Gute Kinderstube

Dank solcher Auftritte fielen Felix von Kraftklub Zeilen ein wie: „Egal, wo wir hinkommen, uns’re Eltern war’n schon eher hier.“ Von links nach rechts: Felix’ Mutter, Felix’ Vater

Im Noisey-Interview korrigieren Kraftklub das landläufige Missverständnis, sie würden Indierock auf Deutsch machen. Denn, so sagen sie, wenn sie etwas auf Deutsch machen, dann ist es Sex. Dazu muss man wissen, diese Typen kommen allesamt aus der ehemaligen DDR, genauer gesagt aus Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. Und wir alle kennen ja die Klischees über die Ossis: Wenn sie auch nicht viel hatten, den Sex ließen sie sich nicht nehmen. Wir trafen uns mit Felix, dem rappenden Frontmann von Kraftklub und versuchten herauszufinden, wer ihn und den Rest der Band auf diese Musiksache gebracht hat.

Vice: Ihr streut ganz gern Geschichten darüber, wie es zur Bandgründung kam. Kannst du uns eine exklusive und überaus brisante Bandgründungsgeschichte anbieten?
Felix:
Klar. Moment. Die guten habe ich ja schon verbraten. (denkt nach) Ja, also, es war so. Ich habe Musik gemacht, in meinem Kämmerchen, im Keller. Ich kam nicht voran, kam nicht raus aus dem Loch in der Chemnitzer Plattenbausiedlung. Dann traf ich auf einer Party diese extrem fancy aussehenden Jugendlichen, die, um ihr Image aufzupolieren, noch einen Typen suchten, der Charisma hat, der so ein bisschen auffällt. Ich war ja bekannt wie ein bunter Hund, als Straßenrapper in Chemnitz. Und wir begannen, zusammen Musik zu machen, und während der Probephase kam raus, dass der Bassist der Band mein Halbbruder ist. Das war dann wie ein Wink des Schicksals und wir wussten, das muss was Großes werden.

Wie kam es, dass ihr nichts voneinander wusstet?
Na Chemnitz ist schon eine Metropole, da passieren eine Menge Dinge im Verborgenen. Ich will da jetzt auch nicht weiter ins Detail gehen. Verzwickte Geschichte, wie da unsere Eltern zusammen und dann nicht zusammen waren und dann war da noch diese andere Frau im Spiel und so. Das wäre auch indiskret meinen Eltern gegenüber. Die sind ja teilweise auch schon in dem Noisey-Video aufgetaucht. Die haben also ihr Soll erfüllt. Unser Song „Zu jung“ kommt auch nicht von ungefähr. Meine Eltern haben ja tatsächlich zusammen Musik gemacht und hatten diese avantgardistische Kunstband in der DDR namens AG Geige. Die machten Filme und Kunst und eben auch Musik und hatten dann plötzlich einen Plattendeal bei der Amiga und waren dann auch in der BRAVO zum Beispiel.

Bewegen wir uns jetzt eigentlich wieder in der Realität?
Jaja, wirklich.

Sie hatten einen Bericht in der BRAVO?
Ja, die hatten damals einen ganz guten Draht zu einer Radiostation im Westen, die haben immer so den neuesten Scheiß gespielt. Da lief es dann und so haben es auch andere Medien mitbekommen.

Berichterstattung in den Westmedien hat doch dann sicher auch das MfS hellhörig gemacht?
Total. Es gab dann nach der Wende auch lustige Akteneinsicht. Meine Eltern haben da Abende damit verbracht, Gesprächsprotokolle zu lesen. Das war ja teilweise richtig traurig. Das sind mitunter richtig gute Freunde gewesen, die da gespitzelt haben und die dann nach dem Zusammenbruch des Staates zwischen den Stühlen saßen und mit denen keiner mehr was zu tun haben wollte. Mein Vater sagt da immer, man kann den Leuten nicht die Schuld geben, es war einfach ein Dreckssystem.

Was verdankst du deinen Eltern?
Ich konnte immer machen, was ich wollte. Es gab keinen Druck, so von wegen, du musst das und das studieren. Sie haben einem die Freiheit gegeben, diese Dinge für sich selbst rauszufinden. Das ist eigentlich ganz lustig, dass gerade wir im Osten aus solchen Hippiefamilien kommen.

Ein Live-Set von KRAFTKLUB und etlichen anderen Bands findest du auf Noisey.com.

Videos by VICE

VON ANDREAS RICHTER
FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON AGGEIGE

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