So stellen sich Menschen im reichsten Ort der Schweiz Armut vor

"Wo wohnen hier arme Menschen?" – "Im Pflegeheim."

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29 Juli 2018, 4:00am

Alle Fotos: Tom Huber

Einfamilienhäuschen mit gelblichen, vertäfelten Fassaden, Geranien vor den Fenstern und sauber getrimmte Hecken. Auf den ersten Blick sieht Wollerau aus wie jeder andere malerische Ort in der Schweiz. Wollerau zieht die Menschen aber nicht nur mit dem Ausblick auf den Zürichsee an, sondern auch mit dem niedrigsten Steuersatz im Land. Eine Familie mit zwei Kindern und einem Vermögen von 3 Millionen Franken (ca. 2,5 Mio. Euro) zahlt gerade einmal 4.410 Franken (3.800 Euro) Vermögensteuer.

Und deswegen prägen nicht nur Einfamilienhäuschen zum Bild des 7.000-Seelen-Orts, sondern auch große, minimalistische Villen aus Beton, die auf dem Hügel über dem Städtchen thronen. In einer dieser Villen wohnte bis vor Kurzem Roger Federer und auch Formel1-Star Kimi Räikkönen war vor einigen Jahren in Wollerau zu Hause.


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Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung fand kürzlich heraus: In keinem Ort der Schweiz können Menschen jeden Monat mehr Geld ausgeben als in Wollerau. Der durchschnittliche Wollerauer kann jährlich rund 104.000 Franken (90.000 Euro) nach Belieben verjubeln. Was gerne vergessen wird: Laut dem Bundesamt für Statistik gelten hierzulande 615.000 Menschen, also jeder Siebte, als arm. Die Armutsgrenze liegt in der Schweiz bei einem Durchschnittseinkommen von 2.247 Franken (1.900 Euro), bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 3.981 Franken (3.400 Euro).

Wir waren in Wollerau und wollten von den Bewohnern wissen, ob sie sich überhaupt vorstellen können, wie es ist, arm zu sein, und ob sie bewusst da hingezogen sind, wo sie wenig Steuern zahlen müssen.

Carole, 53

VICE: Ab wann ist man für Sie arm?
Carole: Wenn der Lohn nicht genügt, um das Notwendigste zu bezahlen. Ich denke, mit unter 4.000 Franken ist es für eine Familie kaum möglich, über die Runden zu kommen.

Kennen Sie jemanden, der arm ist?
Nein, wir wohnen erst seit zwei Jahren in Wollerau, aber ich sehe hier keine Armut.

Oder arme Menschen können es sich nicht leisten, hier zu leben.
Das stimmt, hier ist alles sehr teuer. Das mit den hohen Immobilienpreisen ist auch ein Problem. Ich hoffe, dass die Gemeinde mit den Steuern, die wir zahlen, denen hilft, die nicht so viel haben. [Anm. d. Red.: Eine 2,5-Zimmer-Mietwohnung kostet hier rund 2.100 Franken im Monat]

Aber wenn die Bewohner in Wollerau weniger Steuern zahlen, bedeutet das auch weniger Geld, um Menschen in Armut zu helfen.
Das ist ein Fakt. Aber dagegen sollen nicht nur die Steuern helfen, sondern Firmen sollen sich auch etablieren können, damit sie Stellen schaffen.

Sehen Sie Leuten überhaupt Armut an?
Ich denke eher, die Menschen verstecken das. Große Armut, wenn sich Menschen nicht mehr waschen und pflegen, sieht man eher.

Was machen Sie gegen Armut?
Wir spenden ab und an an Hilfswerke und zahlen Steuern hier.

Aber ja nicht so viele Steuern.
Voilà.

Alba, 31

VICE: Wie stellst du dir jemanden vor, der arm ist?
Alba: Ich glaube nicht, dass man Armut jemandem ansieht.

Leben hier überhaupt arme Menschen?
Ja, zum Beispiel im Flüchtlingsheim in der Nähe. Es kommt darauf an, was man unter "arm" versteht.

Was ist für dich arm?
Sagen wir es so: Für mich ist man reich, wenn man zum Beispiel Familie hat, wie ich mein Kind habe.

Wenn man Reichtum so definiert, ist das nicht auch ein Zeichen dafür, dass es einem gut geht?
Ja, aber für mich stimmt das so. Es gibt in der heutigen Zeit viele Menschen, die depressiv sind. Da spielt es keine Rolle, ob sie reich oder arm sind.

Worauf müssen arme Menschen verzichten?
Es ist nur dann ein Verzicht, wenn man sich zu viel wünscht oder nie zufrieden ist. Es gibt immer eine günstigere Variante: Statt ein Fitnessabo zu kaufen, kann man zum Beispiel Übungen in der Natur machen. Die bietet uns sowieso das Schönste und ist immer gratis.

Wieso wird man in der Schweiz arm?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man in der Schweiz arm werden kann.

Ruth, 42

War zu keinem Foto bereit

VICE: Leben in Wollerau arme Menschen?
Ruth: Nein, in Wollerau gibt es keine Armut.

Wieso nicht?
Weil wir eine schlaue Gemeinde haben, die darauf achtet, wen sie in die Gemeindeverwaltung wählt.

Kann es nicht auch sein, dass es sich arme Menschen nicht leisten können, hier zu wohnen?
Nein. Ich bin eine Einheimische und ich lebe schon immer hier. Es gibt Wohnungen, die man zahlen kann.

Was heißt für Sie bezahlbar?
2.000 bis 3.000 Franken im Monat. Das zahlen Sie heute überall.

Aber jemand, der auf Sozialhilfe oder Invalidenversicherung angewiesen ist, kann sich das nicht leisten.
Na gut, das ist nicht mein Problem. Es kann jeder arbeiten.

Michael, 20

VICE: Wie stellst du dir Armut vor?
Michael: Wenn man sich Dinge, die grundsätzlich wichtig sind, wie Essen oder eine Wohnung, nicht leisten kann.

Welche finanziellen Überlegungen machen sich arme Menschen, die andere nicht machen müssen?
Wie habe ich am Monatsende noch genug Geld? Wie kann ich mich von dem Geld, das ich habe, ernähren? Arme Menschen müssen zuerst schauen, wie sie überleben, bevor sie ihr Geld zum Beispiel für soziale Aktivitäten ausgeben.

Hast du Berührungspunkte zu armen Menschen?
Schwierig zu sagen, ob die Menschen hier Berührungspunkte zu Armut haben. Wenn, dann am ehesten vom Flüchtlingsheim im Dorf.

Wo ist ein Ort, wo sich arme Menschen aufhalten?
Bestimmt nicht in Wollerau, sondern eher irgendwo im Ballungsgebiet, zum Beispiel in der Flughafenregion in Zürich, wo das Wohnen billiger ist.

Ist es nicht kontraproduktiv für den Sozialstaat, dass in einem Ort mit tiefen Steuern fast nur vermögende Menschen wohnen?
Das ist genau das Konzept von diesem Ort. Wenn du viel Geld hast, du aber kaum was davon abgeben willst, dann ziehst du hierhin. Sozial ist das nicht. Aber ich glaube, in der Politik kann man genug machen, dass das mit der tiefen Besteuerung nicht so ausartet.

Was zum Beispiel?
Mit dem neuen Finanzausgleich ist man auf einem guten Weg. Ressourcenstarke Kantone, wie der Kanton Schwyz, müssen mehr in den Finanzausgleich einzahlen. Das würde auch mir als Student zugutekommen. Es ist aber auch legitim, dass man nicht viel abgeben möchte, wenn man gut verdient. Wenn ich mehr verdienen würde, würde ich vielleicht auch nach Wollerau ziehen.

Wieso?
Wenn man weniger abgeben muss, hat man mehr.

Wieso braucht man an einem Ort wie hier noch mehr?
Das ist etwas Grundsätzliches. Wenn man mehr hat, hat man mehr. Das sieht man hier.

Engelbert, 61

VICE: Kennst du arme Menschen?
Engelbert: So richtig arm, nein.

Was glaubst du, wieso ist das so?
Die bewegen sich nicht im gleichen Kreis. Ich glaube, Freundeskreise setzen sich aus Menschen zusammen, die einen ähnlichen Lebensstandard haben.

Hast du schon immer so gelebt?
Nein, früher war meine Familie selbst einmal arm. Wir haben im Nachbarort zu viert in einer 3-5-Zimmerwohnung gelebt. Ich musste für längere Zeit im Wohnzimmer schlafen.

Ab wann ist man für dich arm?
Alle, die unter dem Existenzminimum von 4.000 Franken und weniger leben. Aber mit dem Einkommen in dieser Gemeinde zu leben, ist fast nicht möglich, weil die Wohnungspreise so hoch sind.

Nach dem Prinzip des Sozialstaats sollten aber die Menschen, die viel Geld verdienen, auch mehr Steuern abgeben.
Das ist so. Aber die Reichen drücken sich überall vor den Steuern und die Armen müssen zahlen, bis ihnen das Liegen schmerzt.

Aber Sie wohnen auch hier.
Ich bin hier in der Gegend aufgewachsen. Selbst wenn ich Geld hätte, um mir eine Wohnung oder eine Liegenschaft zu kaufen, würde ich das heute in dieser Region nicht vermögen.

War das schon immer so?
Nein, das hat vor etwa 25 Jahren angefangen. In Freienbach, wo ich aufgewachsen bin, gibt es praktisch keine alten Häuser mehr. Die wurden durch teure Neubauten ersetzt.

Wo wohnen hier arme Menschen?
Im Pflegeheim.

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