10 Fragen

10 Fragen an einen Richter, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie oft sprechen Sie ein falsches Urteil? Welche Verbrecher sind Ihnen sympathisch? Was war das schlimmste Beweismaterial, das Sie sehen mussten?

von Fabian Herriger
19 Juli 2017, 3:00am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Der Jugendrichter Andreas Müller öffnet die Tür seines Hauses in Glienicke bei Berlin: "Wären Sie pünktlich gekommen", sagt er, "hätten Sie nicht bloß Kaffee, sondern auch ein Frühstücksei bekommen, Sie Rotznase." Bei Müller, den die Bild mal den "härtesten Jugendrichter Deutschlands" nannte, erhält jeder seine angemessene Strafe.

Den Ruf habe er sich "hart erarbeitet", sagt der 56-Jährige rauchend an seinem Küchentisch: "Wenn meine Jungs im Kiez Angst haben, zu Richter Müller zu gehen, dann habe ich meinen Job gut gemacht." Seit 20 Jahren ist er Jugendrichter am Amtsgericht in Bernau bei Berlin, einer Stadt, die einst als Neonazi-Hochburg Brandenburgs berüchtigt war. Dort zwang Müller Neonazis dazu, Moscheen zu besuchen, und verurteilte Rechtsradikale dazu, mit jungen Türken Döner zu essen. Teils fielen seine Jugendstrafen aber auch härter aus: "Ich war mal der meistgehasste Richter der rechtsradikalen Szene – da bin ich heute noch stolz drauf."

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Der Kampf gegen den Rechtsradikalismus habe er ausgefochten, als er noch "jung und knackig" war, sagt Müller. Heute liegt ihm ein anderes Thema am Herzen: die Legalisierung von Cannabis. 2015 veröffentlichte Müller sein zweites Buch Kiffen und Kriminalität, in dem er die Legalisierung fordert, auch um Jugendliche durch Prävention besser zu schützen. Am Wochenende nach dem Gespräch tritt er als Redner beim Reggae im Hanffeld-Festival auf. "Wenn ich als alter Sack barfuß über ein Reggae-Festival spaziere, nur Rastas und Müller, dann fühle ich mich cool."

Wir haben Fragen:

VICE: Vor welcher Urteilsverkündung können Sie nicht schlafen?
Andreas Müller: Vor manchen Urteilen wache ich nachts auf, setze mich in die Küche und denke darüber nach, wie ich am Morgen entscheide: Lass ich den Jungen in die Freiheit oder geht er in den Knast? Pack ich den 18-jährigen Rechtsradikalen ins Gefängnis, damit alle anderen sehen, dass es Konsequenzen hat, wenn man Molotow-Cocktails auf Asylbewerberheime schmeißt? Oder mach ich so den Jungen kaputt? Er kann seinen Job verlieren oder ist vielleicht für immer als Verbrecher stigmatisiert. Aber für das Gesamtwesen ist es vielleicht besser. Solche Prozesse treiben mich um, auch noch nach 25 Jahren als Richter. Ich entscheide schließlich über das Leben eines Menschen.

Wie oft haben Sie schon ein falsches Urteil gesprochen?
Ich bin mir sicher, dass ich auch schon falsch geurteilt habe. Nur weiß ich nicht, in welchen Fällen. In einem Fall brachte ich einen Mann für neun Monate in Untersuchungshaft, da er dringend als Vergewaltiger verdächtigt war. Am Schluss wurde er nach einer umfassenden Beweisüberprüfung freigesprochen. Er saß zu Unrecht in Haft. Für den Mann war das natürlich schlimm. Richter sind aber eben auch nur Menschen. Das weiß auch der Gesetzgeber und deswegen gibt es das Strafentschädigungsgesetz: Wenn Leute zu Unrecht verurteilt wurden, bekommen sie Entschädigung.

Hassen Sie manchmal Täter, die vor Ihnen sitzen?
Das darf ich eigentlich nicht. Aber es gibt tatsächlich Fälle, bei denen ich Wut verspüre. Vor allem bei Tätern, die enorme Schäden bei ihren Opfern angerichtet haben: Wenn Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, oder wenn die Traumata der Opfer ewig anhalten und der Täter überhaupt keine Einsicht zeigt. Meine Wut darf aber bei der Begründung des Urteils keine Rolle spielen. Aber Gefühle zu haben, ist menschlich. Sonst könnte man ja auch eine Maschine auf den Richterstuhl setzen. Da gibt man dann alles ein und die Maschine spuckt "schuldig" oder "unschuldig" aus und setzt die Höhe der Strafe fest.


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Welcher Fall ist Ihnen am nächsten gegangen?
Es gehen mir nach wie vor viele Fälle nahe. Insbesondere wenn die Opfer leiden. Auch das Schicksal von Tätern geht nicht spurlos an einem vorbei. Als junger Proberichter habe ich mal einen Mann mit einer Bewährungsstrafe aus der Haft entlassen. Zwei Wochen später beging er einen Totschlag. Da hab ich in meiner Richterstube gesessen und geheult wie ein kleiner Junge. Das ist Teil des Berufsrisikos. Kein Richter kann hinter die Fassade eines Angeklagten schauen, sondern auch nur vor dessen Stirn. Sie müssen sich das vorstellen wie beim Arzt: Wenn Sie das erste Mal eine Operation haben und es verstirbt jemand, dann werden Sie noch weinen. Nach einer gewissen Zeit gehört das zum Beruf.

Was war das schlimmste Beweismaterial, das Sie je sehen mussten?
In einem Prozess musste ich im Gerichtsaal selbstgedrehte Pornos eines Ehepaars schauen. Das Schlimme: Die Eltern zwangen ihre kleine Tochter, sie beim Sex zu filmen. Auch missbrauchte der Vater sie. Dieses Mädchen beging später Suizid.

Weil ich als Jugendrichter auch Jugendschutzrichter bin, muss ich mir auch das Beweismaterial anschauen, wenn es um Kinderpornogafie geht. Das hasse ich. Aber bei einem Mord kann man auch nicht einfach den Obduktionsbericht überspringen.

Sind vor dem Gesetz wirklich alle gleich?
Nein, das glaube ich nicht. Besonders im Strafrecht gilt: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Der Penner, der zehnmal beim Klauen einer Flasche Schnaps erwischt wird, dabei nett ist und keinen Edelschnaps klaut, hat eine Beute von 50 Euro gemacht. Dafür sitzt er dann möglicherweise ein Jahr im Knast. Oder Leute, die regelmäßig schwarzfahren. Die sitzen irgendwann auch. Da bestrafen wir Mütter, die überlegen: Fahre ich heute schwarz oder hab ich noch das Geld für ein Eis?

Andererseits kommen Betrüger und Steuerhinterzieher, die Millionenschäden an der Allgemeinheit verursachen, meines Erachtens nach viel zu gut weg. Der Penner, der für 50 Euro ein Jahr in den Knast muss, hat eben nicht die Möglichkeit, sich teure Anwälte zu leisten. Da bin ich nicht zufrieden mit unserem Rechtssystem.

Welcher Typ Verbrecher ist Ihnen sympathisch?
Moralische Grenzfälle. Einmal ist einer mit einer Spielzeugpistole in eine Bank gegangen und hat 165 Euro gefordert. Das ist schwerer Raub. Ich fragte ihn, warum. Er hatte seinem Sohn eine Playstation versprochen. Und es war zwei Wochen vor Weihnachten. Da geht einem natürlich irgendwie das Herz auf. Gleichwohl muss man auch die Bankangestellte sehen, die in diesem Moment wahnsinnige Angst hatte. Aber bei 165 Euro wusste sie schon, dass er nicht mehr will. Ich hab ihn nicht eingesperrt. Er hat am Ende eine Bewährungsstrafe bekommen.

Ein anderer Fall: Eine Mutter fuhr mit ihrer magersüchtigen Tochter nach Holland, um kiffen zu üben, damit ihre Tochter viel Schokolade isst. Nach dem deutschen Gesetz hat sie sich eines Verbrechens strafbar gemacht. Aber in dem Moment habe ich mit der Mutter mehr Sympathien als mit dem Gesetz.

Beeinflusst Ihre politische Haltung Urteile?
Moralische Haltungen spielen eine Rolle. Wenn Sie wie ich ein überzeugter Freund der Cannabis-Legalisierung sind, versuchen Sie mit den Mitteln des Gesetzes, Cannabis-Konsumenten zu schützen. Wenn Sie jemand sind, der eigene Gewalt erfahren hat, sind Sie vielleicht härter gegen Gewaltdelikte. Wenn Ihnen in den letzten sechs Wochen dreimal das Fahrrad geklaut wurde, kann es sein, dass der Richter beim nächsten Fahrraddieb sagt: Der kriegt es doppelt. Bei mir spielt links oder rechts keine Rolle. Ich habe auch schon 1.-Mai-Täter vor mir gehabt, die ich gleich behandelt habe wie rechte Täter.

Darf im Gericht auch mal gelacht werden?
Bei mir wird sehr viel gelacht. Aber nicht, wenn es um ernste Geschichten geht, wenn Kinder im Spiel sind oder lange Haftstrafen drohen.

Am lustigsten war es, als ich ein Springerstiefel-Verbot in meinem Gerichtssaal verhangen habe. Das habe ich mir nachts um 4 Uhr im Privatclub in Kreuzberg ausgedacht. Dem als Zeugen auftretenden NPD-Funktionär habe ich gesagt: Springerstiefel sind rechtsradikal, gewaltverherrlichend und ausländerfeindlich, die haben Sie entweder auszuziehen und sich Sandalen zu besorgen oder Sie müssen eben auf Socken kommen. Ich hab ihm eine Stunde Zeit gegeben. Der stramme Rechtsradikale stand dann freiwillig in voller Montur und in Socken vor mir. Ich bin cool geblieben, aber dann mit den anderen Beteiligten in das Hinterzimmer gegangen. Dort haben wir erstmal gelacht. Ein anderes Mal standen zehn Paar Springerstiefel in Reih und Glied vor dem Sitzungssaal, das war auch lustig.

Was tragen Sie unter der Robe?
Sie würden jetzt wohl gerne von mir hören, dass ich Strapse trage? Man kann in der Regel unter der Robe anziehen, was man will. Ich trage Jeans. Früher habe ich noch Stoffhosen getragen. Wenn ich jetzt eine besondere Beziehung zu irgendwelchen Fetischen hätte, könnte ich natürlich auch etwas anderes anziehen. Ich weiß von einer Anwältin, die ganz bewusst immer Strapse unter ihrer Robe trägt. So kann man im Einzelfall auch verteidigen.

Übrigens: Richter Müller sucht momentan Facebook-Follower. Und außerdem fordert er alle Leser dazu auf, zur Hanfparade am 12. August 2017 in Berlin zu kommen.

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