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Dieser Bataclan-Überlebende sagt uns, wie wir den Krieg gegen den Terror gewinnen können

„Niemand, der während der Anschläge im Bataclan war, denkt an Rache.“ Ein Gespräch mit einem Eagles-of-Death-Metal-Fan, der die Anschläge in Paris überlebte.
07 Dezember 2015, 5:00am

„Je voudrait … äh … un feu“, nuschel ich den alten Typen in einer heruntergekommenen Pariser Tabakbar an und zeige auf das Feuerzeug. Ich war bereit für meine Strafe. Mit einem selbstgefälligen Schmunzeln wird er mich zurechtweisen, er wird mich wie eine alte Zigarette zerdrücken und vor allen Gästen seiner kultivierten Tabakwelt zum Idioten machen. Ich sah seine Augen schon kurz aufblitzen, aber er knipst das fiese Funkeln sofort wieder aus und fragt mich, wie das Ding denn auf deutsch heißt.

Really? Ist das alles? Was ist aus Grande Nation nur geworden? Hat es Paris echt so hart erwischt? Ja, hat es, es springt mir an jeder Ecke entgegen. Leere Cafés und U-Bahnen, überall Polizei und Militär, sogar im Hotel musste ich meinen Koffer am Empfang öffnen – könnte ja Sprengstoff drin sein. Ich frage mich, ob sich Paris aus dieser Schockstarre befreien kann und treffe deshalb jemanden, der diese Unsicherheit und Ratlosigkeit wohl noch extremer empfinden muss als alle anderen. Ich täusche mich schon wieder. Thomas aus Paris war an bekanntem Freitagabend auf dem Eagles-of-Death-Metal-Konzert und hat die Anschläge im Bataclan live miterlebt. Er erholt sich gerade von seinen Erlebnissen, mit einer inneren Größe, die ich davor noch nie gesehen habe.

Noisey: Warst du selbst seit den Anschlägen schon mal wieder feiern?
Thomas: Ich versuche das, aber es ist schwierig. So eine Erfahrung hinterlässt natürlich Spuren. Ich muss erst noch ein paar Blockaden abbauen.

So fühlt sich für mich gerade die ganze Stadt an, wie in Schockstarre. Meinst du, ihr Pariser erholt euch auch von diesem Schock?
Das kann ich dir nicht sagen, ich jedenfalls habe mich schon auch sehr zurückgezogen in den letzten Tagen.

Hast du das Interview mit den Eagles of Death Metal gesehen?
Ich habe das gestern gesehen, das war schon hart.

Weil du all das auch miterlebt hast, vielleicht aus einer etwas anderen Perspektive?
… genau genommen war es die gleiche Perspektive, da gab es einige Situationen, die ich exakt so auch gesehen habe, du kannst das Leuten nicht erklären, die nicht dabei waren.

Da kann man sich nicht reindenken, oder?
Hoffentlich nicht! Viele außenstehende Leute haben später ziemlich radikal auf diese Sache reagiert. Ich versuche, das zu vermeiden. Wenn du den Hass und die Angst fütterst, bekommst du nur noch mehr davon. So denken auch alle Leute, von denen ich weiß, dass sie während der Anschläge im Bataclan waren. Niemand denkt an Rache, sie freuen sich darüber, dass sie überlebt haben und trauern um diejenigen, die verstorben sind, das war’s. Es geht auch überhaupt nicht anders, die Welt ist so klein, wir müssen ja miteinander zurechtkommen, wir müssen den jeweils anderen mögen. Diese Attentäter wollen mit ihren Aktionen ja genau erreichen, dass die Gesellschaft sich spaltet. Und wir können sagen: Nein, wir lassen uns nicht aufspalten. Wir stehen weiter zusammen, nicht nur in Frankreich. Solche Attacken gibt es in der ganzen Welt, nur interessiert sich für die Anschläge in Beirut kaum jemand.

Gab es Leute in deinem Umfeld, die du von dieser friedlichen Einstellung überzeugen musstest?
Die Leute, mit denen ich zu tun habe, haben sehr vernünftig und besonnen reagiert. Mit diesen öffentlichen Hass-Postings bei Facebook habe ich mich nicht beschäftigt.

Aber Angst ist schon ein Gefühl, das dich begleitet, oder?
Ja klar, und das ist auch OK. Ich habe an manchen Orten große Angst, aber wir dürfen diese Angst nicht zu Hass werden lassen. Hass und Intoleranz sind sehr gefährlich. Ich sollte eigentlich derjenige sein, der Rache sucht, aber ich will das nicht. Und Leute, die das nicht miterlebt haben, sollten erst recht keine Rachegelüste haben und über andere urteilen, das ist schlicht und einfach die falsche Reaktion. Wir sollten einfach weiter Spaß haben, darum sollte es ja auch in diesem Konzert gehen. Ich habe auf diese Konzert monatelang gewartet, kannte das neue Album fast auswendig. Ich war in der ersten Reihe und habe mitgesungen, es gab an diesem Abend vielleicht nur zwanzig Leute, die die Songtexte schon kannten. Sie spielten richtig gut, die Show war Wahnsinn.

Thomas' Band hat den EODM-Song „I Love You All The Time“ gecovert

Ich habe sie mal bei einem Showcase gesehen. Die ganzen Medienfritzen sind richtig abgegangen, das habe ich so nur selten gesehen.
Ja, der Typ ist einfach so kommunikativ und witzig, es war echt schlimm, ihn bei dem VICE-Interview so zusammengefallen zu sehen.

Witze kann er ziemlich gut erzählen, ja, wann kannst du wieder deinen ersten dreckigen Witz machen?
Meine Freunde kennen mich als lustigen Typen, der ziemlich viele Witze reißt. Ich mache das natürlich jetzt schon, aber meine Stimmtung schwankt zur Zeit extrem.

Und das ist neu?
Ja, das ist neu. Ziemlich viele Emotionen sind in dieser Intensität neu für mich. Ich bin manchmal sehr angespannt und ängstlich. In Alltagssituationen ist mir das Grundvertrauen verloren gegangen, ich achte auf viele Dinge, die ich davor nicht wahrgenommen habe. Aber ich habe auch schon ein paar mal richtig gelacht in letzter Zeit.

Das klingt jetzt komisch, aber konntest du für dich positive Erkenntnisse aus den Anschlägen gewinnen?
Ja, mir ist sehr eindrücklich bewusst geworden, dass das Leben ganz schön schnell vorbei sein kann, und keiner will sich mit schlechten, negativen Gefühlen im Bauch verabschieden. Als ich es aus dem Bataclan rausgeschafft habe, war mein einziger Gedanke: Oh Gott, ich muss schnell alle Leute sehen, die ich mag. Ich habe diese verrückte Situation vor dem Club überhaupt nicht reflektiert. Es ging nur darum, meine Freunde zu sehen, weil ich vielleicht bald keine Chance mehr dazu habe. Ich habe gelernt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das klingt jetzt ein bisschen lächerlich. YOLO und so, oder?

Nein, das ist ja schon essentiell. Wieso regen wir uns alle auf, weil irgendein Typ im Restaurant zu laut isst?
Ja, definitiv. Ich sehe Leute, und ich umarme die einfach, und ich werde auch dich umarmen nach diesem Interview.

Oh. Na gut. Wie ist es denn zu deinem Facebook-Posting gekommen? Das ist ja ziemlich rumgegangen im Internet.
Es war sieben Uhr morgens, direkt nach den Anschlägen. Ich konnte die ganze Nacht davor nicht schlafen. Ich wollte ein paar Sachen für meine Freunde schreiben. Ich habe also auf Facebook geschrieben, was passiert ist. Und dass ich nicht will, dass jemand in meinem Namen Hass oder Rache entwickelt. Die Leute sollten den neuen Tag frisch und mit einem Gefühl der Liebe starten. Das war mir wichtig.

Wie geht es jetzt weiter?
Wir alle können diese Welt beeinflussen, wir haben Menschen um uns herum, denen wir wichtig sind. Diese Leute will ich mit positiven Dingen beeinflussen, das muss ja nichts Großes sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Welt auf diese Weise am besten in eine gute Richtung lenken können.

Dann machen wir jetzt diese Umarmung?
Ja, OK. (Wir umarmen uns) Haha, das ist doch keine Umarmung! Was du da machst, das ist so typisch deutsch.

Na, immerhin machst du jetzt wieder Witze über Deutsche. Frankreich ist zurück, freut mich!

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