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Wie selbsternannte Pädophilenjäger Schaden anrichten

Warum es problematisch ist, dass die "Pedo Hunters" angeführt von einem Ex-Polizisten Jagd auf mutmaßliche Pädophile machen und Videos davon auf YouTube stellen.
28.4.21
Mehrere Männer der "Pedo Hunters" stehen um eine mu
Screenshot von YouTube aus dem Video "PEDO HUNTERS – Die Pädophilen-Jäger" von Nick Hein | Bearbeitung: VICE

Vermummte Männer in Tarnanzügen springen aus einem Gebüsch. Sie schießen mit Paintball-Waffen zuerst auf einen Kleinwagen, dann auf eine Person und schreien: "Auf den Boden!" Die Männer bezeichnen sich selbst als "Pedo Hunters", Pädophilenjäger. Ihr Anführer: Nick Hein, ein ehemaliger Bundespolizist und UFC-Kämpfer, der sich heute vor allem als YouTuber versucht.

Die martialische Szene stammt aus dem mittlerweile von allen Plattformen gelöschten Video "Pedo Hunters 3". Es sei aus gutem Grund nicht mehr verfügbar, erklärt Hein dazu gegenüber VICE. Mehr möchte er nicht sagen. Das beschossene Auto gehörte einem Mann, der sich mutmaßlich online mit einer 15-Jährigen verabreden wollte, um vor ihr zu masturbieren. Er wollte ihr dafür zehn Euro zahlen. Was er nicht wusste: Sie war ein Lockvogel der Pedo Hunters.


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Warum jagt, um beim Wording der Pedo Hunters zu bleiben, ein ehemaliger Bundespolizist auf eigene Faust Menschen, anstatt die Ermittlungen der Polizei zu überlassen? Was machen solche Videos mit traumatisierten Betroffenen von sexuellem Missbrauch – und mit Menschen mit pädophiler Neigung, die nicht zu Tätern geworden sind und versuchen, gegen ihre Neigung anzukämpfen?

Eine Sprecherin des N.I.N.A. e.V., einer Anlaufstelle für von sexualisierter Gewalt betroffene Mädchen und Jungen, kritisiert das Vorgehen der Pedo Hunters gegenüber VICE, ebenso eine Sprecherin von "Kein Täter werden", einem Therapieangebot für Menschen mit pädophiler Neigung. Auch das Bundeskriminalamt kritisiert auf VICE-Anfrage das Handeln der Pedo Hunters. Hein dagegen betrachtet die Videos der Gruppe als Erfolg und sagt, dass durch sie mehr über sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern gesprochen werde. VICE sind außerdem zwei Ermittlungsverfahren bekannt, die gegen mutmaßliche Täter aufgrund der Pedo Hunters geführt werden.

Mutmaßliche Täter in die Falle locken

´Seit Oktober 2020 veröffentlicht die Gruppe Videos mit bis zu über einer Million Aufrufe auf den YouTube- und Telegram-Kanälen von Hein. Er nennt sich selbst "The Sergeant". Mittlerweile sind acht Teile der "Pedo Hunters"-Reihe erschienen, zwei sind Stand April 2021 nicht mehr abrufbar.

Das Ziel von ihm und seinem Team formuliert Hein im ersten Video: "Wir gehen in den Dreck, um denen zu helfen, die sich selber nicht helfen können." Und: "Wir sorgen dafür, dass sich diese Männer im Internet nicht mehr sicher fühlen. Und wenn doch, finden wir euch." Das klingt nach Selbstjustiz.

Konkret bedeutet es, dass Hein und sein Team mutmaßliche Täter unter anderem über Babysitter-Jobanzeigen bei eBay Kleinanzeigen ködern. Sie geben sich als Mädchen im Teenageralter aus und locken die Männer in Fallen, setzen sie fest und stellen sie zur Rede. Die Männer wollen sich mit den Mädchen für sexuelle Handlungen gegen Geld verabreden, der Akt wäre strafbar. Die Polizei wird, wenn überhaupt, erst ganz am Ende eingeschaltet. Einige der mutmaßlichen Täter würden sich außerdem des Cyber-Groomings schuldig machen, also der Anbahnung sexueller Kontakte mit Kindern im Internet. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2020 ist in Deutschland schon der Versuch strafbar – auch dann, wenn Täter nur glauben, mit einem Kind zu kommunizieren. Ab dem 7. "Pedo Hunters"-Teil geben sich Hein und seine Lockvögel deswegen als 13-jährige Mädchen aus. 

"Wir bekommen Zuschriften von Betroffenen, die nie das Gefühl hatten, gehört worden zu sein. Wir konfrontieren die Täter, bevor wir alle Beweismittel der Polizei übergeben, um den Opfern eine Stimme zu geben", sagt Hein als Begründung dafür, warum er Beweise und Indizien nicht sofort den Behörden übergibt. Vonseiten des Bundeskriminalamts heißt es zum Vorgehen der Pedo Hunters, dass solche Tätigkeiten unbedingt der Polizei überlassen werden sollten, um eine rechtskonforme und nachhaltige Bekämpfung von sexuellem Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen zu erreichen. Außerdem könnten die Videos Nachahmer anregen.

Die internationale Pedo-Hunters-Szene ist brutal

Sogenannte Pedo Hunters gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in anderen Ländern machen Gruppen mit fragwürdigen Methoden Jagd auf mutmaßliche Pädophile und schrecken nicht vor Gewalt zurück. Meist organisieren sie sich im Internet. Im März wurde bekannt, dass die belgische Polizei nach Hausdurchsuchungen bei selbst ernannten Pädophilenjägern neun illegale Schusswaffen und Munition sichergestellt hat. In den Niederlanden prügelte im vergangenen Jahr eine jugendliche Gruppe selbsternannter Pädophilenjäger einen 73-jährigen Mann zu Tode, nachdem sie ihn online in eine Falle gelockt hatten. Er wollte sich über ein Forum mit einem minderjährigen Jungen zum Sex verabreden.

Im ersten Video der deutschen Pedo Hunters gibt es zumindest eine Distanzierung von russischen Gruppen mit ähnlichen Namen, die vor allem Jagd auf Homosexuelle machen. Außerdem distanziert sich Hein von Gewalt. In den Videos seiner Pedo Hunters wird zwar niemand verprügelt, aber es gibt physische und psychische Gewalt, Schubsereien, Beleidigungen – und den Paintballbeschuss einer Person. Von Ermittlungsverfahren gegen ihn und sein Team wegen Körperverletzung weiß Hein laut eigener Aussage nichts. Trotzdem ist ihr Vorgehen durchaus problematisch.

Die Videos der Pedo Hunters sind aufgezogen wie eine Mischung aus Actionfilm und Dokuserien wie Dog – Der Kopfgeldjäger. Inszeniert mit Drohnenaufnahmen, martialischer Musik, lauten Motorengeräuschen, Voice Overs von Hein, in denen er mit heiserer Stimme im Stile von Batman das Geschehen kommentiert und zwischendurch immer wieder Witzen. Die sollen wohl die Stimmung auflockern, wirken aber beim Thema sexualisierte Gewalt deplatziert. Auch wenn Hein im Interview den Vorwurf der Selbstinszenierung zurückweist, liegt der Fokus in den Videos klar auf ihm und seinem Team. Rund zehn Personen sind laut Hein pro Folge beteiligt. Hauptsächlich Männer, einige mit Security-Hintergrund. Zumindest in einem Video sind zudem Mitglieder der w23 Bruderschaft dabei, die laut Selbstbeschreibung für "wahre Werte" einsteht und auf deren Instagram-Account auch eine Person in einem Shirt der Neonazi-Marke Thor Steinar zu sehen ist. Auf ihrem Blog brüstet sich die selbst ernannte Bruderschaft damit, mit Hein auf "Kinderfi***rjagd" gewesen zu sein.

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Die Videos zeigen vor allem ihre Vorbereitungen. Wohnungen, in die Täter gelockt werden sollen, werden angemietet und mit Kameras ausgestattet, Technik wird präsentiert. Das große Finale ist die Festsetzung der mutmaßlichen Täter. Das sensible Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird als Unterhaltungsformat inszeniert. Hein sagt dazu, dass die Stilfrage immer eine Individuelle sei. "Würden wir uns nicht so präsentieren, hätte die Videos auch niemand geguckt. Bei einer trockenen Dokumentation zum Thema würden die Leute doch früher abschalten."

Zum Stil gehört auch, dass Hein und sein Team einen mutmaßlichen pädophilen Straftäter, der gerade mit seiner Frau und seinem Kind spazieren geht, im achten "Pedo Hunters"-Teil festsetzen. Die Frau wird ohne Vorbereitung noch vor Ort mit den sexuellen Fantasien ihres Mannes, die er per Nachricht an einen Lockvogel formuliert hat, konfrontiert. Ihr werden ausgedruckte Screenshots vorgelegt. Ein sensibler Umgang mit einer Person, die nichts mit der mutmaßlichen Tat zu tun hat, sieht anders aus.

Was in den "Pedo Hunters"-Videos gänzlich fehlt, ist die Aufklärung, von der Hein gesprochen hat. Weder gibt es am Anfang der Videos eine Triggerwarnung, noch werden Hilfsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt erwähnt oder zumindest verlinkt. Wer die Videos schaut, erfährt zwar viel über Hein und seine Helfer, aber nichts über Beratungsstellen, Therapieangebote und darüber, wie sich Opfer sexualisierter Gewalt und deren Angehörige am besten verhalten. Expertinnen oder Experten kommen nicht zu Wort. Die "Jagd" steht in den Videos im Vordergrund, nicht der Schutz und der empathische Umgang mit Betroffenen.

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Hein sagt, dass er die vielen Betroffenen, die sich bei ihm per E-Mail melden und für seine Arbeit bedanken würden, an die richtigen Stellen vermittle. Außerdem fügt er hinzu: "Wir sind keine Hilfehotline, aber behalten uns vor, Hinweise auf Hilfsstellen in Zukunft in Videos einzubauen." Eine Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten bestehe derzeit nicht.

Videos könnten Betroffene re-traumatisieren

Dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ein Riesenproblem ist, steht außer Frage. 22.137 Fälle gab es laut Bundeskriminalamt im Jahr 2019. Die Aufklärungsrate lag bei 77,5 Prozent. Doch es gibt ein großes Dunkelfeld. Gesonderte Statistiken zu Cyber-Grooming gibt es derzeit nicht.

Dadurch, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland mittlerweile fast alle einen Internetzugang und Social-Media-Kanäle haben, gibt es immer mehr Cyber-Grooming-Fälle. Das bestätigt Tanja von Bodelschwingh. Sie arbeitet für N.I.N.A. e.V., einer Beratungsstelle für von Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche. Der Verein leistet eine Erstberatung und hilft Betroffenen, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Cyber-Grooming gebe es auf allen Plattformen, auf denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten, von Gaming-Chats bis hin zu TikTok.

"Betroffene, die sich an uns wenden, plagt oft ein großes Schuldgefühl. Wir hören ihnen zu, sortieren zusammen mit ihnen die Situation, machen ihnen Mut und helfen ihnen zu realisieren, dass die Verantwortung für die Taten beim Täter oder der Täterin liegt. Wir suchen dann im nächsten Schritt heraus, wo es vor Ort weitere Unterstützung für sie gibt und was aufbewahrt werden sollte, um es der Polizei vorzulegen", sagt Bodelschwingh über die Arbeitsweise des Vereins. 

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Die Videos der Pedo Hunters halte sie für wenig hilfreich im Hinblick auf eine betroffenengerechte Intervention. Das Format wirke auf sie aggressiv und sei sehr reißerisch aufgemacht. Außerdem sei es möglich, dass die Videos Betroffene triggern und dadurch mit nicht verarbeiteten Traumata konfrontieren.

Und es gibt noch ein weiteres Problem, das schon im Namen "Pedo Hunters" selbst liegt. Ob die mutmaßlichen Täter tatsächlich pädophil sind, also eine pädophile Neigung haben, wie in den Videos öfter behauptet wird, ist unklar.

Clara Stockmann ist Pressesprecherin des Präventionsnetzwerks "Kein Täter werden", das mit der Berliner Charité und anderen Universitätskliniken zusammenarbeitet. Das Netzwerk besteht seit 2005. Es bietet eine Therapie für Menschen mit pädophiler Neigung in einem justiziablen Dunkelfeld an. Also für diejenigen, gegen die kein Ermittlungsverfahren läuft und die im besten Fall trotz ihrer Neigung nie zum Täter geworden sind und es auch nicht werden wollen. Knapp 1.300 Menschen haben die Therapie bisher begonnen.

Stockmann sagt, dass man klar zwischen Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch unterscheiden müsse. "Sexueller Kindesmissbrauch ist die Handlung und eine pädophile Neigung bezeichnet sexuelle Fantasien mit einem kindlichen Körperschema im vorpubertären Zustand. Für seine sexuellen Fantasien kann niemand etwas, für sein Verhalten hingegen schon." Im gesellschaftlichen Diskurs gebe es eine große Vermischung der beiden Begriffe, was zur Folge habe, dass Menschen mit einer pädophilen Neigung, die keine Täter sind, unter einer starken Stigmatisierung leiden und in der Folge oft psychische Störungen wie Depressionen und Angststörungen entwickeln würden.

Die YouTube-Videos erzeugen laut Stockmann das Bild, dass die Pedo Hunters für die richtige Sache kämpfen. Beschimpfungen wie "Pedo" trügen außerdem dazu bei, das Thema emotional aufzuladen und den Pedo Hunters eine scheinbare Rechtfertigung zu liefern. Solche Videos würden dazu führen, dass in der Gesellschaft weiterhin alle Menschen mit pädophiler Neigung als Kriminelle angesehen werden, die ihren Trieb nicht unter Kontrolle haben. Etwa die Hälfte der verurteilten Sexualstraftäter gegen Kinder hatte laut Untersuchungen von "Kein Täter werden" keine pädophile Neigung, sondern hat die Taten aus anderen Gründen wie beispielsweise psychischen Erkrankungen begangen. Auch das zu wissen, ist wichtig.

Für Nick Hein und sein Team spielt Differenzierung offenbar keine Rolle, auch wenn dadurch Menschen re-traumarisiert und stigmatisiert werden können. Es geht in seinen Videos weder um eine sensible Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche noch um sachliche Aufklärung zum Thema Cyber-Grooming oder eine faktisch richtige Verwendung von beladenen Begriffen wie "pädophil". Und dass er Betroffenen mit seinen Videos eine Stimme gibt, was laut eigener Aussage Heins Ziel ist, bleibt mindestens fragwürdig. 

Hein hält sein Handeln trotz der Kritik von Opfervertretern, aus der Wissenschaft und dem Bundeskriminalamt für richtig. Denn gegen zehn Männer, die die Polizei durch die Videos der Pedo Hunters festgenommen habe, liefen laut seiner Aussage derzeit Ermittlungsverfahren. Zumindest in zwei Fällen konnte VICE den Ort von Festnahmen recherchieren. Sprecher des Polizeireviers Magdeburg und des Polizeipräsidiums Brandenburg bestätigen auf Anfrage, dass derzeit Ermittlungsverfahren gegen Personen im Zusammenhang mit in "Pedo Hunters"-Videos geschilderten Taten laufen. Nähere Informationen wollen beide nicht nennen. Verurteilungen gibt es bisher nicht. Hein und sein Team möchten weitermachen. Ein nächstes Video ist in Planung. Die negativen Konsequenzen der "Pedo Hunters"-Videos blenden sie aus.

Bist du sexuell belästigt worden oder hast sexualisierte Gewalt erlebt? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Telefonnummer 0800 22 55 530. Mehr Infos findest du auf dem Hilfeportal der Bundesregierung. Wer in der Schweiz sexualisierte Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen, betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus. In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten. In jedem Fall gilt: Wende dich auch an die Polizei in deiner Nähe und zeige den Täter oder die Täterin an.

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