ANTIWORLD RHYTHMS UND DIE MACHT DES RADIOS
Die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist Petropawlowsk-Kamtschatski und mit ihren 200 000 Einwohnern vor allem für russische Verhältnisse provinziell klein. Aber für die kaum besiedelte Gegend, die flächenmäßig größer als Deutschland ist, ist es eine Art Metropole—mit von arktischen Seebären belagerter Bucht am Fuße zweier aktiver Vulkane und noch dazu in Sichtweite des größten sowjetrussischen Atom-U-Boot- Hafens. Hier kann man Ski fahren und gleich danach baden, quasi vom Gletscher in den Ozean hüpfen. Zumindest dann, wenn es gerade kein Erdbeben gibt, was zum Leidwesen der Bevölkerung aber fast wöchentlich vorkommt, weshalb die Häuser dort maximal vier Stockwerke hoch sind und seitlich mit Metall und Eisenwänden stabilisiert werden, auch zum
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Schutz gegen Wetterfronten. Diese Eisenwände sind oft verrostet oder verwildert und verleihen dadurch der Stadt einen ganz eigenen Charakter. Dazu kommen Unmengen an verlassenen Fabriken, die die Stadt umgeben und industrielle, apokalyptische Landschaften bilden. Hier können wir an Wochenenden das Wummern von Bass-Music-Raves wahrnehmen. In der „Sportbar“, dem zurzeit angesagtesten Club in Petropawlowsk mit variierenden Programm-Spots, kann es ohne Weiteres passieren, dass man auf James Hetfield, den Frontman von Metallica, trifft, wenn er gerade wieder mal auf Bärenjagd vor Ort ist.
„Ohne Geländewagen ist man hier verloren“, meint Albert Rivkin, „wenn der ganze Schnee auftaut. Ein Bekannter ist so verloren gegangen, ein talentierter Musiker, er hatte noch viel vor. Er ging zum Vulkan und kam nie wieder zurück. Das kann hier schon vorkommen, oft sogar“, führt Albert ziemlich nüchtern fort.
Albert ist Radiomacher, Creative Director der Radiostation „Radio 3“ in Petropawlowsk, DJ, Promoter und vieles mehr. Er ist jung, erfolgreich und kreativ à la Russe: er macht Radio-Werbeclips und Jingles für alle möglichen Firmen in Kamtschatka und auch Magadan—vom Wurstkombinat bis zur Molkerei—, natürlich für seinen Radiosender und für seine eigenen Musikprojekte. Seine wöchentliche Radiosendung Antiworld Rhythms, welche sich den aktuellen Trends und Spielformen der in- ternationalen Elektronik-Musik widmet, ist die hipste und meistgehörte Sendung. Sogar die Taxifahrer erkennen ihn an seiner prägnanten Stimme und zollen „big respect“. Das Radio ist das wichtigste Medium, es verbindet all diejenigen, die hier aus diversesten Gründen gelandet sind. Ureinwohner sind sie ja alle zusammen nicht. Ursprünglich wurde Kamtschatka von indigenen Völkern und Abenteurern besiedelt, die im 19. Jh. aus Sibirien zugewandert waren. Später kamen Einwanderer aus anderen Regionen der Sowjetunion hinzu, die entweder zum Militär gehörten oder deren Familienangehörige waren. Das Radio ist Kommunikationssystem und die einzige Verbindung zur restlichen Welt. Sonst ist ja alles nicht wirklich da, wie gesagt, die ganze weite Welt ist nicht so wirklich greifbar von hier aus. Japan, Amerika, Kanada usw. sind zwar in „Sichtweite“, aber ohne Visum eine Utopie in sich. Relevant ist von hier aus nur Moskau, wo es auch die begehrten Auslandsvisa zu ergattern gibt. Aber das liegt so ca. 8,5 Flugstunden und „einen Haufen Geld“ entfernt. Bleiben nur mehr die Charterflüge nach Thailand.
Die Jungs wirken zwar ziemlich provinziell, lassen sich aber von Pomassls Dancefloor Sound-Terrorismus nicht abschrecken.

„Das Projekt Antiworld Rhythms existierte jahrelang nur als Radiosendung, aber so vor sechs Jahren wurde mir klar, dass man für ein dementprechendes Party-Erlebnis großdimensionale Soundanlagen benötigt, also ein Clubformat braucht.“ Heute stellen Alberts monatliche Partys einen der wenigen Lichtblicke dar, die das exaltierte junge Publikum aus der Reserve holen. Und sie passieren dort, wo es gerade cool ist. Momentan ist es die „Sportbar“. „Die Location ist quasi dehnbar, man kann dort arbeiten.“ Albert meint damit, dass er am Abend vor dem Clubbing „Raumdesign und Deko“ selbst variiert und gestaltet.
„Nach einer Sendung und den selbstproduzierten Werbe-jingles zu jedem Antiworld–Rhythms-Club kommt auch die richtige Zielgruppe an Leuten hin, um den Abend zum Kochen zu bringen—diejenigen, die akustisch was Neues erleben wollen und offen sind für die abgespacetesten Dancefloortracks. Hier sind alle verrückt und exaltiert.“ Diesen Eindruck erfährt man schnell als Beteiligte bzw. Beteiligter. Die Audience hier will Extremes erleben—nicht auf das nächste Erdbeben warten, sondern hier und jetzt, am Dancefloor, als wäre es jedes Mal die letzte Party für die Crowd. „Wenn man übers Radio schon keine Musiker heranzüchten kann, dann zumindest MCs und DJs und ein dazu passendes, progressives Publikum. Auch hier am Ende der Welt. Oder am Anfang, je nachdem, wie man es sehen will.“
DIE MAGADANER ZWANGSARBEITSLAGER-ZEIT ODER: ALL „ROADS“ LEAD TO MAGADAN
Mit dem Flugzeug reisen wir weiter von Petropawlowsk- Kamtschatski, überqueren die Halbinsel Kamtschatka, das Ochotskische Meer, vorbei an diversen Vulkanen und landen in Magadan.
Am 28. März 2010 ist der russische Außenposten Kamtschatka mit der Region Magadan zu einer Zeitzone verschmolzen. Abgesehen von der Zeitzone verbindet die beiden Gebiete nur ein Linienflug, der einmal wöchentlich durchgeführt wird und auf dem ein Platz Euro 700,- kostet. Was aber auch nicht weiter tragisch ist, da man weder dort noch da etwas zu suchen hat, wenn man nicht dort oder da lebt. Eine Option für die Bewohner der beiden Gebiete ist nur Moskau. In Russland gibt es diese Einteilung in Ost- und Westküste wie in den USA nicht, es gibt nur das Zentrum und die riesige Peripherie—alles außerhalb des Moloches Moskau.
Dafür gibt es hier den frischesten roten Kaviar in Hülle und Fülle. So, wie in Europa die Butter, wird er täglich dick aufs Frühstücksbrot aufgetragen. Gesund und fast gratis, frisch aus den Flussbeständen der Umgebung.
Der rote Kaviar wird kübelweise konsumiert und in dieser Form wird er auch auf diversen lokalen Märkten in Kamtschatka und Magadan angeboten.

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