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Der Alltag in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Brasiliens

1992 starben beim Massaker in Carandiru 111 Gefangene. Der Fotograf João Wainer dokumentierte später jahrelang den Alltag in der damals größten Haftanstalt Südamerikas.

von Débora Lopes; Fotos von João Wainer; Übersetzt von Livia Holmblad
12 Oktober 2017, 4:45am

An einer Feier zum Kindertag | Alle Fotos: João Wainer

Heute ist Carandiru Geschichte. Am 8. Dezember 2002 wurden drei Zellblöcke der berüchtigten Haftanstalt von São Paulo gesprengt. Zeit seines Bestehens hatte das Gefängnis vor allem negative Schlagzeilen geliefert. Es war mit zeitweise 8.000 Insassen die größte Anstalt Südamerikas und chronisch überbelegt. Innerhalb der Mauern regierten Gangs und korrupte Beamte. Gewalt gehörte zur Tagesordnung, schätzungsweise kamen mehr als 1.300 Häftlinge während ihrer Zeit in Carandiru ums Leben.

Den traurigen Höhepunkt bildete das Massaker vom 2. Oktober 1992, als eine Revolte brutal von der Militärpolizei niedergeschlagen wurde. 111 Gefangene wurden erschossen oder starben wegen unterlassener Hilfeleistung. Erst zwei Jahrzehnte später wurden die Geschehnisse aufgearbeitet und beteiligte Polizisten zu hohen Haftstrafen verurteilt.


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Der Filmemacher und Fotograf João Wainer – auch bekannt für seine Graffiti-Dokumentation Pixo von 2009 – hat den Gefängnisalltag von 1998 bis 2002 dokumentiert. Seine Bilder sind 2002 in dem Buch Aqui Dentro (Hier drinnen) erschienen. VICE hat sich mit Wainer über seine Zeit in Carandiru unterhalten.

Ein Insasse von Carandiru | Alle Fotos: João Wainer

VICE: Erinnerst du dich noch an das erste Mal, dass du Carandiru betreten hast?
João Wainer: Ja, das tue ich. Ich war 1998 mit einem Journalisten für die Tageszeitung Folha de S. Paulo dort. Ich hatte damals noch keine Ahnung, dass ich so viel Zeit dort verbringen würde.

Wie war dein erster Eindruck?
Es war extrem beängstigend – vor allem, weil wir direkt in einen der schlimmsten Teile des Gefängnisses gegangen sind. Ich erinnere mich noch, dass einer der Wärter sich einen Scherz mit uns erlaubte. Er öffnete die Tür zum Trakt und sagte: "Hey Jungs, wenn einer von euch da rein will, nur zu. Ist kein Problem." Der Geruch war unfassbar und ich weiß noch, dass meine Brillengläser wegen der heiß-stickigen Luft beschlugen. Natürlich hat keiner von uns auch nur einen Schritt getan. Der Wärter hat nur gelacht.

Das war der sogenannte Amarelão, der Gelbe. Das war der Trakt, in dem die Männer waren, die innerhalb des Gefängnisses in ernsthafte Scherereien geraten waren. Gefangene, die um ihr Leben fürchteten, baten darum, dorthin verlegt zu werden. Es war der vierte Stock des fünften Zellblocks, der insgesamt als der sichere galt. Dort waren auch die Trans-Insassen. Die Häftlinge im vierten Stock haben aber wirklich nie die Sonne gesehen.

Trans-Insassen in Zellblock 5

Wie lange hast du Bilder in Carandiru gemacht und war das Buch von Anfang an geplant?
Ich war von 1998 bis zum Abriss 2002 regelmäßig dort. Kurz nach meinem ersten Besuch habe ich die Schauspielerin Sophia Bisilliat kennengelernt, die dort im Rahmen von "Eingesperrte Talente" mit den Insassen Kunstprojekte gemacht hat. Daraus ging auch die erfolgreiche Rapformation 509-E hervor.

Wir sind dann auch systematischer vorgegangen und ich bin zwei- bis dreimal die Woche dorthin gegangen. Am Anfang waren es nur wir beide, aber nach zwei Jahren kamen noch der Journalist André Caramante und die Fotografin Maureen Bisilliat hinzu. Da hatten wir das Buchprojekt auch schon fest im Blick.

Dexter und Afro-X in der Zelle, in der ihr HipHop-Projekt begann

Ihr konntet euch im Gefängnis recht frei und ohne Aufsicht bewegen, oder?
Wir hatten Ausweise, mit denen wir einfach direkt reingekommen sind. Wir brauchten keine Aufpasser oder so. Eine gewisse Zeit lang hatten wir dort eine Menge Freiheiten. Sophia hatte sich mit ihren Projekten einigen Respekt verschafft, was uns eine Menge Türen öffnete.

"Wenn du ständig darüber nachdenkst, was jede einzelne Person angestellt hat, um dort zu landen, könntest du keine einzige vernünftige Unterhaltung führen."

Was für ein Verhältnis hattest du zu den Insassen? Gab es Probleme?
Nein, meine Beziehungen zu ihnen waren immer gut. Sophia hatte sich durch ihre Arbeit mit den Gefangenen einen guten Namen gemacht. Meine Zusammenarbeit mit ihr hat mich bei den Insassen in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ich glaube, der Schlüssel zu unserer guten Beziehung zu den Gefangenen lag darin, dass wir über niemanden geurteilt haben.

Wir wollten diesen Ort und das Leid der Menschen verstehen. Wir wollten wissen, wie es dort wirklich ist. Wenn du dich von dieser ganzen Wertung freimachst, wird alles leichter. Wenn du ständig darüber nachdenkst, was jede einzelne Person angestellt hat, um dort zu landen, könntest du keine einzige vernünftige Unterhaltung führen.

Ein Fußballspiel in Carandiru

Gab es Momente, in denen du Angst hattest?
Einmal haben wir den Beginn eines Aufstands miterlebt. Sie hatten eine Party geschmissen und wollten Körbe mit Essen ausgeben, aber die Gefängnisleitung hatte es verboten. Die Insassen waren darüber alles andere als erfreut. Alle sind raus in den Hof und es gab ein Treffen mit allen Anführern. Wir mussten drinnen bleiben. Alle dachten, dass die Stimmung gleich kippt. Am Ende entschieden sie sich aber doch dazu, nichts zu unternehmen.

Wärt ihr denn sicher gewesen, wenn was passiert wäre?
Wir hätten totalen Schutz gehabt. Alles, was wir gemacht haben, war vorher mit den Gefangenen und dem Management abgesprochen. Ich habe mich dort kein einziges Mal unsicher gefühlt. Niemals.

Wen meinst du mit "Management"?
Die Angestellten. Wir mussten uns ja auch mit den Wärtern und der Gefängnisleitung arrangieren. Alles war sehr direkt. Es wurde nicht um den heißen Brei herumgeredet. Ich habe dort eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens gelernt. Wir haben dort viel mit den Trans-Insassen gearbeitet und ich fand schließlich heraus, dass es dort eine Transgender-Person gab, die sich hatte operieren lassen. Das war ein großes Geheimnis.

Zellblock 5

Moment, wirklich?
Sie hatte sich in Marokko operieren und niemals ihre Dokumente ändern lassen. Sie war darin noch als Mann ausgewiesen, also wurde sie nach ihrer Verhaftung in ein Männergefängnis gesteckt. Die ganze Geschichte war einfach unglaublich, also habe ich angefangen, sie zu interviewen. Daraufhin wurde dieser Beamte, Herr Valdemar, mit dem wir auch wegen der Trans-Insassen viel zu tun hatten, extrem sauer. "Was war unser Deal? Hast du mir erzählt, dass du an dieser Geschichte arbeitest oder nicht?", fragte er mich. Er schimpfte ewig mit mir und erklärte mir, dass man im Gefängnis nicht einfach eine Abmachung mit jemandem treffen und dann etwas anderes tun kann. Du musst dich an dein Wort halten.

Carandiru wird gesprengt

Ich ließ die Geschichte also liegen. Wenn ich sie durchgezogen hätte, hätte ich mich nie wieder dort blicken lassen können – und das war noch ganz am Anfang. Es war eine Lehre fürs Leben. Der brasilianische Journalist Caco Barcellos hat einmal zu mir gesagt: "Wenn ich etwas schreibe, das jemandem das Leben versauen könnte, gebe ich der Person vorher Bescheid. Selbst wenn du deinen Artikel veröffentlichst, wird dich dieser Mensch dann weiter respektieren, weil du ehrlich warst." In dieser Hinsicht habe ich dort viel gelernt.

Die Krankenstation

Was für eine Beziehung hattest du zu den Anführern der berüchtigten Gefängnisgang und Terrororganisation Primeiro Commando da Capital, PCC?
Als wir mit unserer Arbeit anfingen, hatte das PCC noch nicht viel Macht. Irgendwann änderte sich das aber und wir mussten neu verhandeln. Sie hatten schon von uns gehört und wussten, dass wir keine schlechten Menschen sind, aber es war wirklich hart mit ihnen. Wir konnten ein paar Monate lang nicht arbeiten, bis wir schließlich ihre Erlaubnis bekamen. Danach war es aber entspannter als jemals zuvor.

Irgendwann, nachdem bereits alles mit ihnen geklärt war, habe ich Bilder in Zellblock acht gemacht, ein Typ von PCC verbot mir dann Fotos in einem bestimmen Stockwerk aufzunehmen. Als ich wieder gehen wollte, fragte mich der Oberboss, ob alles gut gelaufen sei. Ich erwähnte die Geschichte mit dem Typen, betonte aber auch, dass das kein großes Ding sei. Der Boss ist daraufhin total ausgerastet, hat den Kerl holen lassen und ihn vor mir zur Sau gemacht. Danach hat er ihn zu meinem Assistenten verdonnert. Der Typ ist mit der Zeit ein guter Freund geworden. [lacht]

Die Bilder aus den Zellen sind schockierend. Sie sind überbelegt, überall liegen und hängen Klamotten und Plastiktüten und es gibt kaum Platz oder Betten.
Du meinst wahrscheinlich die Übergangszellen. Da musste zum Glück niemand allzu lange drin bleiben, aber sie waren richtig schlimm. Und sie waren unheimlich. In Polizeiwachen und in Gefängnissen im Bundesstaat Espírito Santo habe ich aber viel schlimmere Sachen gesehen. Carandiru war Nichts dagegen.

Eine Übergangszelle

Du hast vorhin erwähnt, dass es extrem roch. Gibt es einen bestimmten Geruch, der dich an Carandiru erinnert?
Ja. Es waren zu viele Männer auf zu wenig Raum. Eigentlich war Carandiru jedoch sehr sauber. Die Insassen waren sogar richtig stolz darauf, wie sauber ihr Gefängnis war – immerhin lebten dort 8.000 Männer zusammen. Ich erinnere mich auch an den Geruch des Reinigungsmittels mit Pinien-Öl, das sie dort benutzt haben; an den Geruch der Essensreste. Sie bekamen nämlich nur verdorbene Lebensmittel und mussten die ganzen schlechten Stellen rausschneiden. Die Gefangenen konnten sich ja nicht wirklich beschweren, also lieferten sie ihnen das ganze verdorbene Essen, das sonst auf dem Müll gelandet wäre. Sie wuschen und kochten alles gründlich und würzten mit Kräutern, die ihnen ihre Familien mitgebracht hatten. Mit den Gewürzen wurde drinnen auch gehandelt.

Die "Post"

Was hat es mit dem Typen an der Schreibmaschine auf sich?
Das war quasi der Briefträger des Gefängnisses – auch ein Insasse. Er bekam Briefe von Gefangenen und trug sie aus.

Und was war mit den Trans-Insassen? Wie wurden die behandelt?
Sie galten als der letzte Abschaum. Niemand kümmerte sich um sie. Als wir aber eine Modenschau mit ihnen organisierten, standen die anderen Gefangenen auf und applaudierten.

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