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Der Horror einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung

Eine komplexe PTBS—oftmals eine Folge langjährigen Missbrauchs—ist schwer zu diagnostizieren, was den Betroffenen die Aussicht auf Heilung erschwert.

von Elizabeth Nicholas
18 Dezember 2015, 3:40pm

Illustrationen: George Heaven

Als Emily Durant (nicht ihr richtiger Name) acht Jahre alt war, begann sich die Beziehung zu ihrer Mutter zu verschlechtern. „Irgendwas ist eines Tages einfach mit ihr durchgegangen, schätze ich", sagt Emily. Ihre ehemals sorgende Mutter hörte plötzlich auf, den Abwasch zu machen, den Müll rauszubringen oder überhaupt den Müll in den Mülleimer zu werfen. Das dreckige Geschirr stapelte sich erst in der Spüle und irgendwann überall in der Küche. Als die achtjährige Emily dann realisierte, dass es wohl an ihr war, aufräumen zu müssen, war die Küche bereits von Fliegen und Maden bevölkert.

Emily erzählt mir, wie sie als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter jeden Tag von der Schule nach Hause kam, nur um festzustellen, dass der Boden des Wohnzimmers mit neuem Müll und dreckigem Geschirr übersäht war. Wenn Emily die Sachen nicht wegräumte, dann blieben sie einfach, wo sie waren. Wenn sie sich nicht um die Wäsche kümmerte, gab es keine sauberen Anziehsachen. Wenn sie die Mikrowellenmahlzeiten nicht aufwärmte, gab es kein Abendessen.

Die ersten paar Mal, die Emily um Hilfe bat, wurde sie von ihrer Mutter als faul, dumm und wertlos beschimpft. „Innerhalb von ein paar Monaten lernte ich, besser nicht mehr zu fragen", erzählt Emily. Ihre Mutter drohte ihr, dass sie, sollte sie irgendjemandem von ihren Lebensumständen erzählen, in einer Pflegefamilie landen würde, die sie nicht liebt, und dass ihre Katzen eingeschläfert werden.

Finanziell sah es auch nicht gut aus: Mindestens jeden zweiten Monat wurde ihnen mit einer Zwangsräumung gedroht und die Mutter teilte jedes noch so qualvolle Detail über offene Rechnungen und Schulden mit ihrer Tochter. Emily erzählt, dass ihre Mutter sie weder essen, noch schlafen lassen schlief, bevor sie ihre Aufgaben im Haushalt nicht erledigt hatte. Als sie einmal mit Emilys Aufräumarbeiten nicht zufrieden war, befahl sie ihr, sich nackt auszuziehen und auf die Couch zu legen. Dann schlug sie mit einem Plastikkleiderbügel auf sie ein.

Unter diese Umständen zu leben war nicht nur anstrengend, sondern hinterließ bei Emily auch ein schweres Trauma. Sie lebte in ständiger Angst vor den Übergriffen ihrer Mutter, hatte aber auch keinen anderen Ort, an den sie gehen konnte. Sie begann Symptome zu entwickeln, die sie rückblickend als Traumasymptome erkannt hat.

„Es gab viele Nächte, in denen ich stundenlang wach lag und nicht einschlafen konnte", sagt sie. „Ich begann relativ regelmäßig, in der Schule Panikattacken zu bekommen—mindestens einmal im Monat. Ich musste dann immer darum beten, auf die Toilette oder zur Schulkrankenschwester gehen zu dürfen, weil ich jedes Mal dachte, dass ich umkippe oder einen Herzinfarkt habe oder so was in der Art."

Als sie in der achten Klasse war, wurden ihr Antidepressiva verschrieben, das Rezept sollte sie aber niemals einlösen (ihre Mutter meinte, dass sie sich das nicht leisten können). Auch wenn sie es damals noch nicht wusste, entwickelte Emily zu jener Zeit das, was viele Psychiater, Psychologen und Trauma-Experten heute als komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS) bezeichnen.

Im Gegensatz zur als Krankheitsbild etablierten PTBS, hat die komplexe PTBS ihren Ursprung nicht in einem einzigen Ereignis, sondern ist das Resultat eines kontinuierlichen Missbrauchs und Gefühl der Hilflosigkeit, aus dem das Opfer nur wenig Hoffnung auf ein Entkommen sieht.

„Komplexe PTBS tritt auf, wenn die Hypervigilanz einer PTBS von einem Erliegen der Fähigkeit zur Selbstregulation begleitet wird", sagt Julian Ford, ein Psychologie- und Juraprofessor, der das Center for Trauma Recovery an der University of Connecticut leitet. „Intensive Emotionen oder Gefühllosigkeit überschatten dann die Bewältigungsmöglichkeiten einer Person. Mental erleiden sie Schwächen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Problemlösung oder Urteilsfindung. Was die zwischenmenschliche Ebene angeht, legen sie extreme Konflikte innerhalb oder einen generellen Rückzug aus Beziehungen an den Tag."

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Die Unterscheidung zwischen PTBS und komplexer PTBS wurde zum ersten Mal 1992 von Judith Herman, einer Psychiaterin und Professorin für klinische Psychologie an der Harvard Medical School, in ihrem Buch Die Narben der Gewalt—Traumatische Erfahrungen verstehen und überwindeneingeführt. Im Zuge ihrer Forschung fand sie heraus, dass Effekte chronischer Ablehnung, Stress und Unterwerfung eine ganz eigene Kategorie von Menschen hervorbrachte—darunter fallen Überlebende sexuellen Missbrauchs und häuslicher Gewalt; Angehörige rassistisch, religiös und ethnisch verfolgter Gruppen und ehemalige Geiseln—deren Trauma nicht in das Profil der PTBS-Diagnose passte, da sich dieses über einen längeren Zeitraum vollzogen hatte.

Obwohl Herman die Diagnose der komplexen PTBS bereits vor mehr als 20 Jahren vorgestellt hat, tut sich Psychologen und Psychiater schwer, die Unterscheidung vollends anzuerkennen. Die komplexe PTBS wurde in der aktuellsten Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders von 2013 noch nicht berücksichtigt. (Zum Vergleich: PTBS wird seit 1980 im DSM aufgeführt.) Der Begriff wird gerade erst in die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) der WHO aufgenommen, die momentan allerdings noch überarbeitet und nicht vor 2018 fertiggestellt sein wird.

Der Mangel an eindeutigen und konsistenten Diagnosekriterien und die Überschneidungen mit anderen psychischen Erkrankungen führen dazu, dass Ärzte dazu tendieren, die Symptome einer komplexen PTBS als Borderline-, Abhängigkeits- oder selbstzerstörerische Persönlichkeitsstörung zu deuten. Das mangelnde Bewusstsein über komplexe PTBS führt dazu, dass Betroffene, wie Emily, oftmals annehmen, dass sie einfach ängstlich oder depressiv sind. Die Tatsache, dass komplexe Traumata in vielen Fällen Kinder betreffen, die in Missbrauchsverhältnissen aufwachsen, kann auch dazu führen, dass die Symptome einer komplexen PTBS wie mehr oder wenig typische Persönlichkeitseigenschaften eines Kindes wahrgenommen werden und weniger als Anzeichen für eine seelische Notlage.

Mit 18 hat Emily dann eine Therapie gemacht. „Ich war schwer depressiv", erzählt sie mir. „So sehr, dass ich zwischendurch Selbstmordgedanken hatte. Ich litt unter allgemeinen und sozialen Angststörungen. Unkontrollierbare Erinnerungen an Dinge, die mir im Laufe der Jahre widerfahren waren, drängten sich in mein Bewusstsein, was dazu führte, dass ich noch depressiver und noch ängstlicher wurde. Ich erkannte letztendlich, dass ich Hilfe brauche."

Nachdem sie in einer Sitzung über ihre Kindheit gesprochen hatten, kam ihr Therapeut schnell zu dem Schluss, dass die Depression und die Angststörung nur ein Teil eines größeren Problems waren und machte sie mit der Diagnose komplexe PTBS vertraut. Sie hatte Glück, komplexe PTBS wird nämlich in der Regel nicht richtig diagnostiziert und die Symptome werden mit denen einer Depression oder Angststörung verwechselt—das waren auch die Krankheitsbilder, die man bei ihr in frühem Teenageralter diagnostiziert hatte.

Sobald die Diagnose feststand, hatte Emily allerdings Probleme damit, anderen Menschen davon zu erzählen. „Ich glaube nicht, dass die meisten Millennials viel über PTBS wissen", sagt Emily. „Es ist vor allem als ‚diese Sache, die Soldaten kriegen' bekannt und das war's dann auch. Komplexe PTBS ist sogar noch unbekannter."

Wegen des mangelnden gesellschaftlichen Bewusstseins über die Krankheit war Emily bislang sehr zögerlich darin, ihre Erfahrungen zu teilen. „Wenn mich jemand fragt, dann sage ich in der Regel, dass ich eine Depression und eine Angststörung habe. Es ist einfach schwer zu erklären, was eine komplexe PTBS alles umfasst."

Ford, der Psychologe an der University of Connecticut, stimmt zu, dass komplexe BTPS, wie jede andere psychische Erkrankung, oftmals verharmlost wird, was für diejenigen, die sich mit den Auswirkungen eines solchen Traumas rumschlagen müssen, frustrierend sein kann.

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„Es ist ein populärer Fehlschluss, dass ein bloßes Erlernen von Entspannung, Meditation, rationalem Denken oder ein gesunder, aktiver Lebensstil der Stress-Reaktivität, die von komplexer PTBS ausgelöst wird, entgegenwirkt", sagt er. „Diese Ansätze positiver Psychologie helfen Menschen mit komplexer PTBS nur weiter, nachdem sie es geschafft haben, ihr Gehirn und ihren Körper vom Überlebensmodus auf einen Zustand gelassenen Selbstvertrauens umzuschalten."

Für Emily hat dieser Wechsel bereits begonnen. Seit sie vor zwei Jahren mit 18 aus dem Haus ihrer Mutter ausgezogen ist, hat sie mithilfe der Therapie ihr Trauma etwas aufgearbeitet. Sie hofft, dass komplexe PTBS schon bald als Diagnose weitgehend anerkannt wird, damit andere Menschen nicht so lange im Stillen leiden müssen wie sie.