Ich weiß nicht, ob es jemals den einen Satz oder Leitartikel oder Gag oder Film oder reddit-Thread geben wird, an dem die Menschheit plötzlich für sich selbst erkennt, dass die ganze Nazi-Thematik wirklich ein für alle mal abgeschlossen ist. Vielleicht passiert es nie, vielleicht passiert es schleichend; vielleicht weiß in 100 Jahren auch keiner mehr, was ein “Hitler” gewesen sein soll oder aber das Wissen ist dann auf ein paar gruselige Büro-Nerds beschränkt, die in ihrer Freizeit gerne Geschichtsbücher lesen und Schlachten nachstellen (so wie gruselige Büro-Nerds das auch heute schon tun und zwar nicht nur in der ersten Staffel von Peep Show, da bin ich mir sicher).
Vielleicht sehen wir auch heute schon anhand anderer, weniger betroffener Koninente ganz gut, wohin wir selbst uns in Sachen Nazi-Aufarbeitung allmählich bewegen: Und wenn man den Entwicklungen auf diesen anderen, weniger betroffenen Kontinenten glauben darf, haben wir in 100 Jahren Hitler-Boutiquen, Adolf-Restaurants und Führer-Clubbings vor der Haustüre.
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BACKGROUND
Wenn ihr hin und wieder im Internet vorbeischaut oder manchmal in der echten Welt unterwegs seid, habt ihr wahrscheinlich irgendwann im Lauf der letzten Woche(n) die Debatte um den Clothing Store – vormals “das Gewand-Geschäft” – namens “Hitler” in Indien mitbekommen. Als Teil derselben klugen und arbeitslosen Leserschaft muss ich euch wohl nicht erst sagen, dass das nicht der erste nach Hitler benannte Laden auf dem Planeten – oder auch nur in Indien – war. Weil aber sowohl das Internet als auch die echte Welt (Fun Fact: wenn ich so etwas schreibe, möchte ich immer mit einem Spazierstock nach bettelnden Zuwanderern schlagen) ziemlich vergesslich sind, sind hier trotzdem noch mal ein paar Fotos vom ersten Indo-Aufreger um den Germano-Diktator: Ich meine natürlich das inzwischen umbenannte Restaurant “Hitler’s Cross”:
So sah das von außen aus. Cross kann man da als das Kreuz auf der Landkarte, aber auch als das Kreuz mit dem Haken lesen. Dass es sich dabei um ein Glückssymbol handelt, bei dem Hinduisten und Buddhisten genauso die Augen aufgehen wie manchen Roma und Sinti, macht den Witz gleich noch viel witziger (und kommt mir jetzt nicht damit, dass die Zacken beim alten Indus-Hakenkreuz in die andere Richtung schauen oder das Kreuz damals überhaupt ganz anders designt war, weil das so nämlich nicht stimmt).
Und so sah das dann von innen aus. Äh, ja. In diesem Fall ist das Kreuz womöglich nicht mehr so einfach mit der Indus-Hochkultur zu erklären. Und der, auf dessen Arm es prangt, ist auch ziemlich sicher nicht Buddha nach drei Staffeln von The Biggest Loser. Und der Begriff “Hitler” im Restaurantnamen ist eigentlich auch recht verdächtig. Okay, genug gestockholmsyndromt; diese Inder kriegen scheinbar einen Steifen beim Gedanken an den Führer und alles, was Durchschlagskraft signalisieren soll, trägt hier seinen Namen. Punkt.
Damit sind sie in der Welt und in der Geschichte des 20. beziehungsweise 21. Jahrhunderts natürlich nicht alleine: Schon die Hell’s Angels trugen gerne SS-Kluft auf, weil sie bedrohlich und schnittig aussah und in meinem persönlichen Schwachstellengebiet Wrestling portraitierten die Bösewichte ab den 1960ern Nazis und ahmten bis vor kurzem Hitlergruß und Stechschritt nach, um die Menge zum Buhen zu bringen. Auch ein anderer Laden auf einem anderen Kontinent bediente sich bis vor einiger Zeit beim österreichischen Charlie Chaplin-Imitator: Die “Adolf Hitler Techno Bar & Cocktail Show” in Südkorea, die später aufgrund einiger heftiger Beschwerden und ohne dem Einsatz von besonders viel Hirnschmalz in “Ddolf Ditler Techno Bar & Cocktail Show” umbenannt wurde.
Was alle diese Orte gemeinsam haben, ist, dass ihren ihr Name nicht von Nazis übergestülpt wurde, sondern von Leuten, die so wenig mit dem Holocaust zu tun haben, wie die westlichen Birkenstock-Buddhisten mit den Frauenverbrennungen im ach so friedliebenden, fernen Indien oder jeder Hammer-und-Sichel-gebrandete Programmlinke mit waschechtem Stalinismus. Vielleicht haben diese Leute vielleicht ziemlich viel Unwissen in Bezug auf ihre Vorlieben und Labels gemeinsam und vielleicht ist das alles keine Entschuldigung, aber vielleicht ist es ja das Juden-Gen in mir, das die Frage aufwirft, ob es vielleicht (NUR VIELLEICHT!) nicht mal das Allerschlechteste wäre, wenn man bei uns ähnlich mit dem Thema umgehen könnte. Also vielleicht.
BONER
Als ich vor ein paar Jahren in Lateinamerika war, hat mich immer schockiert, wie wenig die Taxifahrer über unser “Austria” wussten. Nur manche hatten überhaupt schon mal von diesem “Señor Hitler” gehört; jeder Witz darüber, wie ähnlich sich die Auspuffgeräusche der schrottreifen Autos und die Sprachmelodie des Führers waren, führte zu erstarrtem Zähneblecken und spontanem Im-Rückspiegel-nach-etwas-Lustigerem-Ausschau-halten. Der Schock verflog dann aber recht schnell, als ich in Lima einen Moment der Klarheit hatte und mir nicht nur einfiel, dass die Stadt, auf die ich gerade runtergaffte, größer war als das gesamte “Austria” zusammen, sondern dass ich umgekehrt nicht einmal wusste, welche Staatsform dieses Land hier hatte – geschweige denn, wie es vor 10 Jahren politisch hier ausgesehen hatte oder wie lange der letzte Völkermord her war.
Den Peruanern zu erklären, was Hitler vor über 70 Jahren am anderen Ende der Welt mit weniger als der Hälfte der Einwohner von Lima angerichtet hatte, war zwar irgendwie nobel, aber auch so weltfremd, wie auf Machu Picchu eine flammende Rede über die Verwendung des Fugen-S in der zweiten Lautverschiebung zu halten. Diese Leute haben keinen besonders hohen Respekt vor dem Holocaust, weil er sie ganz einfach nicht tangiert hat und auch, wenn bei der Lautverschiebung keine 6 Millionen Menschen sterben mussten, sind den Peruanern auch diese (mit Verlaub) relativ egal, weil sie ganz einfach keine Ahnung von den Hintergründen, dafür aber jede Menge eigene Probleme haben (ein Taxifahrer antwortete mir auf die Frage, wie lange jetzt eigentlich schon Demokratie herrschte: “Also entweder seit den Siebzigerjahren oder seit 2006. Hängt ganz davon ab.”).
Für mich heißt das zweierlei: Erstens, mit ein bisschen Distanz sind die schlimmen Sachen immer noch schlimm, aber man ist nicht mehr so persönlich beleidigt, wenn nicht jeder alles und immer gleich schlimm findet, weil es ihn verdammt noch mal weniger juckt und er das Jucken genauso wenig als seine Pflicht sieht, wie wir es umgekehrt als unsere Pflicht sehen, zu wissen, was in Peru unter Präsident Fujimori abgegangen ist. Und zweitens, Juden haben es überhaupt nicht nötig, durch aufgepfropfte Fremdbetroffenheit in Watte gewickelt zu werden, sondern können sich eigentlich auch ganz gut selbst bei der Geschichtsverarbeitung helfen.
Deshalb hat der heutige Boner zwar schon mit Nazis zu tun, kommt aber nicht so sehr aus der Ilsa, She-Wolf of the SS-Ecke, sondern hat eine völlig andere Art von Star in der Haupt- und eigentlich auch einzigen Rolle: Mistress Sandra mimt eine fette, jüdische Domina-Göttin, die gern Jimmy Hendrix hört. Von Berufswegen bestraft sie meistens ihren Lieblings-Sklaven, der natürlich Nazi ist und den klingenden Decknamen “nazijihadwarrior 88” trägt (rechter Terror und linker Terror, Paradeiser und Tomaten, ihr wisst schon), indem sie ihm ihre unglaublich langweiligen Wochenendpläne erzählt und ihm immer wieder mal einen Peitschenhieb verpasst, wenn dieser einzuschlafen droht. Oder so irgendwie.
So richtig spannend wird das Ganze aber noch dadurch, dass man nie so genau weiß, ob hier nicht eine kleine Fight Club–The Sixth Sense-Identity-Show abgeht und sie sich ihren Sklaven nicht nur einbildet. Ich jedenfalls habe ganz genau hingeschaut und -gehört und konnte trotzdem nirgendwo einen Schatten oder Ton erkennen, der auf die Existenz von “nazijihadwarrior 88” hinweisen würde (und mal ehrlich, wie sollte man als Nazi auch auf so einen verdammt guten Nickname kommen?). Jew Power! Mahalo!
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