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Drogen

Hamilton Morris und das Pilzverbot

Auf einem stillen niederländischen Bauernhof werden die meisten psychedelischen Mushrooms weltweit produziert.

von Hamilton Morris
13 Februar 2012, 6:00am

Pilzverbot


Ein Berg frisch gereinigter Trüffel der Sorte Psilocybe-Atlantis

In der bukolischen Idylle von Hazerswoude-Dorp, umgeben von grünen Wiesen, wiederkäuenden Holstein-Kühen, gemächlichen Windmühlen und kecken Tulpen, liegt eine sonderbare niederländische Farm. Das Anwesen ist die weltweit größte Produktionsstätte psilocybinhaltiger Trüffel. Diese Trüffel, oft auch „Philosopher’s Stones“ genannt, sind—das sei der Genauigkeit halber angemerkt—keine Trüffel (oder Steine) im eigentlichen Sinne, sondern der Fortpflanzung der Pilze dienende Partikel, die eine vom Pilz getrennte biologische Funktion erfüllen.

Der Pilz bildet den Fruchtkörper oder die „Frucht“, von dem aus sich die Sporen verbreiten; nach der Keimung schließen sich diese Sporen zu einem flaumigen fadenförmigen Geflecht zusammen, dem sogenannten Myzel. Wenn die Umweltbedingungen es nicht erlauben, dass sich der Myzel zu einem Pilz entwickeln kann, bilden manche Arten verworrene Klumpen von Myzelmasse aus, die man Sklerotium nennt. Im Jahr 2008 verbot die niederländische Regierung so gut wie alle bekannten psilocybinhaltigen Pilze, vernachlässigte aber das bescheiden unterirdisch vegetierende Sklerotium. Über Nacht wurden diese Klumpen von Pilzfleisch—die Trüffel—zur einzig legalen Psilocybinquelle in den Niederlanden. Ich unternahm eine Reise nach Amsterdam, um mehr über ihre Geschichte und Verbreitung zu erfahren. Als ich in der Magic-Truffle-Farm ankam, waren ihre beiden Eigentümer, die als Trüffelbrüder bekannt sind, gerade damit beschäftigt, einen „realistischen“, etwa 1,50 m hohen Außerirdischen auszupacken. Sie überlegten, diesen Alien wie Bob Marley einzukleiden und ihm eine große Jointattrappe zum Rauchen zu geben. Wir setzten uns hin, um ein wenig zu plaudern.

   Was haben Bob Marley und Außerirdische gemeinsam? Sie LIEBEN Gras.



 

VICE: Wer seid ihr und was betreibt ihr für ein Geschäft?
Ali:
Ich heiße Ali. Neben mir sitzt mein Bruder Murat. Man kennt uns als die Trüffelbrüder. Wir erzeugen hier in Hazerswoude-Dorp, etwa 30 Kilometer südlich von Amsterdam, Sklerotia, die sogenannten Magic Truffles.

Wie seid ihr zum Geschäft mit den Trüffeln gekommen?
Murat:
Ich hatte eine Pizzeria. Über meinem Restaurant wohnte ein Typ, der mit Crack handelte, er tauschte Crackprodukte mit diesen Typen, die … Wie werden die Leute noch mal genannt, die illegal in Häusern wohnen?

Hausbesetzer.
Murat:
Ja, stimmt. Diese Hausbesetzer tauschten Pilze, die sie draußen gefunden hatten, gegen Crackprodukte bei dem Typen über meiner Pizzeria. Dieser Typ mit dem Crack kam zu mir und gab mir ein kleines Tütchen mit etwas, das aussah wie weiße Schamhaare. Es war ein bisschen unappetitlich und so legte ich es in eine Schublade und vergaß es. Ein paar Wochen später holte ich das Tütchen noch einmal hervor und sah, dass dort kleine Pilze gewachsen waren. Ich ging damit zu meinem Bruder und sagte: „Davon würde ich gerne mehr züchten!“ Ali hatte gerade sein Pilzprojekt in Polen beendet und so beschlossen wir, zusammen ein Geschäft aufzuziehen.

Was war das für ein Pilzprojekt in Polen?
Ali:
Ich beaufsichtigte dort ein internationales Champignonzucht-Projekt. Das war ein wirklich großer Anbau mit angeschlossener Konservenfabrik. So war ich also schon Teil des Pilzanbaunetzwerkes, wenn auch in einem vollkommen anderen Segment. Als ich in diesem Champignonprojekt arbeitete, kam ein Freund zu mir und zeigte mir Sporen, die er in einer Laborschale aufbewahrte. Er sagte zu mir: „Das ist ein Zauberpilz.“ Ich hatte noch nie von so etwas gehört und schaute es mir genauer an. Ich ging zu einem Freund, der ein mykologisches Labor besaß, und fragte ihn: „Können wir mit diesen Sporen etwas machen?“ Und er sagte: „OK, geben wir ihnen eine Chance.“ Einige Wochen später war dort nur ein einziger Pilz in dem Glaskasten gewachsen, allerdings ein riesiger. Ich gab ihn einem Freund und der sagte, es sei unglaublich gewesen. Anscheinend hatte er mit Rehen und Bäumen und Blumen geredet. Das war für mich das Signal und der Anstoß zu sagen: „Das ist eine gute Sache, wir sollten da weitermachen.“ So kam das alles, und dann war da noch Murats Begegnung mit diesem Typen über ihm.


Eine Portion vakuumverpackter Psilocybe-Galindoi-Trüffel

Habt ihr mit diesem Betrieb hier angefangen?
Ali:
Angefangen haben wir wesentlich kleiner.
Murat: Es ging eigentlich im Schlafzimmer meiner Tochter los, da hatten wir ein Aquarium mit Pilzen hingestellt.
Ali: Nachts zogen wir immer durch die Straßen und hielten Ausschau nach alten Aquarien, die irgendwelche Leute weggeschmissen hatten. Das war selbst fast so, als würden wir Pilze suchen. Wir riefen: „Hier ist eines!“, und nahmen das Aquarium mit. Binnen kurzer Zeit war unser Zimmer voll mit ihnen.
Murat: Ja, im Zimmer meiner Tochter standen Dutzende Pilzaquarien … aber es reichte immer noch nicht. Wir konnten nicht genügend Pilze aufziehen, um mit der Nachfrage mitzuhalten. Daher versuchten wir mit Speisepilzanbauern zu kooperieren. Diese Projekte liefen leider nicht besonders gut. So verlagerten wir unser Unternehmen 1994 vom Schlafzimmer meiner Tochter in unsere erste kommerzielle Anbaustätte nicht weit von hier, in die Stadt Langeraar. Da richteten wir uns ein Ensemble aus ein paar Verschlägen mit Einlegeböden her und versorgten von dort die holländischen Smartshops mit Pilzen.

Ich habe gelesen, dass Pilze den Höhepunkt ihrer Popularität in den 90er-Jahren erreichten. Wie viele Kunden hattet ihr in dieser Zeit?
Murat:
Das war immer die interessante Frage, vor allem bevor wir die Pilze in individuell abgepackten Liefermengen verkauften. Es ist extrem wichtig, die Nachfrage gut abzuschätzen. Andere Züchter produzierten zu viel und waren gezwungen, das überschüssige Material zu trocknen und schließlich … illegale Sachen damit zu machen. Vor dem Verbot mussten Pilze frisch—und das bedeutet: feucht—sein, um legal in Holland verkauft werden zu können. Wir lieferten am Anfang einer Woche massenhaft Pilze an Smartshops, aber am Ende der Woche hatte bereits eine beträchtliche Verdunstung stattgefunden, das bedeutete, die Wirkung der Pilze nach Gewicht war gestiegen. Die Endkunden freuten sich über den Bonus und die Smarthops fühlten sich über den Tisch gezogen durch die Abnahme des Gewichts. Daher fingen wir an, die Pilze in Portionsbehälter aus Kunststoff zu verpacken, um deren Feuchtigkeit zu erhalten.
Ali: Bald nach dieser Neuerung zogen wir um in ein größeres Areal mit zehn Gewächshäusern. Weitere vier bauten wir noch dazu, aber das war immer noch nicht genug, um die Nachfrage zu befriedigen. Schließlich fanden wir 2002 dieses Objekt—es ist ideal, weil es hier zwei separate Gewächshäuser gibt. So können wir die verschiedenen Schritte der Fortpflanzung isolieren und die Gefahr der Kreuzkontamination minimieren. Wir hatten nun endlich alles, was wir brauchten, um den internationalen Markt zu bedienen, aber dann wurden die Pilze 2008 verboten.


Eine der 15 Kammern für den Anbau von Sklerotium auf der Zaubertrüffelfarm. Jede von ihnen hat Kapazitäten für etwa 600 Tüten Trüffel.

Ich bin ungefähr im Bilde, was die Ereignisse betrifft, die zum Verbot der Pilze führten. Aber in den englischsprachigen Medien war nicht sehr viel darüber zu hören. Was passierte genau?
Ali:
Was passierte, war eigentlich nicht so erschreckend. Erschreckend war die Reaktion der Medien auf das Ereignis. Ein Franzose, der in einem Lkw auf der Straße lebte, hatte seinen Hund verstümmelt und wurde festgenommen. Er führte seine Tat sofort auf eine Dosis Pilze zurück, die er vorgab, genommen zu haben, später aber wurde bei ihm eine Psychose diagnostiziert. Die Misshandlung des Hundes hatte nichts mit Pilzen zu tun. Genauso wie ein Amerikaner sagen kann: „Ich habe das getan, weil ich betrunken war“, und auf Nachsicht hofft, kann ein Niederländer sagen: „Ich war auf Pilzen.“ Die Droge wird für alle möglichen normalen oder anormalen menschlichen Verhaltensweisen verantwortlich gemacht. Und dann war da dieses Mädchen aus Frankreich, das im Frühjahr 2007 von einer Brücke sprang. Das war dann der unmittelbare Auslöser des Verbots.
Murat: Es wurde noch nicht einmal sicher nachgewiesen, dass dieses Mädchen wirklich Pilze konsumiert hatte! Anscheinend hatte der Hotelportier oder einer ihrer Freunde sie mit einer Schachtel Pilze gesehen und ist dann zu dem Schluss gekommen, dass das Mädchen nicht nur auf Pilzen war, sondern diese auch zu ihrem Tod geführt hatten. Das Mädchen war Französin und in den Niederlanden dürfen Leichen aus anderen Ländern nicht obduziert werden. Bei der Autopsie in Frankreich konnten in ihrem Blut später aber keine Spuren von Psilocybin nachgewiesen werden.

Vor dem Verbot waren vor allem die Pilze gefragt, weniger Sklerotium, richtig?
Murat:
Ja, die Trüffel waren etwas für Liebhaber. Es war damals ein Nebenprodukt und machte weniger als 20 Prozent unseres Geschäfts aus. Wir züchteten sie 15 Jahre lang kontinuierlich, aber vor allem, weil das etwas Neuartiges war. Dann kam das Verbot. Die Regierung erweiterte das Opiumgesetz um eine Liste von 186 mehr oder weniger psychoaktiven Pilzen. Wir schauten uns diese Liste etwas näher an und stellten fest, dass Sklerotium dort nicht erwähnt wurde. Wenn sie nicht im Gesetz erwähnt sind, ist ihr Anbau auch nicht illegal, also setzten wir unsere Trüffelzucht fort.


Hamilton mit einer Handvoll Trüffel der Sorte Psilocybe tampanensis

Warum haben sie wohl vergessen, Sklerotium in die Liste aufzunehmen? War das mit Absicht oder aus Versehen?
Murat:
Sie wussten durchaus vom Sklerotium, der Punkt wurde ausgiebig im Parlament behandelt. Es gab Anfragen beim Gesundheitsministerium bezüglich der Trüffel. Das Ministerium kam zu dem Schluss, dass die Wirkung der Trüffel schwächer ist und daher keine große Gefahr darstellt. Daher wurden sie nicht in die Liste aufgenommen. Soweit ich weiß, sind die Trüffel stärker als manche Pilzsorten, aber wir wollten damit natürlich nicht ans Parlament herantreten.

Liegt das daran, dass ihr Wasseranteil geringer ist?
Murat:
Ja und nein. Der Feuchtigkeitsanteil von Pilzen liegt bei 92 bis 94 Prozent, der von Trüffeln bei nur 74 bis 75 Prozent. Die Trüffel sind also nach Gewicht der Frischware etwas stärker, die Pilze sind stärker nach Trockengewicht. Als wir noch Pilze verkauften, betrug die Standarddosis für eine Person etwa 30 Gramm frischer Pilze, bei den Trüffeln sind das nur 15 Gramm.

Welcher war der erste Sklerotium produzierende Pilz, den ihr kultiviert und verkauft habt?
Ali:
Das war der Tampanensis, Psilocybe tampanensis, der, wie der Name sagt, in Tampa, Florida, entdeckt wurde.
Murat: In der Literatur heißt es, dass er nur ein einziges Mal in Tampa gefunden wurde und demnach alle heute auf dem Markt erhältlichen Kulturen von diesem einen Exemplar gewonnen wurden, dem sogenannten Polock-Stamm. Er wurde nie wieder in der freien Natur gefunden. Jeder heute verkaufte Philosopher’s Stone ist also ein Abkömmling dieses einen Pilzes.

Wie groß sind die Trüffelanbau-Kapazitäten eures Betriebes?
Murat:
Wir reden nicht gerne über genaue Produktionsziffern, aber ich würde sagen, die vollen Kapazitäten, wenn wir 24 Stunden täglich arbeiten, in drei Schichten, wegen der Sterilisation und Impfung, liegen wahrscheinlich bei 18.000 Tonnen pro Jahr.


Murat hält einen Psilocybe-mexicana-Trüffel in der Hand.

Wie habt ihr euren Warenbestand unter die Leute gebracht, als die Pilze verboten wurden?
Ali:
Das war nicht schwer. Die Leute standen hier Schlange: „Die letzten Pilze! Die letzten Pilze!“ Es war also kein Problem, sie los zu werden. Ich erinnere mich sehr gut an den 1. Dezember. Ich räumte die Gewächshäuser vor laufenden TV-Kameras und Journalisten aus. Das war ein trauriger Tag, der traurigste Tag meines Lebens.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Trüffel verboten werden?
Ali:
Das kann man schwer sagen. Solange es keine Zwischenfälle gibt …

Aber mir scheint, ein Zwischenfall ist unvermeidlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand eine unnötig hohe Dosis Trüffel verzehrt und versucht zu fliegen oder es zu einer Neuauflage einer Hundesmisshandlung kommt, die man meint auf Trüffel zurückführen zu können.
Ali:
Ja, vielleicht ist ein Zwischenfall unausweichlich. So ist jeder aufgefordert, verantwortlicher als vorher mit dem Stoff umzugehen. Die User sollten sich darüber im Klaren sein, dass ihr isoliertes Handeln den Niedergang eines ganzen Gewerbes zur Folge haben kann. Die Smartshops müssen beim Verkauf ihrer Produkte umsichtig sein und berücksichtigen, dass instabile Menschen gelegentlich abdrehen wollen. Und die Medien sollten begreifen, dass ein kleiner Bericht drastische gesetzliche Änderungen auslösen kann. 2008 mussten alle Pilze vernichtet werden, aber das Sklerotium blieb. Genau das ist seine biologische Bestimmung: den Pilz in einer feindlichen Umgebung überleben zu lassen. Im Augenblick ist die Umwelt politisch gesehen feindlich, das Sklerotium aber überlebt.

Fotos von Hamilton Morris und Santiago Stelley

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