Der Damm und die Dürre: Der drittgrößte Staudamm der Welt und seine Folgen

„Ich bin ein Nachfahre des Erfinders und Industriellen Werner von Siemens, ich bin Aktionär der Firma, die er gegründet hat, und ich bin nach Brasilien gereist, um auf ein Projekt aufmerksam zu machen, an dem diese Firma nicht hätte mitverdienen sollen."

Ich bin ein Nachfahre des Erfinders und Industriellen Werner von Siemens, ich bin Aktionär der Firma, die er gegründet hat, und ich bin nach Brasilien gereist, um auf ein Projekt aufmerksam zu machen, an dem diese Firma nicht hätte mitverdienen sollen. Das Projekt ist der Bau von Belo Monte, der drittgrößte Staudamm der Welt, der gerade im brasilianischen Regenwaldgebiet entsteht.

Foto oben: Das Wasserkraftwerk von Belo Monte wird aus drei riesigen Talsperren bestehen. Mit sechs Kilometern Länge ist die gewaltigste davon der Pimental-Damm. Der Pimental-Damm wird einen Großteil des Xingu in zwei Kanäle umleiten, die das Wasser zum Hauptkraftwerk führen. Angeblich sollen für Belo Monte mehr Steine und Erde bewegt werden als beim Bau des Panama-Kanals.

Dort beschreibt der mächtige Rio Xingu eine 100 km lange Krümmung, bevor er in den Oberlauf des Amazonas mündet. Diese Flussschlinge wird die „Volta Grande" genannt. Wo sie beginnt, sollen bald Stauseen dieselbe Fläche wie der obere Bodensee bedecken. Für ein Wasserkraftwerk mit der Kapazität von acht brasilianischen Angra-II-Atomkraftwerken ist das wenig, da Belo Monte ein Durchflusskraftwerk ist, das von der Fallhöhe des Terrains profitiert. Doch es ist genug, um ein Drittel der Stadt Altamira unter Wasser zu setzen. Zwischen 20.000 und 40.000 Menschen müssen umgesiedelt werden, ohne groß darüber mitreden zu dürfen. Das Vorgehen erinnert an die Fußballweltmeisterschaft, als Favelas plattgemacht wurden, um neuen Stadien zu weichen.

Brasilien ist ein schnell wachsendes Schwellenland. Auch in Zukunft möchte es seinen immer größeren Energiehunger zu 80 Prozent aus Wasserkraft stillen. Wasserkraft gehört zu den erneuerbaren Energien und trägt ein grünes Etikett. Deswegen sind überall im Amazonasgebiet neue Staudämme im Bau oder in Planung. Viel konzentriert sich auf den unberührten Tapajós; durch die Staudämme allein könnten dort eine Millionen Hektar Primärwald verloren gehen. Und dabei wird es nicht bleiben. Wie auch in Belo Monte werden den neuen Straßen Bergbaufirmen, Viehzüchter, Desperados und die Holzmafia folgen. Es geht also nicht um grüne Energie, sondern um eine Grundsatzentscheidung: Soll die Wildnis Amazoniens erhalten bleiben—oder der Industrialisierung weichen?


Diese Familie aus Altamira verbringt gerade den letzten Tag in ihrem alten Heim. Noch freut sich auf das neue Haus, das ihr Norte Energia versprochen hat.

Zulieferer sagen gern, Grundsatzentscheidungen dieser Art zu treffen, sei die Aufgabe demokratisch gewählter Regierungen, die, unter Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort, das Beste für ihr Land entschieden. Zulieferer glauben deswegen, dass sie sich tadellos verhalten, wenn sie nur ihre Verträge einhalten. Doch Regierungen können sich irren. Regierungen können beeinflusst werden. So sind an den Staudammprojekten einige sehr mächtige brasilianische Baufirmen beteiligt. Eine davon ist Camargo Corrêa. Am 8. März dieses Jahres wurde gemeldet, dass ihr CEO vor Gericht aussagen würde, als Gegenleistung für Verträge über den Bau von Belo Monte 30 Millionen US-Dollar Bestechungsgeld an die regierende Arbeiterpartei und einen ihrer Koalitionspartner gezahlt zu haben.

Für die Umsetzung des Regierungsauftrags wurde ein Konsortium namens Norte Energia gebildet, zu dem der staatliche Energieversorger Elektrobrás und, bezeichnenderweise, auch der Bergbaukonzern Vale gehören. Federführend für die Technik ist Voith Hydro, ein Joint Venture zwischen Siemens und der Firma Voith aus Heidenheim, das unabhängig von Belo Monte gegründet worden ist. Firmenzusammenschlüsse dieser Art werden für Großprojekte gebildet, da sie es ihren Teilhabern ermöglichen, ein Geschäft zu machen, ohne für dessen schwer einschätzbare Folgen in ihrer Gänze geradestehen zu müssen. Denn keine Firma wäre so dumm, in einer so komplexen Region wie dem Amazonasbecken die Gesamtverantwortung für den Bau eines Großkraftwerks zu übernehmen.

Seit dem ersten Spatenstich hat es in Belo Monte Streiks gegeben, Besetzungen durch wütende Indianer und richterlich verhängte Baustopps, da die betroffenen indigenen Völker nicht angehört und Umweltauflagen nicht eingehalten worden sind—obwohl es die Verfassung so vorschreibt. Der Staudamm konnte nur gebaut werden, da es, wie beim Braunkohletagebau in Deutschland, ein Gesetz gibt, in diesem Fall noch aus der Militärdiktatur, das die Aufhebung von Grundrechten ermöglicht, wenn dies im „nationalen Interesse" liege.


Seit Beginn der Bauarbeiten strömen Händler, Arbeiter und Glücksritter nach Altamira, wo Preise und Kriminalität stark angestiegen sind.

Ich erfuhr von Belo Monte auf der Aktionärsversammlung von Siemens, als eine kleine Frau aus Altamira gegen das Projekt vorsprach. Brasilien war weit entfernt, und seine Umweltpolitik ging mich vielleicht nichts an. Doch da ich aus den Projekten von Siemens eine Dividende bezog, ist die Geschichte dieser Frau zu meiner eigenen geworden, ob ich es nun wollte oder nicht. Und mit dem Staudammprojekt im Regenwald ist für mich eine rote Linie überschritten worden, die man nicht überschreiten darf.

Zum einen liegt das daran, dass die Lizenzvergabe eine schmutzige gewesen ist, die nicht den rechtsstaatlichen Standards entspricht, die in einer demokratischen Öffentlichkeit agierende Konzerne an sich selber zu stellen haben. Zum anderen liegt das daran, dass der Regenwald und seine Völker nicht der Industrialisierung geopfert werden dürfen. Seine Artenvielfalt gehört zu unserer biologischen Reserve für die Zukunft. Ich möchte, dass es weiter Menschen gibt, die mit dem Blasrohr jagen. Ich möchte, dass seine Bäume auch in Zukunft täglich die schier unvorstellbare Menge von 20 Milliarden Tonnen Wasser wie Geysire in die Luft speien, wo sie zu atmosphärischen Flüssen kondensieren, die das Andengebirge entlang nach Süden reisen und den Rest des Kontinents mit Regen versorgen.

Diesen Winter ist São Paulo von einer großen Dürre heimgesucht worden. Viele Menschen haben sie mit den Abholzungen in Amazonien in Verbindung gebracht, die dafür sorge, dass die atmosphärischen Flüsse weniger Wasser transportierten als früher. Sollte das stimmen, und sollte sich die Abholzungen fortsetzen, könnten sich Teile Südamerikas in Steppe verwandeln. In einer Steppe würden auch die Wasserkraftwerke nicht mehr funktionieren.


Als bekannt wurde, dass Norte Energia die Indianer nachträglich für den Verlust ihrer traditionellen Lebensweise entschädigen wird, begannen die Dörfer in der Volta Grande wie von Geisterhand zu wachsen.


Die meisten der 20.000 Arbeiter, die auf der Baustelle beschäftigt sind, wohnen außerhalb der Stadt, in speziell für sie gebauten Camps, die sogar über eigene Sportanlagen verfügen.


Nicht alle neuen Häuser halten, was sie versprechen. Mal brechen die Haken der Hängematten aus den mürben Wänden, mal regnet es durchs Dach, mal sickert Wasser unters Fundament.


Da sich Belo Monte in der Nähe der Flussmündung befindet, werden die Wanderfische auf der gesamten Länge des Flusses betroffen sein—1980 Kilometer bis zum Mato Grosso. Und alle Völker, die an seinem Ufer leben.


Der Wald muss gerodet werden, damit sein Holz am Grund des Stausees nicht zu klimaschädlichem Methan verrottet. Die dabei gefangenen Tiere werden an Zoos und Forschungseinrichtungen verkauft.


Früher haben die Muduruku ihre Dörfer mit den abgeschlagenen Köpfen ihrer Feinde dekoriert. Nun machen sie gegen die Dämme mobil.

Der Kakaobauer Maranhão begrüßt die neuen Straßen in der Volta Grande. Für ihn ist der Staudamm „der Wille Gottes".


Wenn Belo Monte den Betrieb aufnimmt, wird die Volta Grande nur noch ein Fünftel ihrer heutigen Wassermenge führen. Sie läuft Gefahr, zu versanden.

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