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Warum Eishockey nicht ohne seine Schlägereien kann

Faustkämpfe zählen zu den emotionalen Highlights bei jedem Eishockey-Spiel. Das weiß auch die profitorientierte NHL und lässt die Schläger gewähren—trotz gesundheitlicher Risiken für die Spieler.
26.2.16
Foto: imago

Wenn Derek Boogaard den Madison Square Garden betrat, wurde er von den Rangers-Fans mit huldigenden „Boo"-Rufen begrüßt. Boogaard war mit seinen zwei Metern und 120 Kilo einer der gefürchtetsten Kämpfer der NHL. Er war der Mann fürs Grobe, ein Enforcer; brach irgendwo eine Schlägerei aus, konnte Boogaard nicht weit entfernt sein. Mittlerweile ist er tot, gestorben an Medikamentenmissbrauch, der mit den Spätfolgen seiner vielen Kopfverletzungen zusammenhängen könnte. Und—wie Kritiker von Schlägereien im Eishockey gerne betonen—auch mit den Folgen seiner vielen Prügeleien.

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Schlägereien gehören zum Eishockey wie Dunks zum Basketball. Sie sorgen für das nötige Spektakel, das gewisse Etwas. Manche Fans kommen fast nur ihretwegen zu den Spielen und können es kaum erwarten, bis die Handschuhe aufs Eis fliegen. Aber wie ist diese außergewöhnliche Tradition überhaupt entstanden?

Eine der heftigsten Massenschlägereien in der Geschichte der NHL

Schlägereien beim Eishockey sind keine neue Entwicklung. Vielmehr gibt es sie so lange, wie es auch den Sport gibt. Man könnte also argumentieren, dass sie fester Bestandteil der Eishockey-DNA sind. Wie genau die Prügeleien in den Sport gekommen sind, ist nicht abschließend geklärt. Die gängigste Theorie besagt, dass es in den Anfängen der Sportart schlicht und einfach zu wenig Regeln gab, so dass offiziell nichts gegen offene Gewalt auf dem Eis sprach. Dazu kommt noch, dass Armut und Kriminalität im ländlichen Kanada des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet waren, was ebenso zu den Schlägereien—als eine Art Frustabbau gegen die schwierigen Lebensbedingungen—beigetragen haben könnte. Eine deutlich technischere Erklärung sieht einen Zusammenhang zwischen der Zunahme an Eisprügel und der Einführung der Blauen Linie. Denn dadurch, dass sich jetzt deutlich mehr Spieler in der Neutralen Zone aufhielten, geriet man häufiger aneinander, das Spiel wurde physischer. Und klar: Als sich der Spielertyp des Enforcers herauskristallisierte, bekamen die Schlägereien einen weiteren Schub.

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Übrigens geht es bei den Prügeleien nicht nur um rohe Gewalt. Schlägereien werden auch als taktisches Mittel eingesetzt. Vor allem Mannschaften, die zurückliegen, lassen ihren Enforcer häufig einen Faustkampf vom Zaun brechen. Auf diese Weise will man den Teamspirit wachrütteln, einen emotionalen Impuls setzen und bei Heimspielen die Zuschauer aus der Reserve locken.

Befürworter von Schlägereien glauben interessanterweise, dass die das Spiel sogar sicherer machen könnten. Die angestauten Aggressionen zwischen beiden Teams werden offen und ehrlich abgelassen—kanalisiert, wenn man so will—, was die Wahrscheinlichkeit hässlicher Checks im Spiel geringer machen soll. Außerdem würde sich manch ein Spieler zweimal überlegen, ob er seinen Gegenüber gesundheitsgefährdend angeht, weil ansonsten eine schmerzhafte Schlägerei mit einem Enforcer-Hünen droht.

Aber auch wenn es Gründe für einen gepflegten Schlagabtausch geben kann, ist für die Kritiker das Gesundheitsrisiko viel zu groß. Da man nicht selten—etwa bei „verabredeten" Kämpfen nach Bullys—ohne Helm gegeneinander antritt, gehen die Schläge direkt auf den Kopf. Es müssen aber nicht mal Fäuste sein, die Spieler bei Schlägereien gefährden können. Manchmal ist der Feind auch das harte Eis:

Mit das größte Risiko für Eishockeyspieler sind nicht auskurierte Gehirnerschütterungen. Davon kann auch Stefan Ustorf ein Lied singen. Die Eisbären-Legende, mittlerweile Sportdirektor beim Hauptstadtklub, hat vor wenigen Tagen der Tageszeitung Neues Deutschland ein Interview gegeben und erklärt, dass er noch immer unter den Folgen seiner schweren Gehirnerschütterung aus dem Jahr 2012 leide. Insgesamt, glauben seine Ärzte, könnte er im Laufe seiner Karriere zwischen 20 und 25 Gehirnerschütterungen erlitten haben.

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Nun kann man natürlich nicht sagen, dass Ustorf erkrankt ist, weil er sich zu oft auf dem Eis geprügelt hat. Vielmehr lag es an der extrem physischen Spielweise des bei Eisbären-Fans verehrten „Hooligans" und der Tatsache, dass er mit noch nicht ausgeheilter Gehirnerschütterung aufs Eis zurückgekehrt ist und sich kurz darauf noch eine zugezogen hat. Aber es zeigt: Eishockeyprofis sind so schon so vielen Konkussionen ausgesetzt, dass man alle unnötigen Risiken einer Gehirnerschütterung, wie eben Schlägereien, besser eliminieren sollte. Denn die Spätfolgen können verheerend sein.

Was uns wieder zu Derek Boogaard, dem Rangers-Enforcer, bringt. Bei ihm wurde nach dem Tod chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Symptome sind neben Gedächtnisverlust und Stimmungsschwankungen auch ein hohes Abhängigkeitsrisiko. Also war es kein Zufall, dass Boogaard sowohl depressiv als auch medikamentenabhängig war. Auch bei Ustorf glauben die Ärzte, dass es sich bei seinen Symptomen möglicherweise um CTE handeln könnte. Sein Risiko, eines Tages daran zu erkranken, sei auf jeden Fall deutlich höher.

Foto: imago

Bisherige Studien legen laut Informationen der Zeit nahe, dass Kämpfe zu Hirnschäden führen können. So konnte etwa in allen Gehirnen von NHL-Spielern, die post mortem untersucht wurden, CTE nachgewiesen werden.

Neben dem Risiko von Folgeschäden gab es auch schon mindestens einen Fall, bei dem ein Spieler in der direkten Folge einer Schlägerei gestorben ist. Die Rede ist vom 21-jährigen Amateurspielers Don Sanderson, der drei Wochen nach dem Sturz aufs Eis seinen Verletzungen erlegen ist.

Und wie steht die NHL zu den Schlägereien? Auch wenn es wiederholt Anstöße gab, Kämpfe aus dem Sport zu verbannen, hat die Liga bisher keine Reformen auf den Weg gebracht. Und das aus gutem Grund. Denn: Fighting sells, was 2009 auch der NHL-Commissioner Gary Bettman zugegeben hat. Und wo es um Milliarden geht—und die Konkurrenz im Kampf um zahlende Fans im US-Sport eh schon brutal ist—, wird die Spielergesundheit schnell zur Randfigur. Dass Eishockey auch mit deutlich weniger Schlägereien geht, zeigen die Ligen in Europa—was vor allem daran liegt, dass hier Schlägereien meist mit Spieldauerstrafen sanktioniert werden, während man in der NHL im Normalfall nur für fünf Minuten vom Eis muss.

Also steht man vor einem echten Dilemma. Schlägereien zählen ohne Frage zu den emotionalen Highlights eines jeden Spiels. Wer zum Eishockey geht, hofft insgeheim auch auf eine ordentliche Tracht Prügel. Doch unsere Schaulust—sowie die wirtschaftlichen Interessen vonseiten der Eishockey-Funktionäre—geht zu Kosten der Spieler und ihrer Gesundheit.

Aktuell kann man beobachten, wie das Spiel schneller und technisch anspruchsvoller wird. Die Zeit der Enforcer scheint langsam, aber sicher abzulaufen. Was das für die Zukunft von Eishockey-Schlägereien bedeutet, bleibt abzuwarten. Man kann aber davon ausgehen, dass noch eine ganze Weile die Handschuhe aufs Eis fliegen und die Fäuste geballt werden. Denn wenn Testosteron und Adrenalin aufeinander treffen, geht es schnell hoch her. Sehr zur Freude der meisten Fans.