Politik

Warum der Terrorist von Hanau kein 'verwirrter Einzeltäter' war

Philosoph Jan Skudlarek erklärt, wie aus Verschwörungstheorien rechter Terror entsteht.
21 Februar 2020, 2:07pm
Eine Frau kniet vor Kerzen, die das Wort "Hanau" bilden.
imago images: 97134462

Was haben AIDS, Hautkrankheiten und Zigarettensucht gemeinsam? Keine einfache Frage. Aber auch nicht wirklich schwer. Dir fällt nichts ein? OK. Ich verrate es. AIDS, Hautkrankheiten und Zigarettensucht sind computergeneriert. Wie alle Krankheiten eigentlich. Computergeneriert durch einen Chip unter der Haut.

Der Verschwörungstheoretiker, der diese und weitere "Wahrheiten" verbreitet, fährt in einem Kleintransporter durch Florida. Sein weißer PKW ist in schwarzer Schrift vollgeschrieben mit spektakulären Thesen. Immer mal wieder tauchen Bilder davon im Internet auf. Es geht um Nanochips, Terrorismus und eben Krankheiten. All diseases are created with computer. Das scheint die Hauptthese zu sein. Schlechte Nachrichten auch für alle Tierfreunde: If you are addicted to cat and dog you have a nano chip on your body.


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In der Nacht zu Donnerstag wurden in Hanau 9 Menschen mit ausländischen Wurzeln von einem Mann mit "zutiefst rassistischer Gesinnung" getötet. Diese Einschätzung kommt von Generalbundesanwalt Peter Frank. Nach der Tat tötete der Mann seine Mutter und schließlich sich selbst.

Jörg Meuthen von der AfD nennt das auf Twitter "die wahnhafte Tat eines Irren". Er nennt es nicht "rechtsextremen Terroranschlag", wie ich und andere Kommentatoren. Dabei war bereits frühzeitig bekannt, dass es sich um einen solchen handelt. Als nationalrelevanter Rechtspopulist vom Kaliber Meuthens nennt man, um seine Klientel nicht zu verärgern, rechten Terrorismus allerdings nicht einfach so "rechten Terrorismus". Stattdessen deutet man die Wirklichkeit so um, dass sie weniger negativ abfärbt auf das eigene Geschäft, das ja zum nicht geringen Teil eben das ist: nationalautoritäre Meinungs- und Angstmache, gepaart mit dem evidenzlosen Verbreiten rechtslastiger Verschwörungstheorien (Stichworte: Lügenpresse, Islamisierung). Der Täter sei kein rechtsextremer Rassist. Nein, der Attentäter von Hanau sei einfach nur im Wahn gewesen, heißt es dann. Die AfD-Wählerschaft atmet erleichtert auf.

Jörg Meuthen ist nicht der Einzige, der sich bei der passenden gesellschaftspolitischen Beschreibung des Terrorakts von Hanau linguistisch oder konzeptuell vergreift. Ursula von der Leyen (CDU) nennt die rassistische Mordserie eine "Tragödie", was zwar ehrliche Anteilnahme durchschimmern lässt, dem Ganzen jedoch einen unpassenden Touch von shake­s­pearescher Unvermeidbarkeit gibt. Anschläge hinterlassen uns zwar bestürzt und traurig, keine Frage. Die grundsätzliche Vermeidbarkeit ist allerdings das für die Zivilgesellschaft relevanteste Merkmal von geplanten Anschlägen – und die Gefahrenvermeidung ein mitunter erfolgreiches Kerngeschäft von Polizei und Geheimdiensten, wie wir erst in der Vorwoche sehen konnten, als die "Teutonico"-Terrorzelle verhaftet wurde, noch bevor sie Anschläge auf Moscheen ausüben konnte.

Links sieht man den Eingang zur Bar "Moonlight" in Hanau, rechts den Philosophen Jan Skudlarek. Fotos: imago images / Patrick Scheiber | rechts: Shirin Siebert

Doch zurück zu mangelhafter Wirklichkeitsbeschreibung. Sigmar Gabriel lässt es sich selbst am Folgetag des offenbar größten rechtsterroristischen Angriffs seit Jahren nicht nehmen, darauf hinzuweisen, "dass linke Chaoten auf Polizisten eindreschen, Autos und Mülltonnen in Brand setzen und immer wieder hohe Sachschäden verursachen". Dem ehemaligen Vizekanzler ist es also wichtiger, reflexartig auf die Verfehlungen von "linken Chaoten" aufmerksam zu machen, als einen Terroranschlag von rechts aufs Schärfste zu verurteilen. Damit leistet er einer Gesellschaft, die sich national wie international immer mehr mit der blutigen Seite von Nationalismus und Rechtsterrorismus konfrontiert sieht, einen Bärendienst. Ferner unterstützt er jene Relativierer, die Rechtsextremismusprobleme stets mit dem Verweis "Aber die Linksextremisten!" kleinreden – und somit, mitunter absichtlich, durch Whataboutism das Thema verfehlen. Hufeisen sollten wir den Pferden überlassen.

Das Narrativ vom verwirrten Einzeltäter ist beliebt, aber selten akkurat. Und auch Einzeltäter, verwirrt oder unverwirrt, handeln wie wir alle eingebettet in ein größeres weltanschauliches Leitgerüst. Meuthen verschweigt, was ich Ihnen jetzt sage: Den Attentäter von Hanau und einen Großteil der AfD-Wähler verbindet nicht nur ein rechtes bis rechtsextremes Weltbild, sondern auch eine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die von rechten Verschwörungstheorien geprägt ist. Die Deutschen? Bald islamisiert, ausgerottet und umgevolkt. Die Leitmedien? Aus dem Kanzleramt gesteuerte Lügenpresse. Der Klimawandel? Haben sich Gretas Vater und Robert Habeck bei einer gemeinsamen Sportzigarette ausgedacht. Dass es keine Beweise dafür gibt, ist dem Verschwörungstheoretiker nicht nur egal, nein, er hat Beweise für seine Behauptungen schlichtweg gar nicht nötig. Im Gegensatz zum Wissenschaftler kann der Konspirationist behaupten, bis sich die Balken biegen, und falls Beweise fehlen, haben die Mächtigen die Wahrheit halt vertuscht. So will es die verschwörungstheoretische Grundsatzlogik. Ohne Beweise eine Bedrohung behaupten, und falls nach Beweisen für kühne Thesen gefragt wird, behaupten, die habe man nicht, die könne man ja gar nicht haben, immerhin seien wir belogen und manipuliert (und natürlich immer und vor allem: bedroht).

Tatsache ist: Der Attentäter von Hanau mag psychisch krank gewesen sein. Das wissen wir nicht. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um Folgendes: Wenn Verschwörungstheorien zum Mainstream gehören, was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Wenn "viel Meinung, aber wenig Ahnung" zum Kerngeschäft der sozialen Medien und Kommentarspalten wird, was sagt das über unsere Konsensfähigkeit und unseren Wahrheitsglauben aus? Wenn unser gemeinsamer Glaube an gemeinsame Fakten abhanden geht, wohin entwickeln wir uns als Gemeinschaft? Sind wir überhaupt noch eine?

Tatsache ist auch: Das, was den Attentäter von Hanau mit dem Attentäter von Halle, mit dem Terroristen von Christchurch, mit den Fackelmarschteilnehmern von Charlottesville, die vielsagend "You will not replace us!" skandierend durch die Kleinstadt zogen, und letztlich auch mit dem US-Präsidenten Donald "Fake News!" Trump verbindet, ist eine distanzlose bis liebevolle Haltung gegenüber Verschwörungstheorien und der Verschwörungslogik.

Verschwörungstheorien sind gefährlich, weil sie zu Handlungen animieren. Der Verschwörungstheoretiker bleibt nicht auf der gedanklichen Ebene "Ich werde bedroht und belogen". Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zu "Ich muss etwas tun" oder "Ich muss mich wehren". Das sehen wir bei Impf-Verschwörungstheorien, die erwiesenermaßen die Impfbereitschaft senken. Genauso sehen wir es bei "Lügenpresse!" rufenden Pegida-Demonstrierenden, die Journalisten angreifen. Und eben bei Anhängern der Umvolkungs- oder Islamisierungsverschwörungtheorie, deren bekanntester Vertreter Anders Breivik heißt.

Weil Verschwörungstheorien – geistigen Brandsätzen gleich – gefährlich sind und immer mehr Boden gewinnen, liegt es in der Verantwortung unserer Zivilgesellschaft, ihre Ausbreitung so gut es geht einzudämmen. Durch Gegenrede, Argumente und Aufklärung. Durch Prävention. Es gehört deshalb zur Zivilcourage, Verschwörungstheorien zu widersprechen. Evidenz zu fordern. Hass durch Sprache, statt mit Gewalt zu bekämpfen.

Jan Skudlarek (*1986), ist promovierter Philosoph und Sachbuchautor. Zuletzt erschien "Wahrheit und Verschwörung: Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist" bei Reclam.

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