Als Baseballschläger noch in waren

Muci, Sinan und Isi gehörten früher zu der Jugendgang 36 Boys und hingen auf den Straßen Kreuzbergs rum. Zwanzig Jahre später hat sich viel verändert, aber die 36 Boys gibt es immer noch. Nur machen sie heute Mode.

In den 80ern gründeten sie eine Gang in Kreuzberg und verbrachten ihre Jugend damit, Nazis vom Ku’Damm zu vertreiben, Kicker zu spielen und die ein oder andere blutige Nase zu riskieren. Nach ein paar Jahren ging jeder seinen eigenen Weg und die meisten sind erfolgreich in das, wie sie es betonen, „bürgerliche Leben“ eingestiegen. Ich habe mich mit drei ehemaligen Mitgliedern der 36 Boys, Muci und Sinan Tosun und Isi Efe, unterhalten. Muci war der Anführer, fing nach dem Gangleben an, Sport zu treiben und wurde 2002 Kickboxweltmeister. Sein Bruder Sinan träumte schon immer davon, einmal etwas mit Mode zu machen und hatte irgendwann die Idee, den Namen 36 Boys in eine Kleidermarke umzuändern und Isi betreibt heute mit seiner Frau eine Bäckerei. Musik war ihnen immer sehr wichtig und so haben wir nicht nur über ihre Kindheit am Kottbusser Tor gesprochen und davon, welchen Marken sie damals hinterherfieberten, sondern sie zeigten mir auch Kooperationen vom ehemaligen 36 Boys-Mitglied und heutigem Rapper Killa Hakan mit Sido, Alpa Gun, Geza und G-Unit. „Alles Tamam“ heißt ein Lied von Killa Hakan, „alles OK“, und das ist eine etwas untertriebene Beschreibung für das Leben dieser drei.

VICE: Also, 1987 fing alles an. Wie kann ich mir das vorstellen, eure Gang vor 24 Jahren?
Sinan: Ja, 36 Boys wurde von uns gegründet, ich bin einer der Mitbegründer und war damals 16 Jahre alt und in der kurzen Zeit sind wir sehr, sehr viele geworden, sodass wir das in drei Gruppen unterteilt haben.
Entstanden ist es durch die rechte Szene, die damals sehr aktiv war, vor allem am Ku’damm am Europacenter. Wenn du da hingegangen bist, hast du wirklich sehr viele von denen gesehen, Nazis mit ihren Springerstiefeln und Bomberjacken. Wir haben uns hier organisiert und gesagt: „Von jetzt an werden wir jeden Tag dahin gehen und werden diese Typen verscheuchen, bis keiner mehr von denen bleibt.“ Und da haben wir uns organisiert—Leute aus Kreuzberg, aus Schöneberg, vom Halleschen Tor—von da an sind wir immer wieder zum Ku’damm gegangen. Als wir das geschafft haben, dachten wir: „OK, 36 Boys, ab jetzt werden wir unser eigenes Revier, Kreuzberg, hüten.“ Es wird keiner hier reinkommen und das tun und machen, was er will. Dass du nicht einfach hier reinkommst und irgendjemanden schikanierst oder schlägst oder so, dafür waren wir da.

Ihr wart aber nicht nur Türken, oder?
Sinan: Die Mehrheit waren Türken, aber es gab auch Jugoslawen, ein paar Deutsche, Slawen, Araber, Griechen, es war schon ein Mischmasch.

Videos by VICE

Sinan

Wie war 36 Boys bei euch in den Alltag integriert? Habt ihr euch täglich getroffen?
Muci: Also, in der Schule haben wir uns natürlich getroffen, viele waren ja auf derselben. Aber wir hatten viele Orte, an denen wir uns trafen. Entweder im Jugendheim oder am Kottbusser Tor, wo meine Mama gewohnt hat. Unsere Treffen waren immer fest, also wir mussten uns nie absprechen und es gab ja auch keine Handys. Es war immer einer da und so haben wir uns automatisch getroffen.

Was habt ihr an einem normalen Tag so alles angestellt?
Muci: Na rumgehangen, wir waren viel unterwegs, waren Billard oder Kicker spielen, das war in den 80ern ja sehr beliebt. Oder wir waren Tanzen, oder viele waren auch Graffiti-Writer. Das war schon eine sehr schöne Zeit. Wir waren eine Gemeinde. Jeder war für die anderen wie eine Mutter oder ein Vater und jeder hat diesen Zusammenhalt auch bekommen. Und das hat uns auch sehr weit nach vorne gebracht, indem wir alle immer zusammengehalten haben. Und das tun wir immer noch. Killer Hakan ist Rapper, Tim Raue ist Sternekoch, Andere wurden Regisseur oder Schauspieler. Also es gibt sehr viele von uns, die in das bürgerliche Leben schön reingerutscht sind. Wenn die Medien zu uns kommen, dann denken sie immer noch: „OK, die Jungs sind rausgegangen und haben sich den ganzen Tag geschlagen.“

Aber wenn es dann doch zu einer Schlägerei kam, wie lief das so ab?
Sinan: Blutig ist das ausgeartet, ist doch klar. Da treffen sich zehn Leute von uns, zehn Leute von drüben und dann gehst du aufeinander los und die andere Seite war immer der Verlierer. Wir haben mit den Fäusten geschlagen, dann bist du eben mit einem blauen Auge nach Hause gegangen, oder einem blutigen Mund. Als Gangmitglied musst du mit so etwas rechnen. Du wusstest, dir kann jeder Zeit was passieren.

War das das Einzige, oder was gab es noch?
Muci: Na ja, Schlägereien gab es ja immer. Es war schon eine harte Zeit, sag ich mal. Es gab auch sehr viel Abstecherei und in den 80er Jahren waren auch Baseballschäger sehr in. Heutzutage kriegst du ja alles, auch eine scharfe Pistole und was weiß ich was. Damals war das es bisschen schwieriger. Aber es ist auch eine ganz andere Zeit heute.
Sinan: Man kann das nicht vergleichen. Wir waren Kinder mit ganz anderen Vorstellungen als die Kinder von heute. Damals haben wir nicht gesagt: „Ich will einen fetten Mercedes und dies und das.“ Heute ist das leider so.

Muci

Was habt ihr denn gesagt?
Sinan: Wir hatten andere Träume. Mein Traum war immer, Mode zu machen. Obwohl ich nie daran geglaubt habe, hat Gott es mir dann doch möglich gemacht.

Was für eine Rolle hat Kleidung früher bei euch gespielt? Was habt ihr getragen?
Sinan: Natürlich hat die Kleidung eine Rolle gespielt, aber wir konnten uns ja nicht so etwas leisten, was wir heute hier produzieren.
Muci: Wir haben die Übergangshosen und Übergangspullover von den älteren Brüdern angezogen, aber später hatten wir auch eigene Klamotten. Zum Beispiel Giants- oder generell Baseball-Jacken, Riders-Jacken waren damals sehr in und Nike. Ja, das war schon etwas Besonderes, Nike anzuziehen. Markensachen eben.
Isi: Wir hatten ja auch nicht so viel Kohle, also mussten wir uns schon an unser Budget halten, und wenn wir dann mal mehr Geld hatten, haben wir halt auch Markensachen geholt, aber Hauptsache, wir hatten erstmal was Ordentliches zum Anziehen.

Und hattet ihr so eine Art Erkennungsmerkmal untereinander?
Muci: Wir hatten schon einen besonderen Klamottenstil. Damals waren so Fliegerjacken, Bomberjacken und Levi’s-Hosen, die 501 und 517, und alle Arten von Turnschuhen angesagt. Wenn du da in die Gruppe gekommen bist, sahen eigentlich alle gleich aus. Trooper-Schuhe, Nike-Schuhe. Damals war die Mode viel breiter und Karottenhosen waren sehr stark. Unsere Farbe war immer schwarz.
Isi: Na ja, und dann haben wir die reichen Leute aufm Ku’damm abgezogen. Wir aus dem Armenviertel kommen da an und die laufen da mit ihren fetten Schuhen und so rum.
Sinan: Sachen, die mir gefallen haben, habe ich mir schon genommen. Damals, ab ’87, kam diese Zeit, wenn dir was gefallen hat, dann haben wir das auf türkisch gesagt. „Tokat“ heißt eigentlich Schelle, aber ich hab mir das dann genommen und „tokat“ gesagt und das haste dann nicht mehr zurückbekommen. Sogar ein Deutscher wusste, was „tokat“ ist.

Hattet ihr dabei auch einmal Angst?
Sinan: Wenn du so einen Zusammenhalt hast, wie wir damals, dann hast du keine Angst. Die Mehrheit hat immer gewonnen und wir waren wirklich sehr viele und die anderen Gangs hatten wirklich Respekt vor uns. Wir hatten Geborgenheit bei unseren 50, 60 Brüdern.
Isi: Wenn 10 Leute nicht ausgereicht haben, haben wir gleich jemanden losgeschickt, der dann Verstärkung geholt hat. Wenn einer gesagt hat, heute Abend ist eine Schlägerei, wurden im Minutentakt aus 10 auf einmal 50 und aus 50 dann 100.

Isi

Und Killa Hakan war auch mit von der Partie?
Sinan: Ja, der war auch mit dabei, Killa Hakan war immer so’n flexibler Typ, der hat alles gemacht, was ihm Spaß gemacht hat und er hat den Volltreffer erwischt, sag ich mal, und ist in die Hip-Hop-Gruppe Islamic Force reingerutscht und ab da ging sein Musikleben erfolgreich aufwärts.

Was sagt ihr zu den Schlägereien in den U-Bahnen, die es momentan so häufig in Berlin gibt?
Muci: So etwas finde ich schon ein bisschen dumm. Unschuldige Menschen einfach anzugreifen und zu Tode zu schlagen, unterstützen wir nicht. Das ist echt schade, so etwas im Fernsehen zu sehen und die letzten fünf Monate passiert jeden Tag etwas anderes.
Isi: Ja, früher wurden einfach jemand zusammengeschlagen und jetzt heißt es ja, der ist tot geschlagen worden. Obwohl sie wissen, dass er auf dem Boden liegt und wehrlos ist, treten sie ihm auf den Kopf. Früher war das nicht so. So extrem hat das bei uns nie geendet. Ich weiß nicht, was in den Leuten vorgeht, dass sie wirklich andere tot schlagen.
Sinan: Wenn du mit elf oder zwölf Jahren diese ganzen harten Videospiele spielst, da stehen die alle wieder auf und das ist kein Problem, und dann wundern die sich, wenn was passiert. Aber so etwas hatten wir früher gar nicht und deswegen war es bei uns nicht so radikal. Die Leute haben heute auch keine Perspektive, bei uns hatten die Eltern wenigstens noch Arbeit. Aber das ist nun die Gesellschaft, die Zeit hat sich halt geändert.

Fotos: Grey Hutton

Thank for your puchase!
You have successfully purchased.