So analysieren Wissenschaftler das Dschungelcamp

"Das Dschungelcamp hat die Inszenierung von Ekel im Fernsehen erfunden. Und das war clever, denn Ekel zieht immer."

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27 Januar 2017, 6:15am

Collage bestehend aus Bildern von imago, ZUMA Press und RTL

Wirklich geübte Trash-TV-Fans lassen sich vom Dschungelcamp nicht aus der Ruhe bringen. Prüfungen, in denen Kandidaten Krokodilpenisse verspeisen oder in einen Käfig mit Ratten gesperrt werden, sind für sie so aufregend wie die Wettervorhersage.

Aber diese Woche war es anders. Selbst abgehärtete Zuschauer hielten einen Moment lang inne, um ein bisher ungekanntes Grauen zu beobachten: Marc Terenzi, ehemaliger Boyband-Posterboy und mittlerweile mittelloser Stripper, musste ein Schnapsglas füllen, indem er pralle Fischaugen aufbiss und den zähflüssigen, braunen Schleim aus dem Augeninneren in das Glas spuckte. Viele, viele Fischaugen ploppten zwischen Terenzis Backenzähnen auf, bis das Glas endlich voll war – und der Sänger es mit schleimverschmierten Kinn auf ex leerte. Die Reaktionen der Zuschauer auf Twitter lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Warum tun Menschen sich das eigentlich an? Diese Frage stellt sich auch die Wissenschaft. Forscher versuchen zu verstehen, warum das Dschungelcamp mit immer krasseren Ekel-Momenten seit 13 Jahren zu den quotenstärksten Sendungen des deutschen Fernsehens gehört.

Wir haben verschiedene  Wissenschaftler gefragt, welche Antworten sie dafür gefunden haben – und welche noch nicht.

Die Medienwissenschaftlerin

Prof. Joan Bleicher schaut das Dschungelcamp fast jeden Abend. Seit 17 Jahren beschäftigt sich die Medienwissenschaftlerin der Uni Hamburg mit dem deutschen Reality-TV. "Die Sendung wird als Event konstruiert. Schon Wochen vor der Show gibt es eine riesige Vorberichterstattung in allen Medien, wer die neuen Kandidaten sind und was sich zwischen ihnen möglicherweise für Skandale anbahnen", erklärt Bleicher den Erfolg. RTL selbst bewirbt es in allen möglichen Sendungen. Der Eventcharakter des Dschungelcamps wird dadurch verstärkt, dass die Show nur zwei Wochen dauert, statt sich wie andere Formate über Monate hinzuziehen.

Es ist außerdem ein Hybrid aus erfolgreichen Fernsehformaten, sagt Bleicher: "Im Dschungelcamp gibt es Spielelemente aus Gameshows, Konflikte und Dialoge wie in einer Daily Soap, Dauerbeobachtung wie bei Big Brother und Comedy durch die ironischen Kommentare der Moderatoren. Dazu kommen skurrile Z-Prominente in problematischen Lebenssituationen und interaktive Spielmöglichkeiten für die Zuschauer.".

Selbst Elemente des Liebesfilms werden in das Format integriert, denn in jeder Staffel wird geturtelt – wie in diesem Jahr Gina-Lisa und Alexander "Honey" Keen. Dieses Gemisch aus allem, was Quote bringt, platziert RTL dann in das spannend-exotische Setting des Dschungels, das wir aus Filmen mit Indiana Jones und Tarzan kennen. "Aus medienwissenschaftlicher Sicht macht die Show also vieles richtig", sagt die Wissenschaftlerin.

Die zentrale Idee des Formats, Kandidaten durch Prüfungen zur Belustigung des Publikums zu quälen, ist allerdings nicht neu. Das sogenannte Confrontainment hat im deutschen Fernsehen schon in den 80er Jahren funktioniert: In der Show 4 gegen Willi in der ARD wurden Wohnungseinrichtung oder Autos der Kandidaten vor ihren Augen zerstört. "Wenn andere leiden oder sich streiten, so die Strategie, sehen die Zuschauer hin und sind erleichtert, dass es ihnen nicht passiert. RTL schließt sich mit dem Dschungelcamp also an erfolgreiche Confrontainment-Formate der Fernsehgeschichte an", so Bleicher.

Allerdings ist es schon etwas anderes, ob jemand dazu gezwungen wird, beim Plattmachen seines Autos zuzusehen oder in Fischinnereien zu baden und sich eine Folge später Straußenanus in den Mund zu schieben.

Marc Terenzi beißt auf ein Fischauge | Foto: RTL

Der Medienpsychologe

"Das Dschungelcamp hat die Inszenierung von Ekel als zentrales Element eines Fernsehformats quasi erfunden. Und medienpsychologisch betrachtet war das clever, denn Ekel zieht immer", sagt Prof. Frank Schwab. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Medienpsychologie an der Uni Würzburg und forscht seit 25 Jahren zum deutschen Reality-TV.

"Zuschauer suchen im Fernsehen nach Sendungen mit Emotionen. Es ist zum Beispiel schwierig, eine mitreißende Sendung über den Einbau von Grafikkarten zu drehen, weil das für viele ein emotionsarmes Thema ist", sagt er. Wer die Zuschauer zum Lachen oder Weinen bringen möchte, muss viel Arbeit investieren und originelle Ideen haben. 

Ekel hingegen lässt sich leicht erzeugen, es gibt ein Rezept: "Der durchschnittliche westliche Zuschauer ekelt sich ziemlich sicher vor Objekten, die an oder in den Körper geführt werden, obwohl sie als schädigend eingeschätzt werden und dort nichts zu suchen haben – wie Maden, Kakerlaken oder Körpersekrete anderer Organismen", so Schwab.

Der Ekel-Overkill sorgt dafür, dass die Zuschauer sich selbst besser fühlen. Sie sitzen immerhin gemütlich auf ihrer Couch und mampfen Chips, während die Kandidaten im Camp leiden. In der Sozialpsychologie wird dies als Sozialer Vergleich beschrieben. "Die Zuschauer vergleichen sich mit den Kandidaten und stellen für sich fest: 'So verrückt wie Hanka bin ich zum Glück nicht' oder 'In der Dschungelprüfung würde ich mich nicht so dusselig anstellen'", sagt der Wissenschaftler.

Weil die Kandidaten im Camp ehemalige Prominente sind, funktioniert das noch besser. Der Zuschauer kann sich Menschen überlegen fühlen, die früher mal wegen ihres Geldes oder ihrer Bekanntheit über ihm standen. "Das hebt die eigene Stimmung und den Selbstwert und sorgt dafür, dass die Zuschauer immer wieder einschalten. Sie merken, dass es ihnen nach der Sendung irgendwie besser geht", so Schwab.

Die Zuschauer-Expertin

Dr. Eva Hammes hat in ihrer Doktorarbeit untersucht, warum sich Menschen Reality-Shows wie Frauentausch oder Die Wollnys anschauen. Neben Interviews mit Zuschauern wertete sie 140 A4-Seiten Kommentare von den offiziellen Facebook-Seiten der Sendungen aus. Wenn einer weiß, wie die Zuschauer solcher Formate ticken, dann sie.

Hammes fand heraus, dass zu den wichtigsten Motiven, ins Camp einzuschalten, Schadenfreude und für manche sogar Fremdscham gehören. "Gerade was Schadenfreude angeht, kommen die Zuschauer beim Dschungelcamp voll auf ihre Kosten. Ich vermute, dass RTL die Teilnehmer auch nach diesem Kriterium castet und versucht, dass für jeden Zuschauer ein Personentyp dabei ist, den er überhaupt nicht leiden kann – und sich umso mehr darüber freut, wenn dieser Kandidat in eine Dschungelprüfung muss", sagt Hammes.

Was Fremdscham angeht, sei die Sache schwieriger: "Manche Zuschauer haben in ihren Facebook-Kommentaren klar geschrieben, dass sie es geil finden, sich fremd zu schämen. Andere hingegen finden diese Emotion sehr unangenehm und nehmen sie eher als Grund weiterzuschalten."

Wer aber zu der Gruppe gehört, die auf Fremdschämen steht, bekommt auch im Dschungelcamp seine Portion Facepalm geliefert. Denn in den Reality-Shows, die Hammes analysierte, trat Fremdscham bei den Zuschauern besonders dann auf, wenn Grenzen bei Körperhygiene oder sozialen Normen überschritten wurden. Und dass das beim Dschungelcamp gerne mal der Fall ist, wissen wir nicht erst, seitdem Schlagersänger Klaus in der Staffel 2013 der Fernsehnation seine Geschlechtsteile präsentierte.

Was die Wissenschaft noch erforschen will

Bleibt bei all den Erkenntnissen überhaupt noch was zum Erforschen übrig für die nächsten Staffeln? Allerdings. Die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher hofft auf mehr Studien zu den tatsächlichen Produktionsabläufen der Show. Nach welchen Kriterien erfolgt das Casting der Darsteller? Welche Szenen schaffen es tatsächlich in die Show und wie werden diese in der Postproduktion kombiniert?

Den Medienpsychologen Frank Schwab hingegen würde interessieren, wie Zuschauer die Sendung gucken. Was machen sie dabei eigentlich? Führen sie auf der Couch philosophisch-moralische Gespräche über die Ereignisse im Camp? Twittern sie nonstop? 

"Was bisher außerdem fehlt, sind langfristig angelegte Studien über die psychologischen Folgen des Dschungelcamp-Konsums für die Zuschauer", sagt Schwab.

Wir sind uns sicher: Noch ein paar mehr Dschungelprüfungen wie Marc Terenzis Augen-Auslutschen und die Forscher der Zukunft werden wahrscheinlich von einer traumatisierten "Generation Dschungelcamp" sprechen.

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