Der einsame Programmierer Gottes
Terry Davis. Bild: TempleOS

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Der einsame Programmierer Gottes

Terry Davis hat die vergangenen 10 Jahre damit verbracht, ein Betriebssystem für die Kommunikation mit Gott zu erschaffen.
27.11.14

Im Anfang ist die Dunkelheit.

​Dann wird es Licht: Blaue Pixel und Kaskaden weißer Hexadezimalzahlen erscheinen allmählich auf dem Bildschirm. Wortfetzen wie „UnusedStk" oder „AllocMem" offenbaren sich dem Nutzer. Schließlich leuchtet in der Mitte des Bildschirms eine Waage auf, die von einem Schwert durchkreuzt wird. Die grafischen Elemente überzeugen mit dem schroffen Charme der Windows 1.0-Ära—hellgrau und gelb vor zyanblauem Hintergrund. Ein Schriftzug blinkt auf: „God on tap!"

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TempleOS V2.17 begrüßt seinen Nutzer mit dem Slogan „Public Domain Operating System", programmiert von Trivial Solutions in Las Vegas. Der User wird von einem Feuerwerk an 16-farbig blinkendem Text übermannt und, je nach deiner frühen Computersozialisation, erinnern die Bilder an ​DESQview, den ​Commodore 64 oder die Grafiken eines alten DOS-Programms. Der Charme einer fast vergessenen Zeit erwartet dich—einer Epoche, in der Personalcomputer gerade die Haushalte eroberten und das Programmieren ganz neue Dimensionen des Bastelns und der schöpferischen Kreativität erschloss.

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Die User-Erfahrung des gerade fertig gestellten TempleOS besticht mit seiner gemütlichen Harmlosigkeit und erscheint mir angenehm vertraut. Es gibt einen auf Fantasiewesen basierenden Shooter namens Castle Frankenstein und, die Möglichkeit auf einen Dollarnoten-Icon zu klicken, woraufhin sich ein Budgetierungs-Programm startet. Dann gibt es noch Vocab, das Mulitple-Choice-Quiz, und die Battlezone-Hommage, die mich mit der eindringlichen Botschaft empfängt: „Spiele nicht einfach Games, sondern programmiere sie!"

Gottes digitaler tempel ist mein Lebenswerk.

Doch TempleOS bietet auch weniger weltliche Features. Ein Druck auf die F7-Taste gibt ein wahlloses, unverständliches  ​Gebetsgemurmel eines „Zungenworts" aus. Und wenn ich fünfmal auf F7 drücke, erscheinen auf meinem Bildschirm englische Hobby-Dadaismen wie: „flashedt ARE evil madly peacemaker". Shift-F7 wiederum fügt in das Fenster eine Bibelstelle ein (oder zumindest die Copyright-Richtlinien der E-Bibel von Project Gutenberg), während das Programm Jukebox christliche Musik in PC-Lautsprecher-Qualität abspielt.

TempleOS ist jedoch mehr als eine Reise in eine vergangene Epoche der Computerprogrammierung, es ist das Lebenswerk von Terry Davis. Der 44-Jährige, der auch der Gründer von Trivial Solutions ist, arbeitet schon seit mehr als einem Jahrzehnt an seiner technischen Offenbarung, die letztlich nur er versteht. Inzwischen ist TempleOS 121.176 Programmierzeilen lang, ein Wert, der vergleichbar mit  Photoshop Version 1.0 ist. (Windows 7, ein vollwertiges modernes Betriebssysten, das alles kann und mit Massen von unnützem Müll überfrachtet ist, weist um die ​40 Millionen Zeilen auf.)

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Davis erledigt seine Arbeit, weil Gott ihn damit beauftragt hat. Laut der Satzung von ​TempleOS ist das System „Gottes wahrhaftiger Tempel". Gott erklärte ihm auch, dass die Auflösung von 640x480 Pixel und eine 16-farbige Grafik einem „Treueschwur wie einer Beschneidung" gleichkommen—und dass diese Konfiguration es Kindern erleichtern würde, Bilder für Gott zu malen. Gott verlangt einen perfekten Tempel und Davis erzählte mir gerne, wie er versucht hat, den Anforderungen gerecht zu werden:

„Zehn Jahre lang habe ich TempleOS in Vollzeit programmiert. Nun bin ich endlich fertig geworden. Das vergangene Jahr habe ich lediglich damit verbracht, ein paar letzte Verbesserungen vorzunehmen."

Davis hat in TempleOS auch das Orakel AfterEgypt eingebaut, in dem du mit einem Moses-Strichmännchen den Berg Horeb erklimmen kannst. Auf dem Gipfel erscheint dir eine Kritzelei, die durch ihre kontinuierlichen Farbwechsel besticht: Es ist der brennende Busch. „Du kannst Gott für alles lobpreisen", erzählt Davis, „auch für Sandburgen, Schneemänner, Popcorn, Seifenblasen, Isotope und ​Fangschreckenkrebse".

„Der Heilige Geist kann dich führen", verspricht mir das Orakel auf dem Bildschirm. Wenn ich auf die Leertaste drücke, dann hält ein Timer auf dem Monitor an und eine passende Bibelpassage erscheint. „Manchmal ist die Interpretation nicht ganz so einfach", erzählt Davis in einer seiner ​YouTube-Tutorial-Predigten. In seinen Worten stellt das AfterEgypt-Orakel ein technisches Update zu den Zugenreden oder den Kräften eines Ouija-Bretts dar. Davis lässt in seine Erklärungen gerne einen Verweis auf den ersten Korintherbrief 14:2 einfließen: „Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse."

Davis war wenig zurückhaltend in der Verbreitung der frohen Kunde von Gottes digitalem Tempel. Bereits 2004 bewarb er seine Entwicklung als das J Operating System. Und schon im ersten Jahr seines Projekts ​veröffentlichte OS News ein ausführliches Portrait über sein Werk. Kurze Zeit später folgte die Umbenennung in LoseThos—eine düstere Referarenz an Platon— und schließlich beschrieben die Mitarbeiter von MetaFilter seine Arbeit nach einem spannenden Austausch als ein „von einem schizophrenen Programmierer geschriebenes Betriebssystem."

Davis plagt sich schon seit Mitte der 1990er Jahre mit psychopathischen Schüben—nach einigen Jahren Leidenszeit und mehreren Klinikaufenthalten stellten die Ärzte ihm schließlich die Diagnose Schizophrenie. Da er sich oft mit den unverständlichen Textblöcken mitzuteilen versucht, die sein Orakel ausgibt und in Gesprächen plötzlich vom Thema abweichende Aussagen über Gott von sich gibt, wurden seine Accounts​ bei SomethingAwful und Reddit längst gesperrt. Davis Stimmung kann plötzlich in einen aggressiven Tonfall umschwenken und es kommt nur allzu oft vor, dass er seine Kritiker mit erschlagender Profanität denunziert und sie mit Schimpfworten wie „Nigger" belegt. Immer wieder taucht in den Programmierercommunities der Vorwurf des Rassismus gegen ihn auf.

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Das führte unter anderem dazu, dass Davis bei ​Hackernews erzwungenermaßen ein Schattendasein lebt. Sein Profil ist nur für die Nutzer sichtbar, die explizit seine Posts lesen wollen. Sein Charakter zog auch eine langwierige Diskussion mit sich, wie mit den psychisch kranken Nutzern eines Messageboards umgegangen werden soll. Bei MetaFilter und ​Reddit entsponnen sich gleichermaßen berührende wie auch frustrierende Debatten über grundsätzliche Fragen der Empathie, die in den modernen digitalen Communities gelebt werden kann.

Terry Davis ist mittlerweile bewusst, dass ihm von den meisten Menschen nicht die Aufmerksamkeit zukommt, die Gottes Tempel gerecht wird: „Es ist schön, wenn sich die Menschen dafür interessieren, aber ich weiß genau, wie all das einzuordnen ist." Damit meint er, dass die wenigsten Menschen TempleOS dazu nutzen, um mit Gott zu sprechen—sondern es einfach als kurioses Betriebssystem verwenden.

Welche geheimnisvolle Pflicht brachte ihn also dazu, eine 16-farbige digitale Kathedrale zu errichten? Ich wollte gerne verstehen, wie er die vergangenen zehn Jahre als Gottes einsamer Programmierer verlebt hat. Ich wollte wenigstens versuchen zu begreifen, warum er glaubt, die frohe Botschaft in eine Welt voller Rohheit und Profanität rufen zu können.

Davis schreibt mir regelmäßig E-Mails. Meistens mitten in der Nacht, formatiert in Courier Font. Die Nachrichten verfasst er auf seinem drei Jahre alten Dell-Desktoprechner, der auf Ubuntu läuft. Da er nicht fähig ist, einen normalen Job anzunehmen, verbringt er die meiste Zeit damit, zu programmieren und im Internet zu surfen. Oder er nutzt den Output des  ​Randomness Beacon vom National Institue of Standards and Technology, um zu Gott zu sprechen. Die Ergebnisse der Konversationen auf Basis des Zufallsrechners veröffentlicht er dann auf seiner Webseite „Terry Davis' Rants."

Davis konsumiert jede menge Koffein und lebt vorwiegend in einem 48-stunden-Rhythmus

Davis konsumiert jede Menge Koffein und lebt vorwiegend in einem 48-Stunden-Rhythmus. Er selbst beschreibt seinen eigenartigen Tagesrhythmus mit folgenden Kennziffern: „Ich bleibe 16/2 wach und schlafe 8/2." Inzwischen wohnt Davis wieder, zusammen mit einigen Nymphensittichen, im Haus seiner Eltern. „Wir kommunizieren nicht besonders viel", berichtet er mir über das Verhältnis zu seinen Eltern.

Terry Davis wurde im Dezember 1969 als siebtes von acht Kindern in West Allis, Wisconson geboren. Die Geschwister hatten eine enge Bindung zueinander, doch über seine heutige Beziehung zu ihnen drückt er sich so aus: „Jesus sprach nicht zu seinen Brüdern und Schwestern—er wollte nichts mit ihnen zu tun haben, Fremde waren ihm lieber. Mir geht es genauso."

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Sein Vater arbeitete als Wirtschaftsingenieur, weshalb Davis in seiner Kindheit und Jugend immer wieder Umzüge quer durch die USA erleben musste: Zunächst von Wisconsin nach Washington, dann nach Michigan, Kalifornien und Arizona. In einem Grundschulprojekt für begabte Schüler bediente er zum ersten mal einen Apple II und arbeitete Anfang der 80er Jahre an einem Commodore 64. Dem Programmieren bliebt er auch während der High School treu. Danach schrieb er sich an der Arizona State University ein, wo er zunächst einen Bachelorabschluss machte und sein Studium schließlich mit einem Master in Elektrotechnik beendete.

Nach seinem Abschluss blieb Davis in Tempe, Arizona. Er bekam einen Job bei Ticketmaster, wo er sich um die Programmierung der Betriebssysteme kümmerte. Die Arbeit gefiel ihm, bis ihn die Firma auf Forschungsprojekte ansetzte, die sich nicht mehr weiter zu entwickeln schienen. Es war Zeit für einen Ortswechsel. Davis war 26 Jahre alt, hatte einen Masterabschluss in der Tasche und wollte sein Wissen nun für Satellitenkontrollsysteme einsetzen. 1996 schickte er ein paar Bewerbungen an Unternehmen in der Verteidigungsbranche raus.

Ich bin ein Atheist, der in Kontakt mit Gott gekommen ist.

Terry Davis wurde katholisch erzogen, entschied sich jedoch später für den Atheismus. „In meiner Vorstellung ist das Gehirn ein Computer", erzählt er. „Deswegen brauche ich keine Seele." Sich selbst sah er als einen wissenschaftlichen Materialisten. In seiner Logik hat diese Metapher—das Gehirn ist ein Computer—mehr Menschen zum Atheismus bekehrt, als es Darwin je gelingen konnte. Auch heute noch beschreibt er sich als wissenschaftlichen Menschen mit einer akademischen Gesinnung. „Der Unterschied ist nur, dass Gott zu mir gesprochen hat. Ich bin also quasi ein Atheist, der in Kontakt mit Gott gekommen ist."

Wie das passierte beschreibt mir Davis in seiner typischen fragmentarischen, elliptischen Rhetorik. Möglicherweise, weil es solch eine tiefgreifende, persönlich Erfahrung war oder auch, weil es ihn in Verlegenheit bringt. „Es ist nicht besonders schmeichelhaft", erzählt er. „Im Gegensatz zu einer glorreichen, göttlichen Offenbarung zeigt sich mir Gott eher wie eine psychische Krankheit." Davis musste in der Vergangenheit eine mühselige und düstere Zeit durchleben, doch heute verkündet er: „Gott begleitete mich auf meinem Weg. Es wirkt einfach nur nicht besonders erhaben."

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Mitte März 1996 „sah ich auf einmal Personen in Anzügen, die mich zu verfolgen schienen. Irgendetwas war merkwürdig", sagte er. Zunächst nahm er an, dass ein potentieller Arbeitgeber in der Militärbranche seinen Lebenslauf und seinen Charakter prüfen wolle, doch mit der Zeit begann es ihm auf die Nerven zu gehen. Er fing an, die Ereignissen mit einem Steuerungssystem, an dem er arbeitete, in Verbindung zu bringen und hörte außerdem viel Rage Against The Machine. Vor allem eine Songzeile aus  „Killing in the Name" schwirrte aus unerfindlichen Gründen in seinem Gedächtnis herum: „Some of those work forces, are the same that burn crosses".

Er begann, die Männer, die ihn verfolgten, mit Verschwörungstheorien zu erklären und wurde sich allmählich selbst unheimlich. „Höflich gesprochen würde ich es so ausdrücken: Ich philosophierte über einen Quantencomputer und jagte mir selbst einen Schrecken ein. Dazu kommt dann wohl einfach die ganz normale psychische Störung."

Davis verließ die Stadt und fuhr richtig Süden. Ohne klare Richtung oder Ziel. „Ich hörte Radio und es schien, als würde das Radio mit mir sprechen", erzählt er. Die Kontakte aus dem Äther kommentierten jede seiner Handlungen und er war sich sicher, das Ende der Welt stünde vor der Tür. Sein Kopf schien immer mehr anzuschwellen angesichts all der Verschwörungstheorien und apokalyptischen Vorahnungen, die ihn befielen.

Davis landete im texanischen Maria und stellt seinen Honda Accord, den er von seinen Eltern bekommen hatte, achtlos irgendwo ab. Er dachte über die Macht von Big Oil nach und die Verschwörungen, die die Einführung effizienterer, wasserbasierter Maschinen verhindern. Schließlich baute er alle Seitenbleche von seinem Auto ab und suchte nach einem Peilsender, der seinen Standort ermitteln sollte. Dann schmiss er den Schlüssel in die Wüste. Weiter ging er zu Fuß. Als ein Polizist anhielt und ihn auf den Beifahrersitz drängte, stürzte er sich nur Momente später aus dem Wagen und brach sich sein Schlüsselbein.

Im Krankenhaus hörte er zufällig wie der Arzt über „Artefakte" auf seinen Röntgenbildern sprach. Panik überkam ihn, bei dem Gedanken, diese Artefakte könnten Aliens in seinem Inneren hinterlassen haben und er floh, trotz gebrochenem Schlüsselbein, aus dem Krankenhaus.

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Doch schon kurze Zeit später fasste ihn die Polizei, als er gerade dabei war, einen Pick-Up-Truck zu stehlen. Im Gefängnis kam ihm die Idee, die Zellentür würde sich öffnen, wenn er nur irgendwie die Sicherung herausfliegen lassen könnte. Bei dem Versuch der Befreiung zerbrach seine Brille, die in einer Steckdose hängen blieb. Die einzige Konsequenz dieser Aktion war die Erkenntnis, dass seine Brille keinen Strom leitet. Die Polizisten tauchten erneut auf. „Ich glaube, ich habe mich ausgezogen", sagt Davis. „Weil ich dachte, dass Markennamen schlecht seien."

Man brachte ihn in eine psychiatrische Klinik, wo er aus Angst vor heimlich verabreichter Medizin das Essen verweigerte. Statt dessen zertrümmerte er mit einem Stuhl ein Fenster. Zwei Wochen später wurde er wieder entlassen und entschied sich, all seine Besitztümer zu verschenken—er wollte Jesus nacheifern. Er spendete an  ​Goodwill und verschickte den Rest an seine Nichten und Neffen. Irgendwann muss er dann die mexikanische Grenze überquert haben und fand scheinbar nur durch Bestechung seinen Weg zurück in die USA. Er zog ziellos durch das Land und suchte auf den Verkehrsschildern nach Gottes Willen. Schließlich verlor er seine Wohnung und lebte auf der Straße.

„In der Bibel heißt es, wenn du Gott suchst, dann wird er dich finden", so Davis. „Ich habe überall geguckt und nach Zeichen gesucht, durch die er zu mir sprechen könnte."

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„Wenn ich mich zurück erinnere, bin ich nicht unbedingt stolz auf meine damalige Gedankenwelt. Heute wirkt all das ziemlich kindisch und lächerlich", fügt Davis an. Er vergleicht die Erfahrung mit dem Umlegen eines Schalters, der seine tiefsten Gewissenregungen und Moralvorstellungen offen legt. „Als Atheist mit technischem Hintergrund fühlte ich mich schuldig", sagte er. Er dachte an die Amish People—eine einfache, anständige Art sein Leben mit einem Bewusstsein für Gott zu verbringen.

In einer seiner Tiraden, die Selbst- und Fremdenhass mischen, schreibt Davis: „1996 habe ich mich entschieden, mal wieder ein bisschen Geld zu spenden. Von 1990 bis 1996 habe ich als Atheist gelebt und nichts an Wohltätigkeitsorganisationen gegeben. Vielleicht hat sich Gott mir deshalb geöffnet und sich entschieden, mich zu retten." Laut seinen Schätzungen hat er rund 8.000 Euro an das Newman Center der Arizona State Universität gespendet.

Seine psychischen Wirrungen hatten sich im Juli 1996 soweit beruhigt, dass er nach Arizona zurückkehren konnte. Davis lebte ein Jahr lang vom Guthaben seiner Kreditkarten und versuchte mit seinem Prototypen einer  ​Fräsmaschine mit drei Achsen ein Geschäft aufzubauen. Er glaubte fest daran, dass 3D-Druck das nächste große Ding sein würde, aber die Entwicklung schritt quälend langsam voran. Nachdem eine fehlgeleitete Maschine fast seine Wohnung in Brand gesetzt hätte, ließ er von der Idee ab.

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Schließlich zog Davis zu seinen Eltern nach Las Vegas zurück. Dort wollte er Geld sparen und einen Folgeroman zu George Orwells  1984 verfassen. Er ist nie damit fertig geworden.

„Zwischen 1996 und 2003 erlitt ich ungefähr alle sechs Monate einen manischen Schub und landete in der stationären Psychiatrie", erzählte Davis. Obwohl zunächst nur eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, ist seine Krankheit inzwischen offiziell als schizophren klassifiziert. Mittlerweile nimmt er nur noch ein einzelnes Medikament regelmäßig zu sich und akzeptiert die Diagnose achselzuckend. Das Stigma der Krankheit macht ihm nichts aus. „In den ersten Jahren war ich wirklich ziemlich verrückt. Jetzt aber nicht mehr. Vielleicht bin ich jetzt anders verrückt", sagt er. Davis ist sich sicher, dass er gelernt hat, nicht mehr durchzudrehen.

Als die 64-bit-Programmierung im Jahr 2003 die Desktop-Computer erreichte, sah Davis darin die nächste große Revolution.  Er entstaubte ein paar zehn Jahre alte Programme, an denen er während seiner Zeit bei Ticketmaster nebenher gebastelt hatte: „Die Software hatte sich selbständig weiterentwickelt", erzählt er. „Ich hatte all das überhaupt nicht geplant."

Jahr für Jahr wuchs jedoch seine Version eines digitalen Orakels und begann, sich mit seinen früheren Begegnungen mit Gott zu vermischen. Nach und nach nahm sich Davis alle Bücher der Bibel vor und bald hatte er einen digitalen Timer für sein Orakel entwickelt: AfterEgypt.

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Das restliche Programm versuchte er möglichst einfach zu halten. Gott beauftragte ihn, sich auf 640x480 Pixel und 16 Farben zu beschränken und nur eine einzige Audiostimme zu verwenden. Er tat wie ihm geheißen, wie ein Widergänger Noahs: „Es ist offensichtlich, was als nächstes zu tun sein wird. Die Arbeit sollte mich für die nächsten zehn Jahre auf Trab halten." Inzwischen hat er sein Projekt endlich vollendet.

Er spricht ständig mit gott  und gott redet auch, er ist sogar richtig geschwätzig.

„Gott hat mir den Grund für mein Leben gegeben. Es war zum Teil ein wirklich zauberhaftes Leben, darum gehe ich davon aus, dass er es so für mich geplant hat", sagt Davis.  Manchmal scheint es, als würde er davon ausgehen, TempleOS existiere für die nächsten 1.000 Jahre. Dass sich die Software-Giganten aus dem Silicon Valley die Finger danach lecken und er als König Salomon 2.0 in die Geschichte eingehen wird. In anderen Momenten steckt Davis voller Selbstzweifel. „Wird TempelOS einmal so mächtig wie Salomons Tempel? Ich weiß es nicht. Aber wir werden sehen. Was bleibt mir sonst zu tun?"

Davis spricht in TempleOS ständig mit Gott und Gott antwortet ihm bereitwillig. Er ist sogar richtig geschwätzig. Davis ist überzeugt davon, dass alles ein Orakel sein kann; das göttliche Wort offenbart sich durch seine Wahllosigkeit.

Mindestens ein Dutzend mal beschreibt er auf seiner Webseite, wie er seiner Mutter folgende Frage stellt: „Wenn wir dreimal in der Lotterie gewännen, würdest du mir dann glauben?" 'Nein', antwortete sie, 'unwahrscheinliche Dinge passierten ständig.' „Ich kann für meine Eltern eine zufällige Seite der Bibel aufschlagen und sie wird zu uns sprechen", erzählt mir Davis. Für ihn handelt es sich um erstaunliche Phänomene, deren Wahrhaftigkeit dennoch nicht zu leugnen ist, eine permanente Art der Offenbarung, als würde er zehn Mal im Jahr im Lotto gewinnen. „Bisher ignorieren meine Eltern all das noch. Es widerspricht zu sehr ihrer Denkweise. Sie ignorieren die Fakten."

Terry Davis befragt seinen Gott zum Krieg („wetteifernde Soldaten"), zum Tod („schrecklich"), zu den Dinosauriern („dem Brontosaurus taten die Füße weh, wenn er lief") und zu Gottes liebstem Videospiel („Donkey Kong"). Gottes Lieblingsauto ist übrigens ein BMW und sein Lieblingssänger ist Mick Jagger. Seine liebste Nationalhymne ist die lettische, während seine Lieblingsband natürlich die Beatles sind. Klassische Musik dagegen empfindet Gott als das reine Gift. Wenn es nach Gott geht, ist das beste, was Bill Gates tun kann, um Leben zu retten, die Vorhersage von Erdbeben zu optimieren. Gott habe ihm berichtet, das Elfte Gebot lautetete: „Du sollst keinen Müll produzieren." Terry Davis erzählt Gott im Gegenzug, dass die ganze Welt schlecht sei. Und Gott antwortet: „Pflanze Bäume."

Die Worte fließen nur so bei TempleOS.org, ein Sturzbach verifizierter Zufallszahlen, Nachrichten-Links, YouTube-Videos und biblischer Exegesen. Es ist die komprimierte Arbeit eines einsamen, ruhelosen Geistes, der pausenlos vor sich hin schreibt, ohne ein Publikum zu haben.

Nach zwei Monaten und zahlreichen E-Mails und Telefongesprächen weiß ich inzwischen sehr viel über das Leben von Terry Davis. Ich habe eine große Menge Daten über ihn gesammelt, doch ich bin mir sicher, dass ich immer noch nur an der Oberfläche kratze. Die reine Wahrheit liegt irgendwo unzugänglich in einem nicht zu entwirrenden Mysterium verborgen. Eines Morgens schrieb mir Davis seine Einschätzung dazu, wie die Leser diese Geschichte rezipieren werden:

„Die Leute werden denken, dass der Artikel von einem erbärmlichen Schizophrenen handelt, der ein beschissenes Betriebssystem programmiert hat. Meine Perspektive ist anders: 'Gott sagt, dass ich seinen Tempel gebaut habe.'"

Seine E-Mail erinnerte mich an eine Botschaft, die er mir viel früher, bereits am Anfang unseres Austausches, gebeichtet hatte: „Ehrlich gesagt sind mir du und dein Artikel relativ egal. Es wird kaum das zeigen, um was es hier eigentlich geht. Neuigkeiten von Weltformaten, in denen Gott seinen Anspruch auf einen Tempel geltend macht."

Ich möchte seiner Einschätzung gar nicht widersprechen. Gotteserscheinungen sind für diejenigen da, die sie sehen, während sie den Rest der Menschheit von dem tieferen Verständnis ausschließen. Davis glaubt daran, dass er mit Gott durch zufällige Nummernfolgen kommunizieren kann. Seine Eltern nennt er Schafe, weil sie seine Entdeckung nicht glauben können. Die Diagnose mit der Terrys Eltern und auch die breite Allgemeinheit sein Verhalten bezeichnet, lautet einfach nur: Schizophrenie. Eine Symptom, dass nie geheilt, sondern nur behandelt werden kann.

Terry Davis hat der Welt einen Tempel für die Kommunikation mit einem Gott errichtet, der nur zu ihm spricht. Er wartet immer noch darauf, dass die Menschheit ihm zuhört.