Exit Strategie

Jedes Jahr schwöre ich mir aufs neue, dass ich nie, nie, nie wieder in meinem Leben ein Festival besuchen werde. Vergangenes Wochenende landete ich auf dem EXIT Festival in Serbien. Soviel dazu.

POLITIK

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Gegründet wurde das Festival 2000, also ein Jahr nachdem die NATO und auch Deutschland versuchten Slobodan Milošević aus dem Amt zu bomben und die serbischen Truppen aus dem Kosovo zu vertreiben. Abgesehen davon, dass dieser Krieg eher schlecht als Recht mit dem Völkerrecht zu vereinbaren war und Deutschland erstmals wieder Bomben warf, war Milosovic auch nicht wirklich geneigt sein Amt zu räumen und führte sein Land weiterhin so repressiv wie er es schon vor den Bomben gewohnt war. Anders als in anderen Ländern des früheren Ostblocks besaß Serbien jedoch schon immer eine Kultur des Rock’n’Roll und eine zum Protest und ungehorsam neigende Musikszene, die jedoch durch das totalitäre Regime bis zur Bedeutungslosigkeit unterdrückt wurde. Wer wagte, sich gegen das Regime zu artikulieren wurde einfach zur Armee eingezogen und dort so lange schikaniert bis man schließlich auch den linientreuen und grässlichen Turbofolk, den die Regierung forcierte, für gut befand (oder man kam einfach nicht mehr zurück…). Dušan Kovačević, Bojan Bošković and Ivan Milivojev, drei Studenten, hatten davon schließlich die Schnauze voll und organisierten das erste EXIT Festival, dass als Forum für jegliche Opposition dienen sollte, während es von den Behörden nicht einmal richtig ernst genommen wurde. Nun, Milosovic ist schon lange weg, die Wehrpflicht in Serbien wurde dieses Jahr abgeschafft und das EXIT ist nun eines der größten Festivals in Osteuropa. In Your Face Turbofolk.

Zehn Jahre gemorphte Politik in Serbien.

Nein, die Medien haben damals nicht über das EXIT berichtet.

Nicht 1999 zerbombt, sondern 1944, aber Deutschland ist trotzdem schuld.

Obwohl das Festival noch immer einen politischen Anspruch hat, hat sich die Ausrichtung in Richtung Entertainment verschoben und nachdem wir den großen politischen Zusammenhang kurz skizziert haben, können wir über das reden, was ein Festival wirklich ausmacht.

LOCATION

Die beste Location aller Zeiten. Mehr gibt es eigentlich nicht dazu zu sagen. Da das Festival direkt in der Stadt stattfindet hat man tagsüber Zeit die Innenstadt zu erkunden, sehr billiges Bier von unzähligen Straßenständen zu kaufen, Roulette in den unzähligen schäbigen Casinos zu spielen und dabei aufgrund des Wechselkurses sogar beim verlieren noch zu gewinnen oder aber früh morgens mit zahnlosen Alkoholikern eine Flasche Schnaps vor der Kathedrale trinken. Die Burg Petrovaradin kann während des restlichen Jahres wahrscheinlich mit dem Wort “pittoresk” beschrieben werden, doch während des EXIT Wochenendes… Scheiße, um ganz ehrlich zu sein habe ich nicht den blassesten Schimmer wie ich es beschreiben soll. Wer denkt, dass das Melt! schon in einer unglaublichen Umgebung stattfindet, hat vielleicht recht, aber er hat noch nicht die unfassbaren vielen Stages in den düsteren Katakomben erkundet, ist durch die zig unterirdischen Tunnel geirrt oder hat einfach halbdebil auf Novi Sad hinunter gestarrt und mit Einheimischen über die Surrealität gesprochen, dass vor 12 Jahren noch Bomben auf die Stadt regneten und Menschen auf der Brücke, über die man eben noch ging, durch NATO-Raketen ums Leben kamen.

Dieses Foto wurde von der Brücke gemacht, auf die 1999 eine der ersten Bomben fiel.

Duisburg?

Duisburg.

Grabenkämpfe vor der Metal Stage.

TRINKEN & DROGEN

Direkt bei unserer Ankunft stellte die gesamte Pressedelegation fest, dass wir wohl sehr wohlwollend über das Festival berichten werden, denn viel würden wir bei Bierpreisen von knapp einem Euro nicht mitbekommen. Durch die konstanten Temperaturen von 40 Grad im Schatten waren wir Gott sei Dank nicht nur angehalten, sondern gezwungen, ununterbrochen eiskaltes Bier in uns zu schütten. Auf dem Festivalgelände bekam man das Zeug für angemessene zwei Euro zu kaufen und wenn man es darauf angelegte auch gleich sechs 0,5 Becher in einem schicken Träger für schlappe 10 Euro. 10 Euro war auch der Preis für die einzige harte Droge, die in Novi Sad zirkulierte. Crystal. Auf dem Festivalgeländer selber herrscht jedoch eine strikte Null Toleranz-Politik, die von Unmengen Polizisten durchgesetzt wurde, die nicht nur so aussahen als ob, sondern wirklich keinen Spaß verstanden. Wir sahen also aufgrund der enormen Polizeipräsenz und der Abneigung eine Nacht in einem serbischen Knast zu verbringen und am Ende unsere Redaktion anrufen zu müssen und um Bestechungsgeld zu betteln davon ab. Und natürlich auch, weil Crystal echt ungesund und der letzte Scheiß ist. Nur um es nochmal zu erwähnen. Wer will, kann jedoch etwas selbst angebautes Gras auftreiben, Longdrinks in kleinen Fässern für noch weniger Geld kaufen oder gleich Vanjak trinken. Vanjak ist ein regionaler Cognac, mit dem dezenten Aroma von Klebstoff, der, wenn er einen nicht auf der Stelle erblinden lässt, wahrscheinlich auch für Abtreibungen und Lobotomien zu gebrauchen ist. Ach und Zigaretten zu rauchen ist in Serbien natürlich billiger als zu atmen.

Dinge die verboten waren. Das Nunchaku-Problem haben sie gut in den Griff bekommen.

Höchstens drei Euro. Für alles.

Einfach ein Eimer voll Schnaps für zwischendurch.

Pfandbecher sind pure Dekadenz.

GESCHLECHTSVERKEHR

Die serbischen Frauen gehören mit zu den schönsten der Welt. Sie sind eine Zierde der Menschheit, doch abgesehen davon, sind sie alle erzkatholisch (auch wenn die Kleidung nicht darauf schließen lässt) und sie haben alle zig Brüder, die größer und stärker sind und einen besseren rechten Haken haben als man selber, daher ist an Sex eh nicht zu denken. Wenn ihr nun gehofft habt, ich hätte irgendwelche amourösen Geschichten zu erzählen, dann muss ich euch leider enttäuschen. Ich kann nur noch einmal erwähnen, dass die Temperatur nur eines zuließ, und das war Unmengen eiskaltes Bier für kein Geld zu trinken. Alleine die Vorstellung bei dieser Hitze Sex zu haben lies meine Adern pochen (am Kopf. Anm. d. Red.) und die Furcht vor einem Schlaganfall unangenehm real werden. Stattdessen sollte man sich also auf reines Starren auf die bizarr kurzen Shorts und surreal langen Beine und auf noch mehr Bier gegen die Hitze konzentrieren, bevor man einen Hirnschaden durch Beischlaf in Kauf nimmt.

Wie ein Kollege meinte: “Warum muss alles Ibiza werden?”

Sie hat bereits Sex mit sich selber und ihrer Hose.

Ich war einfach zu erschöpft, um mir das länger anzusehen.

MUSIK

Irgendwie verwunderte es mich ein wenig, dass obwohl die 90er wohl das beschissenste Jahrzehnt für Serbien darstellten, die Musik der 90er dort noch immer hoch im Kurs steht. Seien es die Acts selber, die sich zwar alle aus den 90ern irgendwie herübergerettet haben, um aber dafür umso großartigere Sets vor dem, im Gegensatz zu den dekadenten Fans im Westen, wirklich dankbaren Publikum zu spielen. Pulp, Underworld, Portishead, Grinderman, Kreator und Laibach, um nur ein paar der großen Namen zu nennen, wurden zelebriert als das was sie dort noch sind und auch sonst überall sein sollten: Helden. Die anderen Headliner wie Jamiroquai, Bad Religion und die Arschlöcher des Zeitgeists wie Steve Aoki und Paul Kalkbrenner finde ich hier wie dort beschissen und habe sie mir auch nicht angesehen. Abseits des Festivalgeländes ist Musik jedoch, und mit Musik ist hiermit Dance House aus den 90ern gemeint, eine Tortur. In jeder Kneipe, in jedem Restaurant, Taxi, Hotel, Kirche, Friedhof plärrt dieses debilen Gewummer in einer für Osteuropa typischen, ohrenbetäubenden Lautstärke. Es gibt definitiv kein Entkommen vor diesem wummernden Grauen, gegen das einem nicht mal Bier helfen kann.

Underworld, alt, aber hält sie nicht davon ab, sich noch immer latent wie Idioten auf der Bühne aufzuführen.

Portishead, eine alte Frau.

Nick Cave wurde vom Publikum abgezogen und musste den Aftritt ohne Gürtel beenden.

Eine Runde schwitzen mit Mille von Kreator.

PUBLIKUM & MODE

Selten habe ich, als ausgesprochener Misanthrop mit zynischer Ader, auf einem Festival so freundliche Menschen erleben dürfen wie in Novi Sad. Eigentlich rechnete ich sogar definitiv damit, zumindest einmal ordentlich verprügelt zu werden oder gegebenenfalls auch abgezogen. Doch nichts dergleichen ist passiert, egal wie betrunken und lärmend ich auch war. Die Leute waren sogar so hilfsbereit, freundlich und zugänglich, dass es mir zuerst ein wenig unangenehm war und ich schließlich sogar deswegen auf all die Engländer wütend wurde, die ihrerseits wirklich mit zahllosen der schlimmsten Menschen, die ihre Insel zu bieten hat in Novi Sad vertreten waren. Modetechnisch ist das Leben hier einfach. Die Frauen sehen durch die Bank alle aus wie Models, tragen sehr, sehr kurze Hotpants und die Männer haben alle eine Glatze, kyrillische Tättowierungen und tragen oberkörperfrei. Die dekadenten Westeuropäer sehen so aus wie sie überall auf der Welt aussehen: irgendwie fehl am Platz.

Im Großen und Ganzen eine sehr atypische Verhaltensweise auf dem EXIT.

Varnjak machte Freunde aus uns.

Was ist eigentlich das Ding mit diesen Perücken auf Festivals?

Ah. Okay.

Mehr Fotos vom EXIT Festival findet ihr hier!

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