Sex

Analsex in Pornos ist viel komplizierter, als du denkst

"Die Fans sehen, wie der Penis reingeht. Die sehen aber nicht, wie ich eine halbe Stunde auf dem Bett liege, mir Wasser in meinen Hintern drücke und ihn dehne."

von Mark Hay
18 Dezember 2017, 1:50pm

Foto: Pixabay 

An 27 Tagen im Juni und Juli 2016 drehte Holly Hendrix Hardcore-Analsex-Szenen. Sie war damals 19 Jahre alt und noch im ersten Jahr ihrer mittlerweile illustren Pornokarriere. Jeder, der auch nur mal kurz eins dieser Filmchen gesehen hat, dürfte wissen, dass der Sex darin nichts mit dem langsamen, vorsichtigen und eher kurzen "Po-Kram" zu tun, den man vielleicht aus dem eigenen Schlafzimmer kennt. In der Regel handelt es sich dabei um harte, schnelle und übertrieben in die Länge gezogene Bettenakrobatik.

Diese Phase sei in jeglicher Hinsicht eine echte Herausforderung gewesen, sagt Hendrix. Aber es war nicht ihr einziger Anal-Meilenstein – und genauso wenig ist sie die einzige Pornodarstellerin, die sich in ernsthafter Schließmuskelathletik übt. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine Mischung aus Konkurrenzkampf unter den Studios und erstarktem Interesse des Hetero-Mainstreams den Fetisch aus der Nische geholt und zu einem Pornostandard gemacht. Als Resultat gibt es jetzt sogenannte Anal Queens: Darstellerinnen, die Unmengen Analszenen drehen – manche von ihnen sogar fast ausschließlich.


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Der gemeine Pornokonsument denkt sich wahrscheinlich, dass viele dieser Queen-Karrieren angesichts der intensiven und regelmäßigen Strapazen, die die Darstellerinnen ihrem Rektum aussetzen, verhältnismäßig kurz sind – Schmerzen, Dehnungen und das Risiko von Langzeitschäden scheinen unausweichlich. Derlei Probleme sind allerdings vermeidbar und mit entsprechenden Maßnahmen steht einer jahrelangen Anal-Karriere nicht viel im Weg. Einerseits bereiten sich die Darstellerinnen auf ihre Szenen weitaus gründlicher als die Normalbürgerin auf Analsex vor, andererseits scheint ihr Rektum auch einfach überdurchschnittlich widerstandsfähig zu sein.

Generell sind Ärsche verzwickter als Vaginen. Stramm, dünnhäutig, leicht gekrümmt, trocken und empfindlich wie das Rektum ist, hält es oft die Reibung und schiere Wucht einer schnellen Penetration nicht ohne Weiteres aus. Dementsprechend empfehlen Sexratgeber vor allem viel Geduld. Man solle unbedingt warten, bis die empfangende Person entsprechend entspannt ist. Dann solle man behutsam und sehr langsam vorgehen, um nicht zu viel Druck auf den angespannten Schließmuskel auszuüben und dadurch Schmerzen zu verursachen. Die Paare sollten sich einen angenehmen Winkel aussuchen, eimerweise Gleitgel benutzen und währenddessen vor allem offen und regelmäßig kommunizieren. Manche werden vielleicht nie Spaß an analer Penetration haben. Bei anderen kann sie den G-Punkt und die Klitorisschenkel oder die Prostata stimulieren und sich richtig gut anfühlen – sogar anale Orgasmen verursachen. Dennoch werden die meisten Ratgeber Analsex als besondere Ausnahme empfehlen. Wie neue Studien zeigen, greifen selbst schwule Paare öfter auf orale oder manuelle Techniken als anale Penetration zurück.

Besonders rabiates Vorgehen erhöht außerdem das Risiko, das Rektalgewebe zu beschädigen, Risse zu verursachen oder zeitweise den Schließmuskel zu lockern. Letzteres kann zu einer temporären Analinkontinenz oder sogar einem Prolaps führen, bei dem sich dein Darm quasi nach außen stülpt. Der Analprolaps mag für manche ein Fetisch sein, aber er bedarf genauso wie ernsthafte Risse in der Regel einer medizinischen Behandlung.

Es gibt bislang keine großangelegte medizinische Studie zu den Langzeitfolgen von regelmäßigem und hartem Analsex. Manche Studien folgern allerdings, dass die Praxis im Extremfall die entsprechenden Muskeln permanent schwächen und damit auf lange Sicht rektale Inkontinenz fördern kann. Ernsthafte Risse oder wiederholte Prolapse können ebenfalls bleibende Probleme verursachen. "Wie jeder Muskel in deinem Körper", sagt die erfahrene Anal-Queen Cherie DeVille, "kannst du deinen Schließmuskel überdehnen, bis er ausfällt". DeVille kann auf sieben Jahre Erfahrung im Pornogeschäft zurückblicken und ist darüberhinaus promovierte Physiotherapeutin.

In Anbetracht dieser Risiken hat DeVille es anfangs sehr langsam angehen lassen. Nach ihrem Einstieg ins Pornogeschäft übte sie erst fünf Jahre lang zu Hause Analsex, bevor sie sich auch vor der Kamera daran versuchte. Andere Frauen wie Charlotte Sartre können bereits vor ihrer ersten Szene auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken. Für sie liegt es dann noch mehr auf der Hand, sich darauf zu spezialisieren, weil sie bereits wissen, dass es ihnen gefällt und sie regelmäßigen, harten Analverkehr aushalten können.

Interessanterweise hatten die allermeisten Anal-Queens, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, vor ihrer Spezialisierung kaum Erfahrung mit dieser Art von Sex. Hendrix habe vor ihrer ersten Anal-Szene noch nicht mal einen Finger im Po gehabt, sagt sie. Viele informieren sich auch nicht groß vor ihrer ersten Szene und nicht selten spielt pure Notwendigkeit eine weitaus größere Rolle bei der Entscheidung als eine authentische Leidenschaft für Analsex. "Ich hätte sonst eine super lange Drehpause gehabt", beschreibt Hendrix ihre Motivation für ihren ersten analen Vorstoß. Sie war sich unsicher, ob sie noch mehr traditionelle Vaginalszenen bekommen würde. Sie wusste aber definitiv, dass Analsex sehr gefragt ist. Und so dachte sie sich: "Wenn ich vor der Kamera Zeug in meine Pussy stecken kann, dann kann ich mir ebenso gut Zeug in meinen Hintern stecken. Probieren wir es doch einfach mal aus."

"Wie jeden anderen Muskel deines Körpers kannst du deinen Schließmuskel überdehnen, bis er ausfällt." – Cherie DeVille

Laut der Darstellerin, Regisseurin und allgemeiner Pornoveteranin Joanna Angel kursieren heutzutage dermaßen viele Informationen zu Analsex, dass selbst total unerfahrene Mädchen mehr darüber wissen würden als sie damals bei ihrer unbeholfenen ersten Szene. Trotzdem schaffen es nicht alle, den entsprechenden Entspannungsgrad zu erreichen oder sich überhaupt damit anzufreunden. "Ich sehe viele neue und jüngerer Mädchen, die es ausprobieren und absolut hassen", sagt Sartre. "Aber die machen weiter, weil sie wissen, dass es beliebt ist und gut bezahlt wird. Also schmeißen sie sich Schmerzmittel ein und leiden dann richtig." Das perfekte Rezept für Schmerzen, Verletzungen und eine kurze Anal-Karriere.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch jene Darstellerinnen, die nach ihrer ersten Szene Gefallen daran finden. So war es auch bei DeVille. Aber selbst wenn Darstellerinnen Analsex zu ihrer beruflichen Spezialität machen, praktizieren ihn nur wenige privat. Und wenn sie das tun, ähnelt dieser viel mehr dem Analsex aus Sexratgebern als dem aus Pornos.

Aber egal wie wenig Erfahrung sie am Anfang auch haben mögen, die meisten entwickeln schnell Methoden, die ihnen dabei helfen, mit hartem Analsex umzugehen. Die einzelnen Routinen unterscheiden sich bei jeder Darstellerin, aber die allermeisten beinhalten einen bestimmten Ernährungsplan und Einläufe, um für die entsprechende Sauberkeit zu sorgen. Dehnungsübungen mit Fingern oder Spielzeug sind ebenfalls wichtig, außerdem bestimmte Gedanken- oder Atemtechniken, um sich in die entsprechende Stimmung zu bringen oder zu entspannen. Manchmal gibt es auch Probedurchläufe mit dem Drehpartner abseits der Kamera, um zu sehen, wie es sich anfühlt, wenn er eindringt. Fans sehen, "wie der Penis reingeht", sagt Sartre, "Die sehen nicht, wie ich eine halbe Stunde auf dem Bett liege und mir Wasser in meinen Hintern drücke und ihn dehne."

Dazu komme, dass Darstellerinnen unregelmäßig gebucht werden, wie Analveteranin Mandy Muse erklärt. Es kann sein, dass man wochenlang keine einzige Analszene dreht und dann plötzlich mehrere innerhalb weniger Tage auf dem Plan stehen. Darüber hinaus gehen viele Queens mit ihrem Allerwertesten an die Grenzen des körperlich machbaren und versuchen sich an Doppel-, Triple- oder "Zirkus-Anal".

Auf die eigenen Grenzen und die körperlichen Signale zu achten, ist für die Akrobatinnen umso wichtiger. Manche, wie Sartre, legen für sich fest, wie oft sie Analszenen drehen können. Für sie ist das jeder zweite Tag, denn "es ist wie beim Training. Du musst deinem Körper einen Tag Pause geben, um sich von diesen ganzen Mikro-Fissuren zu erholen." Da Toleranz und Verletzungsrisiko von Anus zu Anus unterschiedlich sind, variieren auch die selbstauferlegten Grenzen. DeVille zum Beispiel dreht höchstens eine Analszene pro Woche. Andere wie Hendrix wiederum versuchen einfach darauf zu achten, wann "die Sache quasi unkontrollierbar wird – wenn du verstehst, was ich meine". Ist es so weit, nimmt sie sich ein paar Tage oder Wochen zur Erholung frei. DeVille empfiehlt außerdem das Analäquivalent zu Kegel-Übungen zu machen, um die Muskulatur in den Drehpausen wieder zu stärken.

"Du musst 100 Prozent nüchtern sein" sagt Sartre außerdem. "Damit du alles spürst, was mit deinem Körper geschieht, und sagen kannst, wenn etwas nicht stimmt. Ich würde sogar davon abraten, vor einer Szene Paracetamol zu nehmen."

Die meisten Menschen können relativ leicht ein gutes Gefühl für das eigene Rektum entwickeln und die Vorbereitungstricks der erfahrenen Anal-Queens lernen. Aber nur wenige bringen die entsprechende körperliche Ausstattung für regelmäßige harte Penetration mit. "Selbst wenn du den Leuten die ganzen wichtigen Sachen beibringst, sagen die manchmal 'Irgendwie fühlt sich das falsch an'", so Sartre. "Ich habe unglaublichen Respekt vor Menschen, die einfach dazu stehen, dass das nicht ihr Ding ist."

Genau das sollten Analsex-Fans als Allererstes im Hinterkopf behalten, findet auch DeVille. Sie sorgt sich etwas, dass Zuschauer die von den Anal-Queens dargestellten Fantasien als normal wahrnehmen und dann erwarten, dass sich jede Frau problemlos so hart und regelmäßig Analsex haben können oder wollen wie die Frauen vor der Kamera. Diese Menschen warnt DeVille davor, es beim Analsex zu schnell und tief angehen zu lassen. Wenn deine Partnerin sich nämlich beim Analsex unwohl fühlt oder gar verletzt, dann "wird sie das so schnell nicht wieder machen wollen."

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