Obwohl wir Piotr erst seit einem Jahr kennen, fühlt es sich für uns schon wie eine halbe Ewigkeit an. Und noch immer überrascht er uns jedes Mal, wenn wir ihn treffen, aufs Neue mit einer absurden Anekdote aus seinem Leben oder seinem lexikalischen Wissen in Bezug auf Filme. Und zwar solche, die du in die Kamera legen kannst – er hat in seinem Kühlschrank eine Sammlung an absoluten Raritäten, bei denen sich jeder andere Fotograf die Finger abschlecken oder vielleicht sogar abhacken würde – und solche, die du dir im Kino, im Fernsehen oder am Computer anschaust (keine Sorge, du bekommst die drei DVDS noch zurück). Ernsthaft, fragt Piotr einmal nach seinen Lieblingsfilmen, oder einfach nur nach einer Filmempfehlung. Ihr werdet fünf Stunden später noch immer gebannt an seinen Lippen hängen und könnt euch glücklich schätzen, wenn ihr nur einen Bruchteil der Vorschläge jemals mit euren eigenen Augen über irgendeine Leinwand flimmern seht.Dieses Jahr haben wir leider keines seiner Bilder abgedruckt, weil einfach zu wenig Platz in dem Heft war. Unsere erste Wahl wär aber die Tarzan Strecke gewesen, die ihr euch hier anschauen könnt. Und sollte euch Piotr in den nächsten 12 Monaten nicht mindestens einmal in unserem bescheidenen Schundheft unterkommen, fresse ich die neue Photo Issue.
VICE: Servus Piotr. Du bist vor einem Jahr plötzlich bei uns aufgetaucht, als wir den Snowboardguide gemacht haben und hast uns den Arsch gerettet. Was warst du vorher? Wir hätten dich eigentlich schon viel früher gebraucht.
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Piotr Sokul: Keine Ahnung. Ich hab Jura studiert und war Assistent auf der Uni. Aber Film und Foto haben mich schon immer interessiert und irgendwann hab ich mir gedacht: scheiß drauf, ich probiers einfach selber aus. Das war eh erst im Sommer letztes Jahr. Dann hab ich mir eine T4 um 3 Euro am Flohmarkt gekauft und einfach Fotos gemacht. Kurze Zeit später, im Herbst, bin ich dann schon bei euch gelandet.
Das heißt, du bist zum Jus-Studieren nach Österreich gekommen?
Neee. Ich bin schon seit 94, offiziell eigentlich 95 im Land. Damals hat mein Vater hier einen Job bekommen und wir sind alle gemeinsam aus Polen nach Österreich gezogen.
Wenn man dich so in der Nacht trifft, kann man es kaum glauben, dass du ein abgeschlossenes Jus Studium hast. Bist du erst nach deinem Magister so abgedreht geworden?
Eigentlich gar nicht. Ich war schon immer ziemlich verrückt. Jetzt hab ich nur viel mehr Zeit. Aber auch während des Studiums sind mir viele krasse Sachen passiert. Einmal hab ich noch immer ziemlich durch eine Lehrveranstaltung gehalten, weil mich der Professor in der Früh angerufen und gemeint hat, er sei krank. Also musste ich für ihn einspringen. Aber das war eine gute Zeit damals, der Professor war echt cool.
Und jetzt passiert dir permanent irgendein Scheiß. Allein schon, wie oft du deine Kamera verlierst. Das ist ja fast jedes Mal der Fall, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.
Ich hab in dem letzten Jahr sicher 30 oder 40 Kameras verloren. Ehrlich gesagt habe ich mittlerweile zu zählen aufgehört. Aber an die erste abhanden gekommene Kamera erinnere ich mich noch gut. Das war letzten Sommer auf irgendeiner riesigen Privatparty mit sicher 200 Leuten – ich hab keine Ahnung, wie ich dort eigentlich gelandet bin. Ich hab auch nur drei oder vier Bier getrunken und bin 12 Stunden später ohne Handy, Goldketterl und natürlich auch ohne Kamera aufgewacht. Das müssen ganz schön starke Biere gewesen sein, haha.
Genau, die Biere. Dieses Jahr in Brasilien wärst du ja auch fast umgekommen.
Ja, zum wiederholten Male. Ich war in Rio de Janeiro mit zwei Freunden von dort unterwegs und hab sie mitten im Karneval-Getummel verloren. Du weißt wie das ist, man ist besoffen und ich wollt nur mit dem Taxi endlich heim ins Hotel. Kurz vorm Taxi-Stand fängt in einer kleinen Gasse plötzlich ein kleiner Bub, sicher nicht älter als 10 Jahre, mich auf portugiesisch zuzuquatschen. Ich versteh kein Wort und frag ihn höflich auf englisch um eine Zigarette, woraufhin er pfeift und mich plötzlich 20 kleine Kinder ohne Schuhe anspringen.
Wie bist du da wieder rausgekommen?
Ich hab einen weggekickt. Der hat dann das Messer gezückt und wollte mich abstechen. Aber weil die überall an mir gezogen haben, stand mein T-Shirt so weg und er hat nur Luft erwischt. Dann sind Gäste aus einem kleinen Straßen-Cafe aufgetaucht, die meine Notsituation mitbekommen haben. Das waren so richtig große Brasilianer, 120 Kilo Typen, die die Kinder total fertig gemacht haben. Ich wollte das nicht mitansehen, wie die Straßenkinder echt brutal verprügelt werden. Also bin ich zum Taxi gelaufen und einfach heim.
Wow. Du hattest echt oarges Glück. Erzähl mir noch ein bißchen was zu Tarzan.
Der ist mir von einem Freund aus Deutschland, der mit dem Typen zur Schule gegangen ist, angedreht worden. Tarzan ist voll geil auf Fotos, der wollte permanent fotografiert werden. Es gibt auch eine oarge Geschichte über ihn. Scheinbar ist er einfach nach Kolumbien abgehauen und hat ein kleines Dorf gefunden, wo sie ihn scheinbar wie einen Gott verehren. Es heißt, er hat dort auch ein paar Frauen geschwängert. Der Typ trink nicht, er raucht nicht, er nimmt keine Drogen und er zeigt einfach jedem seinen Schwanz. Darauf steht der Typ, es ist unglaublich.
Hast du noch kurz Lust, die Photo Issue durchzuschauen und zu sagen, welche Geschichte dir am besten und welche dir am wenigsten gut gefällt?
Die Kriegsreportagen sind immer unglaublich. Und Tanja Shcheglova macht echt gutes Zeug, auch sonst. Die ist aus der Ukraine glaub ich und hat auch einen ziemlich guten Flickr Account. Kern ist Standard wie immer. Aber am besten gefällt mir The Bad Shit. Diese Geschichten musst du erst einmal erleben.Soll ich auch was runtermachen?
Ja!
Dann die Honey-Strecke Das ist zwar nicht schlecht, aber es ist langweilig. Standard. 1000 Mal gesehen. Und warte: Am allerbesten sind eigentlich die American Apparel Werbungen ganz hinten. Das sind perfekte Modefotos, die bringens echt jedes Mal.
Hmmm. Danke.
Piotr hat im letzten Jahr auf unzähligen Partys für uns fotografiert. Er ist ein Genie, wenn es darum geht, die Stimmung des Abends einzufangen, was vielleicht auch daran liegt, dass er selbst ganz gerne feiert.
Und natürlich solltet ihr auch einen Blick auf seinen Flickr-Account werfen.