Auf den oberen Plätzen der Liste der Künstler, die ich interviewen würde, wenn sie ein Bewusstsein und / oder ein Telefon hätten, stehen der Tod, der Verfall und das ewige Rätsel der Vergänglichkeit. Der Akropolis, den hängenden Gärten der Semiramis und ein paar anderen Höhepunkten der menschlichen Schöpfung hat ihre Vergänglichkeit erst ihren eigentlichen Reiz verliehen. Ähnlich verhält es sich mit den Fotografien Rene Schäffers–der hallische Künstler lässt seine Bilder schimmeln. Da das mit dem Interviewen der bewusstseinslosen Grundgewalten unseres Daseins immer so eine Sache ist, haben wir uns stellvertretend mit ihm unterhalten.
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Wer bist du eigentlich?
Ich war ursprünglich Konstruktionsmechaniker, wollte mein Abitur auf der Abendschule nachholen. Danach habe ich eine zeitlang als Kellner bei der Bundeswehr gearbeitet, um dann Fotograf an der Burg Giebichenstein zu werden. Seitdem hatte ich verschiedene Ausstellungen und Projekte.
Wie kam es, dass du anfingst, deine Bilder schimmeln zu lassen?
Zu ersteinmal sind es ja nicht die Bilder, sondern die Dias, die ich schimmeln lasse. Das fing so an: Ich fuhr irgendwann 2003 mit einer Schrottmühle von Fahrrad vom Training nach Hause, wurde von der Polizei angehalten und musste mein Fahrrad abgeben, wurde aber laufen gelassen. Darum musste ich zu Fuß nach Hause. Es war also ein sehr merkwürdiger Zufall, denn dabei fand ich eine schwarze Plastikkiste voller alter Dias, die jemand aussortiert hatte. Ich entwickelte sie und war fasziniert vom Ergebnis. Ich fing dann an, zu experimentieren, Dias bewusst in diese Kiste zu tun und auch von Schimmel befallen zu lassen.
Und alle deine Bilder stammen aus dieser Kiste?
So ziemlich. Ich hab auch für ein größeres Projekt Schimmel in Petrischalen gezüchtet, aber das funktioniert nicht so gut, die Ergebnisse sehen nicht mehr so aus wie aus der Kiste; sie sind bei weitem nicht so lebendig.
Die Bilder sind also entwickelte Varianten der Dias, wobei die Dias an sich weiterschimmeln. Also im Prinzip nur eine Momentaufnahme eines sich ständig verändernden Bildes.
Ja. Ich habe teilweise auch mehrere Stadien ein und desselben Dias entwickelt. Wenn du sie dir genau ansiehst, erkennst du in den vergrößerten Strukturen der Schimmelformen Landkarten–ähnlich den Strukturen, wenn der Mensch sich Gebiete erschließt. Ich habe versucht, Gott zu spielen, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen, und festgestellt, dass klare Formen die besten Ergebnisse hervorrufen.
Ist es nicht gerade die Zufälligkeit, die deine Sachen im Zeitalter einer von Photoshop beherrschten Fotografie, in der auf den Bildern auch der letzte Lichtpunkt noch bewusst gesteuert wird, interessant macht?
Der Begriff Zufall existiert so meiner Meinung nach nicht – klar, ich geb den Anstoss und schaue, was passiert. Trotzdem enthält die Methode selbst die Unvorhersehbarkeit – dadurch reduziert sich der Anteil des Künstlers. Es bleibt spannend, weil ich nie vorhersehen kann, was herauskommt, und keines der Bilder je endgültig “fertig” ist.
JL
BILDER: RENE SCHÄFFER
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