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Österreich

Migrantische Abgeordnete erklären, warum es im Österreichischen Nationalrat viel zu wenige von ihnen gibt

"Ich bin kein Quotenmigrant" – Yannick Shetty, NEOS.

von Alexandra Stanic
11 Oktober 2019, 3:30am

Yannick Shetty (NEOS), Selma Yildirim (SPÖ) und Faika El-Nagashi (Die Grünen) | Fotos: Imago Images | Eibner Europa / CHROMORANGE | NEOS || Collage: VICE 

Nur fünf Prozent der Abgeordneten im neu aufgestellten Österreichischen Nationalrat haben eine Migrationsgeschichte. Aber fast ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher ist nicht autochthon-österreichisch. Für ein sogenanntes Repräsentantenhaus ist das, nun ja, nicht gerade repräsentativ.

Umso spannender, wer die wenigen Abgeordneten mit einem anderen Background im Nationalrat sind und was sie zu sagen haben. Wir haben mit drei migrantischen Abgeordneten gesprochen. Sie kommen von den Grünen, der SPÖ und den NEOS. Für die ÖVP und die FPÖ sitzen – wen wundert's – keine Abgeordneten mit Migrationshintergrund im Nationalrat. Keine große Überraschung, aber dennoch ein Trauerspiel.

Yannick Shetty, 24, NEOS

VICE: Sie sind der einzige NEOS-Abgeordnete mit Migrationshintergrund im Nationalrat. Wie fühlt sich das an?
Yannick Shetty: Wenn ich ehrlich bin: Wenn es nicht Medien gäbe, die Geschichten dazu machen, wäre das kein Thema. Ich bin kein Quotenmigrant und ich bin sicher nicht da, wo ich jetzt bin, weil ich Migrationshintergrund habe.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sonst keine People of Color und Menschen mit Migrationshintergrund für die NEOS im Nationalrat sitzen?
Das ist kein alleiniges NEOS-Phänomen, sondern liegt an einer gläsernen Decke in der Politik ganz im Allgemeinen. Viele Migranten denken, dass sie auf dieser Ebene gar nichts machen können. Bei uns werden keine Barrieren gelegt, weil jemand Migrationshintergrund hat. Aber ich weiß auch, dass die Grünen weiter sind, was die Repräsentierung angeht. Mit mir haben die NEOS zum ersten Mal einen Abgeordneten, der Migrationshintergrund hat und aus der LBGTIQ-Community kommt.

Müssen Menschen mit Migrationshintergrund mehr leisten als autochthone Österreicher und Österreicherinnen, um Erfolg zu haben?
Ja, definitiv. Es ist auch empirisch belegt, dass Migranten zum Beispiel mehr Bewerbungen abschicken müssen, bis sie eingeladen werden. Ich weiß, dass ich sehr privilegiert bin, weil ich in der Politik tätig bin und meine Herkunft bei den NEOS nicht im Vordergrund ist. So geht es anderen Migranten aber nicht.


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Faika El-Nagashi, 43, die Grünen

VICE: Wie wichtig ist es, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Nationalrat vertreten sind?
Faika El-Nagashi: Representation matters. Es macht einen großen Unterschied, wer als Vertretung der österreichischen Bevölkerung sichtbar ist – und wer nicht. In meiner Jugend gab es niemanden wie mich in der Politik. Das waren vorwiegend ältere, weiße mehrheits-österreichische Männer, uniformiert in ihren Anzügen, völlig losgelöst von meiner Lebensrealität. Menschen wie ich waren nicht vorgesehen: lesbisch, migrantisch, immer eine politische Aktivistin.

Wie wird es den Grünen gelingen, Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color mit Ihrer Politik abzuholen?
Es wird darum gehen, Menschen glaubhaft in politische Prozesse und Entscheidungen einzubinden. Mit Expertise in sehr vielen Bereichen – nicht nur "klassisch", wenn es um das Thema Integration oder um Menschenrechte geht.

Das Wiener Stadtmagazin BIBER nennt Sie einen "Albtraum der Rassisten". Sind Sie das?
Ich weiß, dass ich ein Vorbild für viele bin, die sich bislang in der Politik nie vertreten gefühlt haben. Für viele aus der Black- und People-of-Color-Community, für die Generationen junger Menschen mit Migrationsbiografie, für lesbische und queere und muslimische Frauen, für zivilgesellschaftlich engagierte AktivistInnen. Vielleicht ist das für manche ein Albtraum.

Selma Yildirim, 50, SPÖ

VICE: In der SPÖ haben knapp fünf Prozent der Abgeordneten einen Migrationshintergrund. Das spiegelt die Gesellschaft nicht gerade wider. Woran könnte das aus Ihrer Sicht liegen?
Selma Yildirim: Für meinen persönlichen Einstieg in die politische Arbeit bei der SPÖ war mein Migrationshintergrund im Grunde ein Vorteil. Es gab damals Menschen in der Partei, die großes Interesse daran hatten, auch andere Sichtweisen zu berücksichtigen. Ich kann mir vorstellen, dass die Lebensrealitäten von Menschen, die aus Zuwandererfamilien kommen, ein politisches Engagement mitunter erschweren. Oft besteht eine Mehrfachbelastung. Das ist ein strukturelles Problem. Einerseits sind Vorbilder sehr wichtig, andererseits braucht es auch den Willen, mitzugestalten und etwas verändern zu wollen.

Sollte nicht gerade die SPÖ auf Abgeordnete setzen, die Migrations- oder Fluchtgeschichte haben?
Ich finde, jede Partei sollte darauf abzielen, die Lebensbedingung möglichst vieler Menschen zu verbessern. Die SPÖ hat gezeigt, dass sie klar Integrationsmaßnahmen setzt, wenn sie die Möglichkeit dazu hat. Ich erinnere an das Integrationsjahr, das leider von Türkis-Blau wieder abgeschafft wurde. Aber auch an Sprachförderung in der Schule.

Hätten mehr Kandidaten und Kandidatinnen mit Migrationshintergrund zu einem besseren Wahlergebnis verholfen?
Meiner Wahrnehmung nach war unsere Liste divers und bunt. Dass das Wahlergebnis nicht so ausgefallen ist, wie wir uns das gewünscht haben, ist Fakt, hat aber wohl auch andere Gründe.

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