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Mich für Stockfotos herzugeben, war der größte Fehler meines Lebens

Mein Gesicht hat Schnaps und Milch beworben, es zierte das Cover eines Buches über Monsterjäger und ich wurde zum Aushängeschild für eine schreckliche Peniserkrankung.

Letztes Jahr steckte ich in einer grauenvollen Beziehung. Einer richtig grauenvollen Beziehung. Es war diese Art von Beziehung, die dich auf die Idee bringt, einen Banküberfall zu planen, deine Komplizen reinzulegen und diskret in ein Zeugenschutzprogramm zu wechseln – und das alles nur, damit du nie wieder jemanden aus deinem alten Leben wiederzusehen musst. Als mir ein befreundeter Fotograf also den Vorschlag machte, ein paar Bilder von mir zu machen, hielt ich das für eine nette Ablenkung. Da er auf Stockfotos spezialisiert ist, war klar, dass es kein besonders glamouröses Shooting werden würde. Aber was will ich mich auch beschweren?

Eine Stunde zu spät und total zerstört kam ich bei ihm im Studio an. Ich hatte mich mal wieder die ganze Nacht mit meiner damaligen Freundin gestritten. Als mein Kumpel jedoch anfing, Bilder zu machen, hellten meine Gedanken allmählich auf und ich begann sogar, etwas Spaß zu haben. "Wird diese Fotos überhaupt jemand kaufen wollen?", fragte ich, als er gerade die Linse an seiner Kamera wechselte. "Nun, das wirst du schon bald genug erfahren", lautete seine Antwort.

Als wir fertig waren, unterschrieb ich einen Wisch, auf dem stand, dass die Bilder meinem Freund gehören und er sie nach belieben verkaufen darf. Das – das kann ich rückblickend sagen – war der größte Fehler meines Lebens.

Ein paar Monate Später wurde ich darauf aufmerksam, dass mein Gesicht einen Artikel auf der Website Those Catholic Men zierte. Die Seite mit der vielsagenden Tagline "By Catholic Men. For Catholic Men" nutzte mein Gesicht zur einer Illustration eines Artikels über "Protestanten und Terroristen" – inzwischen wieder offline.

Soweit alles halb so wild, aber in diesem Moment erkannte ich, dass ich keinerlei Kontrolle darüber hatte, was mit meinem Gesicht passierte. Jeder Mensch mit einer Internetverbindung und etwas Geld konnte sich die Bilder kaufen und damit anstellen, was er wollte. Man konnte mich zum Zigarettenverkäufer machen; zum Gesicht einer Kampagne fürs Pferdeschlachten oder zum Titelbild eines Artikels über vorzeitigen Samenerguss. Ach, und noch schlimmer: Weil ich alle Rechte an den Fotos abgetreten hatte, sah ich dafür keinen Cent mehr.

Witzigerweise dauerte es auch nicht lange, bevor so etwas hier passierte.

Foto: Screenshot via imgrum

Schon bald zierte mein Antlitz Werbung für glutenfreie Horchata-Sorten der Marke Costa und ermutigte Menschen dazu, einen ominösen kolumbianischen Likör zu trinken. Meine destruktive Beziehung war mittlerweile in die Brüche gegangen und so hatte ich jetzt niemanden mehr, den ich deswegen volljammern konnte.

In Saudi-Arabien, Deutschland, Venezuela und den Niederlande bewarb meine Fresse die bizarrsten Dinge – meistens peinliches oder widerliches Zeug. Mein Gesicht, das mein Freund an einem für mich mittelprächtigen Tag fotografiert hatte, sorgte jetzt aktiv dafür, dass es mir täglich schlechter ging.

Ein Bekannter erzählte mir, dass er eine gigantische Werbetafel mit meiner Visage am Puerta de Sol in Madrid gesehen hätte. Er hatte es aber nicht geschafft, ein Foto zu machen. Ein Freund aus Aberdeen berichtete, dass er jemanden, der mir sehr ähnlich sah, auf einem Plakat vor einem Baumarkt gesehen hätte. Ein Freund in Tokio hätte mich auf einem Mülleimer gesehen, wo ich vorwurfsvoll mit dem Finger auf jeden zeigte, der nicht recycelte.

Mein Gesicht wurde nicht einfach nur dazu benutzt, um Sachen zu verkaufen oder Standpunkte zu untermauern, sondern auch zu Illustrationszwecken. Zum Beispiel in einem Artikel darüber "Wie man achtsam mit Arschlöchern umgeht" (Ich bin das Arschloch – nicht etwa die Person, die achtsam mit ihnen umgeht), einem über "Der rachsüchtige Ex: Wenn Hass vor Kindern kommt" (dreimal darfst du raten, wer ich bin) und einem über Typen, die Frauen unangemessene Dinge hinterherrufen. Meinen persönlichen Schätzungen nach dürfte es Millionen unterschiedliche Männergesichter in den Stockfoto-Datenbanken geben, aber die Redakteure dieser Artikel haben sich aus der großen Masse genau meins ausgesucht. Offensichtlich sehe ich wie das größte rachsüchtige Arschloch von allen aus, das Frauen Zeug hinterherruft – für mein Selbstbewusstsein natürlich eher semi-optimal.

Es gibt sogar eine Airbrush-Version von mir, die einen Song bei YouTube illustriert. Ich habe keine Ahnung, worum es in dem Lied geht, aber angesichts der gerade mal 860 Views, die das Video aktuell hat, bringt mich das auch nicht gerade um den Schlaf.

In der gleichen Nacht, in der ich den Song entdeckte, schickte mir ein Freund einen Link zu dem im Eigenverlag erschienen Roman Northoowds Wolfman von Scott Burtness. Es ist das zweite Buch der Reihe Monsters in the Midwest und handelt von einem Monsterjäger namens Dallas. Die Kindle-Version kostet schlappe 2,99 Euro. Auf dem Cover bin ich zu sehen, allerdings mit spitzen Ohren und einem zerrissenen T-Shirt.

Dann ist da noch eine tschechische Werbung für Rasurprodukte, die gleich vier verschiedene Bilder von mir und meinem Schnurrbart verwendet. ich habe mich dazu entschlossen, das eindeutig als Kompliment zu verstehen. Offensichtlich verfüge ich über eine für tschechische Männer überaus ansprechende Gesichtsbehaarung. Trotzdem. Das alles entschädigt noch lange nicht für das bislang Schlimmste.

Der Autor mit spitzen Ohren | Foto: Amazon

Eines Morgens bekam ich zum Aufstehen eine WhatsApp-Nachricht von einer Freundin aus Venezuela. Ob ich jemals eine Paraphimose gehabt hätte – einen ernsten medizinischen Vorfall am ... Penis? Ich antwortete, dass es in der Vergangenheit vielleicht das ein oder andere Problemchen da unten gegeben hätte, aber an diesen Namen könne ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

"Warum fragst du?", wollte ich wissen.

"Nico", antwortete sie, "du bist der venezolanische Posterboy für Paraphimose."

Tatsächlich: Am 8. Januar 2017 hatte die venezolanische Zeitung El Nacional mein entsetztes Gesicht bei Twitter mit einem Artikel über Paraphimose für ihre 4,11 Millionen Follower gepostet. Eine Paraphimose beschreibt übrigens den Zustand, wenn die Vorhaut des Penis hinter der Eichel steckenbleibt. In so einem Fall kann die Vorhaut beim Erschlaffen des Penis nicht mehr zurück in ihre normale Position und die Eichel bedecken. Das kann extrem schmerzhaft werden und potentiell gefährlich sein: Der dadurch unterbrochene Blutstrom kann zu einer Nekrose der Eichel führen und in letzter Konsequenz dazu, dass dir dein Schwanz abgeschnitten werden muss.

Paraphimosen sind relativ selten. Wenn sie aber passieren, sind sie so unheimlich, dass das Bild, das El Nacional zur Illustration des Artikels ausgesucht hatte, meine "AAAAH!"-Grimasse war.

Die ganze Geschichte war offensichtlich komplett außer Kontrolle geraten. Wir Menschen gehen gerne mal einer Laune nach – das ist eine dieser Sachen, die das Leben lebenswert machen. Blöderweise hatte meine kleine Laune jetzt ziemlich ernste Konsequenzen.

Nicht lange, nachdem ich erfahren hatte, dass ich das venezolanische Paraphimosengesicht geworden war, bekam ich eine Voicemail von meinem Kumpel Sam aus Sydney.

"Bitte", dachte ich zu mir selbst, "bitte kein komisches Pimmelzeug mehr!"

Ich hatte Glück: Sam erzählte mir, dass mich der australische Internetanbieter Exetel als Gesicht für seine Werbekampagne gewählt hatte. In ganz Australien schaute ich von Flughäfen, Bussen und U-Bahnstationen auf die Menschen. Ich sollte 24 Millionen Australier dazu bringen, ihr Internet über Exetel zu beziehen. Nach ein paar halbherzigen Recherchen zu dem Unternehmen stellte ich fest, dass sie gar nicht so schlimm zu sein scheinen. Laut Wikipedia hatte Exetel 2009 ein Drittel seiner Gewinne für den Schutz bedrohter Tierarten ausgegeben. Ich habe keine Ahnung, ob sie das immer noch tun, aber das ist doch schon mal etwas oder nicht?

Auch wenn die Gewissheit schön war, dass meine physiognomische Wenigkeit jetzt ein Flatrate-Angebot für 54,99 Australische Dollar im Monat anpries, anstatt Artikel über den Umgang mit Arschlöchern zu bebildern, änderte das für mich nicht viel.

Ich weiß, dass ich mich eigentlich nicht wirklich beschweren kann. Ich war mir vollkommen bewusst darüber gewesen, dass ich mit meiner Unterschrift jegliche Rechte an meinem Gesicht abtrat. Viele Menschen willigen niemals einer Verwendung ihrer Fotos ein und werden trotzdem zu fiesen Memes, die dann auf der ganzen Welt geteilt werden. Das heißt allerdings nicht, dass ich es nicht bitter bereue, für diese Bilder posiert zu haben. Das kurze Hochgefühl jenes Tages steht für mich in keinem Verhältnis dazu, dass ich keine Ahnung habe, wo meine Visage vielleicht als Nächstes auftaucht.

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