Ich habe eine Woche lang versucht, ein Dagi-Bee-Superfan zu werden

YouTube-Stars bringen Fans zum Weinen und Social-Media-Experten an den Rand der Verzweiflung. Ein Selbstversuch als „Bienchen" zwischen Herz-Emojis und Hashtags.

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26 August 2015, 10:48am

Es ist heutzutage nicht mehr ganz einfach, bei all den aufkommenden YouTube-Stars den Überblick zu bewahren. Dagi Bee ist allerdings den meisten ein Begriff, denn „diese eine Blonde da, die Videos macht auf YouTube oder so" (so die eigene bescheidene Beschreibung in ihrem Twitter-Profil) hat über zwei Millionen YouTube-Abonnenten, die sie wahlweise mit tollen Beautycremes, HAULs, Nageldesigns oder auch mal mit einem Musikvideo von KC Rebell versorgt. Ein großer Bestandteil ihres Kanals war übrigens auch ihre Beziehung mit Liont—seines Zeichens ebenfalls YouTube-Star und „Rapper". Umso härter traf es die Internetgemeinde demzufolge, als das Traffic-Traumpaar Anfang der Woche verkündete, nicht länger zusammen zu sein.

Den direkten Kontakt zu ihren Fans pflegt die Beauty-Prinzessin allerdings über ihren Twitter-Account. Über eine Million Follower hat sie dort mittlerweile angesammelt, denen sie motivierende Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt oder die sie darum bittet, ihre Videos zu teilen. Eine Aufforderung, der die „Bienchen" (so nennt Dagi ihre Fans liebevoll) nur zu gerne nachkommen.

Eigentlich hatte ich diesen Fankult um YouTuber nie so richtig ernstgenommen—bis ich kürzlich auf ein Video gestoßen bin, das mir Augen und Herz öffnete. Dagi Bee sitzt auf ihrem Bett und ruft einige ihrer treuesten Anhänger an, um ihnen zu sagen, wie toll sie sind. Daraufhin fangen diese 10-15 jährigen Bienchen an zu hyperventilieren und schluchzen, wie toll Dagi sei, die wiederum gerührt „Oh mein Gott, wie süß du bist!!" in den Hörer seufzt. Dann weinen alle und sind sehr glücklich. Man kann den Honig tropfen hören.

Fasziniert beobachtete ich dieses Perpetuum Mobile der Glückseligkeit. Plötzlich brannte in mir der Wunsch, genauso glücklich zu werden wie all die Bienchen, die Dagi um sich schart. Nie hatte ich in meinem bisherigen Leben einen derartigen Nervenzusammenbruch erlitten, nie hatte mich jemand am Telefon als „süß" bezeichnet. Etwas musste sich ändern. Daher beschloss ich, mein (zumindest virtuelles) Leben für die nächste Woche radikal zu ändern, mich dem Bienenschwarm auf Zeit anzuschließen und ebenfalls am süßen Nektar der unbegründeten YouTuber-Liebe zu betrinken.

So sieht eine normale Twitter-Timeline aus, wenn du ein Bienchen bist. Alle Screenshots vom Autor.

Montag

Ich habe mir einen neuen Twitter-Account angelegt und heiße jetzt Daggi Bee_Girl 3. Wie man ein Herzchen einbaut, musste ich googlen. Seitdem habe ich die Seite mit den Twitter-Emojis allerdings ständig offen. Was der Unterschied zwischen Emotiocons und Emojis sind, musste ich auch googlen. Ich werde alt.

Die erste Amtshandlung auf meinem neuen Bienen-Account ist natürlich das Profil- und Headerbild. Wie alle anderen Dagi-Supporter nehme ich natürlich ein Foto meiner Göttin. Von wem denn auch sonst? Etwa von mir? Ich bin ein Nichts! Weil ich aber im Gegensatz zu den anderen Bienen eine ganz besondere Biene bin (das hat Dagi mir mal in einem Video gesagt), schreibe ich mit meinen Paint-Skills noch „Dagiiii!!!<3 Loveeeeee" auf mein Profilfoto, damit das auch jeder sieht.

Nachdem mein Bienen-Account erst einmal sporadisch eingerichtet wurde (Profilbeschreibung: „Einfach nur eine ganz normale Bee, (Bienenemoji). Hater: ihr habt keinen Plan! #Community", Designfarbe: Rosa), geht es auch schon los. Zuerst einmal folge ich NATÜRLICH Dagi sowie einigen befreundeten YouTubern (Bibisbeauty Palace, LionT, Julienco)—schließlich muss man den aktuellen YouTube-Gossip verfolgen können—und ganz vielen anderen Bienen. Erkennen lassen die sich ziemlich leicht an ihren Twitter-Namen. Sie heißen „☾Dagi bæ;☽", „Leonie Bee åsh bēē" oder „Vanne Bee.♡". Sie alle haben ein Bild von Dagi als Profilbild.

Trotzdem mache ich einen peinlichen Anfängerfehler: Ich folge versehentlich auch Fans von Bibis Beauty Palace. („Bibinator∞Forever", „Steffi Bibinator♡"—es lässt sich in YouTuber-Fankreisen ein klares Muster erkennen). Macht aber erstmal nichts, die Übergänge sind da fließend und die Tweets der Bibinatoren (das sind die Fans von Bibi's Beauty Palace) unterscheiden sich nur geringfügig von denen der Bees: Beide posten durchgängig Foto-Collagen ihrer Idole und sagen ihnen, dass sie sie lieben. Vielleicht sollte sich die Bundeswehr auch schon mal auf G36-Selfies in Instagram-Optik einstellen. Schließlich versucht man mit seinem YouTube-Kanal ja auch, bei der jungen Zielgruppe anzukommen.

Nachdem ich ungefähr 100 Leuten gefolgt bin, folgen mir einige zurück und ich erhalte die erste private Nachricht mit dem Hinweis auf den eigenen Beauty-Kanal. Oh, wie praktisch. Ich scrolle mich durch meine bienenbestäubte Timeline, favorisiere einige motivierenden Bienenrelevanten-Tweets („Bist du es glücklich, sind wir es auch #bienchen) und retweete ein paar Tweets von Dagi, in der Hoffnung von ihr beachtet zu werden. Mein Tweet „Im a Bee" (mit drei Bienen-Emojis) favorisiert immerhin eine Person und ich habe 20 Follower am ersten Tag. Ich bin stolz. Dagi folgt mir nicht. Noch nicht.

Dienstag

Dagi folgt mir immer noch nicht. Ich retweete und favorisiere zwar alles von ihr, was geht, trotzdem fühle ich mich eher als nutzloser Hamster denn als fleißige Biene. Muss ich mich vielleicht mehr aufopfern, meine Liebe offener zeigen als durch ein paar lausige Faves? „Ich bin so viel glücklicher & positiver seit ich ein #Bienchen bin" schreiben die Anderen. Oder auch: „Ein #Bienchen zu sein ist schon ein gaaaaanz großer Teil von meinem Leben". Im Profil der letztgenannten lese ich „Dagi folgt: 23.o9.2o14/7dms." Ich bin mir nicht ganz sicher, wofür die Abkürzung hinter dem Datum steht, bin aber trotzdem beeindruckt. Unfassbar! Dagi folgt ihr! Auf meine flehenden Tweets in Richtung meiner Beauty-Göttin, in denen ich sie anbettle, mir auch zu folgen, kommt keine Reaktion. Vielleicht, weil ich die Bienen-Emojis vergessen habe.

Etwas gruselig

Ich fühle mich leer und geistere stundenlang wie gelähmt durch ein Nirwana der Anbiederung und der „Follow me back"-Kultur. Die Welt ist ein rosa Herzchen-Traum mit komischen Schriftzeichen und voller Smileys, die ich nicht verstehe. Pardon, Emojis. Von überall her grinst mich Dagi an. Fleißige Bienchen posten Screenshots aus ihren Videos und schreiben, wie stolz sie auf ihr Idol sind. Warum genau verraten sie nicht.

Ich bin auch stolz auf Dagi. Vielleicht weil sie es schafft, jeden Morgen aufzustehen, ihren Twitter-Account aufzumachen und die verzweifelten Aufmerksamkeitsrufe einer Generation, deren Idole heutzutage nicht mehr Sänger bei DSDS, sondern irgendwas bei YouTube sind, für ihre Videopromo zu benutzen, ohne dabei wie eine eiskalte Geschäftsfrau zu wirken. Die Leute nehmen ihr wirklich ab, dass sie einfach ein blondes Mädchen ist, das sich auf YouTube selbst verwirklicht. Dagi ist einfach authentisch.

Nach Sami Slimanis RIESIGER ANKÜNDIGUNG möchte man das Internet anzünden.

Während ich über meine immer stärker werdende Liebe zu Dagi nachsinne, werde ich via Direct Message von einer anderen Biene angeschrieben. Sie erzählt mir, sie habe die Oberbiene auf den letzten Videodays getroffen und sogar ein Foto mit ihr gemacht. Ob ich Dagi auch mal getroffen hätte? NATÜRLICH NICHT VERDAMMT! Sofort blockiere ich diese prahlerische Wespe. Für Dagis Aufmerksamkeit muss ich wohl einfach noch härter arbeiten. #Bienchen.

Mittwoch

Ich stoße auf den Tweet einer Biene, die eine coole Aktion für Dagis Geburtstag plant. Auf meine Nachfrage hin erklärt sie, dass sie einen Brief aus 210 Wörtern geschrieben hat. Weil Dagi bald nämlich 21 wird. Logisch. Jeder, der bei der Aktion mitmachen will, kriegt ein Wort zugeteilt, mit dem er ein Foto machen soll. So gibt es am Ende 210 Bilder von Dagis Bienchen. Auch ich kriege ein Wort zugeteilt. Mein Wort ist „Es". Es fühlt sich zwar irgendwie falsch an, einer Minderjährigen auf Twitter ein Foto von sich zu schicken, auf dem man ein Plakat hochhält, aber für Dagi tue ich alles. Außerdem geht es um ihren Geburtstag und nicht um ein Casting für Berlusconis nächste Bunga-Bunga-Party.

Mein Beitrag zu Dagis Geburtstagsgeschenk

Den Tag über bin ich damit beschäftigt, Tweets von anderen Bienchen zu favorisieren und gegebenenfalls zu retweeten. Mit der Zeit merke ich, wie zermürbend und anstrengend diese Arbeit ist—und wie sehr die Grenzen zwischen Experiment und gefühlter Realität verschwimmen. Mache ich das Ganze wirklich nur, um einen Einblick in Internet-Subkulturen zu bekommen, oder habe ich Dagi Bee heimlich schon immer geliebt? Aggressiv scrolle ich weiter, wenn ich einen fiesen Kommentar unter Dagis Tweets lese. Wer sie beleidigt, beleidigt uns. Don't mess with the Bienenstock!

Sie folgt mir übrigens immer noch nicht.

Donnerstag

Dagi postet ein neues Video. OH MY GOD! Meine kleinen Bienchen-Hände zittern ganz aufgeregt, als ich den Link öffne. Es ist die „üüüüber witzige Telefonchallenge mit MrsBella" (ebenfalls eine total natürlich gebliebene Beauty-Vloggerin, deren Gesicht ich aber unter ihrer Schminke nicht erkennen kann) und das Video ist so unglaublich witzig, dass ich vor Lachen fast vom Stuhl falle. Fast. In den ersten Sekunden des Videos verspricht sich Dagi. Sie sagt „in Ibiza" statt „auf Ibiza". Hihi, manchmal ist sie einfach so verpeilt, aber dafür auch so authentisch.

Kurz darauf postet Dagi, dass sie stolz darauf ist, so eine tolle Community hinter sich zu haben. Ich favorisiere ihren Tweet und retweete ihn, weil auch ich stolz auf sie bin, und setze damit eine Kettenreaktion der Glückseligkeit in Gang. Meinen Retweet favorisieren nun wiederum andere Bienchen und endlich, nach vier Tagen größter Anstrengung, fühle ich mich erstmals angekommen im Bienenstock von YouTube-Deutschland. Ein anderes Bienchen schreibt mich an und reagiert verwirrt, als ich auf die Frage nach meinem Alter mit „24" antworte. Vielleicht hat sie jetzt auch etwas Angst vor mir. Aber Hey, #BienchenKennenKeinAlter.

Diese YouTube-Videos versprechen Schlaf-Hypnose und Orgasmen ohne Handanlegen.

Trotz meiner bisherigen Erfolge macht mich diese Situation nachdenklich. Gehöre ich wirklich schon zum erlauchten Kreis der superbesten Fans oder habe ich mir nach den letzten Retweets und DMs nur etwas vorgemacht? Ich fühle mich ein bisschen wie der dicke Junge vom Pausenhof, mit dem keiner spielen will und der frustriert seinen Gameboy rausholt. Ich habe mittlerweile zwar schon 40 Follower, aber der Konkurrenzkampf unter den Bienchen ist enorm.

Kaum bin ich mal zwei Stunden aus Twitter raus, posten alle anderen Bienchen neue Bilder von Dagi—mit neuen tiefsinnigen Sprüchen oder Liebesbekundungen. Beispiel gefällig? „Das Wort bee besteht nur aus 3 kleinen Wörtern hat aber eine unfassbare große Bedeutung ! Das Wort ist mein Leben ! @dagibee bee" Verdammt ist das poetisch und süß! Und irgendwie auch unheimlich. Wie sehr müssen diese Leute nur Menschen lieben, die sie kennen? Als ich abends im Bett liege, kommt mir die zündende Idee, wie ich doch noch Dagis Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte. Es ist so simpel, dass ich mich ärgere, nicht früher darauf gekommen zu sein. Ich muss ihr eine Collage basteln.

Freitag

Nach aufreibenden fünf Minuten ist meine Collage fertig. Ich habe Bilder aus dem Internet genommen, sie zusammengesetzt und mit roter Schrift „Ich liebe dich Dagi!!! Pls follow me back <3" drauf geschreiben. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben.

Meine eigene tolle Collage für Dagi!

Umso niederschmetternder ist das komplette Ausbleiben einer Reaktion. Nach einigen Stunden hat nur eine Biene meinen Tweet favorisiert und geretweetet. Dagi hingegen hat sich weder gemeldet, noch dazu herabgelassen, mir zu folgen. Mein Herz ist gebrochen und ich spüre, wie mich die Lust verlässt, ihr weiterhin mein Leben zu widmen. Vielleicht war ich die letzte Woche mit zuwenig Herz dabei. Vielleicht hat mir auch einfach die Ausdauer gefehlt. Gute, fleißige Bienchen haben immerhin über 3000 Follower und wer weiß, wie viele Collagen und Gedichte sie posten mussten, bis sie von der Bienenkönigin herself geretweetet wurden?

Vielleicht hat mir die letzte Woche aber auch gezeigt, dass Dagi Bee doch unnahbarer ist, als sie sich immer gibt. Denn, und das muss man festhalten: Deutschlands bekannteste YouTube-Blondine hat es sehr genau verstanden, sich selbst für eine ganze Generation junger Teenager als Marke in den sozialen Netzwerken zu etablieren. Auch wenn meine Zeit als Biene nun vorbei ist: Abertausende Bienchen werden sich weiter für die Bienenkönigin abrackern und ganz stolz alles kompromisslos lieben, was sie macht. Kluges Bienchen.

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