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Drogen

Die Anatomie eines Heroin-Rückfalls

Und wie ich (wieder einmal) die Kurve kriegte.

von Tony O'Neill
02 Januar 2017, 5:00am

Foto: Luis Robayo | AFP/Getty Images

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit The Influence veröffentlicht.

Nach zehn Jahren ohne Stoff verschwendete ich eigentlich keinen Gedanken mehr daran.

Am Anfang begann noch jeder Morgen mit einem inneren Konflikt darüber, ob ich konsumieren soll oder nicht. Nach einer Weile jedoch verblasste dieses Innere "nur noch ein allerletztes Mal" zu einem geisterhaften Echo. Und eines Tages war es dann gar nicht mehr zu hören.

Ich war schon länger von dem Zeug runter, als ich drauf gewesen war. Ich hatte gesiegt und mir ein komplett neues Leben aufgebaut. Ich war Vater geworden. Ich hatte eine Karriere als Schriftsteller begonnen. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls schien mir so fern und abwegig, aus blauem Himmel von einem Klavier erschlagen zu werden.

Bis ich rückfällig wurde.

Es begann mit dem Unfall.

Es war an einem tristen Montag im Januar 2014, als ich mit meiner Tochter gegen 17 Uhr aus dem Supermarkt kam. Ich nahm sie an die Hand und wartete an der Straße darauf, dass der Verkehr anhält. Aus der Gegenrichtung kam nichts. Wir gingen los. Nach ein paar Schritten stand die Welt plötzlich auf dem Kopf. Ich weiß noch, wie sich meine Rippen zusammenstauchten und mir sämtliche Luft aus meinen Lungen gepresst wurde, als ich auf den Asphalt krachte. In der Stille danach kam mir alles vor wie in einem Traum. Dann rollte eine der Mandarinen, die wir gerade gekauft hatten, durch mein Sichtfeld und riss mich zurück in die Realität.

Die Schuhe meiner Tochter lagen mitten auf der Straße. Die Wucht des Aufpralls hatte sie regelrecht aus ihnen herausgerissen. Ein paar Meter weiter sah ich mein Kind regungslos auf der Erde.

Sie hat den Unfall überlebt. So viel sei schon mal gesagt. Ihr geht es gut. Sie erinnert sich noch nicht einmal. Die Glückliche.

Als ich sie jedoch so daliegen sah, wusste ich das nicht. Ich taumelte zu ihrem leblos scheinendem Körper, der ausgebreitet wie eine Stoffpuppe auf der Straße lag. Aus Angst sie noch mehr zu verletzen, streichelte ich ihr sanft das Gesicht und bettelte sie an, aufzuwachen.

Zum Glück war sofort ein Krankenwagen da. Als die Sanitäter sie auf die Bare legten, wachte sie – erst nach Luft ringend, dann weinend – auf. Die 120 Sekunden bis dahin – ich über sie gebeugt, sie anschreiend, sie anflehend – kamen mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Mit jeder Sekunde, die sie nicht auf meine Stimme reagierte, ihre Augen nicht öffnete, dämmerte mir, dass sie tot sein könnte.

Aber eigentlich geht es hier nicht um den Unfall. Es geht um meinen Rückfall. In meinem Kopf hängen beide Ereignisse jedoch untrennbar miteinander zusammen. Mit dem Unfall veränderte sich alles.

Da waren die Albträume – natürlich. In den ersten paar Monaten kamen sie gleich mehrmals in der Nacht. Immer wieder durchlebte ich den Unfall – oftmals in schrecklichen Variationen: verdrehtes Fleisch, ein Auto, das in Zeitlupe auf mein Kind zurast, während ich wie festgewurzelt dastehe.

Viel schlimmer war aber die Wut. Meiner Frau war sie als erstes aufgefallen. Obwohl meine Tochter sich schnell erholte, ebbte meine Wut auf die Fahrerin des Unfallwagens und die Versicherungen nicht ab, sondern nahm mit der Zeit zu. Meine Frau schlug vor, ich solle mit jemandem sprechen – einem Arzt, einem Therapeuten, egal wem –, aber ich weigerte mich. Ich war doch nicht wahnsinnig geworden. Ich war wütend. Und ich hatte jedes verdammte Recht wütend zu sein.

Und außerdem hatte ich einen Haufen Schmerzmittel.


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Ich gehöre nicht zu der neuen Generation Heroinabhängiger, die man brutal von der Zitze pharmazeutischen Dopes entwöhnt hatte. Ich gehöre zu den Junkies, die schon als Kind Johnny Thunders, William Burroughs und Chet Baker angebetet hatten. Für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich das Zeug selbst probieren würde. Ich war verliebt in die Mystik des Heroins, den Außenseiter-Lebensstil und seine künstlerischen Konnotationen. Pillen interessierten mich höchstens in Durstsrecken. Zu meiner Junkiezeit in L.A. war ich verdammt gut darin gewesen, mir von Ärzten bei Bedarf ein entsprechendes Rezept ausstellen zu lassen.

Jetzt aber brauchte ich das ganze Theater nicht: keine gespielten Rückenschmerzen, keine Spasmen oder Migränen. Wenn ich jetzt in eine Arztpraxis humpelte, wie ein alter Mann, von oben bis unten mit Prellungen und Schrammen übersät, fragte man mich natürlich, ob ich etwas gegen die Schmerzen bräuchte. Natürlich sagte ich Ja.

Aus einer Pille bei Bedarf wurden fünf, zwei- bis dreimal am Tag. Mein Konsum steigerte sich beständig.

Wenn jemand, der früher heroinabhängig war, pharmazeutische Opioide zur Schmerzlinderung nehmen muss, dann ist das in meinen Augen kein "Rückfall". In vielen Fällen und mit entsprechenden Vorkehrungen funktioniert das sogar reibungslos. Auch ich hatte das bereits mehrmals gemeistert – nach meiner Weisheitszahn-OP zum Beispiel.

Der Unterschied zwischen meinen Weisheitszähnen und dem, was nach dem Unfall passierte, war klein aber ausschlaggebend: Früher hatte ich Pillen geschluckt, um körperliche Schmerzen zu betäuben; jetzt schluckte ich Pillen, um emotionale Schmerzen zu betäuben.

Irgendwann kam der Punkt, an dem die Ärzte mir keine Rezepte mehr ausstellten. Meine körperlichen Wunden waren verheilt. Als das passierte, war der Affe, den ich all die Jahre auf meinem Rücken getragen hatte, jedoch frei. Ich hatte den kleinen Bastard zehn Jahre lang verhungern lassen, ihn weggesperrt und ihm keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Ich dachte, er wäre tot – oder zumindest so gut wie. Nachdem ich ihm aber monatelang Oxycodon in den Käfig geschmissen hatte, war der kleine Racker so groß wie King Kong.

Ich schaffte es, ein paar Tage ohne Pillen – depressiv und lustlos. Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass mein Zustand nicht auszuhalten ist. Ich sah nur zwei Möglichkeiten, um den Lärm in meinem Kopf verstummen zu lassen. Eine war Selbstmord. Die andere Heroin.

Die Beschaffung war so einfach wie ein Supermarktbesuch.

Ich verließ um 9 Uhr morgens das Haus, um 13 Uhr war ich zurück mit Stoff. Menschen wie ich haben einen Instinkt. Wir finden Dope wie andere mit der Wünschelrute eine Wasserader.

Dieses Mal war es aber anders: keine Junkieromantik, kein angenehmes "Selbsterkunden", kein herrlich-sediertes Schweben durch den Tag. Stattdessen setzte mich der Schuss genau da ab, wo ich Heroin all die Jahre zuvor verlassen hatte: in einem erstickenden Kreislauf aus überbordendem Verlangen, grauenvollem Selbstmitleid, Selbsthass, Hass auf die Droge und dem alles verzehrenden Gefühl, nicht anders zu können, als weiter zu konsumieren.

Jetzt war ich aber auch noch Vater. Jedes Mal, wenn ich in dieser Phase meinem Kind in die Augen schaute, fühlte ich mich wie ein deformiertes, buckliges und wehleidiges Monster. Auch wenn ich alles, was in mir vorging, für mich behielt, wusste ich, dass ich mit jedem weiteren Tag auf ein Desaster zusteuerte, das meine Familie zerstören würde.

Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob der nächste Schuss unabsichtlich mein goldener sein würde. Zugegebenermaßen schien mir diese Vorstellung manchmal als Erlösung.


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Natürlich kam mir meine Frau irgendwann auf die Schliche und konfrontierte mich mit Beweismaterial. Ich war geständig und es war eine ungeheure Erleichterung.

Während ich mich in unserem Gästezimmer durch einen brutalen Entzug krümmte, schlug mir meine Frau eine Abmachung vor: Ich dürfte bleiben, wenn ich mich in Behandlung begeben würde. Aber ich wollte nicht wieder in eine Klinik, selbst in diesem Zustand nicht. Meine Erinnerungen an die 90er waren einfach zu schlimm. Ich flehte sie an, es einfach durchstehen zu dürfen, mich in das Zimmer einzuschließen und nicht wieder rauszulassen, so sehr ich sie auch anbettelte.

Aber meine Frau ließ nicht mit sich verhandeln. Nach drei höllischen Tagen Entzug begann ich die ambulante Behandlung – inklusive Therapie.

Menschen werden jeden Tag rückfällig. Es sei, so sagen sie, Teil des Genesungsprozesses. Für mich liegt die Krux aber darin, dass ich seit April 2014 nicht nur die Finger vom Heroin lasse, sondern mich außerdem dazu entschieden hatte, mir Hilfe wegen meiner Depressionen zu suchen. Sie war der Hauptgrund für meinen Konsum.

Ich ging zu einem Therapeuten. Ein netter Typ. Auch wenn ich die Wirksamkeit einer solchen Sprechkur weiterhin bezweifelte, war es natürlich gut, in diesem frühen Stadium jemanden zu haben, mit dem ich reden konnte – jemanden, bei dem ich mir keine Sorgen machen musste, dass er Angst bekommen würde, wenn ich ihm von meinem inneren Kampf berichte; jemanden, der nicht mit Abscheu reagieren würde, wenn ich ihm einen Blick in meinen Wahnsinn gewähre.

Als ich mich im Entzug befand, ging ich zu einem anderen Therapeuten. Auch ein netter Typ. Ein ehemaliger Meth-Abhängiger. Man könnte denken, dass so einer doch der perfekte Therapeut für mich wäre. Und es stimmt schon, dass er meine Gedankengänge besser nachvollziehen konnte. Aber für mich war die medizinische Distanz meines anderen Therapeuten ein Vorteil.

Damit fällt nämlich der ganze unnötige Scheiß weg. Du verspürst nicht den Impuls, in das Ritual des – wie mein Freund Jerry Stahl es nennt – "Untertrumpfens" einzusteigen. Egal, ob es dir gefällt oder nicht, erfüllt die meisten von uns ein gewisser verdrehter Stolz über die tiefen Abgründe, die wir erreicht haben. Wenn wir denken, dass unser Therapeut nicht so tief gesunken ist wie wir, dann ist uns seine oder ihre Meinung tendenziell weniger wert. Aber wir fühlen uns verunsichert, wenn er oder sie noch kaputter ist als wir, noch verrückter, noch mehr Drogen genommen hat, Läden überfallen undZähne verloren hat – "Du bist kein echter Junkie, solange du nicht mindestens zwei Zähne verloren hast", meinte ein Typ in Kalifornien mal zu mir. Wenn die Drogenerfahrung deines Therapeuten jedoch rein theoretischer Natur ist, dann ist diese bescheuerte Junkie-Etikette hinfällig.

Es ist lange her, dass ich dermaßen voller Selbsthass und Lustlosigkeit war, dass es eine Qual war, überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Viel effektiver als das Gerede waren allerdings die Medikamente. Mein guter Freund Suboxone, ein Kombinationspräparat aus dem Schmerzmittel Buprenorphin und dem Opioid-Antagonist Naloxon, hat mir schon mehr als einmal das Leben gerettet und auch hier war es wieder für mich da, um mich davon abzuhalten, die Wände hochzugehen.

Mittlerweile habe ich mir fast alles abgewöhnt und wenn die Zeit reif ist, werde ich komplett aufhören – mit allem. Das geschieht wahrscheinlich innerhalb der nächsten acht oder neun Monate. Ich bin froh, Suboxone statt Methadon zu haben, und zwar aus zwei Gründen.

Der erste ist der Zugang: Bei Suboxone erlauben sie dir eher, einen 30-Tages-Vorrat – manchmal sogar 60-Tages-Vorrat – auf einmal mitzunehmen und dir deine Medikation selbst einzuteilen. Das ist wirklich nicht zu unterschätzen. Damals, in den schlechten alten Methadon-90ern, gehörte es zur täglichen Routine, jeden Morgen als allererstes in der Apotheke aufzukreuzen und die Dosis vor dem Apotheker einzunehmen. Diese wahrscheinlich zur Förderung einer Alltagsstruktur erdachte Regelung wirkte viel mehr wie eine schlecht kaschierte Strafe. Sie stellte sicher, dass jeder Tag damit begann, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, wie tief man gesellschaftlich gesunken war. Es schüttelt mich noch immer, wenn ich daran denke, wie ich jeden verdammten Morgen meine schmerzenden Knochen zur nächsten Apotheke schleppte; wenn ich mich an die gaffenden Blicke der Menschen erinnere, während ich mit zitternden Händen mein Methadon runterkippte; an die Mütter, die ihre Kinder näher zu sich heranzogen, damit ich sie mit meinen Suchtgenen bloß nicht anstecke.

Der zweite Vorteil besteht darin, dass Suboxone als Opioid-Blocker wirkt. Sobald ich mit der Behandlung angefangen hatte, hatte ich kein Konsumverlangen mehr – wirklich nicht. Der Rückfall hatte letzten Endes kaum Spaß gemacht. Sobald ich mein Bedürfnis gestillt hatte, war kein Funken emotionaler Verbundenheit zu meinem alten Junkieleben mehr da. Abgesehen davon ist es einfach beruhigend zu wissen, ich durch einen verdrehten Schicksalsschlag ein Badezimmer betreten und darin ein verlorenes Päckchen mit Stoff finden würde – sehr unwahrscheinlich, ich weiß – dann könnte mich der schnell verhungernde Affe auf Suboxone zumindest nicht davon überzeugen, ihm eine Erdnuss hinzuschmeißen.

Die Psychopharmaka halfen mir allerdings noch mehr. Ich hatte großes Glück und fand eine geduldige und verständnisvolle Ärztin – eine, die nicht diese kalte Abneigung ausstrahlte, die mir von meinen früheren Behandlungen in Erinnerung geblieben war. Heute sprechen sie und ich kaum noch über Sucht und Rückfall. Wir sprechen über das Leben. Das ist wohl ihre Art, meinen psychischen Puls zu messen. Es brauchte eine gewisse Zeit, aber Heroin, der Rückfall, der Unfall, dieses ganze Zeug beschäftigt mich nicht mehr – das wirkliche Leben hingegen schon.

Es dauerte etwas, die richtige Medikamentenkombination für mich zu finden, aber als ich das schließlich geschafft hatte, war der Unterschied einfach gigantisch. Es war, als hätte jemand ein lärmendes Radio ausgeschaltet – ein Hintergrundrauschen durcheinander schreiender Stimmen, das so lange angehalten hatte, dass ich mich daran gewöhnt hatte. Die Stille war am Anfang auffällig. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen. Heute ist sie Teil meiner neuen Normalität. Mein Kopf ist so klar, wie seit Jahren nicht mehr.

Es ist lange her, dass ich dermaßen voller Selbsthass und Lustlosigkeit war, dass es eine Qual war, überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Aber natürlich ist nicht jeder Tag eitel Sonnenschein. Die allermeisten sind es nicht. Schließlich nehme ich Antidepressiva und nicht MDMA. Aber indem sie sicherstellen, dass meine schlechten Stunden, Tage, was auch immer, nicht so schlecht sind, haben es mir meine Medikamente ermöglicht, mit dem Leben weiterzumachen, den Unfall hinter mich zu bringen und wieder der Mensch zu sein, der ich davor war.

Und natürlich gab es da auch noch meine größte Angst. Die Angst, dass ich auf Psychopharmaka nicht schreiben kann. Diese war natürlich totaler Schwachsinn. Eine Novelle, die ich letztes Jahr anfing, wuchs zu einem Roman heran. Ein genau so großer Irrtum war der Gedanke, der mir mit 21 zum ersten Mal in der Reha kam. Ein Leben ohne Heroin? Aber wie würde ich dann Musik machen können?

Die Antwort war natürlich simpel: genau so, wie ich das sonst auch immer getan hatte.

Ich bereue am meisten, dass ich das nicht früher begriffen habe. Ich tat all diese Dinge, auf die ich in meinem Leben besonders stolz bin, trotz meiner Depression und nicht wegen ihr.

Ich habe auch auf eine besonders schmerzhafte aber eindrückliche Art gelernt, wie sehr ich die eigene Selbstgefälligkeit zu fürchten habe. In den fast zwei Jahren, seitdem ich (wieder) clean bin, habe ich mich Hals über Kopf darangemacht, das Chaos in Ordnung zu bringen, das ich hinterlassen hatte. Langsam hat das Leben wieder begonnen, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Tony O'Neill ist der Autor mehrerer Bücher, darunter 'Digging the Vein', 'Down and Out on Murder Mile' und 'Sick City'. Er ist auch Co-Autor des New York Times-Bestsellers 'Hero of the Undergound' (mit Jason Peter) und des Los Angeles Times-Bestsellers 'Neon Angel' (mit Cherie Currie).

Dieser Artikel ist zuerst bei The Influence erschienen. The Influence ist eine Nachrichtenseite, die das volle Spektrum der Beziehung zwischen Drogen und Menschen behandelt. Folge The Influence bei Facebook und Twitter.

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