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10 Fragen

10 Fragen an eine Masseurin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie viele wollen ein Happy End? Wie reagierst du, wenn ein Klient furzt? Was war der ekligste Kunde, den du je massiert hast?

von Marvin Xin Ku
03 März 2018, 5:15am

Fotos: Eva L. Hoppe

Ob ein Kunde sympathisch ist, sagt Irina Ivachkovets, erkenne sie zuerst an den Socken. Sind sie löchrig, sei die Chance groß, dass sie ihn nett findet. Jeder, der im "Nickerchen" in Berlin massiert werden möchte, muss zuerst die Schuhe ausziehen. Die schrägsten Socken trug ein Mann im dunklen Anzug und in polierten Lederschuhen: quietschgelb mit Katzengesicht.

Die 37-jährige Irina Ivachkovets knetet seit 13 Jahren Leuten ihre Alltagsprobleme von der Schulter. 2014 eröffnete sie ihren eigenen Massagesalon am Checkpoint Charlie. Den Hektischen will sie beibringen, wie man wieder entspannt. Der Teppichboden im Salon ist flauschig, aus unsichtbaren Lautsprechern schwebt sphärische Musik, "zum Auftauen" gibt es Yogitee und Dinkelkekse.

"Heutzutage ist jeder gestresst", sagt Irina. In 30 Minuten ertastet sie, wie viel Verantwortung jemand auf den Schultern trägt. "Jeder Körper erzählt eine Lebensgeschichte", sagt sie. Wir haben Fragen.

VICE: Wie viele Kunden bekommen während der Massage eine Erektion?
Irina Ivachkovets: Das ist mir nur ein Mal passiert. Kurz nachdem wir unseren Laden eröffnet haben, wollte ein Mann eine Ganzkörpermassage. Ich habe es erst nicht mitbekommen, weil er auf dem Bauch lag. Als ich ihn auf den Rücken drehte, dachte ich nur: "Ups. Ach ja!" Ich habe dann die Massage kurz unterbrochen und gesagt, dass er sich bitte beruhigen soll. Sonst müssten wir leider abbrechen. Er hat sich entschuldigt, ich bin fünf Minuten rausgegangen und er konnte sich zusammenreißen. Danach habe ich ihn weiter massiert. Er kommt heute noch. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.

Wie irritierend ist Stöhnen?
Die meisten sind in sich gekehrt. Aber es gibt durchaus Menschen, die sehr freizügig mit ihren Emotionen sind. Ich hatte mal einen Gast für eine Ganzkörpermassage. Schon als wir anfingen, begann er zu stöhnen und hat sich immer weiter gesteigert. Er atmete laut und rief: "Oh ja, ist das schön, das mag ich." Es klang nicht so, als ob er einen Ständer kriegen würde, er war nur so gelöst von der Massage. Ich mag es natürlich, wenn sich die Leute öffnen, aber da wusste ich nicht, was ich machen sollte. Normalerweise spreche ich während der Massage nicht, aber nach fünf Minuten sagte ich: "Ich hab mitbekommen, dass es dir gut geht. Aber du würdest dich viel besser entspannen, wenn du nicht sprichst." Das hat geklappt.

Was war der haarigste Rücken, den du massieren musstest?
Das war ein Mann, Mitte 50, der wirklich komplett behaart war. Selbst Oberarme und Schultern. Dem hat man die dichte Bewaldung überhaupt nicht angesehen und als er sich auszog, dachte ich nur: "Krass." Überraschenderweise war die Massage aber sehr angenehm, weil die Haare so weich waren.

Ich finde Körperbehaarung OK. Es ist eher unangenehm, wenn sich Männer den Rücken rasieren und du über Stoppeln bretterst.

Bist du enttäuscht, wenn du selber massiert wirst, weil du es besser könntest?
[Lacht] Bei meinem Partner bin ich relativ anspruchsvoll. Er bekommt direkte Anweisungen: wo er die Hände platzieren soll, dass er auf meine Atmung achten muss. Er macht das nicht so gern, deswegen dauern seine Massagen höchstens fünf Minuten. Er ist wirklich wunderbar, aber Massieren gehört nicht zu seinen Stärken. Dann gehe ich lieber zu meinen Kolleginnen. Hoffentlich liest er das nicht!

Wie überbrückst du die unangenehme Situation, wenn ein Klient furzt?
Das ist doch menschlich. Es gab noch keinen Furz, der mir die Luft raubte. Aber es ist zwei-, dreimal passiert, dass ein kleiner Pups kam. Ich habe kommentarlos weitergemacht. Die Gäste lassen sich auch nichts anmerken, ich spüre nur, dass sie kurz zusammenzucken.

Viel öfter passiert es, dass Gäste einschlafen und anfangen zu speicheln. Das ist auch voll OK – wenn sich der Mund im Schlaf lockert, ist es klar, dass Speichel raustropft. Im Sommer nach der Eröffnung habe ich öfters barfuß massiert. Bei einer Massage bemerkte ich etwas Nasses am Fuß und dachte erst: "Oh, schön kühl" Dann merkte ich, dass der Gast auf den Boden gesabbert hat und ich in die Pfütze getreten bin. Seitdem steht unter den Gesichtspolstern immer eine Schale.


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Was war der ekligste Kunde, den du je massiert hast?
Für mich gibt es keine ekligen Stellen. Jeder hat einen Eigengeruch, jeder kommt in einer anderen Verfassung rein. Im Hochsommer riechen Füße eben nicht wie frisch gewaschen.

Ich habe mich nur ein einziges Mal richtig geekelt. Das war in meiner Schwangerschaft: Ich habe einem Mann den Kopf massiert und vom Geruch, der dabei freigesetzt wurde, kippte ich fast um. Der Körpergeruch war so schon echt krass und da ich im vierten Monat war, bemerkte ich ihn noch stärker. Mir wurde richtig übel. Die Rettung war, dass ich mir einfach paar Tropfen Pfefferminzöl unter die Nase geschmiert habe. Die Massage ging nur eine halbe Stunde, aber mir kam sie ewig lang vor.

Wie oft erregt es dich, wenn du nackte Menschen massierst?
Die Antwort ist leider sehr unsexy: Für mich sind die Menschen auf der Liege geschlechtslos. Klar denke ich auch mal "Hey, der sieht echt gut aus", wenn ich einen attraktiven Mann sehe. Sobald wir aber im Massageraum sind, ist das weg. Ich kann einen Körper oder auch den Muskelverlauf schön finden, aber ich gehe nie ins Sexuelle über und denke: "Der sieht geil aus." In einer Massage entsteht eine viel tiefere Bindung. Da ist Sex nicht mehr so interessant.

Wie oft werden Masseure sexuell belästigt?
Bei uns gab es noch keinen Fall, aber das gibt es definitiv in unserer Branche. Neulich wollte die Polizei meine fachliche Meinung. Es ging um eine Kundin, die behauptete, dass ihr Masseur sie unsittlich berührt hätte. Die Polizei wollte von mir wissen, ob die Berührung auch Teil einer Massagetechnik sein könnte.

Es gibt Fälle, wo ein Masseur unabsichtlich eine Stelle massiert und die Kundin das als unsittlich aufnimmt. Die weibliche Brust ist beispielsweise eine heikle Zone. Bei einer Masseurin denkt man weniger an Belästigung als bei einem männlichen Masseur. Für sie ist es schwieriger, Vertrauen aufzubauen. Andersherum gibt es das natürlich auch: Wenn man eine Hand massiert und die dann anfängt, leicht nach dir zu greifen. Das muss nicht übergriffig gemeint sein. Wenn es aber mehrmals passiert, also der Gast die Berührung nach dir sucht, ist es nicht mehr OK.

Wie viele Kunden wollen ein "Happy End"?
Das gab es schon. Einige rufen an, andere kommen direkt in den Laden und fragen nach. Grundsätzlich sind das Männer. Meistens fragen sie: "Was macht ihr denn überhaupt so für Massagen?" Da läuten bei mir schon die Alarmglocken. Und während des Gesprächs merke ich, dass es in eine bestimmte Richtung geht: "Ähm, sag mal, ist auch ein Happy End möglich?" Meistens lesen die Männer mit ihrem Tunnelblick nur "Ganzkörpermassage" und verstehen darunter etwas ganz anderes. Dabei lassen wir den Intimbereich aber aus.

Viele Massagen sollen die "Energien wieder zum Fließen bringen". Wie viel Quatsch erzählt ihr euren Kunden?
Ich glaube, dass der ganze Körper mit Energiebahnen verbunden ist. Es kann sein, dass du eine Beschwerde im Fuß hast, es aber ganz woanders spürst. Der Körper speichert auch traumatische Erlebnisse. Deshalb passiert es alle paar Monate, dass jemand bei einer Massage anfängt zu weinen. Ich merke, dass etwas nicht stimmt, wenn mich beim Massieren eine Körperstelle intuitiv anzieht. Dann massiere ich sie intensiver, manchmal kommt eine emotionale Reaktion.

Einmal hat eine junge Frau die ganze Session geweint. Ich habe sie gefragt, ob sie allein sein möchte, aber ich sollte weitermachen. Ich habe nicht weiter nachgefragt. Für mich ist nur wichtig, dass es rauskommt. Viele entschuldigen sich fürs Weinen, aber der Frau war es nicht unangenehm. Wir haben uns näher gefühlt, obwohl wir Fremde waren. Das war schön.

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