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I said what I said

"Was schaust du?" – Über die tägliche Paranoia als Schwarze Person in einem weißen Land

Seit ich denken kann, werde ich angegafft. Dabei würde ich gerne mal nicht darüber nachdenken, wie ich auf Wildfremde wirke.

von Imoan Kinshasa
07 September 2018, 8:03am

Fotos wurden von der Autorin zur Verfügung gestellt

In der Kolumne I said what I said schildert Imoan Kinshasa ihre Erfahrungen als Schwarze Person in einem weißen Land. Sie ist in Bayern geboren und lebt in Österreich. Die erste Folge schrieb sie, nachdem sie dort auf einem Volksfest rassistisch angegriffen wurde.

Seit ich denken kann, werde ich angestarrt: in der ersten Woche in der neuen Schule, beim Dorffest im Nachbardorf, beim Einkaufen im Supermarkt. Ich bin es gewöhnt, dass mir die Blicke folgen. Und nein, ich weiß nicht zu 100 Prozent, warum die Leute ausgerechnet mich anstarren. Mir ist klar, dass es dafür mehrere Gründe geben kann, von Exotismus über Bewunderung bis eben zu Rassismus. Einige wollen womöglich einfach nur verstehen, wie ich ticke, andere finden mich vielleicht hübsch.

Das alles weiß ich theoretisch. Ich weiß, dass es viele Erklärungen gibt. Aber als Kind habe ich nur Blicke gesehen. Es waren oft stechende Blicke, die ich gespürt, aber nicht verstanden habe. Meine Oma hat mich in allerhand Vereine gesteckt, um mich zu integrieren – aber der vermehrte Kontakt zu Leuten im Dorf führte auch zu mehr skeptischen Blicken der anderen Kinder.

Schon als Kind wurde ich ständig angestarrt

Ich erinnere mich ans Warten bei der Wasserrutsche im Schwimmbad. An die Stille der anderen Kinder, als ich mich zum Rutschen einreihte. Die fragenden Blicke an die Eltern, wieso ich anders aussehe. Ihre Skepsis verschlimmerte mein Gefühl nicht dazuzugehören. Das Resultat ist: eine bis heute andauernde Unsicherheit. Jeder Mensch möchte akzeptiert werden; oder nicht ständig über sich und seine Außenwirkung nachdenken.


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An manchen Tagen fühlt es sich an wie dieser Traum, bei dem man ohne Hosen das Haus verlassen hat. Man wird angesehen und fühlt sich angegriffen. Als ich zum Beispiel im Dirndl auf das Weinfest gefahren bin, habe ich genau das erlebt. Die Leute rundherum haben versucht, sich einen Reim daraus zu machen, warum ich so gekleidet bin. Als wäre es ein Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. Einige waren sauer, dass ich das heilige Dirndl durch Netzstrümpfe und Sneaker entweiht habe. Andere fanden mich schön. Wieder andere hatten vielleicht tatsächlich ein Problem, dass eine Schwarze in österreichischer Traditionstracht auftritt. Aber so oder so war das Resultat, dass ich ungewollt im Mittelpunkt stand.

Es treibt mich manchmal in den Wahnsinn, dass ich nicht rausgehen kann, ohne angestarrt zu werden. Manchmal möchte ich unsichtbar sein. Ich merke wie man über mich redet, ich merke wie sich die Köpfe nach mir umdrehen. Ich fühle mich dabei wie ein Zootier. Wenn ich mit anderen People of Color rede, dann bestätigen sie mir dieses Zootier-Gefühl. Egal ob ich besonders auffällig gekleidet bin oder nicht. Sie starren. Von oben bis unten werde ich gescannt und analysiert. Dann beginnt in mir ein Prozess: Ich frage mich, ob mein Lippenstift verschmiert ist oder vielleicht mein Outfit nicht passt?

Wenn ich früher nach Innsbruck ins Internat gefahren bin, wurden nur ich und eine weitere Schwarze Freundin vom Grenzschutz im Zug kontrolliert.

Obwohl ich das alles auch in Wien erlebe, sind die Reaktionen auf dem Land besonders heftig, weil man hier viel seltener People of Color begegnet. Eine Bekannte hat mir berichtet, dass die Menschen – in einem ansonsten menschenleeren Ort – plötzlich alle etwas im Garten oder in der Garage zu tun hatten, als sie vorbeispazierte. Und zwar jedes einzelne Mal. In der Steiermark war es oft ein Spektakel für die Besucher und Besucherinnen des gegenüberliegenden Eiscafés, wenn ich im Jogginganzug zum Billa über die Straße gegangen bin. Dort waren einige sogar so dreist, hinter meinem Rücken über mich zu reden. Sie gingen wohl davon aus, ich würde sie nicht verstehen.

Ich wurde benutzt, um Touristen anzulocken

Ironischerweise hatte ich als Kind im Trachtenverein durch mein seltenes Aussehen die ehrenvolle Aufgabe, der Touristenmagnet zu sein. Wann immer größere Brauchtumsveranstaltungen die Touristen und Touristinnen in den Ort brachten, war ich der besondere Blickfang. Natürlich kann das Ganze auch einen anderen Beweggrund haben als Rassismus. Es kommt gar nicht so selten vor, dass mich ein Typ lüstern niederstarrt. Ein Typ in der Straßenbahn hat es einmal so weit getrieben, dass er am Ende mit einer deutlich sichtbaren Erektion ausgestiegen ist.

Andere wiederum sehen mich angewidert an, als wäre ich ein Kaugummi auf ihrer Schuhsohle. Besonders geehrt fühle ich mich, wenn im Einzelhandel sämtliche Verkäufer und Verkäuferinnen ihre Aufmerksamkeit auf mich richten. Manchmal habe ich sogar – unaufgefordert – eine Einkaufsbegleitung, die mir auf Schritt und Tritt durch den Laden folgt. Mein Aussehen stellt mich unter Generalverdacht. Wenn ich früher nach Innsbruck ins Internat gefahren bin, kontrollierte der Grenzschutz nur mich und eine weitere Schwarze Freundin.

Nicht immer ist man in der richtigen Verfassung für diese Art von Aufmerksamkeit. Manchmal möchte ich einfach nur nach einem langen Tag nach Hause, niemanden sehen oder hören. Das Letzte, was ich dann brauche ist das ältere Ehepaar, das mir angewidert gegenübersitzt. Ich will nicht ihre Meinung über mich, meine Hautfarbe und den Zustand der Welt hören.

Nie habe ich es erlebt, dass meine Freunde so begutachtet werden. Das ist nicht nur meine eigene Paranoia, sondern auch eine Beobachtung, die eine sehr gute Freundin gemacht hat, als wir gemeinsam auf dem Weinfest mit dem Dirndl-Vorfall waren.

Auf diese Art angestarrt und bewertet werden, fühlt sich an wie nackt ausgezogen zu werden.

Als wir nebeneinander vor dem WC anstanden, wurden wir beide von einer älteren Dame angestarrt – meine Freundin wohlwollend (ein blonde Frau in Lederhosen), ich abwertend und missbilligend (als Schwarze in meinem viel traditionelleren Dirndl). Es ist nur eine Kleinigkeit, aber eine, die sich einprägt.

Am meisten verletzt es mich, wenn ich mitansehen muss, wie mein Freund von Fremden skeptisch beäugt wird. Er ist groß, hat einen dunklen Bart und sieht aus wie der typische ach so gefürchtete Nafri. In der U-Bahn beobachte ich ab und zu die Reaktionen der anderen Fahrgäste. Er ist durch und durch Wiener, er ist einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich kenne. Trotzdem sagen die Blicke uns gegenüber nicht selten: "Wir wollen dich hier nicht."

Und das Problem geht weit über People of Color hinaus: Übergewichtige Menschen, Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer und Menschen mit anderen körperlichen Einschränkungen haben mir oft dieselbe Leidensgeschichte erzählt. Dass man alle Vorurteile förmlich durch die Köpfe rattern hört. Dass man zum Objekt gemacht und herabgewürdigt wird. Andere nehmen sich das Recht heraus, zu beurteilen, wie wertvoll man ist. Es fühlt sich an, als würde man nackt vor diesen Menschen stehen.

Unsere Vorurteile schaffen Gräben zwischen uns und kosten uns viele wunderschöne Momente, die wir sonst miteinander haben könnten.

"Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann" muss aufhören. Wir können Menschen nicht wie wandelnde Freakshows behandeln, die nicht der Norm in manchen Gegenden entsprechen. Wir können nicht die Persönlichkeit und das Wesen unserer Gegenüber von ihrem Aussehen ableiten. Ich kenne bestimmt gleich viele hinterlistige Arschlöcher in Anzügen wie in Jogginghosen; von der Hautfarbe will ich gar nicht erst anfangen. Kleider machen keine Leute. Aussehen ersetzt nicht Charakter. Fassaden sind keine Menschen.

Unsere Vorurteile schaffen Gräben zwischen uns und kosten uns wunderschöne Momente, die wir sonst miteinander haben könnten. Am meisten lernen wir immer von den Menschen, die sich am stärksten von uns unterscheiden. Ich persönlich würde mich über ein Lächeln freuen – wenn sie mich unbedingt anstarren müssen. Es ist noch nicht die bestmögliche Lösung, aber es erspart mir meine paranoiden Gedanken. Das ist das Mindeste, das Gaffende tun können.

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