Wir haben mit einem seiner ehemaligen Schüler über Björn Höcke geredet

Der Thüringer AfD-Chef war ein ziemlich beliebter Lehrer—auch wenn er mit einer Faszination für Hitlers blaue Augen auffiel.

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Jan. 22 2016, 4:15pm

Foto: imago | Bild13

Bad-Sooden Allendorf, eine kleine Gemeinde im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis, direkt an der Grenze zu Thüringen, erreichte in den vergangenen Tagen bundesweite Aufmerksamkeit. Hier, an der Rhenanus-Schule, hat Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) im Thüringer Landtag, fast zehn Jahre lang die Fächer Sport und Geschichte gelehrt. Ginge es nach dem Willen des hessischen Kultusministers Alexander Lorz (CDU), dürfte Höcke keinesfalls in den Schuldienst zurückkehren. Er werde „alles dafür tun, dass Herr Höcke nicht mehr Unterricht an einer unserer Schulen erteilt", sagte Lorz der Frankfurter Rundschau.

Höcke, der dem völkischen Flügel der Partei zugerechnet wird und zuletzt wegen eines rassistischen Vortrags über den „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" in die Schlagzeilen geraten war, reagierte am Sonntag prompt mit einem offenen Brief auf das drohende Berufsverbot. Er erinnerte seinen Dienstherren an dessen Fürsorge- und Neutralitätspflicht. Seine dienstliche Leistung sei darüber hinaus nicht zu beanstanden. „Ich war ein bei Kollegen und Eltern geschätzter und bei Schülern beliebter Lehrer. Über diese subjektive Einschätzung können Sie sich gerne an meiner ehemaligen Schule Auskünfte einholen", schreibt Höcke.

Im Internet scheint es zu Höckes politischem Auftreten in der Schule geteilte Meinungen zu geben. Ein Schüler schrieb bei Facebook, Höcke habe sich in der Schule „mit volkstümelndem und homophobem Mist" zurückgehalten. Ein anderer Schüler entgegnete, dass ihm mit Blick auf die gegenwärtige Entwicklung Höckes einige der damals geführten Diskussionen klarer würden. „Mit dem heutigen Wissen würde ich schon sagen, dass es erkennbar war", heißt es in dem Kommentar. Höcke habe auch damals schon „zu gewissen Themen eindeutige Meinungen" gehabt.

Sebastian Liedtke* hat im Jahr 2013 sein Abitur an der Rhenanus-Schule absolviert und wurde während seiner Schullaufbahn mehrere Jahre von Höcke in Geschichte unterrichtet. Der 23-jährige Student erinnert sich noch sehr genau an seinen ehemaligen Lehrer. Höcke sei „gut gekleidet, nett und immer persönlich" aufgetreten. Er sei kein schlechter Lehrer gewesen, betont Liedtke. Den Unterricht habe Höcke oft spannender gestaltet als viele seiner Kollegen. An der Schule war er dementsprechend beliebt, zeitweise war er Vertrauenslehrer.

Sportlich und trainiert sei Höcke zudem gewesen, berichtet Liedtke. Täglich sei er mit dem Fahrrad durch den Wald zur Schule gefahren, gut zehn Kilometer sind das. „Die Schülerinnen waren begeistert, wenn er im Sommer während der Mittagspause auf dem Sportplatz oberkörperfrei zu sehen war", erzählt Liedtke. In einem Steckbrief über Höcke, den seine Schüler scherzhaft ausgefüllt und im „Abibuch" des Jahrgangs 2013 abgedruckt haben, wird ihm eine Ähnlichkeit mit dem TV-Schönling Wayne Carpendale attestiert. So weit, so unauffällig. Doch unter der Rubrik „Verfehlter Beruf" heißt es in dem Steckbrief auch: „Familienminister für die AfD".

Waren seine radikalen Ansichten also bekannt? Nein, sagt Liedtke, jedenfalls nicht in ihrer heutigen Form. „Wir wussten, dass er konservativ ist, vielleicht auch erzkonservativ, aber diese Ausmaße waren uns nicht klar." Sein Engagement in der AfD seit Frühjahr 2013 habe sich in der Schule aber schnell herumgesprochen, Höcke selbst habe in diesem Zusammenhang von einem „neuen Projekt" berichtet, das er angehen wolle.

Einmal Lehrer, immer Lehrer. Foto: imago | Karina Hessland

Rückblickend erscheinen Liedtke einige Erinnerungen an Höcke „zwielichtig", wie er sagt. So habe der Oberstudienrat im Geschichtsunterricht in der neunten Klasse wiederholt auf Gustave Le Bons Abhandlung über die „Psychologie der Massen" verwiesen, er sei „regelrecht fasziniert" davon gewesen. Das Hauptwerk des französischen Sozialpsychologen gilt als Begründungsschrift der Massenpsychologie. In der Masse, so Le Bon, seien die Individuen triebhaft, beeinflussbar, leichtgläubig. Sie bedürfe daher eines Führers: „Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß." Ein erfolgreicher Führer müsse durch die „Macht der Bezauberung" punkten. Bei Le Bon heißt diese Eigenschaft „Nimbus" oder „le prestige", heute würde man Charisma dazu sagen.

Charisma, erinnert sich Liedtke, das sei so eine weitere Sache gewesen, über die Höcke oft sprach. Einmal habe er erzählt, dass sein Großvater Adolf Hitler getroffen habe. Hitler habe „unglaublich blaue Augen" gehabt. Höcke habe dies als zentrales Element des Führerkults gewertet, ebenso bei Napoleon. Das war vor einigen Jahren. Heute dürften wohl viele AfD-Anhänger in Björn Höcke genau jenen charismatischen Führer einer aufbegehrenden Masse erblicken, den der Oberstudienrat damals seinen Schülern beschrieb.

Während andere Lehrer im Geschichtsunterricht ihren Schwerpunkt im Nationalsozialismus gesetzt hätten, habe Höcke sehr ausführlich die Deutsche Revolution 1848 behandelt, „das war ihm das Wichtigste". Liedtke sagt, eine Mitschülerin habe berichtet, dass sie mit Höcke ein halbes Jahr lang das Kaiserreich behandelt hätten, den Nationalsozialismus dagegen nur ein bis zwei Monate.

Aus seiner spirituellen Haltung habe Höcke in der Schule keinen Hehl gemacht. Einmal habe er sich als Anhänger des Deismus bezeichnet und angegeben, an den „Naturgeist" zu glauben. Überhaupt sei er sehr naturverbunden gewesen. Auch seine Begeisterung für die nordische Mythologie war den Schülern bekannt. Regelmäßig habe er eine Halskette mit einem Thorshammer-Anhänger getragen, erinnert sich Liedtke. Anfang des 20. Jahrhunderts fungierte das Symbol als Erkennungszeichen der „völkischen Bewegung", auch heute noch ist der Thorshammer nicht nur in der Metal-Szene, sondern auch und gerade in rechtsesoterischen und rechtsextremen Kreisen beliebt.

Als auf dem Abiball nach Höckes Rede zur Verabschiedung seiner Klasse der Song „Für immer jung" gespielt worden sei, habe er „etwas heroisch" mit Tränen in den Augen neben dem Mikrofon gestanden, erinnert sich Liedtke. „Er weiß sich zu präsentieren, das kommt manchmal fast einem Schauspieler gleich". Den Hang zum Pathos; der Versuch, gezielt die Massen zu „emotionalisieren", all das kann Liedtke bei Höcke auch heute noch wiederfinden, wenn er sich im Internet seine Reden auf dem Erfurter Domplatz anhört.

In seiner ehemaligen Schule hält man sich zu dem Thema bedeckt. Die Schulleitung macht keine Angaben zu Höcke, man dürfe sich aus rechtlichen Gründen gar nicht äußern. Der Vorstand des Elternbeirates ließ eine schriftliche Anfrage unbeantwortet. Das zuständige Schulamt war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, die Verantwortliche war dienstlich verhindert. Auch Höcke selbst wollte zu der ganzen Angelegenheit nichts sagen. Er ließ über die Pressesprecherin der Thüringer AfD-Fraktion ausrichten, dass er sich auch weiterhin „nicht über seine Zeit als Lehrer äußern wird".

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, beurteilt Höckes Äußerungen über den „afrikanischen Ausbreitungstyp" als „sehr grenzwertig". Positionen, die an biologische Rassentheorien erinnerten, hätten jedenfalls in einem neutralen und seriösen Unterricht nichts zu suchen. Rechtlich sei es aber nahezu ausgeschlossen, seine Rückkehr in den Schuldienst zu verhindern. „Wenn ich als Schulleiter Herrn Höcke zugeteilt bekäme, dann würde ich zunächst ein ernsthaftes Gespräch mit ihm führen und mir in gewissen Abständen durch unangekündigte Unterrichtsbesuche selbst ein Bild machen", so Kraus.

*Name geändert

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