Farbe bekommen – Health sind das logische Bindeglied zwischen Megadeath und Formicula

Health haben es tatsächlich geschafft, mit ihrem zweiten Album „Get Color“ die My Bloody Valentine-Reunion komplett überflüssig zu machen, so eine Art Quantenphysik für Einsteiger-Handbuch als Tonträger zu veröffentlichen und zeitgleich das Thema Tonträgerveröffentlichung insgesamt komplett auf den Kopf zu stellen. Klingt vielleicht etwas paradox, aber wenn du dieses Album hörst, weißt du, was ich meine. „Get Color“ wird genau heute auf die Welt losgelassen und wir hielten das für einen guten Anlass, endlich mal zu klären, was es in diesen Zeiten eigentlich bedeutet, ein Album herauszubringen.

Vice: Stimmt es, dass Dave Moustaine der Besitzer eueres Proberaums ist?
John: Ja, das stimmt. Aber wir haben ihn noch nie gesehen. Aber wir wurden schon zwei Mal beinahe rausgeschmissen und angeblich überwacht er die Security Videos. Ich mag den Gedanken, von Dave Moustaine beobachtet zu werden. Jupiter: Ich fänd’s ganz cool, wenn er uns dort beim Spielen beobachten würde. Warum wurdet ihr beinahe rausgeschmissen?
Jake: Es proben dort eine Menge Bands. Darunter sind natürlich auch viele Idioten. Die Regeln dort sind sehr strikt. Es gab diesen Vorfall, dass wir gerade aus dem Proberaum raus wollten. Eine Gruppe von Leuten wollte rein und darunter war dieses eine Mädchen, eine Bekannte von uns. Sie trat die Tür ein und das wurde von der Kamera aufgezeichnet. Als wir dann das nächste Mal hinein wollten, waren die Tür und die Schlösser ausgewechselt. Und Dave Moustaine dachte, wir bringen irgendwelche durchgeknallten Leute mit, die randalieren und in unserem Proberaum Party machen. 

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Und das andere Mal?
Jupiter: Haben wir ein paar Nutten mitgebracht. Haha. Jake: Naja, eigentlich war es nur mein Hund. Hunde sind nicht erlaubt. Aber davon abgesehen, waren sie immer sehr nett zu uns. Dave Moustaine ist so eine Art Vaterfigur, obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, haha. 

Was ist euer Lieblings-Megadeth-Album?
John: Definitiv fucking „Rust in Peace“. Da ist Hangar 18 drauf (imitiert mit seiner Stimmt das Gitarrensolo aus Hangar 18). Aber Peace Sells ist auch super.

Jake: Ich steh total auf die Coverartworks. Ich liebe sie! Aber eher die alten cartoon-artigen Sachen, nicht so sehr den Youthanasia-Kram, wo eine Oma Säuglinge aufhängt als wäre es ihre Wäsche. (lacht) 

Was für eine Meinung habt ihr von Bands, die mehr Shirts als Alben verkaufen?
(Gelächter) John: Wir mögen uns. Wir sind eine großartige Band! Aber tatsächlich ist es ja so, dass wir beide Dinge jetzt verbinden. Wir verkaufen die Platte als T-Shirt. Kaufst du das Shirt, bekommst du die Platte als MP3.

Jake: Ja, wir versuchen einfach neue Wege für diesen Scheiß zu finden. Die Leute kaufen ja keine Platten mehr. Wir haben dieses golden ticket in einem Album versteckt und derjenige, der die Platte kauft, gewinnt einen Trip zu uns nach L.A., wir haben LPs mit Autogrammen, wir haben handgestrickte Schals von meiner Oma undsoweiter. Wir versuchen einfach Spaß mit diesem Album zu haben anstatt dann hinterher zu sagen: Hoppla, das hat ja niemand gekauft! 

Eure Songs klingen zum Teil als hätte man sie in einem Ameisenhaufen aufgenommen. Ist euch das auch schon mal aufgefallen?
Jupiter: Du meinst es hat so Insekten-artige Sounds? Das ist wirklich cool, dass du das sagst. John: Wir stehen total auf Ameisen. Auf der letzten Tour trafen wir diesen Kerl, einen Ameisenexperten, und er zeigte uns dieses Buch, das alle möglichen Arten von Ameisen erklärte. Wahnsinn. Wie war das doch gleich, er erzählte etwas von Sklavenjägerameisen, die sich irgendwie in ein fremdes Nest einschleichen, die Königin umbringen, sie mit ihrer Königin ersetzen und dann quasi die Kolonie übernehmen.

Jake: Aber, wir schreiben keine Songs darüber. John: Lass mich doch mal ausreden. Also es ist ja faszinierend, wie so eine Kolonie funktioniert. Es gibt keine zentrale Steuerung, die Königin gibt ja keine Befehle oder so was. Alles steuert sich über Gerüche und Pheromone und so. 

Ok, aber prinzipiell kann man sagen, Health funktionieren nicht im Sinne der Hierarchie eines Ameisenstaates.
Jake: Nein, es gibt keine Königin. Obwohl … nein, keine Königin. Nur ab und zu liegt mal einer von uns in der Gegend rum und scheißt ein paar Eier aus, haha. John: Ja, keine Königin. Außerdem sind wir für eine Kolonie viel zu wenig Leute. 

Die Vocals auf der neuen Platte klingen noch weiblicher als auf der ersten. Ist euch das auch aufgefallen?
BJ: Das hören wir heute schon zum zweiten Mal. Ich bin da übrigens anderer Meinung. Jake: Ich finde das aber eigentlich ganz cool. Ich habe schon versucht höher zu singen als auf dem ersten Album. Und man kann ja schon sagen, dass Mädchen eher hoch als tief singen, insofern ist das ja nahe liegend. Ich habe einfach ein bisschen herumexperimentiert und vielleicht ein bisschen zu viel Soja gegessen. Ok, ich geb’s ja zu, ich bin die Königin in der Band! (Gelächter) 

Erzählt bitte die Geschichte zu dem Song „Severin“.
John: Severin ist zufälligerweise der Name unseres deutschen Bookingagenten. Aber der Song hat nichts mit ihm zu tun, außer mit seinem Namen. Jake: Wäre sein Name Ralph, würde dieser Song vermutlich NICHT „Ralph“ heißen. Aber trotzdem ist der Song nach ihm benannt. Der Name sieht einfach sehr interessant aus, er passte gut zu den anderen Songtiteln. Wenn wir Songs schreiben, benutzen wir oft Interimsnamen, meistens nur so zum Spaß. Aber manchmal, wenn der Name interessant ist, bleibt er einfach bestehen. Es muss keinen Bezug zum Songtext geben. Lustigerweise werden wir in Deutschland in fast jedem Interview danach gefragt, weil ihr Jungs hier drüben natürlich alle Severin kennt, aber in den Staaten interessiert das natürlich keine Sau.

John: Würde er Gunther heißen, hätten wir es nicht gemacht.

BJ: Ich hätte mich sehr für Gunther eingesetzt. 

Wusstet ihr eigentlich, dass es in Toronto eine Avantgarde-Metal-Band namens Gesundheit gibt, was Health auf Deutsch bedeutet?
Jake: Hahaha, nein das wussten wir nicht. Aber wusstest du, dass es in North Carolina eine andere Band namens Health gab?

John: Ja, wir haben ihnen die Scheiße aus dem Leib geklagt. Sie haben sich dann aufgelöst. So ein Typ hat ihre CD gekauft, weil er dachte, es wäre unsere und kam dann zu uns und sagte: Hey, ihr habt euch ja total verändert, ihr klingt ja richtig Scheiße. Haha, das ist wirklich passiert. Aber druck das mal nicht, die tun mir irgendwie leid. 

Eigentlich wollte ich ja darauf hinaus, dass Gesundheit eine Trompete als Leadinstrument benutzen. Könntet ihr euch Health mit einer Trompete vorstellen?
Alle gleichzeitig: Nein.

John: Keine verdammten Blasinstrumente. Auf gar keinen Fall.

Jake: Ein Klavier wäre denkbar, verdammte Streicher wären denkbar, aber Blasinstrumente kannst du total vergessen.

Jupiter: Eine Oboe könnte vielleicht irgendwie cool klingen.

John: Mag sein, aber ich bin absolut kein Fan von Blasinstrumenten in Rockmusik.

BJ: Hey, ihr schießt euch doch gerade selbst ins Bein. Ich sehe uns schon in ein paar Jahren da sitzen: „Mann, wir brauchen unbedingt ein Saxophon in diesem Lied …“ (Gelächter) 

Auf My Bloody Valentine-Konzerten werden jetzt an das gesamte Publikum Ohrstöpsel verteilt. Wenn ihr euch etwas aussuchen könntet, was würdet ihr auf euren Konzerten verteilen?
Jake: Vielleicht Schlüsselanhänger? Oder Fotos von uns? Oder Obama-Sammelteller? Oder halt, nein, Hundert-Dollar-Noten, damit die Leute zu unseren Shows kommen. Keine Ahnung, wie wir das bezahlen sollen, aber ich finde die Idee ganz gut.

BJ: Dinosaurier.

John: Pilze, würde ich sagen. Ca. eine Stunde vor der Show. Das würde dann vermutlich das beste Konzert, das du je gesehen hast.

BJ: Ist es nicht ironisch, sie heißen My Bloody Valentine und versuchen etwas für die „Gesundheit“ der Leute zu tun. Und wir heißen Health und versuchen den Leuten in den Arsch zu treten.

Jake: Ich kann nicht glauben, dass sie das machen! Es geht doch bei denen darum, dass es verdammt noch mal laut ist!

BJ: Ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass auch wir unserem Publikum zum Schutz ihres Gehörsinns raten. Allerdings reichen dafür auch Taschentücher, finde ich.

Jake: Ja, wir benutzen selber auch Hörschutz. 

Ah, wer hätte das gedacht. Vielen Dank!

AR 

FOTOS: VOY

Healths Get Color ist bei LovePump/City Slang erschienen.

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