Foto: imago | BE&W​

Wie ich zu einem christlichen Fundamentalisten geworden bin

Ich war Mitglied einer christlichen Freikirche. Dann sah ich, wie Kinder in der Kirche leiden. Mein Leben gehört jetzt nicht mehr Jesus. Es gehört wieder mir.

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Juni 7 2016, 11:31am

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Dieses Jahr werde ich 31. Ich bin Autor und Pädagoge und glücklich mit beidem. Dabei hätte ich meinen heutigen Lebenswandel noch vor zehn Jahren wohl als Versagen eingestuft.

Mit Anfang 20 trat ich einer evangelikalen christlichen Freikirche bei und schenkte mein Leben Jesus Christus. Einige Jahre später wollte ich es zurück. Den Wendepunkt brachte ein christliches Ferienlager, bei dem ich die kreative Leitung übernommen hatte.

Das Theaterstück, das wir an diesem Abend aufführten, hatte ich geschrieben und mit einer kleinen Armee von Freiwilligen inszeniert. Jetzt konnte ich nur noch zuschauen und war mindestens so gespannt wie die Kinder in den Rängen. Es war der sogenannte "Entscheidungsabend". Heute sollten die Kinder sich vor der versammelten Gruppe für ein Leben mit Jesus Christus bekennen.

Wie bedeutend diese Entscheidung war, erklärte mein Kumpel Max, ein tätowierter Mittzwanziger mit Basecap und Basketball-Shorts, dem die Coolness aus jeder Pore strömte. Er war für die Jugendarbeit der Gemeinde verantwortlich und beendete im Lager jeden Abend mit einer kurzen Predigt. Predigten hießen bei uns "Inputs". Max' Input wirkte: Fast 200 Kinder folgten dem Aufruf der Mitarbeiter, ihr Leben Jesus zu übergeben. Darunter waren auch zwei etwa zehnjährige Brüder, die noch eine Frage an Max hatten. Die beiden hatten erst kürzlich ihren Vater verloren und wollten wissen, ob er im Himmel sei, obwohl er doch Jesus nicht gekannt hatte. Max stockte kurz, er antwortete nicht. Den beiden Jungen stiegen die Tränen in die Augen. Und ich konnte mich nicht länger um die Frage drücken, die ich schon seit Monaten vor mir herschob: Was mache ich hier eigentlich?

Ultra-cool, ultra-konservativ

Christliche Freikirchen kennt man vor allem aus den USA. Zunehmend entstehen sie auch in Deutschland. Allein im Raum Berlin fallen mir mehr als zehn solcher Gemeinden ein. Manche feiern ihre Gottesdienste in Wohnzimmern oder Cafés, andere füllen Hallen. Manche beten in Zungen und heben die Hände im Gottesdienst hoch, andere nicht. Die einen sind strenger, die anderen lockerer. Die Details unterscheiden sich, nur eines haben die Kirchen gemeinsam: die fundamentalistische Weltanschauung.

Meiner Gemeinde war diese auf den ersten Blick nicht anzusehen. Sie hatte sich keiner bestimmten Glaubensrichtung verschrieben, sondern positionierte sich als überkonfessionelle christliche Kirche, die jeden Suchenden willkommen hieß. Als Mitglied galt, wer regelmäßig dabei war und sich "zu Hause fühlte", was den Einstieg erleichterte. Während meiner Zeit dort wuchs die Zahl der regelmäßigen Besucher von unter 100 auf über 400 an. Die Gemeinde zog aus einer kleinen Fabrikhalle in ein repräsentatives Bürogebäude im Herzen Berlins. Als ich ging, wurde im Leitungsteam gerade über die Anmietung zusätzlicher Räumen diskutiert. Die Gemeinde wurde geleitet wie ein modernes Start-up—auf Grundlage der Bibel. Und die wurde wörtlich genommen: Die meisten Gemeindemitglieder glaubten an eine Schöpfung in sieben Tagen, an die Vertreibung aus dem Paradies als historisches Ereignis und an Himmel und Hölle als real existierende Orte—wer sich zu Jesus Christus bekennt, dem winkt das Paradies. Alle anderen erwartet das Höllenfeuer.

Wie konnte ich da hinein geraten? Ich war nicht mal in einem besonders christlichen Elternhaus aufgewachsen. Am Anfang stand, wie so oft, eine Frau. Nennen wir sie Nathalie. Nathalie war etwas älter, schlagfertig, gutaussehend, und sie arbeitete in dem Krankenhaus, in dem ich nach dem Abitur Zivildienst leistete. Ich tat, was wohl jeder Zwanzigjährige getan hätte: Ich flirtete sie ungeschickt an und kassierte einen Korb. Trotzdem wollte Nathalie mich danach treffen. An meinem letzten Arbeitstag drängte sie mir ihre Telefonnummer förmlich auf. Später erfuhr ich, dass sie im Gebet zu der Überzeugung gelangt war, Gott wolle sie gebrauchen, um mich zu erreichen. Dass sie damit meine Verliebtheit ausnutzte, war ihr bewusst, erschien ihr jedoch nicht weiter schlimm—es galt ja, meine Seele zu retten. Unser erstes (und letztes) Date war auch ganz darauf ausgerichtet: Nach einem kurzen Spaziergang am Wannsee schlug Nathalie vor, in der Nähe ein paar Leute aus ihrer Kirche treffen.

Die Pastorin der Gemeinde versicherte mir einmal, sie selbst sei dabei gewesen, als während einer Gebetsrunde ein verkürztes Bein spontan zu wachsen begann.

Mein erster Nachmittag mit diesen coolen Christen war erstaunlich entspannt. Wenn man an religiöse Fundamentalisten denkt, hat man ein konservatives Bild vor Augen, aber das stimmt längst nicht mehr. Meine Gemeinde bestand größtenteils aus attraktiven, hippen jungen Leuten, die im Berghain eine ebenso gute Figur gemacht hätten wie im sonntäglichen Gottesdienst. Den nannten wir "Celebration" und er war mit Bühnen-Show, Live-Musik und Video-Clips aufwändiger inszeniert als manches Konzert. Und dann gab es noch einen Input, der zwar biblisch fundiert war, aber vor allem unterhaltsam, alltagsbezogen und lebensbejahend, mehr TED-Talk als Predigt. Dank der Kirche war jeder Sonntag ein Event. Evangelisiert wurde hier nicht mit Handzetteln in Fußgängerzonen, sondern mit WG-Partys, Barabenden oder Musicals.

Anfangs besuchte ich die Veranstaltungen der Kirche nur, um Nathalie zu sehen. Doch die wöchentlichen Events wurden schnell Routine. Je mehr Zeit ich im Umfeld der Kirche verbrachte, desto interessanter wurde ihre Version des Glaubens. Meine neuen Freunde wirkten nicht nur stets zufrieden, sie sprachen auch unentwegt von Erfolgen und Glücksfällen, die sie als Gebetserhörungen und Wunder auslegten. Caro, die Pastorin der Gemeinde, versicherte mir einmal, sie selbst sei dabei gewesen, als während einer Gebetsrunde ein verkürztes Bein spontan zu wachsen begann. Anfangs war ich durchaus noch skeptisch, aber mir wollte beim besten Willen kein Grund einfallen, warum all diese Leute sich die Mühe machen sollten, mich zu belügen. Als ich schließlich beschloss, den Gott der Bibel selbst auf die Probe zu stellen, war ich von Idee schon so überzeugt, dass ich überall Fügungen, Zeichen und Wunder sah. Meine ersten Wochen als "wiedergeborener Christ" waren eine Art Dauer-High.

Für meine Freunde und Familie kamen dieser plötzliche Sinneswandel und meine zweite Taufe völlig überraschend. Letztendlich feierte sie das Ereignis aber trotzdem mit mir. Einige meiner Freunde besuchten auch mal eine Celebration, um sich ein Bild von meiner "geistlichen Heimat" zu machen. Aber solange ich glücklich war, waren meine Freunde und Familie es auch. Sicherlich wurde hinter meinem Rücken ab und zu über meine Ansichten gelächelt. Ein Problem hatte ich damit nicht. Ich kannte schließlich die Wahrheit, und alles war cool.

Was nicht cool war, offenbarte sich nur langsam. Das fundamentalistische Regelwerk der Gemeinde wurde nicht von der Bühne aus verkündet, sondern im persönlichen Gespräch hinter verschlossenen (oder zumindest angelehnten) Türen. Dies geschah zum Beispiel in den regelmäßig stattfindenden Gebetsrunden. Wir redeten auch über Sex. Besonders wenn wir uns zu anderen Gemeindemitgliedern hingezogen fühlten. Für solche "Anfechtungen" wurde der Teufel verantwortlich gemacht, der dann im Gebet auch schon mal im Namen Jesu aufgefordert wurde, sich gefälligst zu verpissen. Gleichzeitig wurde daran erinnert, was die Bibel zum jeweiligen Thema zu sagen hatte. Verschloss man sich dem zu lange, hatte man schnell den Ruf weg, stur, rebellisch oder problematisch zu sein. Wer zum harten Kern der Gemeinde gehören wollte, akzeptierte die gängige Bibelauslegung und hielt sich daran.

Zu beachten gab es einiges: Sex vor beziehungsweise außerhalb der Ehe war nicht cool. Liebesbeziehungen zu Nicht-Christen waren nicht cool. Ebenso wenig cool war gelebte Homosexualität. Zwar hießen wir Homosexuelle theoretisch willkommen, doch es schwang stets die Hoffnung mit, dass sie ihrem "unbiblischen Lebensstil" früher oder später den Rücken kehren würden. Es gab "Seelsorge-Angebote", die diesen Prozess unterstützen sollten. Ein Mitglied der Kirchenleitung erklärte mir unter vier Augen, er persönlich habe etwas gegen Homosexuelle, er habe aber gelernt, dass er dies in der heutigen Gesellschaft nicht laut sagen könne, ohne seinen Ruf aufs Spiel zu setzen. Einen Facebook-Post, in dem ich die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe befürwortete, kommentierte er schlicht mit "Gefällt mir nicht!".

Ich erinnere mich an eine Mutter, die ihren zehnjährigen Sohn dazu brachte, all seine gesammelten Yu-Gi-Oh!-Karten zu verbrennen.

Gern gesehen war neben einer regelmäßigen Teilnahme an den Celebrations ehrenamtliche Mitarbeit. Diejenigen, die sich als Mitglieder verstanden, wurden außerdem motiviert, regelmäßig zu spenden. Da sich die Gemeinde allein durch Spenden finanzierte, wurden das Geld auch dringend benötigt. Unter Berufung auf das biblische Prinzip des "Zehnten" wurden pauschal zehn Prozent des Einkommens als monatlichen Spendenbetrag vorgeschlagen. Besonders treue Seelen spendeten natürlich zehn Prozent vom Bruttoeinkommen. Mehr als einmal wurden auch Gemeindemitglieder auf die Bühne geholt, um zu berichten, wie sie auf wundersame Weise zu Geld gekommen waren, nachdem sie ihren Zehnten überwiesen hatten, obwohl das Konto das eigentlich nicht mehr hergab. So wurde die Gemeinde immer wieder daran erinnert, wie Gott "treue Diener" belohnte. Als Student konnte und wollte ich mir den Zehnten auf Dauer nicht leisten und half der Gemeinde lieber als Mitarbeiter in der Kinderkirche.

Als kreative Leitung der Kinderkirche schrieb und inszenierte ich jede Woche ein kurzes Theaterstück. Wir vermittelten Bibelgeschichten, als wären es historische Fakten. Im Gegensatz dazu wurden Harry Potter und ähnliche Geschichten grundsätzlich kritisch beäugt. Schließlich stellten sie Zauberei—in der Bibel untersagt—als etwas Gutes dar. Ich erinnere mich an eine Mutter, die ihren zehnjährigen Sohn dazu brachte, all seine gesammelten Yu-Gi-Oh!-Karten zu verbrennen, weil ihr die abgebildeten Monster zu dämonisch erschienen. Selbst ich verinnerlichte diese Sichtweise mit der Zeit so sehr, dass ich es nicht mehr fertigbrachte, mir Supernatural anzusehen, weil ich die Darstellung der Hölle als unangemessen empfand. Auch die Kinder in der Kirche warnte ich vorm Einschalten. Heute gehört Supernatural zu meinen Lieblingsserien.

Intoleranz im hippen Gewand

Dies ist keine Abrechnung mit meiner alten Gemeinde. Ich habe nichts abzurechnen. Einige der Freundschaften, die ich dort geschlossen haben, existieren bis heute, über alle Differenzen hinweg. Das ändert aber nichts am Problem: All zu oft werden hier Intoleranz, Unverständnis und Angst in hippe Gewänder gekleidet. Hinter der Fassade liegen längst überholte Werte und Normen, die durch die Bibel über jegliche Diskussion erhoben werden. Wenn Menschen in Deutschland im Jahr 2016 guten Gewissens die Bibel als Beleg dafür anführen, dass Homosexualität "falsch" sei, finde ich das erschreckend.

Der "Entscheidungsabend"im Ferienlager war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich musste mir endlich eingestehen, dass "mein" Gott die meisten meiner Freunde in die Hölle schicken würde, einfach, weil sie nicht an ihn glaubten und nicht nach seinen Vorstellungen lebten. An einen solchen Gott konnte und wollte ich nicht glauben, egal, wie schön er mir sonntags präsentiert wurde.

Mein neues Leben

Aus Pflichtgefühl blieb ich noch einige Monate in der Kirche. Danach besuchte ich noch ein, zwei Celebrations als Gast, dann ging ich nie wieder hin. Eine Handvoll Leute aus der Gemeinde fragte nach, was passiert sei. Mit den meisten von ihnen bin ich heute noch befreundet. Von der breiten Masse aber hörte ich nach meinem Weggang nie wieder. Von diesen Freundschaften blieben nur Einträge in meiner Facebook-Liste. Inzwischen habe ich sie gelöscht. Mein Leben gehört jetzt nicht mehr Jesus. Es gehört wieder mir. Ich behaupte nicht mehr, die Wahrheit zu kennen. Ich weiß nicht mal, ob es die Wahrheit gibt—und das ist in Ordnung. Dafür muss ich auch niemandem erzählen, seine Liebsten würden in der Hölle schmoren.

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