Knust, Hamburg, 08.02.07
20:30 Ich bin zu früh und noch nüchtern, daher nutze ich die Gunst der Stunde zu einer spontanen soziologischen Analyse der Youth of Today. 15jährige Jungscliquen mit System of a Down-Hoodies sitzen an Tischen, trinken Becks und sagen sich gegenseitig Songtexte auf. Ansonsten viele sorgfältig gestylte Mädchen, die mit ihren baseballkappentragenden Boyfriends Händchen halten. Ich dachte das ist ein Hardcorekonzert hier. Auf dem Sofa in der Ecke sitzen zwei Sanitäter. Immerhin.
21:00 Eine Vorband, deren Namen ich mir nicht merken konnte, langweilt mich und den Großteil des Restpublikums mit recht uninspiriertem Geschrammel. Nur die jugendlichen Beckstrinker hüpfen sich vor der Bühne warm wie Kaninchen. Wegen so was habe ich aufgehört, auf Soli-Konzerte in autonomen Jugendzentren zu gehen. Guter Zweck hin oder her.
Videos by VICE
22:00: Johnny Whitney taumelt auf die Bühne und scheitert spektakulär bei dem Versuch, das Mikrofon vom Boden aufzuheben. Daraufhin bricht er in eine Art ekstatischen Voodoo-Tanz aus. Irgendwie ist es schon besser, denke ich mir, dass sich die Straight Edge-Bewegung Mitte der 90er Richtung Krishna-Esoterik und Homophobie verabschiedet hat. Als Zuschauer hat man mehr von gelebten Rockstar-Exzessen als von veganen Moralpredigten. Als Musiker wahrscheinlich auch. Plötzlich geht’s los. Und wie. Nach vier Takten gleicht der Laden einem dionysischen Tollhaus. Hände, Füße, Gesichter und Bierflaschen fliegen durch die Gegend, ich bekomme einen Ellenbogen in die Fresse und kann in diesem Moment nicht anders als mich darüber freuen.
Die Blood Brothers sind eine Band der Gegensätze, personell wie musikalisch. An Gitarre und Bass zwei stoische Techniker, die ein fehler- und regungsloses Set spielen. Dazwischen rasen zwei Sänger über die Bühne als bekämen sie Stromschläge verabreicht, driften ab in höhere Sphären und sind im nächsten Moment wieder so was von präsent und in-your-face als wären sie nie weg gewesen. Ich muss an ein verpasstes At the Drive-In-Konzert vor vielen Jahren denken und beschließe tatsächlich, das hier als halbwegs angemessene Entschädigung zu akzeptieren. Live noch deutlich differenzierter, dynamischer und gewaltiger als auf Platte, ein ständiges Auf und Ab jenseits aller Genregrenzen, das gleichzeitig nie in Gefahr läuft, seine musikalische Integrität zu verlieren. Denn auch das sind die Blood Brothers: authentisch. Die dogmatischen Hardcore-Idealisten unter euch, falls es die noch gibt, sollen sich jetzt ruhig die Glatze raufen. Schließlich reden wir hier von einer Band, deren Sänger mit Ringelshirt und Halstuch auf die Bühne geht. Aber wenn eben dieser Typ hinter der Orgel steht und rumbrüllt als käme er gerade aus der Gummizelle, dann zweifelt man keine Sekunde daran, dass Johnny und seine Kollegen diese Art von Musik machen müssen. Weil sie gar nicht anders können. Nicht aus aufgesetzter Wut gegen ein imaginiertes System wird sich da die Seele aus dem Leib geschrien, sondern weil man längst im sicheren Hafen des Wahnsinns angelegt hat, wo Form und Inhalt sich sowieso nicht mehr unterscheiden lassen.
Benjamin Seibel
More
From VICE
-

Illustration by Reesa -

Screenshot: 2K, Bungie -

Photo by Mariano Regidor/Redferns -

Screenshot: Atlus, Capcom, Square Enix, Nintendo, Epic Games