Reisen

Die Türsteher von Ibiza

‚Ich habe schon alles gesehen, von Bandenkriegen bis hin zu betrunkenen Idioten, die glauben, es mit einem 2,10-Meter-Türsteher aufnehmen zu können."

von Alexander Coggin
22 Juni 2015, 1:40pm

Die Arbeit eines Türstehers oder einer Türsteherin ist nie einfach, egal an welchem Ort. Es handelt sich um einen Beruf, der mehr oder weniger daraus besteht, mit betrunkenen Menschen umzugehen, von denen manche mit einem kämpfen wollen, und dabei durchweg die Fassung zu bewahren. Man stelle sich also vor, wie es sein muss, als Türsteher auf Ibiza, dem Mekka der europäischen Sommer-Partykultur, zu arbeiten.

Touristen strömen aus aller Welt auf die Insel, um ihre Megaclubs zu besuchen: Locations für Tausende Gäste, die beliebtesten DJs der Welt und Partymachen bis lange nach Sonnenaufgang. Wenn die Clubs auf Ibiza zu den größten der Welt gehören und die DJs zu den berühmtesten, dann müssen die Türsteher von Ibiza auch die größten, fiesesten und fähigsten der Welt sein, oder?

Wir wollten herausfinden, wie es ist, diese Clubs vor dem Chaos zu bewahren. Der Fotograf Alexander Coggin hat sich mit fünf Türstehern aus vier Clubs unterhalten, die vor Kurzem ihre Arbeit für die diesjährige Sommersaison angefangen haben.

Robert von XOYO

VICE: Wie lange bist du schon Türsteher?
Robert: Es ist mein zweites Jahr hier, aber ich habe auch schon in Barcelona gearbeitet.

Ist die Arbeit hier anders als dort?
Ja, natürlich. Vor allem die Kundschaft ist anders. In Barcelona sind es normalerweise spanische oder katalanische Leute, aber hier sind Leute aus aller Welt. Es kommen Leute aus Dubai, England, Amerika und Russland nach Ibiza, und alle sind auf eine andere Art verrückt.

Wie schwierig ist es im Hinblick auf die Sicherheit?
Jeder Tag hier ist ein Riesenkarneval. Alle Orte auf Ibiza brauchen mindestens eine Sicherheitsperson, selbst Restaurants und Hotels.

Habt ihr Kriterien für den Einlass?
Wir lassen alle rein, weil es Ibiza ist und die Leute die Reise aus der ganzen Welt auf sich nehmen. Man kann nicht nach Hautfarbe oder so gehen. So ist es nicht. Hier sind alle gleich.

Was ist das Verrückteste, das du hier gesehen hast?
Ein Mal hat eine Frau in den Whirlpool gekackt. Viele Sachen—Orgien in den Clubs, in Hotels oder auf Privatpartys. Die Leute feiern fünf oder sechs Stunden lang in Clubs und danach sind sie nur noch verrückt. Du weißt nie, was als Nächstes passiert. In Ibiza werden deine Erwartungen immer um das Zehnfache übertroffen.

Hast du jemals jemanden abgewiesen?
Ja, wenn jemand sehr feindselig oder sehr betrunken ist—wenn du zu betrunken bist, dann wirst du auch keine weiteren Drinks kaufen und dann hat es keinen Sinn, dich reinzulassen.

Wie geht ihr damit um, wenn jemand Ärger macht? Habt ihr aggressive Sicherheitsmaßnahmen?
Man muss den Leuten mit einem Lächeln begegnen, es geht einfach nicht anders. Wenn sie sich weigern zu kooperieren, dann muss man die große Security dazu holen. Aber normalerweise kommen sie nach Ibiza, um Spaß zu haben, daher haben sie meist Verständnis, wenn man sie anlächelt und ihnen erklärt, was sie falsch gemacht haben.

Stevie von Pub Joy


VICE: Wie lange arbeitest du hier schon?
Stevie: Ich habe dieses Jahr hier angefangen aber ich komme schon seit sieben Jahren nach Ibiza. Letztes Jahr habe ich in einem anderen Club gearbeitet und das Jahr davor hatte ich genug gespart, um nicht zu arbeiten.

Was ist das Verrückteste, das du je bei der Arbeit gesehen hast?
Ich habe schon verrückten Scheiß gesehen. Sehr verrückten Scheiß. Ich meine, Ibiza ist ein wirklich friedlicher Ort, es gibt nicht viel Gewalt. Das passt einfach nicht in die Kultur. Allerdings habe ich am Strand des Bora Bora schon mehrmals gesehen, wie Leute abgestochen wurden. Sonntags soll eigentlich Beachparty im Bora Bora sein, doch ich habe schon Bandenkonflikte und rivalisierende Drogendealer gesehen. Sie sind meist nicht aus Ibiza; in der Regel sind es britische Typen, die den Sommer über hier sind und konkurrierende Banden bilden.

Und sie bringen ihre britischen Konflikte hierher mit?
Genau—wir haben also die Typen aus London und die Typen aus Liverpool, die sich hier Revierkämpfe liefern, um den Drogenhandel in bestimmten Gegenden zu kontrollieren. Das spielt sich hauptsächlich in San Antonio [der zweitgrößten Stadt auf Ibiza] ab, doch dann kommen sie Sonntags auf die Club-Seite der Insel.

[Wendet sich an eine Gruppe Leute, die den Club verlässt] Bis bald, Leute! Kommt auf einen Drink vorbei...Lou, Dave und Alicia, stimmt's? Kommt wieder und ihr kriegt ein paar Shots aufs Haus von mir, OK?

Wie kannst du dir die Namen der Leute so gut merken?
Das gehört zum Job, Mann. Deinen Namen hab ich allerdings vergessen. Ich versuche eine Verbindung zu ihnen aufzubauen und dann kaufen sie Drinks, Club-Tickets und alles andere.

Zurück zur Story: Ich habe schon alles gesehen, von Bandenkriegen bis hin zu betrunkenen Idioten, die glauben, es mit einem 2,10-Meter-Türsteher aufnehmen zu können. Ich meine, sogar ich selbst ... vor sechs oder sieben Jahren bin ich als Tourist hierher gekommen und habe viel getrunken. Mir wurde schon von Türstehern in Clubs die Scheiße aus dem Leib geprügelt und ich wurde auf die Straße geschmissen. Ich meine, ich wurde buchstäblich durch die Luft geworfen. Das kommt vor.

Und wann wurdest du vom Partygast zum Angestellten?
Vor zwei oder drei Jahren. Ich bin aus London, und in London ist Türsteher ein total harter Job, weil einfach überall Arschlöcher sind, alle wollen sich mit dir prügeln und alle trinken zu viel. Auf Ibiza haben wir das Glück, dass alle auf bewusstseinsverändernden Drogen sind, die einen normalerweise zum Zombie machen oder mit Liebe erfüllen.

Welche Drogen sind im Moment die gefragten?
Ecstasy, MDMA, Ketamin, Koks, all das Zeug.

Aber wie gehst du mit solchen Leuten um? Sind sie nicht unberechenbarer?
Ich meine, meist wollen Leute auf diesen Substanzen nicht wirklich kämpfen. Es sind die Leute, die trinken, die sich prügeln wollen.

Warum ergreifen Türsteher diesen Beruf?
Also, meine Theorie ist, dass manche Türsteher es machen, weil ihnen sonst keine Jobs offenstehen, weil sie eben kräftig sind aber nicht so besonders schlau. Große Typen ohne nennenswerte Kenntnisse. Dann gibt es eine weitere Art, Typen, die gerne Autorität über andere haben. Viele Türsteher nehmen jede Menge Anabolika. Und für manche Leute ist es einfach nur ein Job.

Wie viele große Zwischenfälle gibt es im Durchschnitt in einer sehr geschäftigen Nacht?
Überhaupt nicht viele—sagen wir es so: Die Partymeile ist jetzt seit zwei Wochen geöffnet und es gab erst eine Auseinandersetzung, bei der ein deutscher Typ versucht hat zu gehen, ohne seine Getränke zu bezahlen. Das Team hat ihm gesagt, er muss zurück und bezahlen. Er wurde ein bisschen streitlustig und hat Hand an ein Teammitglied gelegt, und man hat sich angemessen darum gekümmert. In der Hochsaison, mitten im Sommer, gibt es alles, Gruppen von kämpfenden Frauen, ausgewachsene Bandenkonflikte und so weiter.

Kotze?
Ja, jede Menge Kotze. Das ist nichts, Mann. Zum Beispiel war ich letztes Jahr bei einer Party zum Saisonende und dieser italienische DJ aus Neapel namens Marco Corona hat aufgelegt. Er lockt ein großes neapolitanisches Publikum an, und die Neapolitaner verstehen sich schlecht mit anderen Gruppen—die Typen aus Rom, die Typen aus Ibiza ... es herrscht Krieg zwischen diesen Gruppen. Ich hab gesehen, wie sechs oder sieben Typen mitten in der Menge mit Messern attackiert wurden.

Das ist erschreckend.
Für mich ist es nicht so erschreckend. Ich hab die Scheiße schon in London gesehen ... Ich bin schon sechs Mal angestochen worden, ich bin verprügelt worden, man hat auf mich geschossen...

Alles in allem ist Ibiza ein friedlicher Ort. Ich habe die Theorie, dass Orte, an denen es jede Menge Geld zu verdienen gibt, auch immer eine kriminelle Bruderschaft anlocken, und es gibt immer mehr als eine Gruppe, die versucht, aus einer Situation Profit zu schlagen. Wenn das passiert, führt es zu Spannungen, und wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreicht, passiert schlimme Scheiße, weißt du?


Alex von Top 21

VICE: Wo kommst du her?
Alex: São Paulo, Brasilien.

Wie lange arbeitest du hier schon?
Sieben Jahre.

Was ist das Verrückteste, das du je gesehen hast?
Ich habe zu viele verrückte Dinge gesehen. Einmal kamen fünf Engländer—ich weiß nicht, auf was zur Hölle sie waren—komplett nackt und halb erigiert in den Club. Sie haben sich an die Bar gesetzt und wollten Drinks bestellen. Wir haben ihnen gesagt, dass sie nackt sind, und sie haben gesagt, sie seien nicht nackt. Wir haben darauf bestanden, dass sie nackt sind, und sie sind friedlich gegangen, aber die ganze Zeit dachten sie, sie seien nicht nackt.

Was, glaubst du, hatten sie genommen?
Ich bin mir nicht sicher, wahrscheinlich irgendeine seltsame Mischung von Drogen. Vor zwei oder drei Jahren gab es ein 70-jähriges Paar, das allen in der Bar einen Dreier angeboten hat.

Hat jemand das Angebot angenommen?
Ich weiß es nicht. Ich bin vorher gegangen. Sie haben mich gefragt, meinen Cousin, einfach alle Typen, die dort gearbeitet haben. Siebzig Jahre alt. Sie waren aus Kanada.

Was ist die beste Methode, sich den Eintritt in einen Club zu vermasseln?
Wir sind hier auf Ibiza, alle wollen feiern und alle werden friedlich sein, weißt du. Die Leute, die herkommen, um Ärger zu machen und zu kämpfen, sollten echt nicht hier sein. Wir sind hier, um zu feiern, eine gute Zeit zu haben und Musik zu hören, Mann.

Findest du, dass es eine Nationalität gibt, die es einfach übertreibt?
Ibiza holt das Beste und Schlechteste aus jeder Nationalität heraus. Wenn Engländer zu viel trinken, dann kämpfen sie wirklich gern.

Das hören wir immer wieder.
Letztendlich gibt es ein Wort, das der meisten Aggression ein Ende setzt. Es lautet „bitte".

Das ist alles?
Ja. Wenn Typen aggressiv werden, sag einfach: „Hey, Mann, bitte. Bitte. Wir sind hier, um Spaß zu haben. Bitte."

Und wenn das nicht funktioniert?
Wir bleiben einfach ruhig. Die ruhigere Person ist meist die stärkere. Wenn sie richtig aggressiv werden, was manchmal vorkommt, dann rufen wir die Polizei.

Gibt es auch aggressive Frauen?
Ja, manchmal. Seltener als Männer, aber wenn es doch passiert, dann gehen sie mehr ab als die Männer.

Ist es teilweise schwierig, hier in die Clubs zu kommen?
Ibiza ist ein sehr großer Ort und die Eintrittspreise sind sehr hoch, deswegen kommt man eigentlich auch rein, wenn man zahlen kann. Es gibt keine Türpolitik. Es gibt nicht einmal einen Dresscode.

Ist es gut, dass einfach alle in die Clubs können?
In die großen Clubs passen 15.000 Leute. Wenn man nicht alle reinlassen würde, dann würde es sich nicht anfühlen wie Ibiza. Und das Gute daran ist, dass alle, die Spaß haben wollen, auch Spaß haben können. Es ist egal, wo du herkommst, ob du religiös bist, was auch immer.

Nick und Ochoa von Sankey's

Wie lange seid ihr zwei schon Türsteher?
Nick: Vier Jahre, etwa 8 bis 12 Stunden täglich. An verschiedenen Orten, aber immer auf Ibiza.

Seid ihr aus Ibiza?
Nick: Nein, aus Madrid, aber wir arbeiten jede Saison hier.

Was ist das Verrückteste, das ihr hier gesehen habt?
Nick: Drogen sind hier ein großes Problem. Die Drogen machen die Leute verrückt.

Ochoa: Es ist ein sehr psychologischer Beruf. Ich arbeite mit betrunkenen Menschen, und man kann beobachten, wie Alkohol die Leute verändert. Aber es ist immer dasselbe, man muss freundlich mit den Leuten reden: please und por favor. Nur mit Respekt, OK? Du musst mit Respekt sprechen und Respekt geben.

Was war die schwierigste Situation, mit der ihr je umgehen musstet?
Ochoa: Das kann ganz unterschiedlich sein. Wenn die Leute diesen „Fischblick" haben—Drogen. Sie sind auf Drogen und sehen aus wie Fische, mit großen Augen. Die kleineren Typen, die auf Drogen sind, kooperieren besser, denn du kannst ihnen die Angst ansehen und sie halten dich für stark.

Verändert sich euer Job im Laufe der Saison?
Nick: Ja, wir sind müder und arbeiten länger. Die Leute kommen mit derselben Energie hier an, doch wir sind müde.

Nach was haltet ihr Ausschau, wenn ihr die Leute abtastet?
Nick: Drogen, Flaschen.

Wie oft pro Nacht findet ihr Drogen?
Nick: Ständig und immer. Die Leute glauben, auf Ibiza darf man alles.

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