Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Ich habe abgetrieben – und ich bereue nichts

Das klingt vielleicht herzlos, aber für mich war es nie ein "echtes Kind". Ich habe es immer "das Nest" genannt.

von Luisa Schneider; aufgeschrieben von Anna Blitzner
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30 Dezember 2018, 10:30am

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Im Januar 2018 hatte ich meinen letzten Blister der Pille genommen. Mit meiner Frauenärztin hatte ich bereits über hormonfreie Alternativen gesprochen und einen Termin beim Gesundheitsamt für das Einsetzen der Spirale ausgemacht. Es stand nur noch die Vorsorgeuntersuchung an, zum Ausschluss einer möglichen Schwangerschaft

Nach Absetzen der Pille haben mein Freund und ich grundsätzlich mit Kondom verhütet. Ein einziges Mal sind wir auf Risiko gegangen. Was soll ich sagen, es war Valentinstag. Dass ich im März meine Tage nicht bekommen hatte, bereitete mir erst keine Sorgen. Ich wusste von Freundinnen, dass es bis zu einem halben Jahr dauern kann. Der Hormonhaushalt im Körper muss sich erst mal wieder darauf einstellen "alleine zu arbeiten". Also blieb ich entspannt.

Bis die ersten Symptome einsetzten. Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, Übelkeit, Brustschmerzen. Auch das schob ich erst auf den "Pillenentzug". Als meine Unsicherheit wuchs, entschied ich mich dann aber doch, einen Schwangerschaftstest zu kaufen.

Ich wollte den Test nicht alleine machen und mein Freund hatte keine Zeit. Also kam nur noch der Abend vor unserem Madrid-Wochenende in Frage. Wir hatten schon alle Sachen gepackt und wollten am nächsten Morgen früh zum Flughafen. "Ich mach das jetzt schnell, dann habe ich das aus dem Kopf und wir können den Urlaub genießen", sagte ich zu meinem Freund.

Scheiße.


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Ich stürzte aus dem Badezimmer direkt in die Arme meines Freundes. Ich weinte und er versuchte mich zu beruhigen. Ich wusste sofort: "Ich bin nicht bereit für ein Kind. Jetzt noch nicht."

Der Urlaub war dann genau das Richtige. Weg von allem, nur wir zwei. Auch oder gerade weil ich gar nicht wusste, wie er über die Schwangerschaft denkt. Mir war zwar in den ersten Sekunden klar, wie ich mich entscheide, aber von meinem Partner zu hören, dass er – egal ob ich das Kind bekomme oder nicht – hinter mir steht, das tat gut. Ich habe während des Urlaubs viel geweint. Dieses Gefühl, in mir ist etwas, was da nicht sein soll. Das alles war in meiner Abschlussphase der Ausbildung. Natürlich habe ich auch in mich hinein gehorcht, ob es eine Option für mich wäre, das Kind zu bekommen. Aber der Gedanke hat mir jedes Mal die Luft genommen.

Der Termin bei meiner Frauenärztin

Zurück aus dem Urlaub ging ich dann direkt zu meiner Frauenärztin. Ich war nervös und ein bisschen "over the top", als ich die Praxis betrat. "Ich habe einen positiven Schwangerschaftstest", sagte ich am Tresen. "Ist das gut oder schlecht?", fragte mich die Arzthelferin. "Schlecht." Das antwortete ich auch nochmal meiner Ärztin, die mich fragte, ob ich mir sicher sei mit einem Abbruch. Sie informierte mich über die verschiedenen Methoden. Absaugen oder Ausschaben wäre "bequemer" gewesen, da es unter Narkose stattfinden kann. Ich habe mich für die medikamentöse Variante entschieden, weil es einem natürlichen Abbruch am nächsten kommen soll, wie mir meine Ärztin erklärte. Jeder mechanische Eingriff in die Gebärmutter kann Schaden anrichten. Dieses Risiko wollte ich vermeiden.

Danach folgte die Ultraschalluntersuchung. Sie bestätigte mir meine Schwangerschaft. "Man sieht, dass ein Ei befruchtet ist, ein Embryo ist noch nicht erkennbar. Du kommst also absolut nicht in zeitliche Bedrängnis mit dem medikamentösen Abbruch." Abschließend gab sie mir Informationsbroschüren von Pro Familia, erklärte mir den weiteren Ablauf und drückte mir einen Zettel für meine Krankenkasse in die Hand. Der sei wichtig, um die Kostenübernahme zu beantragen. Ein Schwangerschaftsabbruch kostet zwischen 200 und 600 Euro, mit meinem Einkommen von 450 Euro hätte ich mir das nicht leisten können.

Was dann folgte, war für mich nur noch ein Erledigen, ein Abhaken. Das klingt jetzt vielleicht kalt oder herzlos, aber für mich war es nie ein "echtes Kind". Ich habe es immer das "Nest" genannt. Ein Nest, indem sich ein befruchtetes Ei befand. Nicht mehr und nicht weniger.

Mein Freund wurde nicht ins Beratungsgespräch eingebunden

Mein Freund und ich gingen in der gleichen Woche zu Pro Familia für das Beratungsgespräch. Man braucht keinen Termin. Vor Ort zogen wir eine Wartenummer. Nach 15 Minuten wurden wir aufgerufen. Wir saßen mit einer Beraterin an einem Tisch. Ich war angespannt. Sie fragten mich, warum ich den Abbruch wolle und ob ich mir sicher sei. "Ich bin nicht bereit für ein Kind. In meiner aktuellen Situation passt es einfach überhaupt nicht in mein, in unser Leben." Das reichte als Antwort. Sie hätte mich sicher noch darüber informiert, wie ich mein Leben mit Kind hätte schaffen können, aber das wollte ich gar nicht wissen. Bei dem Beratungstermin wurde ich außerdem gefragt, ob meine Arztpraxis überhaupt Schwangerschaftsabbrüche vornehmen würde. Diese Frage hatte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gestellt. Glücklicherweise gehörte meine Praxis dazu. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn ich in dieser Situation noch nach einer Praxis hätte suchen müssen. Überall anrufen und "Hallo, machen sie Schwangerschaftsabbrüche?" erfragen.

Das Einzige, was mir und meinem Freund im Nachhinein negativ auffiel war, dass er überhaupt nicht in das Gespräch eingebunden wurde. Obwohl er mich extra begleitet hatte. "Ich verstehe, dass es grundsätzlich deine Entscheidung ist. Es ist dein Körper und du hast die Probleme, aber ich hänge da auch mit drin", sagte er.

Nach meinem Termin bei Pro Familia musste ich noch zu meiner Krankenkasse, um mir die Kostenübernahme bestätigen zu lassen. Auch das verlief vollkommen unkompliziert. Die Sachbearbeiterin setzte Stempel und Unterschrift runter und nach zehn Minuten war ich auch hier wieder raus. Meine einzige Sorge war, dass meine Eltern etwas davon mitbekommen könnten, da ich noch familienversichert bin. "Das kann nicht passieren, der Vorgang wird nur als Nummer registriert", sagte mir die Frau.

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Während dieser Zeit demonstrierten Menschen in Münster gegen das Recht auf Abtreibung. Über solche Menschen rege ich mich grundsätzlich auf. Aber jetzt war ich betroffen. Es machte mich so wütend. Wenn man mir hätte verbieten können, über meinen eigenen Körper zu entscheiden, und mir damit das Recht abspricht, mein Leben so zu führen, wie ich es mir für mich und auch für meine zukünftigen Kinder vorstelle – das wäre furchtbar für mich gewesen. Wir können uns in Deutschland so glücklich schätzen, diese Möglichkeit zu haben. In anderen Ländern versuchen Frauen unter schlimmsten Bedingungen, eigenständig einen Abbruch vorzunehmen. Ich verstehe nicht, wie man für Rückschritt und die Gefährdung der Gesundheit auf die Straße gehen kann. Und noch weniger, dass Ärzte und Ärztinnen vor Gericht verurteilt werden, weil sie für das Wohl ihrer Patientinnen sorgen wollen.

Als ich die Tabletten abholte, war ich euphorisiert

Zwischen dem Beratungstermin und dem Abbruch müssen mindestens drei Tage liegen. Da ich noch Schule hatte, habe ich mir den Termin auf die darauffolgende Woche gelegt. Danach hatte ich Osterferien.

Am Tag als ich mir die Tabletten abholte, war ich euphorisiert. Die Woche Wartezeit kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich wollte die Sache endlich hinter mich bringen. Das Medikament, was für den Abbruch sorgt, musste ich vor Ort bei meiner Ärztin einnehmen. Ich schluckte die Tabletten innerhalb von Sekunden runter. Zwei weitere bekam ich mit nach Hause. Das waren Cytotec. Diese Tabletten sorgen dafür, dass sich die Gebärmutter öffnet, damit das "Nest" rauskommen kann. Wenn ich meine Stimmung beschreiben müsste, als ich die Praxis verließ, würde "beschwingt" wohl am besten passen. Ich rief meinen Freund an und sagte ihm, dass es jetzt losgehen würde.

Ich sollte die Cytotec zwei Tage später einnehmen. Eine Stunde nach Einnahme setzt die Wirkung ein. Ich konnte den Tag also vorab planen. Das hat mir geholfen.

Sonntagmorgen haben mein Freund und ich schön zusammen gefrühstückt. Um zwölf Uhr habe ich die Tabletten eingenommen und die Tortur begann.

Ich musste mich mehrfach übergeben. Nebenwirkungen der Cytotec. Die Krämpfe würde ich als wehenartig beschreiben. Das, was meinen Körper dann verlassen hat, war auch nicht gerade schön. Es war mehr als ich mir vorgestellt hatte und bestand hauptsächlich aus großen, dunkelroten, fast schwarzen Stücken. Mein Freund war die ganze Zeit an meiner Seite. Körperkontakt konnte ich aufgrund der Schmerzen nicht ertragen. Er versuchte, mir die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, indem er mir Wärmflaschen und Tee brachte.

Nach zwei Stunden wurde es langsam erträglicher. Jetzt brauchte ich meine beste Freundin. Sie löste meinen Freund ab, der später am Abend wiederkam und wir verbrachten den Nachmittag in meinem Bett mit Filmen, Gesprächen und Snacks.

Darauf folgten zwei Wochen Abbruchblutungen, in denen ich nur Binden benutzen durfte. Das hat mich am meisten gestört. Als die Blutungen abgeklungen waren, musste ich zur Kontrolluntersuchung. Ich dachte, dass die Sache damit beendet wäre. War sie nicht.

Die medikamentöse Abtreibung lief nicht reibungslos

Meine Frauenärztin teilte mir mit, dass nicht alles aus meiner Gebärmutter entfernt wurde. Ich sollte bis zu meiner nächsten Regelblutung warten und danach wieder zur Kontrolle kommen. Zwei Wochen später bekam ich meine Periode und ging wieder in die Praxis.

Immer noch Rückstände. Dieses Mal schickte mich meine Ärztin mit der Information nach Hause, dass wir eine Ausschabung vornehmen müssten, sollte nach der nächsten Regelblutung immer noch etwas zu sehen sein. Ich bekam Angst und war wütend. Das war genau das, was ich vermeiden wollte. Dann hätte ich auch direkt die Ausschabung machen können und mir die nachträgliche Tortur erspart.

Drei Wochen später hatte ich den nächsten Termin. Dieses Mal endlich mit der erlösenden Nachricht. Alles war raus. Ich hatte es geschafft. Auch wenn es die schmerzhaftere Variante war und mehr Komplikationen mit sich brachte, als ursprünglich gedacht. Ich bin froh, dass ich mich für die Tabletten entschieden habe.

In dieser Zeit wurde die Beziehung zu meinem Freund sehr auf die Probe gestellt. Wir waren ein gutes Jahr zusammen und gerade erst aus der Honeymoon-Phase raus. Und es ging direkt ans Eingemachte. Es hat aber auch vieles bestätigt, was ich in ihm gesehen habe. Danach sind wir emotional viel enger zusammengerückt. Nur unser Sexleben hat seitdem sehr gelitten. Alles, was damit zu tun hatte, ekelte mich an. Wir arbeiten immer noch daran, es wiederaufzubauen. Was aber auch daran liegt, dass ich lange auf Kriegsfuß mit meiner Vagina stand.

Ich mache mir keine Vorwürfe mehr

Ansonsten habe ich meinem engsten Freundeskreis von meiner Schwangerschaft und dem geplanten Abbruch erzählt. Meinen Eltern erst, nachdem es bereits vorbei war. Ich hatte kein Bedürfnis, es mit ihnen zu teilen und wollte sie auch nicht damit belasten. Ich gehe grundsätzlich offen mit dem Thema um. Ich schreie zwar nicht als erste "Hier, ich gehöre mit zum Club!", wenn das Thema angesprochen wird. Aber ich verschweige es auch nicht.

Und das alles nur für einmal Risiko.

Ich denke, dass ich vor allem so lapidar damit umgegangen bin, weil ich wusste, im worst case "nimmst du einfach Tabletten und gut ist." Eine dumme Einstellung.

Ich bin einfach froh, dass diese Zeit vorbei ist. Es kam zum beschissensten Zeitpunkt, den ich mir hätte vorstellen können. Vorwürfe mache ich mir keine mehr.

Ich hätte ein Kind in die Welt gesetzt, auf das ich mich nicht so hätte freuen können, wie ich es mir wünsche. Ich war einfach noch nicht bereit dafür, deshalb war es auch nicht der richtige Zeitpunkt. Auch wenn Leute sagen, es gebe nie den richtigen Zeitpunkt. Ich möchte für ein Kind in meinem Leben gefestigt sein. Dazu gehört für mich vor allem eine gewisse Regelmäßigkeit und ein Plan, wo ich beruflich stehe. Direkt nach der Ausbildung hatte ich das nicht.

Tipps will ich keine geben, wie man in einer solchen Situation handeln sollte. Es war meine ganz persönliche Entscheidung und ich wusste, dass es die richtige ist. Ich möchte lediglich Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Egal wie man sich entscheidet, es ist vollkommen richtig, wenn es sich so anfühlt. Sollte man Bedenken haben, kann ich nur dazu raten, sich so intensiv wie möglich damit zu beschäftigen und alle Hilfe in Anspruch zu nehmen, die zur Verfügung steht.

Anm. d. Red.: Der Name der Autorin wurde anonymisiert.

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