Bud Diamonds

Eine beliebte Methode der Wählerunterdrückung durch die Revolutionary United Front (die Rebellenarmee, die über ein Jahrzehnt in Sierra Leone Krieg geführt hat und die Diamantenminen und Geldeinnahmen des Landes kontrolliert hat) war das Hände-Abhacken. Zumindest können die Opfer, wie dieser Mann hier, jetzt nachts ruhig schlafen, weil sie wissen, dass es nicht alles umsonst war: Heute können Leute aus aller Welt ganz einfach ins Land kommen und sich schamlos günstig Blutdiamanten abgreifen!

Sobald man in Sierra Leone ankommt, scheinen die Dinge von allen Seiten auf einen einzustürzen: die Hitze, die Bettler, die Beamten (die im Prinzip Bettler mit offizieller Genehmigung sind), und die besondere Art Schmutz, die entsteht, wenn ein Land beschließt, seinen Müll zu entsorgen, indem es ihn am Straßenrand verbrennt. Wir waren in dieses permanent kurz vor dem kompletten Zusammenbruch stehende Land geflogen, um Diamanten zu schmuggeln, und uns damit entweder nach unserer Heimkehr in die Staaten eine goldene Nase zu verdienen, oder aber in einem Dritte-Welt-Kerker zu verenden.

Wir waren zu dritt: Colin Farrell (aka Ryen McPherson, dessen Fotos die folgenden Seiten zieren), Greg Brady und Johnny Walker. Wir benutzten Decknamen, um uns zu schützen, falls uns jemand nachträglich verpfeifen sollte. Ich hatte ein Bündel 100-Dollar-Scheine in meinen beiden Socken verteilt, Colin hatte ein weiteres Bündel an seinem Bein festgeklebt und Greg hatte ein drittes, noch beeindruckenderes Päckchen von insgesamt 10.000 Dollar in der Innentasche seiner Boxershorts verstaut. Wir hatten keine Ahnung, wo wir anfangen sollten zu suchen, aber wir dachten uns, dass es vielleicht das Beste wäre, ins Landesinnere zu fahren, in Städte wie Bo und Kenema, wo die Diamantenminen sind, und wir damit rechnen konnten, die besten Steine zu finden.

Also machten wir uns auf den Weg, um uns in einem Mietwagen durch den Busch in Richtung Mount Bintumani durchzuschlagen, dem höchsten Berg des Landes und unserem vorgeblichen Sightseeing-Ziel. Nachdem wir uns mehrere Stunden lang durch das Verkehrschaos von Freetown gekämpft hatten (ein Dauerstau aus unbefestigten Gassen und eine paar offenen Märkten, die angeblich gleichzeitig als Hauptverkehrsadern fungieren), hielten wir plötzlich am Straßenrand an, um den Mann bei sich zu Hause abzusetzen, den wir eigentlich als unseren Fahrer angeheuert hatten. Daraufhin stieg ein neuer, junger und sehr viel weniger sicher wirkender Junge ein. Er war der tatsächliche Fahrer für den Rest unserer Reise. Wir lernten gerade die erste Lektion der Kunst des afrikanischen Verhandelns: Sei immer sehr präzise in deinen Forderungen. Es gibt kein Kleingedrucktes, nur Chaos.

 


Dieser Ladykiller mit Machete ist Alfred. Selbsternannter Polizist und Abzocker ersten Ranges. Wenn er wüsste, dass wir unsere Diamanten in unseren Socken stecken hatten, während wir dieses Heldenporträt machten, würde er wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen.


Die Fahrt den Bintumani hinauf machte unserem Auto ziemlich zu schaffen. Glücklicherweise gelang es uns dennoch irgendwie, es ohne Klimaanlage und Servolenkung heil durch das Labyrinth verworrener, unbefestigter Wege zu schaffen, ohne uns komplett die Reifen zu zerfetzen. Auf dem Weg nach Kenema hielten wir kurz in Kono, einer Art Zwischenstation des Diamantenhandels, und sahen uns ein paar interessante Steine an, die wir aber zu teuer fanden. Greg war gut vorbereitet und wusste, dass die erste Regel lautet, geduldig zu sein und vor allem diskret: Wenn man in Sierra Leone dabei erwischt wird, ohne Lizenz Diamanten zu kaufen, kommt man fünf Jahre ins Gefängnis, was, wenn man den Leuten vor Ort Glauben schenken darf, für Leute wie uns ein sicheres Todesurteil wäre.

Als wir in Kenema ankamen, war es bereits dunkel und wir beschlossen, uns ein wenig auszuruhen, um am nächsten Morgen früh mit der Suche beginnen zu können. Da wir nach wie vor keine wirklichen Kontakte hatten, begannen wir einfach unverblümt die Diamantenbüros (normalerweise stickige Räume im hinteren Teil normaler Geschäfte—die man sich in etwa wie eine große von außen einsehbare Garage vorstellen kann) abzuklappern, die die Haupteinkaufsstraße der Stadt säumten. Wir wurden bereits im ersten Laden fündig, aber nachdem wir zehn Minuten lang völlig inakzeptable Angebote des Ladenbesitzers abgelehnt hatten (es handelte sich größtenteils um Kristallperlen und andere Stücke, deren Wert schwer einzuschätzen war), waren wir kurz davor aufzugeben. In diesem Moment wurde uns ein Libanese aus Kono vorgestellt, der gerade zu Besuch in der Stadt war. Er bot uns eine sehr viel bessere Auswahl an Steinen an. Was als harmlose Unterhaltung darüber anfing, dass Greg seiner Frau ein paar Ohrringe kaufen wolle, wurde rasch zu etwas ganz anderem, als wir unsere eigene Lupe und unseren Tester hervorholten. Die Verhandlungen nahmen plötzlich einen ernsteren Ton an. Wir kauften ein paar „Souvenirs“ (Steine geringerer Qualität) und ein paar mittelgroße, zur Bearbeitung geeignete Steine (in Juwelenqualität), aber wir warteten immer noch auf die richtig große Nummer—einen Stein von drei oder vier Karat, den man in Sierra Leone für 6.000 oder 7.000 Dollar bekommt und der uns in den Staaten mehr als das Doppelte einbringen würde. Der Libanese sagte, dass er keine Steine von der Größe bei sich habe, versprach aber, sich in den nächsten paar Tagen noch einmal zu melden.

Als wir das Büro gerade verlassen wollten, verlangte ein großer Mann in einem lachsfarbenen Hemd, der aus der Gegend zu stammen schien und das ganze Geschäft schweigend beobachtet hatte, plötzlich eine Kommission. Sie war kaum der Rede wert, 20 Dollar oder so etwas, aber nachdem wir eine Stunde lang intensiv gehandelt hatten, ließen wir uns nicht darauf ein. „Nein, vergiss es. Der Verkäufer zahlt die Kommission“, sagte Greg. Colin lachte den Typen fast aus. Der Libanese lächelte herablassend und sagte: „Ist OK, aber normalerweise läuft das hier nicht so.“ Dann scheuchte er den Mann in dem lachsfarbenen Hemd davon.

Die Frage 9 B auf der Tafel lautet: „Wie viele natürliche Ressourcen haben wir?“ Es ist eine ironische Frage angesichts der Tatsache, dass dieses Land selbst nie von den wenigen Ressourcen, die es hat, profitieren wird. Anscheinend reist Obama öfter nach Sierra Leone als der Weihnachtsmann. Aber welche Reise ist schon komplett ohne die Erfahrung, in einem winzigen Dorf am Fuße eines entlegenen Berges (Bintumani) amerikanische Politikersouvenirs zu finden, in dem man eher auf ein Obama-Shirt als auf einen wirklichen Amerikaner stößt?
Wir verließen den Laden und gingen etwas essen. Dann gingen wir in ein zweites Geschäft auf derselben Straße. Sie schickten uns in ein zweites, behelfsmäßiges Gebäude, das in einer der Nebenstraßen lag, und ich wartete mit dem Fahrer im Auto, während die anderen sich in die zweite Runde begaben. Sie saßen auf der Veranda und redeten mit einem Mann, und ich erinnere mich, dass ich mir in dem Moment wieder der Hitze bewusst wurde—der Schwüle der Luft, der Art, wie meine Sachen an meiner Haut klebten und zogen. Dann tauchte aus dem Schatten ein zweiter Mann in einem zerlumpten Corona-Hawaiihemd auf und begann mit lauter Stimme zu sprechen. Ich sah, wie sich ein „Wir sind am Arsch“-Ausdruck in die Gesichter meiner Freunde schlich und hörte ihn durch das Autofenster sagen: „Wir wissen, dass ihr bereits Diamanten gekauft habt.“ Die drei verschwanden 20 Minuten lang im Foyer.

Als sie wieder herauskamen, hatte ich meine Steine bereits unter der Plastikhülle des Sicherheitsgurts versteckt, aber ich merkte auch sofort, dass der Ton der Unterhaltung jetzt ein anderer war. Inzwischen schien keiner mehr zu drohen, unser Auto auf den Kopf zu stellen. Colin zeigte dem Mann—der, wie sich herausstellte, Alfred hieß—unseren Reiseführer, wo es ein paar Seiten zum „Windowshopping“ für Diamanten gab. „Wir wollen nur Fotos machen“, sagte Colin. Ein Bluff folgte dem anderen wie die Maschinengewehrsalven, die in dieser Region noch vor zehn Jahren an der Tagesordnung waren. Alfred erklärte, dass er uns gefolgt sei, seit wir das letzte Geschäft verlassen hatten, also nicht das erste, wo wir tatsächlich Steine gekauft hatten. Im Auto war es kochend heiß, die Hitze glich einem gesichtslosen Terror, und ich applaudierte fast, als unser neuer Freund vorschlug, an einen ruhigeren Ort um zu ziehen, um die Unterhaltung fortzusetzen.



Nachdem Alfred in seinem Versuch gescheitert war, uns wegen des illegalen Ankaufs von Diamanten zu erpressen, versuchte er sich mit etwas besserem Erfolg daran, sich uns als Touristenführer zu verdingen. Am nächsten Morgen nahm er uns auf eine exklusive, nicht genehmigte Tour durch ein paar von Sierra Leones am wenigsten entwickelten Diamantenminen mit. Jetzt, wo wir „Freunde“ waren, war es natürlich OK für ihn, das Gesetz etwas freizügiger auszulegen—solange wir danach auch mit unseren Geldbeuteln Freizügigkeit walten ließen.


Die Tatsache, dass er nun unser „Freund“ war, war ein gutes Zeichen. Es hieß, dass wir ihn und seine Kumpel zum Essen einladen würden. Es hieß auch, dass wir zwar noch nicht aus dem Schneider waren, aber immerhin auf einem guten Weg. Als wir uns setzten und bestellten, schnatterte er in dem wunderhübschen Vogelsang der lokalen Sprache Krio (halb English und halb wirres Gebrabbel) in sein Mobiltelefon, und wir begannen unter unserem aufgesetzten Lächeln ein wenig ruhiger zu atmen, während wir uns durch eine nervenaufreibende Unterhaltung über alles und nichts quälten.

Unser Kumpel Alfred versuchte sein Bestes, um jemand für uns zu finden, der uns einen Diamanten fotografieren lassen würde. Wir hatten darauf bestanden, dass wir nur ein Foto wollten, obwohl er uns versicherte, dass es auch OK wäre, wenn wir mehr wollten, denn er könne auch das arrangieren. Aber wir wussten es besser. Er musste gemerkt haben, dass er seine Falle zu früh zuschnappen lassen hatte, und versuchte nun verzweifelt, uns noch einmal an den Köder zu bekommen. Wir wollten inzwischen nur noch eins: weg aus Kenema. Wir wussten, dass wir uns hier nicht mehr blicken lassen konnten. Schließlich hörten wir ein Motorrad vorfahren, was ein gutes Zeichen war, denn es hieß, dass wir dem Ende des ganzen Theaters einen Schritt näher waren. Dann Schritte. Und dann ein Anblick, der meinen Magen wie einen kaputten Aufzug in Richtung meines Arschlochs krachen ließ: Es war der Mann in dem lachsfarbenen Hemd.

Der Ort des Verbrechens
Was folgte, waren die angespanntesten fünf Minuten meines Lebens, was einiges heißen will, wenn man bedenkt, wie stressig schon die gesamte vorangegangene Stunde war. Aber aus irgendeinem Grund verpfiff uns der Mann in dem rosa Hemd nicht. Vielleicht hatten wir einen Schutzengel oder er war zufällig Libanese.

Ja, wir haben die Diamanten erfolgreich aus dem Land gekriegt. Das Beste war, dass wir sie uns noch nicht mal in den Arsch stecken mussten. Colin brachte seinen im Daumen eines Latexhandschuhs aus dem Land, den er sich unter die Zunge steckte und beim ersten Anzeichen von Ärger verschlucken wollte. Ich klebte meine im Inneren meiner Nikon fest, was den Blendenverschluss für immer ruinierte. Greg verpasste wegen seiner Suche nach der „großen Nummer“ fast das Flugzeug und hielt am Ende sogar kurz einen solchen Riesenstein in der Hand, womit er dem Ganzen immerhin ein beachtliches Stück näherkam, als es den meisten Normalsterblichen je gelingen wird. Und was die kleinen glänzenden Steine betrifft, so sind sie der Beweis. Der Beweis dafür, dass sie dort immer noch zu haben sind, wenn ihr nur bescheuert genug seid, danach zu suchen.



Das Endprodukt. Eineinhalb Karat rohes, ungeschliffenes afrikanisches Eis. Erworben von einem libanesischen Auswanderer in Kenema, verarbeitet von einem jüdischen Juwelier in Las Vegas, und mit Stolz getragen von Ryens Mutter in San Diego. Mehr von Ryens Arbeiten könnt ihr auf stabtheprincess.com anschauen.
 

FOTOS VON RYEN McPHERSON

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