "Für sie bin ich einer der letzten Menschen, die Kontakt zu Freddie Mercury hatten. Sie schütteln meine Hand, obwohl ich ihnen sage, dass ich sie seit der letzten Begegnung schon oft gewaschen habe."

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