Genau wie immer mehr Buchgeschäfte und Plattenläden in Folge des technischen Fortschritte schließen müssen, so passiert das auch mit Pornokinos. In Paris hält das Le Beverley aber noch einige bei der Stange.Aus der Fülle der Möglichkeiten sich einen runterzuholen, die es in den 70er und 80er Jahren für manchen noch unschuldigen urbanen Wichser gab, ist heute nur das Le Beverley übriggeblieben.
Als Kind ging ich auf ein gemischtes Internat und lernte dort durch Geräusche aus dem Nebenzimmer, viel über die Geilheit hormongesteuerter, 13- jähriger Jungs, die sich nebenan zusammen Videos ansahen und daraufhin ächzten und schwer atmeten (zunächst dachte ich, die Jungs in dem Raum leiden an schweren Asthmaattacken). Seitdem bin ich also immer wieder erstaunt, wie schnell Männer sich doch einen runterholen. Es spielt keine Rolle, ob sie zu jung, zu alt, oder Single sind oder einfach ihre eigene abscheuliche Hässlichkeit der Grund dafür ist. Die meisten von ihnen würden nicht zögern zu jeder sich bietenden Gelegenheit die Hosen herunterzulassen und jemanden anzuwichsen.
Videos by VICE
Was ich nicht wusste, beziehungsweise für eine urbane Legende hielt, war, dass einige der Männer, die alle Hoffnungen auf eine echte Vagina aufgegeben haben, sich gegenseitig „helfen“. Als ich letzte Woche in Paris war, um mit Monsieur Laroche, dem Besitzer des letzten Pornokinos vor Ort zu sprechen, erzählte er mir, dass es oft vorkommt, dass Männer im Dunkeln einander näher kommen und sich gegenseitig „aushelfen“. Offensichtlich ist es nichts Ungewöhnliches für seine Kunden sich während der Filmvorführungen gegenseitig einen zu blasen oder runterzuholen.
„Ironischerweise zeigte ich letztens einen Film mit einer Blowjobszene unter Schwulen, nach der die Männer aufgeregt hinausstürmten. Sie betrachten das was sie tun nicht als homosexuellen Akt, sondern viel mehr als Art Nächstenliebe, erklärt er mir, während er Kaffee macht und die Filmrolle auswechselt -von A Cunt Like No Other zu Young Bitches in Heat.
Das Kino, das in den 70er Jahren gegründet wurde und damals noch Le Bikini hieß, war Mitglied des CNC (Centre National Cinématographique), alle Filme wurden auf 35mm Film gezeigt und es gab sogar einen eleganten Vorführraum mit 90 Ledersitzen (die täglich gereinigt wurden, wie mir Laroche versichert).
Für 12 Euro für ein Ticket und 60 Cent für eine Packung Taschentücher, die am Schalter verkauft werden, kann man sich mit der Hand im Schritt den ganzen Tag die Zeit vertreiben. Wöchentlich gibt es zwei Filme, die vor und zurück gespielt werden, was die Kunden ermutigen soll, sich Zeit zu lassen und in der Zwischenzeit Kontakt zu anderen aufzunehmen.
“Die meisten meiner Kunden sind mindestens 70, pensioniert und alleinstehend, weshalb sie die ganze Woche über hier abhängen können.” Laroche erzählt, dass das Pornokino für sie wie ein zweites Zuhause ist. Seit Cafés Rauverbot haben, treffen sie sich lieber hier, wo sie zusammen reden und masturbieren können. Nach dem Orgasmus sind viele Menschen gesprächig und Maurice erzählt mir, dass einige seiner Kunden nach dem Saubermachen auch Kochrezepte austauschen. Es ist gut zu wissen, dass ich mir Ratschläge holen kann, wenn meine Sauce Béarnaise das nächste Mal floppt.
Dennoch findet im Le Beverley nicht nur fröhliche Gruppenmasturbation und Geplauder über Kochkünste statt. Maurice erinnert sich auch, einen seiner Kunden sterben gesehen zu haben. Ein paar Jahre zuvor trafen sich zwei Rentner einmal die Woche zum Essen, gefolgt von einem Trip ins Beverley’s. Einer von beiden starb an einer Herzattacke mitten in der Filmvorführung. „Er kratze ab, mit seinem Schwanz in der Hand, das ist genau das, was ich jedem wünsche“. Ich habe nicht nachgesehen, ob er noch hart war, sagte er mit einem Kichern. Es ist zwar nicht der „Tod in Venedig“, aber immerhin, der „Tod im Le Beverley“, auch nicht schlecht, oder?
„Manchmal bin ich echt besorgt, was mit all diesen Männern geschehen wird, wenn das Le Beverley schießt”, grübelt Laroche mit besorgtem Blick. In der Tat munkelt man seit langem, dass das Beverley jede Minute geschlossen werden könnte. „Die Regierung verlangt von uns mehr Steuern, als von jedem anderen Kino. Von 12 Euro für ein Ticket bekomme ich nur 1.50 Euro raus. Das ist auch der Grund, warum alle meine Kollegen zugemacht haben.“
Dazu kommt, die steigende Beliebtheit von kostenlosen Internetseiten wie YouPorn oder YouPlaisir (natürlich auf Französisch übersetzt) und zahllosen anderen, die natürlich nicht förderlich sind fürs Geschäft. „Es hat etwas Trauriges und sogar Selbstsüchtiges an sich, sich Pornos im Internet anzuschauen. Es ist wie einen Aperitif ganz allein zuhause zu trinken und nicht in sein Stammcafé zu gehen“, sagt Maurice.
„Männer sind eben Männer und die brauchen optische Erregung. Das ist nicht zu ändern. Der Unterschied ist heut nur, dass nun schon auch Siebenjährige wissen, was „eine Faust machen“ bedeutet, weil sie es auf einem Handy gesehen haben.
Maurice ist ein Vordenker, der sich an stets verändernde Zeiten anpassen will. Er bietet auch Frauen Lesungen mit erotischen Gedichten an, in denen er aktiv involviert ist, Federn mit ins Spiel bringt oder dem Performer persönlich die Sachen auszieht. Ein großer Hit ist auch die Pärchennacht, die zweimal wöchentlich stattfindet.
Es ist zu einer Institution geworden. Du würdest überrascht sein, wie viele Amerikaner sofort hier her kommen, noch bevor sie sich den Eiffelturm ansehen – Denn “Männer sind generell glücklicher, wenn sie sich ihren eigenen Eiffelturm ansehen können“.



