Rassismus

"Ich bin in den 90ern aufgewachsen und habe nie eine Lehrerin of Color zu Gesicht bekommen"

Auch heute sind die meisten Lehrenden an Schulen und Hochschulen weiß. Professor Karim Fereidooni erklärt, warum sich das ändern muss.

von Rebecca Baden
30 April 2019, 2:31pm

Foto: Hörsaal | imago | Photothek || Notizblock | imago | Westend61 || Daten: zur Verfügung gestellt von Karim Fereidooni || Collage: VICE

Wenn Unis und Hochschulen damit werben, besonders divers zu sein, bedeutet das nicht immer, dass sie es auch sind. Zum Beispiel, wenn sie Fotos von Schwarzen Studenten als Beweis für ihre Internationalität auf die Website packen, obwohl besagte Studenten keine Ausländer sind. Oder wenn die einzige Diversität in den Seminaren und Vorlesungen daraus besteht, dass die einen ein Mann namens Wolfgang anbietet – und die anderen ein Professor, der Peter heißt. In ihrer Februar-Ausgabe wertete die Zeit Campus-Redaktion die Vornamen aus dem "Hochschullehrerverzeichnis 2018" des deutschen Hochschulverbands aus. Und fand heraus, dass die deutsche Bildungslandschaft alles andere als divers ist.

Bei etwa 62.000 Professoren und Professorinnen kommt der Name "Hans" in unterschiedlichen Schreibweisen über 2.000 Mal vor, danach folgen Klaus, Peter und Wolfgang. Der erste Frauenname taucht auf Platz 62 der Liste auf: Susanne, mit 212 Professuren.

Der Professor Karim Fereidooni
Foto zur Verfügung gestellt von Karim Fereidooni

Doch was ist mit Namen wie Karim, Kofi oder Fatima? Das fragte sich der Sozialwissenschaftler und Rassismusforscher Karim Fereidooni und besorgte sich weitere Zahlen aus der Liste. Fereidooni, 35, hat eine Juniorprofessur für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Uni Bochum und forschte für seine Dissertation zu Rassismuserfahrungen deutscher Lehrkräfte. Davor unterrichtete Fereidooni selber sechs Jahre lang an einem Gymnasium.

Sein eigener Vorname, Karim, taucht im Verzeichnis nur fünf Mal auf. Im Interview mit VICE erklärt Fereidooni, warum diese Zahl zu niedrig ist.

VICE: Warum ist es so wichtig, dass mehr People of Color an Schulen oder Unis arbeiten?
Karim Fereidooni: Die Lehrer_innenzimmer und Professor_innenränge [Anm. d Red.: Fereidooni macht im Interview eine kurze Pause, wenn er Begriffe gendert – deshalb nutzen wir in diesem Text den Unterstrich] sind noch kein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Das muss sich ändern. Vielen People of Color wird bereits in der Schule nicht zugetraut, einen akademischen Beruf zu erlangen. Aus unterschiedlichen Forschungsprojekten wissen wir, dass Personen, die den Vorgesetzten ähnlich sehen, oder einen vergleichbaren familiären Background oder Habitus haben, eher Karriere machen als Personen, denen diese Attribute fehlen.

Wissen Sie, wie viele nicht-weiße Professuren es aktuell in Deutschland gibt?
Das kann niemand beziffern. Das wird von Universitäten nicht abgefragt. Man macht bei der Bewerbung kein Kreuz, ob man weiß ist oder nicht. Ich persönlich kenne 15 bis 20 Professor_innen of Color in Deutschland – von insgesamt circa 60.000.


Auch bei VICE: Woher kommst du wirklich?


Haben Sie deshalb bei der Auflistung von Zeit Campus extra nach Namen gefragt, die in Ihrem Freundeskreis vorkommen?
Ja, mir war es wichtig, diese Statistik auf meine Lebensrealität zu beziehen. Die vorderen Plätze werden von den folgenden Männernamen ausgefüllt: Hans, Klaus, Peter, Wolfgang. Erst auf Platz 62 kommt mit Susanne der erste Frauenname. Das sagt schon viel über unser Wissenschaftssystem aus. In ganz Deutschland gibt es 13 Professoren, die Mohammed heißen, fünf die Karim heißen, keine Professorin mit dem Namen Fatima. Wenn man bedenkt, dass es über 60.000 Professuren in Deutschland gibt, ist das ein minimaler Anteil. Ich finde gut, dass so eine Auflistung erscheint. Aber es reicht nicht, sich dabei nur auf die Geschlechterverteilung zu fokussieren. Diversität betrifft mehr als nur das sozial konstruierte Geschlecht.

"Wenn du aufwächst, einen Beruf ergreifen willst und niemanden siehst, der aussieht wie du und deinen Traumberuf ausübt, denkst du: Vielleicht ist das nichts für mich."

Eine Uni-Kollegin von mir achtet bei der Auswahl von Mitarbeitenden darauf, viele Personen of Color einzustellen. Sie wurde gefragt, warum bei ihr "nur Ausländer" arbeiten. Bei Frauen, die vermehrt Frauen fördern oder bei Nicht-Weißen, die andere People of Color einstellen, heißt es oft, es werde nicht nach Leistung eingestellt. Dabei wurden weiße, heterosexuelle Männer aus der Mittelschicht über Jahrhunderte hinweg nicht vornehmlich wegen ihrer Leistung eingestellt, sondern aufgrund von Rassismus, Klassismus, Sexismus oder Heteronormativität. Es gibt viele Menschen, die Professor_innen sein können, aber nur wenige, die die Möglichkeit dazu bekommen.

Wenn ich Leute frage, warum Redaktionen oder Büros nicht diverser sind, sagen sie oft, es gebe keine Bewerbungen von People of Color.
Es kann sein, dass Identifikationsangebote fehlen. Als ich aufgewachsen bin und einigen meiner Lehrer_innen gesagt habe, dass ich Abitur machen und selber Lehrer werden will, haben sie mich ausgelacht. Ich bin in den 90er Jahren aufgewachsen und habe nie eine_n Lehrer_in of Color zu Gesicht bekommen. Wenn du aufwächst, einen Beruf ergreifen willst und niemanden siehst, der aussieht wie du und deinen Traumberuf ausübt, denkst du: Vielleicht ist das nichts für mich. Universitäten und Schulen haben der Gesellschaft gegenüber eine Verpflichtung: Alle Personen sollten sich von Bewerbungen angesprochen fühlen. Wenn Menschen of Color sich nicht bewerben, muss man aktiv dafür sorgen, dass sie das tun.

Sie haben zu Rassismus an deutschen Unis und Schulen geforscht. Werden nicht-weiße Lehrkräfte anders behandelt als weiße?
Ich habe einen Fragebogen an 159 Referendar_innen und Lehrkräfte of Color herausgegeben. 60 Prozent haben angegeben, dass sie Rassismus im Lehrer_innenzimmer, in Studienseminaren oder im Klassenraum erfahren haben. 40 Prozent waren anderer Meinung. Nachdem die Auswertung abgeschlossen war, habe ich zehn problemzentrierte Interviews geführt. Fünf mit Personen, die der Meinung waren, Rassismus erfahren zu haben. Und fünf mit Personen, die angaben, nichts mit Rassismus in ihrem Berufsumfeld zu tun haben. Alle zehn – also auch die, die gesagt haben, dass sie keinen Rassismus erfahren – haben mir von rassismusrelevanten Erfahrungen berichtet. Die Zahl vom Anfang sagt also im Grunde nichts aus. Denn auch die Personen, die sich den 40 Prozent ohne Rassismuserfahrungen zuordnen, haben solche Erfahrungen gemacht.

"Es gibt auch bei gut situierten oder gebildeten Leuten in deutschen Lehrer_innenzimmern Rassismus."

Das bedeutet, dass es unterschiedliche Definitionen darüber gibt, was Rassismus ist?
Das bedeutet, dass Distanzierungsmuster in unserer Gesellschaft wirken, die es kompliziert machen, Rassismus wahrzunehmen und dagegen vorzugehen. Oft wird Rassismus in die deutsche Vergangenheit verbannt oder als Problem von "ungebildeten" Menschen bezeichnet. Ich habe fünf Distanzierungsmuster herausgearbeitet. Man könnte dazu auch "Überlebensstrategien" sagen. Einige Personen haben mir gesagt: "Aber die Kolleg_innen sind doch so nett. Deswegen dachte ich, ich erfahre keinen Rassismus. Manchmal sagen sie aber Sachen, da kriege ich Bauchschmerzen." Andere haben gesagt, dass sie unsicher sind, ob sie Rassismus erfahren haben. Das könne man nicht so einfach benennen wie zum Beispiel den Diebstahl eines Portmonees. Und außerdem seien die Kollegen ja verbeamtet und gebildet, also vielleicht gar nicht in der Lage, rassistisch zu denken.

Es gibt auch bei gut situierten oder gebildeten Leuten in deutschen Lehrer_innenzimmern Rassismus. Rassismus ist ein globales Phänomen, das wir in jeder Gesellschaft finden. Und das jeder Person in der Sozialisierung mitgegeben wird. Die Frage ist also: Warum ist es schwierig, über Rassismus zu sprechen und wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus? Wenn ein Teil der Bürger_innen unseres Landes dauernd hört, Rassismus gebe es in Deutschland nicht mehr oder nur in Ostdeutschland, entwickelt sich ein fehlgeleitetes Verständnis. Rassismus wird tabuisiert und das führt dazu, dass Menschen nicht lernen, darüber zu reden.

Ich kenne viele weiße Menschen, die schon beleidigt sind, wenn sie als "weiß" bezeichnet werden.
Weißsein ist in Deutschland die Norm, und die bleibt unhinterfragt, wenn nur die anderen "mit komischen Namen" oder diejenigen, die "nicht typisch deutsch aussehen" markiert werden. Wenn jemand sagt: "In unserer Redaktion oder in unserem Hörsaal gibt es Rassismus. Lasst uns darüber reden", reagieren viele weiße Menschen dünnhäutig. Sie selber erfahren keinen Rassismus und sagen: "Stell dich nicht so an, das war nur ein Witz."

Die Benennung als "weiße Deutsche" ist keine Wiederholung des biologistischen Rassismus, der unterschiedliche "Rassen" definieren wollte. Wir wissen, dass es keine menschlichen Rassen gibt. Aber Rassismus hat diese "Rassen" erfunden und Menschen in Schwarz, Weiß, Rot eingeteilt, um die Ausbeutung afrikanischer Menschen zu rechtfertigen. Während hier in Europa die universellen Menschenrechte deklariert wurden, wurden in Afrika Menschen versklavt. Man brauchte einen Trick, um das zu legitimieren. Die Erfindung menschlicher Rassen war dieser Trick. In der Rassismusforschung versuchen wir, daran anzuknüpfen und neue Gedankengänge anzuregen: Inwiefern sind Menschen in einer rassistisch geprägten Gesellschaftsstruktur privilegiert? Inwiefern wurde mein Leben durch Rassismus beeinflusst? Was muss ich tun, um mich kritisch damit auseinanderzusetzen? Was muss ich tun, um zu begreifen, dass ich nicht mehr oder weniger wert bin als Menschen, die anders aussehen als ich?

"Wann war es ein Problem, dass Frauen an Schulen Kopftüchern trugen? Als sie die Schulen putzten? Oder erst, als sie gesagt haben: Ich trage ein Kopftuch und möchte unterrichten?"

Glauben Sie, weiße Menschen haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird?
Ich glaube, die Angst von Personen, die sich so äußern, kommt woanders her. Wenn weiße Deutsche über "die guten alten Zeiten der Bundesrepublik" reden, meinen sie 1960, vielleicht 1970. Eine Zeit, in der Frauen ihre Männer fragen mussten, ob sie arbeiten dürfen oder nicht. In der Männer und Frauen sich für ihre Homosexualität strafbar gemacht haben. Und in der People of Color "Gäste" und Arbeiter und Arbeiterinnen waren und Jobs hatten, die weiße Männer nicht machen wollten. Wann war es ein Problem, dass Frauen an Schulen Kopftüchern trugen? Als sie die Schulen putzten? Oder erst, als sie gesagt haben: Ich trage ein Kopftuch und möchte unterrichten?

Weiße Menschen sollten keine Angst haben, dass ihnen etwas weggenommen wird. Ganz im Gegenteil: Wenn sich weiße Menschen mit ihrem Weißsein und ihrem internalisierten Rassismus auseinandersetzen, gewinnen sie an persönlicher Freiheit. Sie befreien sich von einem Unterdrückungsystem, was Eltern, Schulbücher oder Freund_innen intendiert oder unintendiert beigebracht haben.

Was können einzelne weiße Personen tun, um das gesamtgesellschaftliche Problem zu verbessern?
Die einzelne weiße Person kann sich mit Rassismus beschäftigen und der Frage, was Rassismus mit ihrem Leben zu tun hat. In Bezug auf strukturelle Maßnahmen – zum Beispiel bei Stellenausschreibungen – können einzelne Professor_innen in ihrer Institution dafür sorgen, dass Diversität mehr als Geschlechtergleichstellung sein sollte. Weiße Professor_innnen können sich fragen, welche Personen sie in den letzten Jahren eingestellt haben und warum.

Wenn weiße Menschen nur rassismuskritisch sind, um Personen of Color zu helfen, ist das zum Scheitern verurteilt. Personen of Color sind keine Opfer, sondern intelligente, wunderschöne Menschen mit großartigen Potentialen. Sie brauchen keine Weißen, die ihnen sagen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. People of Color brauchen weiße Menschen, die sich mit ihrem Weißsein, und mit Rassismus, Sexismus, Klassismus und Heteronormativität auseinandergesetzt haben, um Rollenvorbilder für andere weiße Menschen zu sein. Rassismuskritik ist keine Einschränkung und kein Zusatzprogramm, sondern eine Grundeinstellung.

Wir sollten Allianzen schließen und uns fragen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Diesen Weg müssen weiße Menschen und Personen of Color zusammen gehen – und zwar auf Augenhöhe.

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