10 Fragen

10 Fragen an einen Friseur, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Werden Kunden geil, wenn du ihnen den Kopf massierst? Was war das Ekligste, das du je auf der Kopfhaut gesehen hast? Hat mal ein Kunde wegen seines neuen Haarschnitts geweint?

von Christine Kewitz
04 Mai 2017, 12:11pm

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Kamm in, Vorhair - Nachhair oder (aufgepasst!) CHAARactHAIR. Diese hairlichen (OK, einer musste sein) Wortspiele gibt es in jeder Fußgängerzone. Friseure besitzen eine auffällige Affinität zu Sprachspielen. Aber warum? Crazy Wortspiele = crazy Frisuren? Trau dich was, so wie ich mich mit diesem Wortspiel?

Der Berliner Friseursalon, in dem Jan arbeitet, präsentiert sein Kreativpotenzial auch im Namen, in diesem Fall ist der aber gut gelungen, finden wir: Ponyclub. Jan ist 27 und einer von rund 145.000 Friseurinnen und Friseuren in Deutschland. Was er verdient, will er nicht sagen. Generell aber gilt: Wenn man nicht gerade Udo Walz heißt, wird man mit dem Job selten reich. Ein Friseur verdient hier im Jahr durchschnittlich 18.000 Euro brutto. In der Ausbildung sieht es noch düsterer aus. In Berlin zum Beispiel verdienen Azubis im ersten Lehrjahr gerade mal um die 265 Euro pro Monat. Ein Witz, schlechter als die schlechtesten Salon-Wortspiele zusammen.


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Trinkgeld ist also willkommen. Jan sagt: "Hauptsache kein Rotgeld." Das Höchste, was er je bekommen hat und zwar von einer jungen Altenpflegerin, die selbst wohl auch nicht reich war, waren 50 Euro. "Sie war so happy, weil ich ein tiefes Schwarz in ein warmes Blond verwandelt habe."

Jan selbst ist meistens ziemlich zufrieden mit seinem Beruf. Außer vielleicht, wenn er auf einen Grützbeutel am Kopf stößt (Frage 5). Was das ist und woher die ganzen Omas mit lila Haaren kommen, hat er uns erzählt.

VICE: Rächst du dich mit einem Schnitt, wenn Kunden unfreundlich sind?
Jan: Ich versuche, mit Humor umzulenken, wenn jemand unfreundlich ist, aber manchmal stimmen die Energien gar nicht und dann bin ich einfach still. So versuche ich, Konflikten aus dem Weg zu gehen. In so einem Moment aber absichtlich eine unvorteilhafte Frisur zu schneiden, das könnte ich nicht. Die Kundin läuft ja mit meinem Haarschnitt herum.

Alle Fotos von Rebecca Rütten

Bist du froh, wenn Leute nicht mit dir reden wollen und einfach schweigen?
Ich finde es angenehm, wenn ich und der Kunde schweigen und wir beide den Haarschnitt einfach genießen. Ich versuche, dem Kunden das Gefühl zu geben: Stille muss nicht unangenehm sein. 90 Prozent der Leute wollen aber reden oder zuhören. Und das ist auch in Ordnung. Für viele bin ich eine neutrale Instanz, der sie vertrauen können. Eine Frau zum Beispiel hat eine Affäre und bringt mich immer auf den neuesten Stand. Nicht einmal ihren Freundinnen hat sie davon erzählt. Es gibt aber Situationen, wenn Leute mir von ihren sexuellen Präferenzen erzählen oder beim ersten Besuch gleich die ganze Lebensgeschichte, wo ich mich schon frage, ob das sein muss.

Hat mal ein Kunde geweint, als er seine neue Frisur gesehen hat?
Einmal kam eine Bekannte zum Schneiden und meinte von vornherein, sie sei eine schwierige Kundin. Sie sagte, jeder würde ihr immer eine klassische Frisur schneiden. Ich habe ihr dann empfohlen, dass wir erst mal die Seiten ein wenig unterschneiden und alles ein bisschen kürzen. Als sie dann aber in den Spiegel guckte, kamen ihr die Tränen. Damit umzugehen, war für mich auch schwierig. Sie wollte die Veränderung ja selbst. Zwei Tage später hat sie mir dann nochmal geschrieben, sie brauche etwas länger, um sich an neue Dinge zu gewöhnen. Nun sei sie so zufrieden wie noch nie.

Schneidest du auch Frisuren, die sich Kunden wünschen, die aber eigentlich total kacke aussehen?
Ich versuche, das in die richtige Richtung zu lenken. Eine schwierige Frisur musste ich ausgerechnet an meinem Probetag hier im Salon schneiden. Da kam eine Kundin, die wollte einen Schnitt, der hinten extrem hoch ging, fast schon rasiert, aber vorne sollten die Haare bis zur Brust gehen. Das alles sollte ich dann mit dem Messer schneiden, damit es fransig fällt. Das hatte so einen "Ohreneffekt", wie bei einem Hund. Das hat mir nicht besonders gefallen, aber ich habe es gemacht. Sie war super happy und ist wiedergekommen.

Was ist das Ekligste, das du je auf der Kopfhaut gesehen hast?
Das Ekligste nennt sich "Grützbeutel". Das ist eine Art Talgveränderung unter der Haut, wie eine Beule, und vor allem beim Haarewaschen unangenehm. Man kann das herausschneiden lassen, hat dann aber eine Narbe – und damit eine kahle Stelle, wo keine Haare mehr wachsen.

Werden Kunden geil, wenn du ihnen den Kopf massierst?
Einmal habe ich einem Bekannten den Kopf massiert und irgendwann sagt er: "Jetzt muss ich aufstehen, sonst wird es zu viel." Aber sollte es Leute geil machen, lassen die sich das nicht anmerken. Zum Glück, das wäre ja auch für mich unangenehm.

Während meiner Ausbildung hatte ich mal eine Kundin, die am Waschbecken immer geschnurrt hat wie eine Katze. Sie wollte nur von mir die Haare gewaschen bekommen. Andere schlafen dabei ein. Einmal hat eine Kundin am Waschbecken sogar leise geschnarcht. Aber allgemein liebe ich es, Kopfmassagen zu geben. Ich finde es allerdings eigenartig, wenn die Kunden dabei die Augen offenhalten und sich im Spiegel anschauen. Da denke ich mir: Entspann dich doch und mach' einfach die Augen zu!

Hattest du schon mal Sex mit jemandem mit einer richtig schlechten Frisur?
[Überlegt drei Sekunden.] Nö. I don't do that. Ich gucke mir den Kopf schon an, bevor ich Ja oder Nein sage.

Warum sind so viele Friseure schwul?
Ich denke, viele Schwule leben ihre Kreativität gerne aus. Sie interessieren sich für Mode, für Ästhetik. Ich würde schätzen, 90 Prozent aller männlichen Friseure sind schwul. Bei uns im Salon gibt es sieben schwule Jungs, zwei Mädchen und eine Quotenhete. Aber: Don't fuck the company.

Warum haben so viele Omas lila Haare?
Weißes Haar vergilbt oft in der Sonne, weil Kupfermoleküle ans Haar gelangen und dort oxidieren. Die Gegenfarbe von Gelb ist Violett. Deswegen benutzt man bei vergilbtem Haar ein Silbershampoo oder einen Schaumfestiger, der lila ist – und je nachdem wie oft man das benutzt, wird das Gelb nicht nur ausgeglichen, sondern vom Lila überlagert. Das passiert manchmal auch mit Absicht, aber vor allem dann, wenn ältere Frauen jede Woche zum Friseur gehen und sich zwischendurch die Haare nicht waschen. Der Friseur benutzt dann das Silbershampoo und das Lila wird stärker.

Wie oft schneidest du Leuten ins Ohr?
Das ist mir nur einmal in der Ausbildung passiert. Da habe ich mit Kamm und Schere geschnitten und mein Chef lief vorbei. Mein Kunde, der eigentlich ein Stammkunde von meinem Chef war, drehte sich ohne Vorwarnung zu ihm um. Da habe ich ihm ins Ohr geschnitten. Das hat stark geblutet. Der Kunde hat sogar bei der Dorf-Presse gearbeitet – aber am nächsten Tag stand zum Glück nichts in der Zeitung.

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