Vom Mondkalender zum Hodenbad—die skurrilsten Verhütungsmethoden im Faktencheck
Foto: Pawel Maryanov | Flickr | CC BY 2.0
Verhütung

Vom Mondkalender zum Hodenbad—die skurrilsten Verhütungsmethoden im Faktencheck

Auf der Suche nach Alternativen zur hormonellen Verhütung werden manche Menschen ungeheuer kreativ. Wir haben uns einige der absurdesten Verhütungsmethoden angesehen und einen Experten nach seiner Meinung gefragt.
1.12.16

Beklagt man sich als Frau über die Nebenwirkungen der Pille, hört man immer wieder Sätze wie: „Es wird ja niemand gezwungen, Hormone zu nehmen." Wenn wir aber mal ganz ehrlich sind: Wie viele Alternativen bleiben einem denn als Frau, wenn man keine Hormone nehmen möchte, die Spirale einem nicht ganz geheuer ist und „natürliche" Verhütungsmethoden wie die Temperaturmessung einem auf den ersten Blick deutlich zu kompliziert erscheinen? Die hormonelle Verhütung für den Mann scheint ja schließlich auch noch weit entfernt zu sein.

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Dieser Umstand lässt Frauen und Männer immer wieder kreativ werden und im wahrsten Sinne des Wortes auf mittelalterliche Methoden zurückgreifen. Wir haben uns einige der skurrilsten „Verhütungsmethoden" angesehen und den Gynäkologen Dr. Joachim Pömer nach seiner Meinung zu den abenteuerlichen Alternativen gefragt. Im Zweifelsfall: Bitte nicht nachmachen.

Die Mondphasen-Methode

Die Mondphasen-Methode geht davon aus, dass der Mond einen ähnlichen Einfluss auf das weibliche Fortpflanzungssystem hat wie auf Ebbe und Flut. Grundlage dieser sogenannten „kosmobiologischen" Empfängsnisplanung ist der 29,5-tägige Mondphasenzyklus, der uns angeblich nicht nur sagen kann, wann wir unsere Haare schneiden oder unsere Pflanzen gießen sollten, sondern angeblich auch dazu genutzt werden kann, den Zeitpunkt unseres Eisprungs zu bestimmen. Wann man den „Höhepunkt der Empfängnisfähigkeit" erreicht hat, hängt laut der Mondphasen-Methode davon ab, in welchem Winkel Sonne und Mond zum Zeitpunkt deiner Geburt standen. Jeden Monat, wenn sich diese Mondphase wiederholt, machen sich auch deine Eizellen auf den Weg. Wenn du bei Vollmond geboren wurdest, hast du deinen Eisprung also immer bei Vollmond—ähnlich wie ein Werwolf, nur eben mit Eierstöcken.

Mehr lesen: Würden Männer langfristig verhüten, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Das Positive an der kosmobiologischen Empfängnisplanung ist in Dr. Pömers Augen, dass man sich mit seinem eigenen Zyklus auseinandersetzt. Sich dafür mit den Mondphasen zu beschäftigen, ist aus Sicht des Frauenarztes allerdings weder hilfreich noch notwendig, sondern eher irritierend und daher nicht zu empfehlen. Außerdem konnte er auch im Selbsttest seiner Mitarbeiterinnen keinen Zusammenhang zwischen dem weiblichen Zyklus und den Mondphasen feststellen. „Tatsächlich war bei einer Kollegin der unwahrscheinlichste Tag für eine Befruchtung laut kosmobiologischer Berechnung genau am Tag des Eisprungs", so Dr. Pömer, „aus medizinischer Sicht also einer der empfängnisreichsten Tage!"

Die Brustmassage

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Diese Methode soll nicht nur frei von Nebenwirkungen sein, sondern ganz nebenbei auch noch den Lymphfluss anregen und die Brüste straffer aussehen lassen. Durch das regelmäßige Massieren der Brüste und das Saugen an den Nippeln (zweimal täglich, 30 Wiederholungen) soll dem Körper im Grunde vorgemacht werden, dass man bereits ein Kind säugt. Das soll letztendlich nicht nur den Eisprung verhindern, sondern auch zur Folge haben, dass die Monatsblutung ausbleibt. Einzige Nebenwirkung: Wer verhüten möchte, ohne Gefühle zu entwickeln, sollte seinem potenziellen Verhütungspartner besser nicht in die Augen sehen.

„In der Schulmedizin ist tatsächlich bekannt, dass nach einer Schwangerschaft allein durch das Stillen und die damit verbundene Ausschüttung von körpereigenen Hormonen weniger Schwangerschaften eintreten als bei Frauen, die nicht stillen und ungeschützten Verkehr haben", erklärt Dr. Pömer. Dennoch ist diese Methode seiner Meinung nach nicht sicher genug, um sie zur Verhütung zu verwenden—weder für stillende Mütter, noch für alle anderen Frauen.

Die spirituelle Empfängnisverhütung

Diese alternative Verhütungsmethode verspricht, dass wir Schwangerschaften allein mit der Kraft unserer Gedanken verhindern und sogar abbrechen können. Der Erfolg dieser Methode hängt allerdings unter anderem von unserer eigenen Körperwahrnehmung, unserem Bewusstsein für das Metaphysische und dem positiven Verhältnis zu unserem Geschlecht ab. Die Yodas der spirituellen Empfängsnisverhütung besitzen angeblich die Fähigkeit, mit ihrer Seele zu kommunizieren und dem Körper ganz klar zu sagen, dass sie nicht schwanger werden möchten. Angeblich soll so sogar auf bereits erfolgte Befruchtungen eingewirkt werden können. Grundlage dieser „Verhütungsmethode" ist die Überlegung, dass es eine spirituelle und energetische Dimension der Verhütung gibt, die dafür verantwortlich ist, dass manche Frauen trotz aller Vorkehrungen schwanger werden und andere, die nicht verhüten, trotz Kinderwunsch nicht schwanger werden.

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Allerdings zeigt allein schon, dass sich die Autoren nicht wirklich auf eine Verhütungsmethode festlegen, die fehlende Seriosität der Verfasser, so Dr. Pömer. „Man mutmaßt, dass in früherer Zeit, als das spirituelle Moment einen höheren Stellenwert hatte—also auch Tränke, Symbole und Rituale Verwendung fanden—unsere Vorfahren dadurch selbst entscheiden konnten, ob sie Sex hatten, um ihre Lust zu befriedigen oder zum Zweck der Zeugung eines Kindes", erklärt er und meint weiter, dass die Selbstwahrnehmung der Körpers und damit auch des Monatszyklus früher einen hohen Stellenwert hatten, als „Aufpassen" und „Coitus interruptus" die einzigen Methoden der Schwangerschaftsverhütung waren. „Die Empfängnisverhütung aber rein auf die spirituelle Ebene zu holen, scheint mir doch sehr überzogen und als bestimmt nicht sicher genug", sagt er.

Die verhütende Wirkung von Pflanzen

Es wirkt absurd, dass sich Forscher noch mit den Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel beschäftigen, wenn man hört, dass Pflanzen mit verhütender Wirkung auch ein tolles Salattopping abgeben würden. Neben Niem-Samen und den Früchten der Embelia wird vor allem die angebliche empfängnisverhütende Wirkung von wildem Yams unter Naturfreunden besonders hoch gehandelt. Sein Wirkstoff Diosgenin soll im Körper durch eine einfache chemische Reaktion in Progesteron umgewandelt werden können, wodurch eine Art hormonelle, verhütende Schutzschicht aufgebaut wird. Wer sich Sorgen um die Nebenwirkungen der Pille danach macht, kann bei Bedarf angeblich auch auf die Samen der wilden Karotte zurückgreifen. Genau wie bei der Pille danach soll so die Einnistung der Eizelle verhindert werden. Klingt super. Stimmt das aber auch?

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In den Augen des Facharztes stellt die pflanzliche Verhütung den interessantesten Blickwinkel unter den skurrilen Alternativen dar. „In der Medizin haben zahlreiche Medikamente ihren Ursprung in der Pflanzenwelt", sagt er. „So findet sich in der wilden Yamswurzel tatsächlich ein Stoff, der auch in der Forschung der Antibabypillen Verwendung fand." Allerdings warnt er davor sich in Sicherheit zu wiegen, was die Wirkung und vor allem auch die Nebenwirkungen betrifft: Es gibt weder Studien mit einer ausreichend großen Patientenzahl, noch wissenschaftliche Untersuchungen, die dem Arzneimittelgesetz entsprechend aufgebaut sind, so der Facharzt.

Das Hodenbad

Während die Männerwelt noch mit den Nebenwirkungen der Verhütungsspritze zu kämpfen hat, gibt es alternative Ansätze für Männer, die nahelegen, dass auch ein heißes Bad ausreichen würde, um erfolgreich zu verhüten. Das Hodenbad ist eine sogenannte thermale Verhütungsmethode, bei der davon ausgegangen wird, dass die Spermienproduktion durch die Wärmewirkung unterdrückt wird. Allerdings müssen Männer ihre Hoden hierfür mindestens drei Wochen täglich 45 Minuten in ca. 45 °C heißes Wasser tauchen. Außerdem ist der Erfolg dieser Methode umstritten: Manche kamen zu dem Ergebnis, dass die Unfruchtbarkeit vier Wochen lang anhält, andere sprechen von bis zu sechs Monaten und wieder andere sagen, dass das Hodenbad die Spermienzahl lediglich reduziert.

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„Gleich vorweg: Es gibt keine ausreichenden medizinischen Studien, um etwas derart Schmerzhaftes zu empfehlen", meint Dr. Pömer. Doch selbst wenn es wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit gäbe, würde die Methode laut Pömer nur in festen Partnerschaften Sinn machen, da sie von der Frau nicht kontrolliert werden kann. „Von den verschiedenen Geschlechtskrankheiten, vor denen nur das Kondom schützt, ganz zu schweigen", so der Facharzt. Deswegen rät er—wie schon andere Ärzte vor ihm—nicht nur aufgrund der umständlichen Anwendungsart der Verhütungsmethode und dem unangenehm heißen Wasser, sondern auch aus rein gesundheitlichen Gründen von der Methode ab.

Mehr lesen: Kein Kondom, keine Hormone—Wie sicher ist die „Temperaturverhütung"?

Im Großen und Ganzen kann der Facharzt keine der „alternativen Verhütungsmethoden" empfehlen. „Einige sind schlicht zu skurril, andere potenziell gesundheitsgefährdend. Allen gemein ist, dass es keine wissenschaftlichen Daten zur Wirksamkeit gibt", sagt er. Um die Sicherheit einer Verhütungsmethode zu beschreiben, greift man in der Medizin auf den Pearl-Index zurück. „Der Pearl-Index gibt an, wie viele von 100 Frauen in einem Zeitraum von 12 Monaten schwanger wurden", erklärt Dr. Pömer. „Verhütet man nicht, so liegt der Pearl Index bei etwa 95. Das heißt, es wurden innerhalb von 12 Monaten 95 der 100 Frauen schwanger." Der Pearl-Index der Pille liegt im Vergleich dazu bei 0,1 bis 0,9 und bei Kondomen bei 2 bis 12. Wenn es für eine Verhütungsmethode keinen Pearl-Index gibt, ist letztendlich auch nicht erwiesen, wie wirksam einen Methode ist, sodass sie auch nicht als sicher eingestuft werden kann.

„Wer verhütet, will eines schließlich auf keinen Fall: schwanger werden", meint Dr. Pömer. „Aber genau dieses Risiko bergen diese alternativen Methoden."


Foto: Pawel Maryanov | Flickr | CC BY 2.0