Ein Ausflug nach Libyen: Picknick in Bengasi

Der Mullah dankte Allah für die USA, Frankreich und die Türkei. Er betete für Allahs Segen. Die Frauen knieten und beteten auf ihrer Seite des Platzes. Die Männer wiederholten “Allahu Akbar” von der anderen Seite. Bei grauem Himmel und Nieselregen bahnte ich mir den Weg durch die Menschenmenge.

Ich machte ein paar Fotos, und aus Nieselregen wurde ein Wolkenbruch. Ein Kind namens Salim, ein Pfadfinder, führte mich in ein Gebäude. Wir checkten einige Räume und suchten ein freies Fenster, aus dem ich  fotografieren konnte – mein Weitwinkel-Objektiv ist aus so großer Entfernung schwierig zu bedienen.

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Ich fragte mich, ob die Dealer noch in den Straßen von Al-Majorey herumhingen, und, ob sich das kleine schwarze Mädchen noch in dem grün-getönten Krankenhauszimmer in Ajdabiya an ihre Decke klammerte. Ich erinnerte mich daran, dass die Revolution jetzt schon seit dem 17. Februar andauert. Die Schulen sind auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Arbeit auch. Männliche Libyer von überall auf der Welt sind in Scharen zurückgekommen um zu kämpfen. Viele von ihnen sind gestorben, noch viele weitere werden sterben. Der Rest von ihnen tut gar nichts – ist ängstlich und gelangweilt.

Nach den Gebeten besorgten wir Lebensmittel für ein Mittagessen mit einigen libyschen Freunden, und warteten darauf, dass unser Reifen repariert wird. Ein Toyota Hilux, hier ein allgegenwärtiges Fahrzeug, fuhr mit zwei schwarzen Männern, deren Augen verbunden waren auf dem Rücksitz vorbei. Ein dritter Mann saß neben ihnen, der Schaft seiner AK-47 war gut zu sehen.

“Was glaubst du, welchen Plan die NATO hat?”, fragte mich ein Freund während des Essens. Wir hatten mit Curry zubereitete Kichererbsen, Nudeln, mit Reis gefüllte Paprikas, Couscous, mit Minz-Fleisch gefüllte Kartoffeln, Süßigkeiten und Tee. Da waren viele Fragen: Warum regelt der Westen die Sache so halbherzig, Warum sterben immer noch Menschen in Misrata? Ist Irak = Afghanistan = Libyen?  “Der NATO-Schutz der Zivilbevölkerung ist kläglich gescheitert”, merkte mein Freund an. Ich diskutierte nicht. Bengasi ist sicher – scheiß auf den Rest Libyens. Die Libyer und ich machten Scherze darüber, in das Hotel zu gehen: “Sie haben Ajdabiya eingenommen!”, würden wir schreien, während alle anderen panisch werden. “April April!”

Immer mehr Journalisten checkten ins Hotel ein. Das machte das Internet noch beschissen langsamer. Eine Crew Fernsehjournalisten zwängte sich mit mir in den Aufzug. Sie ignorierten mich und einen anderen Typen, und drückten uns an die Wand. Sie redeten laut und blockierten die Fahrstuhltür, während sie sich über ihr Thema Nr. 1 ‘Batterie aufladen’ unterhielten. Ich fühlte mich übergangen. Dann merkte ich, dass es Geraldo Rivera und seine Crew war. Seine Frisur it gewaltig groß wie die eines Muppets. Überraschenderweise bedankten sich die beiden letzten Typen im Aufzug bei mir.

Die entscheidende Frontlinie ist Begasi, soviel ist sicher. Ich sah BBC um zu hören, ob es Neuigkeiten gab. Der komplette Kontext im Fernsehen ist nutzlos. Der Konflikt an diesem Ort schreit mindestens nach einem Feature. Als Journalist fühlt sich das überwältigend an. Wie kann man diesem Ort, dieser Zeit und diesen Leuten gerecht werden? Die vage Hoffnung der letzten Woche, die Rebellen könnten nach Westen vorstoßen, ist verloren. Der Terror des Rückzugs nach Bengasi ist vorbei. Das zermürbende Warten auf Hilfe, auf eine Lösung, ist alles, was bleibt.

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