Von Zeit zu Zeit gibt es Ereignisse, die sind so unerwartet, so unfassbar und so unvergesslich, dass man sich, sind sie einmal geschehen, fortan jedes Jahr an sie erinnern möchte, ja, muss. Ereignisse, von denen jeder sagen kann, dass er auch nach 50 Jahren garantiert noch genau weiß, was er in diesem Moment gemacht, gedacht und gefühlt hat. Die erste Mondlandung, der Mauerfall, 9/11, all diese Geschehnisse gehören in diese Kategorie—und seit letztem Jahr auch ein Fußballspiel, das 7:1 der Deutschen Nationalmannschaft über Brasilien.
An diesem Tag hatte ich das unfassbare Glück, nicht nur dabei zu sein, sondern mittendrin, im Estadio Mineirao, mit eigenen Augen Zeuge sein zu dürfen dieser Historie, die da geschrieben wurde. Doch auch heute kommt es mir manchmal noch so vor, als hätte ich damals geträumt.
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Sicher läuft in deinem Kopf, lieber Leser, an dieser Stelle längst dein ganz eigener Film von diesem Tag ab, aber ich möchte dich dennoch einladen, das Spiel heute noch einmal gemeinsam mit mir aufzuarbeiten. Wir sind Weltmeister, noch mindestens drei weitere Jahre lang – lass uns heute noch einmal gemeinsam zurückblicken, wie alles begann.

8.Juli 2014, 17:00 Uhr, Tor C, Level 3, Block 320, Reihe B, Platz 17—dieser Tag hat die Zahlen auf meiner Eintrittskarte in meine Hirnhaut eintätowiert, unauslöschlich, unvergesslich, unfassbar. 7:1. Sieben zu Eins. Sieben! Zu! Eins! Noch lange nachdem dieses unglaublichste, fantastischste, absonderlichste Spiel aller Zeiten vorbei ist, singe ich mit den anderen Deutschen im Fanblock und komme mir dabei vor, als hätte ich gerade einen Fantasyfilm gesehen. „Wir-wolln-die-Mannschaft-sehen,wir wollen die Mannschaft sehen, wir wollen wir wollen, wir wollen die Mannschaft sehen!” Tausende Kehlen sind hier immer noch durstig, noch eine Stunde nach dem Abpfiff, der Erlösung für Brasilien, der Apotheose des deutschen Teams. Kevin Großkreutz und Roman Weidenfeller werden bejubelt, als hätten sie selbst ein paar Tore eingeschenkt, Manuel Neuer holt sich seine verdienten Standing Ovations und minutenlangen Applaus, und für Miro Klose gibt es sowieso nur eine Bezeichnung: Fußballgott.
Natürlich konnte ich nach dem Spiel nicht umhin, ein paar Angeber-Fotos dieses Naturereignisses auf Facebook zu posten, und schon wenig später hatte ich, wie erhofft, ziemlich viele Likes und Kommentare—darunter der meines ehemaligen Mitbewohners Niklas, der die Fassungslosigkeit aller über das Gesehene sehr treffend auf den Punkt brachte: „Du warst doch live dabei”, schrieb er. „Dann kannst du uns doch bestimmt sagen, ob das wirklich passiert ist.” Ein Gefühl, das wohl alle Beteiligten noch ein paar Tage lang umgetrieben haben muss, dieses wunderbare Gefühl, als wir alle am nächsten Morgen verkatert aufgewacht sind und uns beim Blick auf die Zeitungsschlagzeilen gedacht haben: „Scheiße, verdammt, ja, es ist wirklich passiert.”
Wie im Wachkoma
Mehrmals lasse ich mich von Umstehenden schon während des Spiels kneifen, um überhaupt noch glauben zu können, was im Estadio Mineirao in diesen 90 Minuten vor sich geht. Glauben zu können, dass ich tatsächlich dabei bin, und dass das Ganze nicht nur eine Art außerkörperliches Erlebnis ist, eine Wachkomafantasie. Bereits der Weg ins Stadion eine Reise für die Ewigkeit, und als ich dann am Drehkreuz mit einem freundlichen Lächeln durchgewunken werde, kommt das erste Mal einer der vielen Gänsehautmomente, von denen ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts weiß. Das Stadion sieht aus, als wäre die Sonne geschmolzen, die Tribünen voll von gelben Tropfen, ein aufgewühltes Meer aus Optimismus und Anspannung. Mittendrin die Deutschen, jetzt schon in Feierlaune, „Rio, Rio de Janeiro”, das ist das erklärte Ziel der angereisten Glücksritter. Nachdem das Ticket für diese Traumreise bereits nach knapp 30 Minuten gelöst ist, kennt die Freude keine Grenzen mehr, „so ein Tag, so wunderschön wie heute” —ja, so ein Tag, der sollte wirklich niemals vergehen.

Wieder zuhause, wieder in der Realität, wurde ich oft gefragt, ob ich nach dem Spiel nicht Angst gehabt hätte, auf gutdeutsch gesagt „auf die Fresse zu bekommen”. Doch merkwürdigerweise hatte ich damals zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, von den Brasilianern, diesen gut 200 Millionen fassungslosen Verlierern, ginge auch nur die geringste Agression aus. Im Gegenteil, sie hatten ja selbst auf die Fresse gekriegt wie noch nie zuvor – diese Niederlage, diese Vernichtung, hat ein Loch in das Selbstverständnis der brasilianischen Fußballseele gerissen, gegen das selbst der Maracanazo wirkt wie ein kleiner Nadelstich. Was vorherrschte damals, war einfach Unglauben, auf beiden Seiten, und auch den Brasilianern ging es wohl so, dass sie am nächsten morgen verkatert aufwachten und beim Blick auf die Zeitungsschlagzeilen gedacht haben: „Scheiße, verdammt, ja, es ist wirklich passiert.”
Thomas Müller ist Geburtshelfer für den ersten von vielen deutschen Jubelschreien, die an diesem Nachmittag in den Himmel von Belo Horizonte aufsteigen, nach 11 Minuten bereits sorgt er für schwarz-rot-geile Verzückung auf den Rängen. Dann kommt „King Knall” Klose, wie die BILD ihn einmal genannt hat, und er kommt, um Geschichte zu schreiben: Tor Nummer 16 bei einer WM, mehr als der bisherige Rekordhalter Ronaldo, mehr als jeder andere. Minute 23, absolute Extase auf den Rängen, man liegt sich mit Wildfremden in den Armen und klatscht ab, Gesichtszüge und Gefühle entgleisen endgültig ob dieses unfassbaren Erlebnisses. Und in diesem Moment stehen wir erst am Anfang, quasi, denn nur fünf Minuten später hat es zwei weitere Male geklingelt, und der Jubel wird langsam leiser und weicht fassungsloser, bewundernder, entrückter Stille. „Steht es eigentlich gerade wirklich 5:0?”, frage ich, nur um im nächsten Moment aus vollem Hals mit tausenden anderen den nächsten Schlachtengesang anzustimmen, „Gegen Deutschland kann man mal verlieren” oder ähnlich Geistreiches.
„Ich war doch nur kurz mal pinkeln, und plötzlich stand es schon 5:0!” Wenn ich einen Euro für jedes Mal bekommen hätte, dass ich diesen Satz im vergangenen Jahr gehört habe, dann wäre ich wohl bereits in Frührente auf einer tropischen Insel und würde exotische Cocktails schlürfen. Es gab bereits einige Spiele, die uns Zuschauer atemlos zurückgelassen haben, aber wohl noch keines wie dieses, ein Spiel, bei dem man wohl auch ab und zu physisch vergaß zu atmen. Eine Studie hat mal ergeben, das Fans während eines spannenden Matches ihres Teams häufiger Herzanfälle erleiden als „gewöhnlich” – Ich will gar nicht wissen, was die Krankenhäuser in beiden Ländern an dem Tag zu tun gehabt haben müssen.

Dann Pause für Körper und Geist, verarbeiten, runterkommen, runterspülen, 15 Minuten Waffenruhe vor einer zweiten Halbzeit, die jetzt eigentlich keiner mehr braucht. Schon gar nicht die armen Spieler von Brasilien, die schon seit dem zweiten Gegentor in bester Van-der-Vaart-Gedächtnismanier übers Feld schleichen. Doch „die Mannschaft” will mehr, die Machtdemonstration ist noch nicht zu Ende, Merte kommt für Mats und später Andre für Miro, und Andre darf dann auch noch zwei Buden machen, weil die Brasilianer ihn und seine Leute gewähren lassen, sich schon in das Unvermeidbare gefügt zu haben scheinen. Teilweise wird es jetzt ein wenig geschmack- und ideenlos, Songs wie „Ihr könnt nach Hause fahren” oder „Ihr seid nur ein Karnevalsverein” zeugen vom schieren Übermut und leider auch der Überheblichkeit im deutschen Block.
Immer wieder hieß es in den Medien, davor und auch danach, die Erwartungen eines ganzen Landes seien einfach zu groß gewesen für die Schultern elf kleiner Spieler. Mir sind in einem Monat WM dagegen ausschließlich Menschen begegnet, die die Lage und den Zustand ihrer Mannschaft ziemlich realistisch und ohne jegliche aufgeblasene Selbstüberschätzung betrachtet haben. „Das war schon verdammtes Glück gegen Chile”, oder „Naja, gegen Kolumbien hatten wir ja auch ein bisschen Hilfe vom Schiri”, solche Sätze fielen immer wieder. Trotzdem erhoffte, erwartete jeder wohl insgeheim doch nicht weniger als den Titel. Die Anspannung an diesem Tag in Belo Horizonte hätte man mit einem Messer aus der Luft schneiden können, so körperlich war sie zu spüren—und doch blieben die Brasilianer stets fair, sowohl als Gastgeber als auch als Verlierer. Ich habe hinterher so ziemlich zu jedem gesagt: „Naja, wäre das Ergebnis knapper gewesen, dann hätte ich schon Angst vor Krawallen gehabt. Aber mal ehrlich, bei einem 7:1, da stellt sich keiner hinterher mehr doof an.” So gab es nach dem Spiel noch ein paar euphorisch-entspannte Sieger-Bierchen, dann ging es ab ins Bett, am nächsten Tag stand ja der Flug nach Rio auf dem Programm.
Das neue brasilianische Trauma
Dann ist es vorbei, die Brasilianer sind erlöst und lassen ihren Tränen freien Lauf, nachdem sich einige wenige von ihnen vorher den Frust auch schon von der Seele geprügelt haben – untereinander wohlgemerkt. Die Selecao verschwindet schnell in der Kabine, ebenso die Rapsfelder von Brasilianern, die vorher die Tribünen gefüllt haben. Manche sind aus Frust auch schon zur Halbzeit nach Hause gegangen. „Nur nach Hause gehen wir nicht”, singen dagegen die Deutschen als Abschieds-Song aus dem Estadio Mineirao, das dem brasilianischen Fußball ein neues Trauma geschenkt hat, das „Mineirazo”. Und Deutschland eine neue Legende, wie es eine größere wohl kaum jemals geben wird.
Zu Hause lade ich schnell die geschossenen Bilder hoch und schaue mir meine Eintrittskarte immer wieder ungläubig an wie eine Epiphanie. Vor dem Spiel war sie nur ein Stück Pappe – jetzt ist sie ein Stück Geschichte.
An dieser Stelle ist es abschließend wohl Zeit für eine Art Geständnis: Ich hätte den Brasilianern an diesem Tag im Estadio Mineirao den Sieg wirklich gegönnt, hätte sogar gehofft, dass sie statt Deutschland Weltmeister werden. Man stelle sich nur einmal für einen kurzen Moment vor, was hätte sein können: Die Copacabana, ganz Rio, eine Nation, getaucht in ein Meer aus Gelb-Grüner Glückseligkeit statt Opfer wie Oliver Pocher als Aushilfs-DJ auf der klitzekleinen deutschen Siegesfeier. Caipirinha in Strömen und halbnackt tanzende, wunderschöne Menschen statt kalkweißen Bierbäuchen und besoffenem Endsieg-Proletentum.
Das alles waren meine Gedanken, bevor ich das Estadio Mineirao betrat und mich zu meinen Schlachtenbummlern in den deutschen Block gesellte. Doch spätestens nach dem ersten Treffer gab es nur noch ein Gefühl, ein Gefühl, das bis heute anhält und mir immer wieder einen wohligen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich an diesen Tag denke. Was wir erlebt haben, war ein Stück Geschichte, ein Stück unser aller persönlicher Lebensgeschichte, dieses geile Gefühl, wenn du etwas erlebst und denkst: „Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen.” Scheiße, eigentlich will ich keine Kinder, geschweigedenn Enkel, aber mal ehrlich – allein das Gefühl, ihnen von diesem Tag erzählen zu können, wäre mir einen Versuch wert.
