Anzug oder Nietenjacke

Kürzlich wurde London von einer Reihe von Krawallen heimgesucht, die von empörten Anarchisten angezettelt wurden, denen wahrscheinlich nur langweilig war. Wie üblich sah es aus, als hätte es ’ne Menge Spaß gemacht. Aber danach haben wir uns gefragt, wer nun wirklich den überlegenen Lebensstil hat: Die Von-der-Hand-in-den-Mund-Agitatoren oder die Cityboy*-Kapitalisten, die sie so verabscheuen? Also schickten wir ein Redaktionsmitglied los, um Punk zu spielen, und einen anderen, um Plutokrat zu spielen. Hier erfahrt ihr, wie es gelaufen ist.

*Cityboys sind die britische Version der Frankfurter Börsenheinis

CITYBOY-GRUNDREGELN:

Videos by VICE

1. Trinke jeden Abend Champagner und rauche Zigarren! 

2. Zieh dich an wie Charlie Sheen in Wall Street! 

3. Fahre mit der U-Bahn oder einem der schwarzen Londoner Taxis—zu Fuß gehen verboten! 

4. Ernähre dich ausschließlich von Sushi, Dim Sum oder Essen aus Pubs der Edelklasse! 

5. Besuche die Stripclubs im Zentrum Londons! 

6. Lies jeden Tag die komplette Financial Times—einschließlich der Teile, die wie Binärcodes aussehen! 

7. Tu die ganze Zeit so, als wärst du stinkreich!

CITYBOY-TAGEBUCH
VON BRUNO BAILEY, FOTOS: JAMIE LEE CURTIS TAETE UND JUSTIN MULCHAHY
MONTAG DIENSTAG Lohengrin MITTWOCH DONNERSTAG FREITAG
ANARCHISTEN-GRUNDREGELN:
1. Vermeide jeglichen Kontakt mit dem System: keine Handys, Bankkarten oder öffentliche Verkehrsmittel! 

2. Wohne in einem besetzten Haus! 

3. Nimm einen Hund überall mit hin! 

4. Bezahle nicht fürs Essen! 

5. Sieh aus wie ein Mitglied von Extreme Noise (oder zumindest Doom)! 

6. Freunde dich mit ein paar Punks an! 

7. Gehe zu mindestens einem Punkkonzert!

ANARCHISTEN-TAGEBUCH
VON JAMES KNIGHT, FOTOS: JAMIE LEE CURTIS TAETE UND MICHAEL OTERO
MONTAG
Wie jeder weiß, würde kein wahrer Anarchist an einem Ort leben, wo man für Dinge zu zahlen hat, wie für heißes Wasser und Strom oder die Sklaven des Staates, die den Müll wegräumen. Dementsprechend wurde ein besetztes Haus bei der Walworth Road im Süden Londons für diese Woche mein Zuhause. Ich hatte mir für fünf Tage ein Budget von fünf Pfund gegeben, also ging, was die Unterbringung betraf, kostenlos über gemütlich. 

Nachdem ich es mir auf meinem Bett auf dem Boden bequem gemacht hatte und mein Gesicht in einer Pfütze abgestandenen Wassers, das sich seit fast 24 Stunden in der Spüle befand, gewaschen hatte, beschloss ich, meinen Style zu aufzupeppen. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer: Posi-Crust-Hardcore-Punk aus L.A., aus der Zeit, als sich noch mehr als zehn Leute für Final Conflict interessierten. 

Ich ging aus dem Haus und lauerte vor einer Zweigstelle der Drogeriekette Boots auf eine Chance, ein wenig grüne Haarfarbe zu klauen. Boots unterstützt Tierversuche. Sie finden nichts daran, Kaninchen Shampoo in die Augen zu spritzen und ihnen Lippenstift auf die Haut zu schmieren und Elektroden ins Hirn zu schieben. Ich hatte also keinerlei moralische Bedenken, diese Spießer zu beklauen. Natürlich musste ich einen Iro haben. Leider war das einzig brauchbare Gerät zum Haareschneiden, das sich im besetzten Haus auftreiben ließ, eine stumpfe Papierschere. Dadurch kriegte mein Look den nötigen improvisierten (beschissen aussehenden) Touch. Punks sorgen sich nicht sonderlich um Dinge wie Arbeitsschutz oder Hygiene, also wurde das Färbemittel von meiner neuen Hausbesetzerfreundin Karley direkt auf meinen verbliebenen Streifen Haare aufgetragen. Die einzige Schutzvorkehrung, die sie während des Ganzen traf, war, während des Auftragens einen verdreckten Torhüterhandschuh zu tragen. Alles lief so weit punkig ab. 

Während die Haarfarbe einzog, lernte ich ein neues Handwerk: Nähen. Kein ordentlicher Punk würde je ohne einen Los Crudos-Aufnäher aus dem Haus gehen, also machte ich einen ernsthaften Versuch, meiner alten Jeansjacke mit den abgetrennten Ärmeln das nötige Flair zu verleihen. 

Sich unter einer eiskalten Dusche giftige Chemikalien aus den Haaren zu waschen, war nicht gerade angenehm, aber ich hielt meine Ist-mir-doch-egal-Haltung so lange aufrecht, bis die Farbe sich quer über meinen Schädel verteilt hatte und ich bemerkte, dass meine Stirn anfing, sich grün zu verfärben.   DIENSTAG
Glücklicherweise hielt sich die Farbe auf meiner Haut nicht ganz so hartnäckig, wie sie es in meinen Haaren tat. Es sah aus, als wäre ein punkiges Büschel Gras aus meinem Schädel gesprossen. Meine erste Nacht in dem besetzten Haus war überraschend exzessfrei verlaufen: Meine Mitbewohner hatten einen Fernseher und sahen sich an, wie Politiker bei den Zehn-Uhr-Nachrichten ihre schmutzigen Lügen in den kommerziellen Medien verbreiteten. Ich übertönte diese elitäre Scheiße mit einer zerkratzten Kopie von „Ungovernable Force“ von Final Conflict, die ich auf einem 60er-Jahre-Plattenspieler abspielte, den jemand aus Berlin mitgebracht hatte. Außer dem Erlebnis, auf dem Boden mit dem Gefühl aufzuwachen, nie wieder laufen zu können, war das Ganze ziemlich enttäuschend. Es wurde weder die ganze Nacht Gras geraucht, noch hitzig debattiert. Es gab noch nicht mal eine Polizeirazzia. 

Um die Lage zu verbessern, beschloss ich, meinen Schlafsack zu packen und ins Foundry zu gehen, einer Bar mit dazugehörigen Kunstraum für spanische Fahrradkuriere mit Stammestätowierungen und dieser aus einer einzigen Rastalocke bestehenden Frisur, die aussieht wie ein aus dem Kopf ragender Haufen Hundescheiße. Ich war mir sicher, dass ich hier Gleichgesinnte finden würde. Fehlanzeige. Aber dafür hatten sie ein Biobier, das nach Lehm und Rüben schmeckte. 

Nachdem ich bei einem nahe gelegenen Eckladen sechs Dosen Cider geklaut hatte, wanderte ich über die Hackney Downs, um mir den Hund eines Kumpels auszuborgen, der sich fast ein bisschen zu sehr freute, einen Spielkumpan mit Kunstrasenfrisur zum Freund zu haben. Zu Hause im besetzten Haus zerfleischte er vor lauter Begeisterung erst mal mein Bett. 

Industriell angefertigte Hundeleinen sind ein Werkzeug der Unterdrückung, also zurrte ich dem Köter stattdessen meinen Gürtel um den Hals und begab mich auf einen Spaziergang nach draußen. Es machte Spaß, mit anzusehen, wie die Leute mit einem Ausdruck völliger Furcht vor mir auf die andere Straßenseite flüchteten. Aber das Polizeiauto, das den ganzen Rückweg über den Fluss bis nach Südlondon hinter mir herfuhr, war weniger angenehm.    MITTWOCH
Nach 48 Stunden war es Zeit für eine Party. Meine Mitbewohner sagten mir, dass sie auch Bock hätten zu feiern, also machte ich mich auf den Weg in den nächstgelegenen Schnapsladen, wo ich entdeckte, wie Punks es schaffen, sich zu besaufen: Drei Liter White Ace-Cider kosten nur drei Pfund. Vor lauter Begeisterung gab ich neun Pfund von dem Geld meiner Kumpels für neun Liter dieses Zeugs aus und begab mich zurück zum Haus. 

Ich kann jetzt bestätigen, dass der Genuss einer großen Menge White Ace, kombiniert mit ein paar gelegentlichen Brocken Ketamin, einem fast LSD-artigen Erlebnis gleicht. Das trifft besonders dann zu, wenn die Person seit zwei Tagen nichts mehr gegessen hat, weil sie all ihr Geld darauf verwendet hat, ihre Innereien mit einem Cider zu verätzen, den selbst die hartgesottensten Obdachlosen nicht anrühren würden. 

Ich kollabierte mit schummerigem Kopf in einer Ecke und wachte nur gelegentlich auf, um in eine durchlöcherte Tasche zu kotzen. Das Gute daran war allerdings, dass die Kotze sich durch die Löcher über mein Hemd verteilen konnte und so mein Outfit noch authentischer machte. Als ich schließlich aufwachte, fühlte ich mich, als hätte mir jemand den Schädel eingetreten. Mein T-Shirt, das die ganze Woche reichen musste, war von einer ordentlichen Menge Kotze durchtränkt und mein Kopf war mit Schrammen überzogen, für die ich keinerlei Erklärung hatte. Jetzt war ich endlich auf dem richtigen Weg! Der Geschmack der Freiheit war sauer und schmerzhaft, aber extrem befreiend.    DONNERSTAG
Ich hatte seit Montag nichts gegessen. Ich verschlief den Großteil meines Tages, um die Hungerkrämpfe auszuhalten, wurde aber schließlich von meinen Besetzerkumpels Lauren und Kerri wachgerüttelt. Sie erzählten mir von ein paar Mülltonnen hinter dem örtlichen Marks & Spencers, die eine Goldmine voll mit gerade abgelaufenem Essen sein mussten. Wir gingen rüber, um nachzuschauen, was es beim Müll zum Abendessen gab. 

Kerri war ziemlich optimistisch, nachdem frühere Beutezüge hier ungeahnte Gourmet-Schätze zutage gefördert hatten. Sie brachte eine dieser rollbaren Einkaufstaschen mit, wie sie deine Großtante Erna vielleicht benutzt. Wir waren bei bester Laune. Als wir hinter der Marks & Spencer-Filiale um die Ecke bogen, erwartete uns die Katastrophe: Rund um die erwarteten Leckerbissen hatten sie einen riesigen Sicherheitszaun gebaut. 

Wie es sich für Punks gehört, zerrten wir den Zaun beiseite, damit Kerri hineinschlüpfen konnte. Ein kurzer Blick in die Tonnen bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen: Andere Nahrungssuchende waren uns zuvorgekommen. Das Einzige, was wir noch fanden, waren ein paar Schokoladeneclairs. Mein Magen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, sich selbst zu verdauen, also stopfte ich mich mit den Dingern voll. Die etwas verschwitzten, kackhaufenförmigen Teigteilchen schmeckten mir mit jedem Bissen bessert.   FREITAG
Nachdem ich eine Woche lang Cider getrunken und auf Fußböden geschlafen hatte, beschloss ich, dass es an der Zeit war, zur Natur zurückzukehren. Ich hatte gehört, dass Capitalist Casualties in einem Punkladen namens The Grosvenor in Stockwell spielten und wollte vor dem Konzert noch etwas im Park in der Nähe abhängen. 

Ich fühlte mich irgendwie unwohl und dachte, ein paar Dosen Special Brew würden die Stimmung sicher etwas heben. Als ich dabei war, die zweite Dose runterzustürzen, wurde mir klar, dass, ein Punk zu sein, einfach eine gute Ausrede ist, sich als funktionierender (oder wenigstens halbwegs funktionierender) Daueralkoholiker durchs Leben zu schlagen—ungefähr so, wie ein Rasta zu sein, es rechtfertigt, permanent zu kiffen. 

Capitalist Casualties hatten ihr Flugzeug verpasst. Wie punkig von ihnen. Die Konzertbesucher waren ziemlich traurig, aber es herrschte ein echtes Gefühl von Gemeinschaft und bierseligem, gegenseitigem Mitleid. Am Ende des Abends hatte ich der Anarchie gegenüber einfach allgemein ein gutes Gefühl. 

Ich habe diese Woche vielleicht nicht so toll geschlafen und die ganze Zeit nichts Richtiges gegessen, aber dafür Cider-Mengen in der Größenordnung meines Körpergewichts in mich reingeschüttet. Mit ein paar stinkigen Unruhestiftern abzuhängen, ist immer noch tausendmal besser, als sich unter die Massen abstoßender Anzugträger zu mischen, die Abend für Abend aus der All Bar One torkeln. 
Zusammenfassend möchten wir Folgendes sagen: Ein millionenschwerer Kapitalist zu sein, der auf die Armen und Benachteiligten scheißt und derweil fette Profite einstreicht, die er der Völker vernichtenden Vergewaltigung der Erde verdankt, verursacht Sodbrennen und macht dich todunglücklich. 

Leute, die in der Gosse liegen, um Kleingeld betteln und dabei eine verrostete Dose Billigbier trinken, während ihnen ein Hund die völlig verdreckten Armeehosen voll sabbert, sind hingegen glückliche und moralisch erhabene Menschen. Wir können euch gar nicht genug empfehlen, einer von ihnen zu werden.
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