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Fotos

Tränen, Likes und echte Freundschaften: 6 Monate unter YouTube-Fangirls

YouTube-Stars sind die neuen Boygroups, doch wer sind die Mädchen, die ihnen durch halb Deutschland nachreisen? Die Fotografin Kathrin Leisch hat sie begleitet.

von Lisa Ludwig
31 August 2017, 7:42am

Alle Fotos: Kathrin Leisch

LeFloid, Dagi Bee, Gronkh – während viele Jugendliche ihrer Kinderzimmerwände früher mit Postern von Eminem, Linkin Park oder den Spice Girls pflasterten, sind es heute oft YouTube-Stars, die die Massen zum Kreischen bringen. Doch wer sind diese YouTube-Superfans, die ihren Idolen nicht nur Likes und Aufrufe schenken, sondern auch oft durch ganz Deutschland fahren, um sie einmal live zu sehen?

Kathrin Leisch ist 28, Fotografin aus Berlin und hat für ihre Masterarbeit eine Gruppe junger Mädchen für ein halbes Jahr lang begleitet, um genau das herauszufinden. Herausgekommen ist dabei So Close? – YouTube Fangirls, ein ganz undigitales Buch über Fankultur und Liebe. Zum Star, vor allem aber auch zwischen den Mädchen. Wir durften einen Blick in Leischs analoges Fotoarchiv werfen und haben mit ihr über eine Form der Prominentenverehrung gesprochen, die ungleich näher scheint, als wir den Backstreet Boys je kommen konnten.

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Broadly: Wie bist du auf dieses Thema für deine Masterarbeit gekommen? Das ist gesellschaftlich natürlich ein großes Thema, aber jetzt nicht unbedingt etwas, womit sich viele wissenschaftlich auseinandersetzen.
Kathrin Leisch: YouTube war für mich am Anfang immer der Ort, an dem ich meine Musik höre und Videos gucke. Das wars. Tiefer bin ich in diese Materie nicht eingetaucht. Erst über meinen Freund bin ich so richtig darauf gestoßen und habe angefangen, mir Gedanken zu machen: Wer ist diese Generation? Wer sind diese Jungs und diese Mädchen, die das konsumieren, die sich damit auseinandersetzen und das toll finden? Wer findet darüber seine Idole, aber eben auch Freunde? Also habe ich angefangen, da nachzuforschen.

Ich habe über Twitter ein, zwei Mädels gefunden, mit denen ich mich getroffen und unterhalten habe. Darüber habe ich schnell herausgefunden, dass sie Teil einer größeren Community sind. Also habe ich mich auch mit der Community getroffen und darüber die anderen Mädchen kennengelernt. Da hat sich dann so langsam herausgefiltert, wen ich gerne dokumentieren möchte und wer überhaupt Lust darauf hat. Von der ersten Orientierung und den ersten Treffen bis zum Schluss hin, habe ich sie bestimmt ein halbes Jahr begleitet.

Viele ältere Generationen stehen dem Thema YouTube-Stars eher abschätzig gegenüber. War es schwierig, am Anfang klarzustellen, dass es dir nicht darum geht, sich über sie lustig zu machen?
Eigentlich nicht. Ich habe die auf einer sehr freundschaftlichen Ebene kennengelernt und ich glaube tatsächlich, dass diese Mädchen-Power innerhalb der Community dabei geholfen hat. Ich habe ihnen von Anfang an suggeriert, dass ich einfach ein bisschen Zeit mit ihnen verbringen und sie fotografieren möchte, um herauszufinden, was sie da eigentlich so machen.

Ursprünglich war meine Idee, unterschiedliche Communitys in unterschiedlichen Städten wie Köln und Hamburg kennenzulernen. Je nach Alter und YouTuber, den sie gut finden, unterscheiden die sich ja sehr, und das wollte ich so ein bisschen darstellen. Dann ist mir allerdings schnell aufgegangen, dass das einfach zu viele Leute sind und ich mich auf eine Gruppe begrenzen muss. Da ich in Berlin lebe, lag es also nahe, eine Community in Berlin zu nehmen. Ich bin mit ihnen rumgereist, habe Zeit mit ihnen verbracht und sogar bei ihnen zu Hause übernachtet.

Es war spannend, mit ihnen beim Webvideopreis am roten Teppich zu warten, zu sehen, wie aufgeregt sie sind und wie es auch total das Event für sie ist, mit ihren Freunden zusammenzusein. Wie sie sich die Zeit nehmen, sich zu schminken, es genießen, sich anzuziehen, dann gemeinsam loszuziehen – alles so, wie wir das früher auch gemacht haben, wenn wir zum ersten Mal richtig tanzen waren. Natürlich sind sie aufgeregt und es ist ganz wichtig, wenn sie ihre Idole persönlich treffen, das ist aber nicht das Einzige, was zählt. Es ist auch wichtig, miteinander Zeit zu verbringen und das total zu genießen. Auch wenn man sich nicht so oft sieht, weil man aus unterschiedlichen Städten kommt.


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Welche YouTuber fanden die Mädchen aus der Community, die du begleitet hast, toll?
Die einen mochten den ein bisschen mehr, die anderen den, das war nicht so personenspezifisch. Klar, die Leute haben schon ähnliche Sachen gemacht. Beauty war jetzt nicht dabei, das ging schon eher in eine News-, Games- und auch ein bisschen eine Musikrichtung. LeFloid, Spacefrogs – eigentlich die ganze Berliner Community. Wenn man 16 ist, spielt bestimmt auch eine Rolle, ob man denjenigen heiß findet. [lacht]

Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich gar nicht so genau gefragt habe. Ich habe mir immer gedacht: Eigentlich geht es mir gar nicht um die YouTuber, es geht mir um euch. Ich wollte erfahren, was ihr Feeling in der Community ist. Das hat ja nicht unbedingt etwas mit der Person zu tun, die sie toll finden, sondern wie sie miteinander umgehen.

Wer aus unserer Generation früher Fan war, hat Poster gesammelt und sich auf T-Shirts unterschreiben lassen. Wie ist das bei den YouTube-Fangirls?
Genau deswegen habe ich eine Porträtreihe geschossen, für die sie mitbringen sollten, was sie mit YouTube verbinden. Die haben die verschiedensten Sachen mitgebracht, ob das jetzt unterschriebene Schuhe oder Bändchen von Veranstaltungen waren. Ein paar haben sich auch eigene T-Shirts mit ihren Spitznamen gedruckt. Das hat dann eigentlich gar nicht mehr so viel mit den YouTubern zu tun, sondern mehr mit ihnen selbst. [blättert durch das Buch] Sie hier ist zum Beispiel Illustratorin und malt die ganzen YouTuber-Geschichten als Tigerente und Bär. Ein Mädchen hat ein Buch, wo sie alles zu ihren YouTubern aufschreibt. Und viele haben auch echte Tattoos, beispielsweise mit Songtiteln. Das finde ich sehr beeindruckend. Als hätte sich früher jemand Aaron Carter auf den Arm tätowieren lassen.

Was hast du persönlich aus dieser Erfahrung mitgenommen?
Tatsächlich habe ich zu einer noch Kontakt. Mit Lara gehe ich immer mal noch Eis essen. Wir haben uns einfach gut verstanden und sie war auch die Erste, die ich kennengelernt habe. Ich fand es auf jeden Fall schön, mal wieder 15 zu sein. Außerdem war ich immer eher so ein Internet-Honk. Ich habe mich zwar mit den Sachen beschäftigt, aber dann war es mir doch auch immer ein bisschen zu anstrengend und zu groß. Diese Erfahrung hat mich in jedem Fall offener gemacht und mir ein anderes Bewusstsein gegeben. Das ist sowieso da, warum gucke ich mir das also nicht genauer an und schaue, ob es da auch für mich interessanten Content gibt?

Ich habe angefangen, mir ein paar YouTube-Sachen anzuschauen, bin aber ganz schlecht darin, das regelmäßig zu machen. Die Mädels haben sich immer richtig drauf gefreut, wenn ein neues Video online gegangen ist. Wenn man gewohnt ist, dass da immer was kommt – wenn es zum Beispiel ein Vlog über eine Tour ist oder so –, dann will man natürlich auch wissen, wie das weitergeht. Ich denke mir eher: „Eigentlich ist es doch total egal, wann das Video kommt. Ich gucke es einfach irgendwann."

In deinem Buch findet man auch immer wieder handschriftliche Briefe. Das ist ja sehr undigital.
Ich habe ja auch die ganze Serie analog fotografiert, weil ich es undigital wollte, und ganz bewusst ein Buch daraus gebunden. Diesen Gegensatz wollte ich schaffen und deswegen sind auch die Briefe mit drin. Ich finde es so faszinierend, dass sie sich in unserer digitalen Welt trotzdem hinsetzen und die Zeit nehmen, einen Brief zu schreiben oder etwas zu basteln oder zu zeichnen, und das dann auf dem Postweg zu jemandem zu schicken. Das ist noch einmal eine persönlichere Note und auch eine gewisse Art von Wertschätzung, wenn man jemandem einen Brief schickt, anstatt ihm eine E-Mail zu schreiben.

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