Ein Interview mit Österreichs größtem Rapper: Nazar


Foto: Michael Breyer

Rap aus Österreich hat sich in den letzten Jahren als zuverlässige Quelle für Qualität (Raf Camora, Chakuza, Gerard) entwickelt. Während diese Herrschaften mittlerweile auch in Deutschland angekommen sind, konnte Nazar hierzulande nie den Erfolg und die Anerkennung haben, die er in Österreich genießt. Dort ist der 29-Jährige die unumstrittene Nummer eins, Gewinner des Amadeus-Awards—Österreichs größtem Musikpreis— und einer der größten Kämpfer gegen die rechten Meinungsführer Heinz-Christian Strache. In seinem Wiener Bezirk Favoriten sollen seine Finger- und Fußabdrücke in den Boden verewigt werden. Welchem Deutschrapper wird eine solche Ehre zu Teil?

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Wichtig ist zu erwähnen, dass Nazar dies nicht durch berechnende Aktionen geschafft hat. Er hat in den letzten sieben Jahren mit sieben Alben und unzähligen selbst produzierten Videos ein künstlerisches Gesamtpaket erschaffen, das in der Breite akzeptiert wird.

Wir haben uns mit Nazar zu einem ausführlichen Gespräch getroffen, um über seinen Erfolg in Deutschland, Heinz-Christian Strache und Falco zu sprechen.

Noisey: Camouflage, der Titel deines neuen Albums bedeutet übersetzt Täuschung. Wen willst du nach sechs Alben noch täuschen?
Nazar: Ich spreche häufig mit Leuten über meine Musik und meine Karriere. Wir haben uns oft hinterfragt, warum bisher der Sprung noch nicht geschafft wurde, dass ich in Deutschland richtig groß werde. Mir wurde gesagt: ‚Nazar, das Problem bei dir ist, du hast eine Erscheinung, die direkt für ein Bild sorgt, welches man im Gehör hat. Du bist halt ein Kanacken-Straßenrapper—wie alle anderen.‘ So geben die meisten Leute meiner Musik nicht mal die Möglichkeit dieses Vorurteil zu entkräften. Der zweite Punkt ist: Wenn sie meine Musik hören, sagen sie: ‚Deine Musik passt ja gar nicht dazu, wie du aussiehst.‘ Sido, Marteria, Casper, Cro, Farid, Kollegah—du hast zu jedem eine Assoziation, wie seine Musik klingt. Ich weiß nicht, wenn du meine Musik hörst, was denkst du dann?

Du lässt dich jedenfalls nicht thematisch oder musikalisch in eine Ecke drängen.
Es gibt nicht den typischen Nazar-Song. Mein Label meinte auch, dass das ein Problem sein kann. Weil ich nicht den typischen Sound habe, der sofort zu mir passt, konnte ich noch nicht in Deutschland den Erfolg haben. Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich das nie gehabt habe, und es jetzt auch nicht künstlich herbeiführen will. Der Titel soll wieder genau das sein, was die Leute denken. Sie sollen sich ruhig mein Gesicht auf dem Cover sehen, sich ein Bild machen, aber dann sollen sie bitte auch reinhören.

Der Titel ist also bewusste Provokation?
Auf jeden Fall.

Fühlst du dich vom deutschen Publikum missverstanden?
Ich war mit meinem letzten Album in Deutschland auf Platz drei. Trotzdem ist es noch ein großer Unterschied zu Österreich, wo ich in einer Liga mit allen Popstars und Schlagersängern stehe. Da gibt es keinen Rapper, der ansatzweise mit mir konkurrieren könnte. In Deutschland habe ich es aber noch nicht geschafft, dass ich zum Beispiel zehn Wochen in den Top 50 bin. In der HipHop-Branche hast du die Arschkarte, dass dich jeder Jugendliche kennt, du aber auch nicht so viel verkaufst, dass du dir eine Villa bauen könntest, in der du abseits der Musik dein eigenes Leben führen kannst. Ich bin dafür immer noch mitten im Leben drin.

War der Gedanke nie da, wie einige deiner österreichischen Kollegen nach Berlin zu ziehen und von hier aus den deutschen Markt zu erobern?
Nein, das wäre ja einfach. Als ich begonnen habe, war es ja mein Ziel für Österreich etwas zu schaffen und zu zeigen, dass es dort auch möglich ist. Es hat zwar lange gedauert, aber nach sieben Jahren habe ich meine Lorbeeren bekommen. Ich habe als erster Künstler überhaupt das Privileg bekommen, ein Feature mit Falco zu machen. Ich werde in Österreich anerkannt. Warum sollte ich das wegschmeißen?

Ohne Österreich schlecht machen zu wollen. Aber ich stelle es mir schwierig vor in einem Land zu leben, wo jemand wie Heinz-Christian Strache einer der Meinungsführer ist.
Es ist auch sehr schwer. Seit ich damals begonnen habe, Strache zu beleidigen, werde ich permanent von Polizisten angehalten, die mich erkennen und es werden unnötige Kontrollen durchgeführt, weil viele Polizisten Anhänger der FPÖ sind. Ich bin drei Mal von denen angezeigt worden. Immer wieder werde ich in Pressemitteilungen beleidigt. Aber ich war nie ein Rapper, der versucht hat, alle Wogen zu glätten, um ja nicht zu sehr anzuecken. Ich war mir meiner Position bewusst. Wenn ich das nicht tue—welcher Kanacke auf der Straße hat die Möglichkeit zu sagen: Es ist nicht richtig, dass du meine Religion beleidigst! Es ist nicht richtig, dass du meine Mutter beleidigst, nur weil sie ein Kopftuch trägt! Aber ich habe die Möglichkeit. Und ich habe kein Problem damit, dafür ein bisschen von denen gefickt zu werden.

Ich sage dir ganz ehrlich: 2015 sind die nächsten Wahlen und ich glaube, das der Bastard gewinnen wird. Dann könnte es schon scheiße werden, aber damit muss ich auch leben. Und ich werde immer noch gerade stehen und seine Mutter ficken, wenn es sein muss.

In Deutschland ist die Vorstellung noch ziemlich fern, von jemandem regiert zu werden, der in seinem Programm propagiert: „Abendland in Christenhand“.
Ich habe das oft in Interviews in Deutschland angesprochen—die Leute verstehen gar nicht, warum ich da so eine Welle drum mache, weil sie gar nicht wissen, was bei uns tatsächlich abläuft. Ich bin auch erschrocken gewesen, wenn ich etwas gegen Strache gepostet habe, sogar eigene Fans von mir angefangen haben, mich dafür zu beleidigen. Nach dem Motto: ‚Wieso beleidigst du den Strache? Der hat doch gar nichts gegen Ausländer. Nur gegen kriminelle Ausländer. Wenn’s dir nicht passt, dann verpiss dich doch aus unserem Land. Du bist doch auch nur zu Gast hier.‘ So etwas entwickelt sich bei 14-,15-jährigen Teenagern. Das ist schon sehr erschreckend.

Lass uns aber nochmal über dein Album sprechen. Camouflage ist dein siebtes Album. Viele haben Probleme nach dem ersten Album, Themen zu finden. Ist das bei dir überhaupt nicht so?
Gar nicht. Ich habe meine Musik immer mit meinem Leben verbunden. Deswegen sieht man auch diesen Reifeprozess auf meinen Alben. Sie sind immer sehr realitätsbezogen und authentisch, deswegen habe ich auch kein Problem damit, jedes Jahr ein Album zu machen, weil sich viele Dinge in meinem Leben tun. Ich lese gerne Kommentare von Fans, wenn sie mir sagen, dass ich mich immer gesteigert habe und mir nie die Luft ausgegangen ist. Das hat auch mit meinem Workflow zu tun. Wenn ich eine lange Pause machen würde, würde ich wohl bei mir selber einen Bruch feststellen.

Manche machen über Jahre kein Album, weil sie sagen, dass sie die Zeit brauchen um thematischen Input zu bekommen.
Ganz ehrlich, das sind meistens die schlechtesten Alben. Wenn Rapper zwei, drei Jahre weg waren, baut sich auch für sie ein riesiger Druck auf, weil die Leute immer danach fragen. Irgendwann bist du für die Fans auch nicht mehr so interessant, weil sie andere Rapper schon für sich entdeckt haben. Dann wird der Druck noch größer und dann kommt meistens der größte Scheiß bei rum.

Auf dem zweiten Song des Albums sprichst du das Thema „Rapbeef“ sehr kritisch an. Ist Beef nicht legitimer Bestandteil von HipHop?
Beef gehört zum Rap dazu, aber nur wenn er beidseitig ist und wenn er nicht eine bestimmte Grenze überschreitet. Wenn sich zwei Rapper entscheiden, auf einer Battleebene zu dissen, dann ist das legitim. Heute ist es so, dass Rapper andere grundlos beleidigen und dann in Interviews stehen und sagen: „Ja und? Ich bin halt so. Das gehört auch zu HipHop dazu.“ Kein HipHop-Medium hat ein Problem damit, weil auch sie ihre Klicks dadurch bekommen.

Man könnte dir auch vorwerfen, dass du deine Aufmerksamkeit steigern willst, weil du so ein kontroverses Thema wie Rapbeef ansprichst.
Das stimmt. Eigentlich habe ich ja das gleich Ventil benutzt, wie die anderen Rapper, aber eben nur auf einer anderen Ebene. Ich hätte diejenigen, die ich damit meine, auch vulgär beleidigen können. So habe ich zwar das gleiche Werkzeug verwendet, aber nicht, weil es gerade angesagt ist, sondern weil es mich seit Jahren innerlich auffrisst.

Gibt es denn so viele Rapper, die sich an dir hochziehen wollen?
Ja, die gab es. Aber ich meine das eher so: Ich bringe ein Video raus und kein HipHop-Medium berichtet darüber, weil die posten, dass irgendwer die Mutter von jemand anderem beleidigt hat. Wenn ich beim Friseur sitze und Kids ankommen, wollen sie wissen, ob der Beef von dem und dem wirklich stimmt. Alleine wenn du dir so etwas Rapupdate anschaust—das soll Deutschrap sein?

Bei dir steht also der künstlerische Anspruch im Vordergrund?
Ich weiß, dass die Menschen, die meine Musik kaufen, sie nur wegen der Musik kaufen. Und nicht, weil ich bei irgendeiner Promophase irgendwelche Rapper beleidigt habe. Ich glaube, dass es bei vielen so ist, dass die CD nicht mehr wegen der Musik gekauft wird, sondern, weil es wie ein Merch-Artikel geworden ist. Du vermarktest dich in Interviews oder über deine eigenen Kanäle um am Ende ein Lifestyleprodukt zu verkaufen. Und so ist es für die Kids geworden. Es ist alles sehr kurzlebig geworden.

Welche Bedeutung hat Dalco für dich?
Falco ist eine Legende. Als das Lied „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ rauskam, habe ich überhaupt nicht verstanden, dass es um Kokain ging. Ich dachte, es geht um einen Mann, der dieser armen Familie Kohle zum Heizen bringt. Ich habe das immer sentimental gefunden, weil ich und mein Bruder auch mit unserer Mutter alleine waren. Es war unfassbar traurig, als er damals verstorben ist.

Wolltest du schon immer einen Song von ihm covern?
Ich habe oft überlegt, ob ich einen Song covern sollte. Aber ich wollte nie eine offensichtliche Nummer nehmen wie „Amadeus“ oder „Egoist“. Ich wusste, dass jeder Musiker viele unveröffentlichte Songs hat und dass ich jemanden treffen müsste, mit dem ich diese Songs bekomme. Als ich Thomas Rabitsch, dem damaligen Keyboarder und Bandleader traf, gab es auch eine monatelange Aufbauphase für den Song. Er wollte mich kennenlernen und wissen, was ich genau mache und wie ich als Mensch bin. Ich habe das Privileg bekommen, nach Brigitte Nielsen das erste Feature mit Falco zu haben. Das ist unglaublich für mich.

Hat man das Gefühl—„Ok, ich darf es nicht verkacken“?
Nein, gar nicht. Ich habe mit Thomas viel darüber geredet. Ich dachte, dass es viele Menschen in Österreich geben wird, die nicht wollen, dass dieser Straßentyp etwas mit ihrem Falco macht. Aber da bin ich auch selbstbewusst zu sagen: Falco war zu seiner Zeit der Chef, er ist immer noch der einzige deutschsprachige Künstler, der es geschafft hat in Amerika mit einer deutschsprachigen Nummer auf die eins zu gehen. Aber heute bin ich in Österreich der Chef.


Nazars Camouflage erscheint am 22. August. Ihr könnt es auf Amazon oder iTunes bestellen.

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